Warnung vor GHB
Frontal21
Die Droge der Vergewaltiger
Frauen als willenlose Opfer
GHB - auch "Liquid Ecstasy" genannt - ist in Deutschland bekannt als so genannte Partydroge. Die flüssige Droge sieht harmlos aus, denn sie ist farblos, riecht nach nichts und schmeckt nur leicht salzig. Die Folgen aber sind nicht so harmlos, denn in hoher Dosierung macht die Droge müde bis hin zur Bewusstlosigkeit. Diese betäubende Wirkung wird in jüngster Zeit immer öfter mit Vergewaltigungen in Zusammenhang gebracht.
Nur die Beratungsstelle Frauenhorizonte kann Sabine noch helfen. Ohne Therapeutin kommt sie mit ihrer Geschichte nicht zurecht. Sabine wurde vergewaltigt, aber sie erinnert sich an nichts.
Hilflose Opfer
Der Täter hat ihr eine Droge ins Getränk gemischt, ihre Erinnerung wurde einfach ausgeschaltet: "Vor drei Monaten war ich auf einer Tanzveranstaltung. Ich war mit Freunden dort. Ich habe ein Getränk dabei gehabt, dann habe ich mich umgeschaut, habe einen Tisch gesehen und das Getränk abgestellt. Dann habe ich weiter getanzt, so eine halbe Stunde vielleicht. Dann bin ich zu dem Tisch zurück, habe mein Glas genommen, habe etwas getrunken. Dann weiß ich gar nichts mehr. Dann ist wieder diese Lücke da. Das nächste, an das ich mich wissentlich erinnern kann, ist, dass es gedämmert hat, und ich auf diesem Platz stand, und ich an mir runtergeschaut habe. Ich hatte blutverschmierte Kleider an, so dass ich gemeint habe, ich bin vergewaltigt worden."
Es muss am Rande der Party passiert sein, denn Sabine wachte mitten im Getümmel wieder auf. Sie hat eine Erinnerungslücke von drei Stunden, verursacht durch die Droge, die der Täter in ihr Glas geschüttet hat. Was es war, steht nicht fest.
Geschmacksneutral
Vor allem eine Substanz wird mit Vergewaltigungsdelikten in Verbindung gebracht: GHB, auch Liquid Ecstasy genannt. In geringer Dosierung ist dies eine enthemmende Partydroge. In größeren Mengen schaltet sie vorübergehend das Bewusstsein aus. Im Ausland spricht man von einer Vergewaltigungsdroge.
GHB riecht nicht, ist fast geschmacksneutral und von Wasser kaum zu unterscheiden. Flaschen mit GHB wurden von der Polizei an verschiedenen Tatorten sichergestellt. Die Droge lässt sich im Körper schon nach 14 Stunden nicht mehr nachweisen.
Den Markt überschwemmen
In Deutschland wird die Gefahr solcher Vergewaltigungsdrogen immer noch unterschätzt, kritisiert auch Wolfgang Weinmann vom Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Freiburg: "Die Problematik kommt zeitverzögert. Jetzt wird eine sehr starke Zunahme des Missbrauchs von GHB verzeichnet wird, im Bereich der Party- und Technoszene. Das bedeutet, wir bekommen die Drogen auch teilweise aus Frankreich nach Deutschland, möglicherweise auch aus anderen Quellen. Es gibt zum Beispiel auch Labors in Deutschland, wo Liquid Ecstasy hergestellt wird, und es ist sehr leicht herzustellen. Das heißt, die Droge wird den Markt überschwemmen, die Verfügbarkeit wird einfach sein."
Erfahrungen mit Opfern der Vergewaltigungsdroge GHB hat auch Laura Wall von der Beratungsstelle Frauenhorizonte in Freiburg: "Es gibt eine hohe Dunkelziffer von jungen Frauen, die eine Vergewaltigung oder einen sexuellen Übergriff erleben, der in Verbindung mit Drogen oder Alkohol steht. Aber das geht oft einfach nicht an die Polizei.
Täter überführt
In Amerika hingegen sind eine Reihe von GHB-Fällen bekannt geworden. Im Juni wurde Andrew Luster, Erbe der bekannten Kosmetikfirma Max Factor, zu 124 Jahren Haft und 19 Millionen Dollar Geldstrafe verurteilt. Andrew Luster hat mehreren Frauen GHB ins Getränk gemischt, sie anschließend vergewaltigt und - besonders pervers - sich selbst dabei gefilmt.
Tonya, eine seiner Ex-Freundinnen, erfuhr erst bei der Polizei, dass auch sie sein Opfer war: "Ich ging da herein, der Sheriff zeigte auf mich und sagte: 'Ich habe ein Videoband von ihnen, das wir in seiner Wohnung beschlagnahmt haben.' Er war total erschüttert. 'Ja, das sind sie', sagte er. 'Moment, ich zeige ihnen ein Bild von diesem Band.' Und dann zeigte er mir dieses eine Bild, damit ich mich selbst erkennen konnte."
