Die Abschaffung des Schlafs
In den USA ist die Wachmacherpille Provigil der Renner - mit der neuen Lifestyle-Droge bleiben Manager, Lkw-Fahrer und Soldaten 40 Stunden lang fit.
Gegen die Erschöpfung hilft dem Menschen ein altbewährtes Zaubermittel. Es ist gratis und wohltuend. Regelmäßig angewandt stehen Nebenwirkungen selbst bei hohen Dosen nicht zu befürchten.
"Schlaf" lautet der Name des magischen Elixiers. Es hat nur einen einzigen Nachteil: Der Schlummer kostet Zeit. Eine rapide steigende Zahl von Amerikanern ist nicht länger gewillt, dies hinzunehmen.
Im Land des rastlosen 24-Stunden-Kapitalismus macht jetzt eine Pille Furore, die jedes Schlafbedürfnis jäh abwürgt. Mit dem umstrittenen Provigil im Blut tricksen bereits Zehntausende ihren Schlaf-Wach-Rhythmus aus: Sie bleiben einen Tag, eine Nacht und einen weiteren Tag wach - und dabei offenbar auf voller geistiger Höhe.
An ihren Marathon-Tagen arbeiten viele Pillenschlucker 40 Stunden am Stück, und scheinbar fühlen sie sich wohl dabei. Wenn sie dann doch zu Bett gehen, schlafen sie nicht länger als sonst; anders als nach einer durchzechten Nacht müssen sie den verdrängten Schlaf nicht nachholen. Mit der Wachmacherpille haben sie sich, so scheint es, einfach Zeit vom Schlaf- auf das Lebenskonto gebucht.
Während unter Menschen der westlichen Welt allenthalben die Schlaflosigkeit um sich greift, hat ausgerechnet der Schlafvernichter Provigil in den USA zu einer stürmischen Karriere angesetzt - und stets an der Grenze zum Missbrauch. Erst seit 1999 erhältlich, ist das verschreibungspflichtige Medikament von der Arzneimittelbehörde FDA bis heute einzig zur Behandlung von Narkolepsie zugelassen: einer seltenen Krankheit, die mit plötzlichen Schlafattacken verbunden ist. Die Kranken können unvermittelt bei der Autofahrt, im Büro oder auch mitten im Gespräch wegnicken.
Provigil hält Narkoleptiker wach - aber Gesunde ebenso. Und weil Ärzte jedes Mittel auch außerhalb seiner eigentlichen Indikation verschreiben dürfen, wächst die Fan-Gemeinde des länglich weißen Muntermachers rasant (Stückpreis der 200-Milligramm-Tablette: fünf Dollar). Merrill Mitler, Pharmakologe am Scripps Research Institute in La Jolla bei San Diego, schluckt Provigil nach Interkontinentalflügen, wann immer ihm der Jetlag zusetzt. Viele ehrgeizige Manager, Software-Entwickler und Börsenmakler greifen zu Provigil, sogar Studenten im Examensstress. Mit der Pille fahren Trucker Tausende Meilen ohne Schlafpause, Großstädter tanzen bis zum Morgengrauen in der Disco und gehen trotzdem fit ins Büro.
Wie zuvor Viagra, das ebenfalls müde Männer munter macht, ist die Anti-Schlaf-Pille auf bestem Wege, zu einem Lifestyle-Medikament zu werden - medizinisch nicht immer vonnöten, aber in weiten Kreisen als Dopingmittel für die eigene Leistungskraft hoch geschätzt.
Die Firma freut's. Provigil-Hersteller Cephalon aus Pennsylvania hat mit seinem Bestseller schon im Jahr 2000 über 70 Millionen Dollar eingenommen, doppelt so viel waren es 2001, und dieses Jahr werden sogar mehr als 200 Millionen Dollar Umsatz erwartet.
Dank Provigil gilt Cephalon jetzt trotz Börsen- und Branchenkrise als eine der am schnellsten wachsenden Biotech-Firmen der Welt. Mit den wenigen Narkoleptikern allein ist kaum so viel Geld zu machen. Dennoch behauptet Cephalon, der Firma sei von nennenswertem Missbrauch ihres Produkts nichts bekannt. Dabei hat Cephalon den Missbrauch selbst angeheizt: Zu Jahresbeginn ist der Konzern von der FDA ermahnt worden, seine ausufernde Werbung auf die zugelassene Indikation - Narkolepsie - zu beschränken.
