Sammers Pleite im Pokal-Poker
Fünf Bundesligaklubs in der ersten Pokalrunde an Amateurvereinen gescheitert - das gab es noch nie! Sensationell ist das Ausscheiden von Borussia Dortmund bei den Amateuren des VfL Wolfsburg: Die Blamage zwischen Einstellung und Aufstellung.
Sammer, was war mit Deiner Mannschaft los?" Der Rufer hinter dem Maschendraht verknüpfte die Frage mit einer Aufforderung. "Tritt die mal richtig in den A. . .!" Matthias Sammer, auf dem Weg zur Pressekonferenz, nahm die deftige Reaktion des Fans kaum wahr. Tunnelblick beim Dortmunder Trainer nach der Pokal-Pleite. Wie abwesend wirkte der Coach, mit sich und seinen Gedanken allein, bemüht, das Desaster zu verarbeiten, als er durch die Reihen der jubelnden Helden aus Wolfsburg schritt.
Minuten später wird Sammer gefragt, ob er nicht bedauere, seine Stars geschont zu haben. Nein, sagt Sammer, er bereue nichts. "Ich würde genauso wieder entscheiden." Als "Motzki" ist er bekannt. Selbst nach Erfolgen faltet der Perfektionist aus Sachsen seine Mannen zusammen. Mit seinen "Reservisten" mit Jahresgehältern in Millionenhöhe ging er gnädiger um. Was der Fan verlangte, tat Sammer nicht - zumindest nicht öffentlich. Vielmehr packte er seine Versager in Watte. Selbstvorwürfe? "Ich habe nichts dagegen, wenn Sie mir die Niederlage anschreiben," sagt Sammer. Er sehe sich in der Verantwortung, stehe dazu.
Nobel und lobenswert dieses Verhalten des "Roten Barons", der von den mitgereisten Oberen des Bundesliga-Spitzenreiters die Absolution bekam. Der Manager ärgerte sich über die Tatsache, "dass wir in schöner Regelmäßigkeit erklären müssen, warum wir uns im DFB-Pokal blamieren." Michael Meier prangerte die Gesinnung der Profis an. Wörtlich: "Wir müssen uns über die Einstellung der Spieler unterhalten, nicht über die Aufstellung des Trainers."
Eine ähnliche Argumentationskette baute der Sportmanager auf. "Alles Nationalspieler", wetterte Michael Zorc, "bei diesen Namen, die auf dem Platz standen, darf ich ein anderes Spiel erwarten." Und die Anklage an die Adresse der hoch bezahlten Angestellten: "Einige müssen überdenken, wie sie in so ein Spiel gehen."
Hochmut kommt vor dem Fall. Das altdeutsche Sprichwort. Das geflügelte Wort beim Pokal.
Einige der Verlierer in Schwarz- Gelb sahen ihre Missetat ein. "Not-Kapitän" Christian Wörns griff die Wortwahl der Führungscrew auf: "Es lag nicht an der Aufstellung, sondern an der Einstellung." Kämpfernatur "Micky" Stevic berichtete, dass der Trainer gewarnt habe, "doch bei der ganzen Elf habe es nicht gestimmt. Wir haben zu spät gemerkt, was wir falsch gemacht haben." Fußball mit Herz und Begeisterung, so der Serbe weiter, habe nur eine Mannschaft praktiziert und die habe gewonnen.
Thema: Mangelhafte Einstellung. Als er von den Vorwürfen der BVB- Bosse hörte, reagierte Lars Ricken unwirsch: "Damit macht man es sich am leichtesten." Weit entfernt davon, Ausreden zu entwerfen ("Wir müssen die Klasse haben, einen Oberligisten zu besiegen"), richtete der Nationalspieler einen Appell an alle, ausdrücklich auch an "die Leute, die drumherum sind." Rickens Wunsch: "Wir können nun wunderbar beweisen, dass wir nicht nur im Erfolgsfall, sondern auch in so einer tiefen Stunde zusammenhalten."
Ricken nimmt alle mit ins Boot - selbstredend auch den Trainer. Pokerspieler Sammer, der sich verzockt hat. Dies war keine Rotation, dies war ein Radikal-Tausch, der sich rächte. Viel zu spät reagierte der 33-Jährige, brachte Koller, Rosicky und Amoroso zu spät, hätte zur Pause korrigieren müssen.
Und die Moral von der Geschicht' : Beim Pokal-Poker erlebte Sammer nur Pleiten. Fußball-Deutschland hat ein Thema zum Schmunzeln. Und die stolze Borussia nach dem Traumstart in der Liga womöglich ein hausgemachtes Problem.