Die Droge der Vergewaltiger
Frauen als willenlose Opfer (Teil 2)
Auch in Frankreich ist die Vergewaltigungsdroge inzwischen bekannt. Toxikologen, Gerichtsmediziner und Polizisten haben sich zusammen getan und warnen vor GHB und anderen Substanzen. Sie wollen die Bevölkerung über die unheilvolle Wirkung solcher Vergewaltigungsdrogen aufklären.
Die Fälle häufen sich, bestätigt uns Georges Lagier, Toxikologe am Fernand Widal Krankenhaus: "Die Leute können bestohlen werden, oder vergewaltigt, oft ist beides der Fall. Es ist in dem Zusammenhang auch schon zu schweren Misshandlungen gekommen."
Doppeltes Trauma für die Opfer
"Der Schaden ist enorm. Denn die Opfer sind in einer völlig absurden Situation. Sie erinnern sich an nichts. Sie können die Situation nicht mehr nachvollziehen. Außerdem werden sie am Anfang oft nicht ernst genommen, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Geschichte zu erzählen. Sie erleben praktisch ein doppeltes Trauma", sagt Lagier.
Sophie ist die erste, die als GHB-Vergewaltigungsopfer in Frankreich vor Gericht zieht. Die Spuren der Droge konnten nur deshalb nachgewiesen werden, weil sie schnell reagierte. Sie hatte einen Freund zum Essen eingeladen, der ihr Getränk präparierte. Sie erzählt uns, was danach passierte: "Ich bin einige Stunden später wachgeworden, und war nur noch halb angezogen. In meinem Kopf hat sich alles gedreht. Ich hatte starke Unterleibsschmerzen. Ich war sicher, dass etwas passiert ist, aber ich habe keinerlei Erinnerung mehr. Es ist schwierig zu klagen, weil man sich nicht erinnert, was wirklich passiert ist. Ich hatte ja noch Glück, weil man das GHB in meinem Haar und in den Gläsern gefunden hat. Aber man erinnert sich eben nicht an die Tat selber, es bleiben nur Bruchstücke zurück."
Deutsche Behörden ahnungslos?
In mehreren französischen Diskotheken wird offen vor GHB gewarnt. "Nimm kein Getränk von Fremden an", heißt es auf der Infotafel. Und die Getränke dort werden mit Deckeln serviert - Prävention.
Die deutschen Behörden geben sich ahnungslos. Die Polizei in Freiburg zum Beispiel kennt solche Substanzen. Hans-Joachim Meyer von der Kriminalpolizei Freiburg spielt den Zusammenhang mit Vergewaltigungen aber herunter: "Ein Thema sind Vergewaltigungsdrogen bei uns in Freiburg nicht, es gibt wohl Einzelfälle: Im Moment bearbeiten wir gerade einen, aber ein generelles Problem sehen wir nicht."
Kein Einzelfall
Frontal21 fragte bei anderen deutschen Polizeidienststellen nach. Nicht einmal der Name GHB war bekannt. Auch das Bundeskriminalamt als oberste Ermittlungsbehörde wiegelt ab. Es handele sich um wenige Einzelfälle, daher kein Interview. Vor wenigen Jahren noch gab man sich in Frankreich ähnlich ignorant, bestätigt uns Georges Lagier: "Wir haben genau die gleichen Erfahrungen gemacht. Am Anfang dachten alle, das sind anekdotische Einzelfälle. Es gab keine Dokumentation, keine Betreuung der Patienten, keine Information. Wir haben uns sogar gescheut, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Heute ist das anders. Wir in Frankreich haben diesen Schritt gemacht, beschlossen darüber zu reden, seitdem ist auch die Opferbetreuung besser."
Wenigstens geredet wird jetzt auch in Deutschland. Die Beratungsstelle Frauenhorizonte betreut fünf Drogen-Vergewaltigungsfälle. Laura Wall fordert breite Aufklärung: "Man soll an die Öffentlichkeit gehen, dass die jungen Frauen sich bewusst werden, dass das tatsächlich passieren kann. Dass die Öffentlichkeit das auch weiß, dass das passiert. Das ist nicht nur ein Fall, das sind mehrere Fälle, wahrscheinlich viel mehr als man merkt. Es ist wichtig, dass die Gerichtsmediziner, die Unikliniken, die Ärzte und Ärztinnen und die Kripobeamten auch von diesen Drogen wissen. Die Drogen gibt es. Und diese Verbindung von Drogen und sexuellen Übergriffen ist eine gefährliche Sache."
Informationskampagnen überfällig
Dem kann Sabine, selbst Opfer der Vergewaltigungsdroge, nur zustimmen: "Ich glaube, das ist auch wichtig, dass das ganz viele wissen, dass so was passiert. Nicht, dass das totgeschwiegen wird, nach dem Motto: 'Das passiert halt jetzt mal.' So was passiert bestimmt öfter, aber es wird nicht immer bekannt. Das kann ich mir auch vorstellen." Damit nicht noch mehr Frauen zu Opfern werden, sind Informationskampagnen wie in Frankreich in Deutschland überfällig.
Quelle:
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/6/0,1872,2072870,00.html