Analysten phantasieren bereits, dass Cephalon bald jährlich Schlaftöter für eine Milliarde Dollar verkaufen könnte - falls die FDA weitere Einsatzgebiete für Provigil billige. Daher tut Cephalon-Chef Frank Baldino, 49, unermüdlich immer neue Müdigkeitssyndrome auf.
So ist die Firma Sponsor einer Studie, aus der hervorgeht, dass Provigil segensreich sei für aufmerksamkeitsgestörte "Zappelphilipp"-Kinder. Im Zuge einer anderen Untersuchung an Schichtarbeitern hat die Firma sogar ein bislang unbekanntes Krankheitsbild entdeckt: die "Nachtschicht-Schlafstörung". Nur mit Provigil seien die Nachtschichtler voll bei der Sache. Ohne die Pille nickten sie während der Arbeitszeit immerzu ein - ihr Zustand habe einen vergleichbaren Krankheitswert wie der echter Narkoleptiker.
Ist Provigil aber wirklich der ultimative Fitmacher? Die Alternativen scheinen ihm weit unterlegen: Anders als das Coffein aus Kaffee oder Tee, mit dem Menschen seit Jahrhunderten den Schlaf niederringen, macht es nicht zittrig, und verursacht nur selten Herzrasen. Und anders als die Amphetamine, die schon von Wehrmachtspiloten als Weckmittel geschluckt wurden, macht Provigil weder süchtig noch euphorisch. Die seltenen Nebenwirkungen gingen, so Cephalon, kaum über milde Übelkeit und Kopfweh hinaus.
Auch die US-Armee prüft die Pillen, denn sie scheinen normalsterbliche Soldaten in Kriegsmaschinen zu verwandeln, die notfalls tagelang frischen Geistes durchkämpfen können. Tests an Hubschrauberpiloten haben ergeben, dass sie mit Provigil selbst in der 40. Stunde noch exakt arbeiten, ohne ermüdungstypische Fehler zu begehen.
Trotzdem warnen viele Mediziner vor dem Gebrauch der Pille. Was deren Wirkstoff Modafinil genau anrichtet, ist nicht bekannt. Er nimmt offenbar wenig Einfluss auf das Zentralnervensystem insgesamt und scheint allein die Neurochemie in jener Hirnregion zu verändern, die den Schlaf-Wach-Zyklus regelt.
Thomas Scammell, Neurologe aus Harvard, bezweifelt, dass Schlaf folgenlos abgeschafft werden kann: "Wenn es eine Pille gäbe, die den Appetit raubt - würde das bedeuten, dass es okay ist, nichts mehr zu essen?"
Was genau jenen droht, die mit Provigil regelmäßig die Nächte auslassen, das vermag noch kein Schlafforscher vorherzusagen. Trotz jahrelanger Arbeit in Schlaflaboren wissen die Wissenschaftler wenig über körperliche Folgen fortgesetzten Schlafverzichts. Vieles spricht dafür, dass Menschen nicht nur der Träume wegen schlafen. Zahlreiche hormonelle Regelkreise im Körper sind an die Nachtruhe gekoppelt. Wer sich eine Gewohnheit daraus mache, Müdigkeit wie Kopfweh mit einer Tablette zu verscheuchen, so warnen Forscher, der handele sich zwangsläufig Risiken ein.
Der umstrittene US-Lifestyle-Renner ist übrigens seit Jahren auch in Deutschland zu haben. Aber hier führt das Mittelchen (unter dem Handelsnamen Vigil) ein unscheinbares Dasein. "Einen Anstieg der Nachfrage", sagt eine Sprecherin der Vertriebsfirma Merckle aus Ulm, "haben wir nicht registriert."
Der Grund dafür: In Deutschland ist, wie so vieles, auch der Zugang zu Provigil ungleich schwieriger als in den USA. Der deutsche Stoff ist nicht einfach nur verschreibungspflichtig. Hier steht der Super-Wachmacher auf der Liste der Betäubungsmittel. Über jede Packung wacht die Bundesopiumstelle; Ärzten, die Gefälligkeitsrezepte ausstellen, drohen die gleichen Strafen wie Drogendealern.
MARCO EVERS
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