"Wir haben es endlich geschafft, Windows in ein Mobiltelefon zu stecken", sagte Juha Christensen, bei Microsoft für die Entwicklung von Mobilfunktechnik verantwortlich, als er am Dienstag Abend das weltweit erste GPRS-Smartphone auf Windows-Basis in London vorstellte. Microsoft, bekannt als Softwareanbieter für PC, hat damit den ersten Schritt in den Mobilfunk getan. Das SPV ("Sound, Pictures, Video") getaufte Handy soll der mächtigen Betriebssystem-Allianz Symbian, der sich alle großen Handset-Hersteller inzwischen angeschlossen haben, doch noch das Wasser im Markt für Handy-Betriebssysteme abgraben.
Für den Marktstart in zwei Wochen wurden 200.000 Stück von dem SPV bestellt. Das Werbebudget für den Handy-Neuling liegt bei knapp 25 Millionen US-Dollar. "Bis 2007 werden 700 Millionen Handys verkauft, rund 300 Millionen davon werden Smartphones sein. Das ist unser Markt", sagt Christensen. Der Marktführer bei PC-Betriebssystemen setzt auf den Frühstart. Die vom britischen Palm-Entwickler Psion angeschobene Betriebssystem-Allianz "Symbian", der neben dem Handset-Marktführer Nokia inzwischen auch SonyEricsson, Motorola, Siemens und seit Montag der am schnellsten wachsende Handy-Hersteller Samsung angehören, hat noch kein eigenes Smartphone auf GPRS-Basis mit eingebauter Digital-Kamera auf dem Markt, einem zentralen Features des neuen SPV. Doch die Symbian-Hersteller, die zusammen 80 Prozent des herkömmlichen Handy-Markts abdecken und sich nicht mit Microsoft einlassen wollten, weil sie eine erdrückende Abhängigkeit ihrer Marken fürchteten, arbeiten mit Hochdruck daran. Schon in ein paar Wochen soll das erste Symbian-Smartphone mit Kamera von SonyEricsson auf den Markt kommen. Vierzehn weitere Modelle sind in der Entwicklung.
Um schneller als die Symbian-Allianz zu sein, hat sich der US-Softwareriese mit dem britisch-französischen Mobilfunkanbieter Orange und dem taiwanischen Hardware-Hersteller High Tech Corporation (HTC) zusammen getan um das SPV früher zur Marktreife zu bringen. Er beweist damit einmal mehr seine Entschlossenheit, denn Handy-Markt über die Netzanbieter und nicht über die Handset-Hersteller zu knacken. Es bleibt offen, ob dieser Schachzug von Erfolg gekrönt sein wird. Zu gut könnte sich das Symbian-Lager bereits aufgestellt haben. Doch bei Microsoft ist man voller Optimismus. "Das SPV soll hauptsächlich ein Mobiltelefon sein", sagt Juha Christensen über das neue Hightech-Geschöpf, das in britischen Orange-Shops schon im November für 197 Pfund zu haben sein soll, ein relativ niedriger Preis, der etwa 20 Pfund unter dem neuesten Smartphone Nokia 7650 liegt. Kaum später soll der Start des SPV in Frankreich für etwa 300 Euro erfolgen, gefolgt von weiteren Ländern, die Orange abdeckt, darunter Belgien, Schweiz, Dänemark und die Niederlande.
In Deutschland hat die Orange-Mutter France Telecom derzeit Schwierigkeiten mit ihrer Tochter Mobilcom, daher wird der Markt zunächst nur über Roaming für SPV-Nutzer betretbar sein. "T-Mobil und Vodafone Deutschland haben den SPV jedoch getestet, das würden sie nicht tun, hätten sie kein Interesse", sagte Christensen. Das SPV bietet die volle Palette eines herkömmlichen Palms mit Farbbildschirm, nur verträgt sich das Gerät eben -- wen wundert's -- spielend leicht mit der PC-Welt. Orange-Kunden werden über das SPV Zugang zu einer Reihe von Diensten von Microsoft haben. Die Mail-Verwaltung per Outlook auf dem PC kommuniziert nahtlos mit dem SPV. Der Internet Explorer und der Windows Media-Player sind vorhanden und kompatibel mit PC-Desktops. Foto- und Instant Messaging sind nach Angaben von Microsoft und Orange "voll interoperabel", das heißt, ein Nutzer eines anderen Mobilfunknetzes, etwa Vodafone oder O2, kann eine SPV-Bildmessage problemlos lesen und umgekehrt.
M$ wird uns wohl bald überallhin verfolgen. Der Ausdruck "nach Hause telefonieren" hat dann im Urlaub ne ganz neue Bedeutung.
