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Verdient Arbeitslos? -Haben wir selbst schuld an der Misere?

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sailor
Alt 09.03.2007, 16:46   #1
Standard Verdient Arbeitslos? -Haben wir selbst schuld an der Misere?

Hallo!

Viele von uns kaufen "Made in China". Oder "Made in Korea" oder "Made in..." was weiß ich, jedenfalls oft aus Billiglohnländern, was auch durchaus bei uns hergestellt werden könnte.

Nun ja, wir kaufen unseren Fernseher aus China, dabei möchten wir aber deutschen Lohn erhalten... Oder doch den aus China?
Der beträgt nämlich so um die 70-100 Euro. Auch je nach dem, ob dort 16h gearbeitet wird. (üblich sind wohl 14h täglich, 7Tage die Woche, vielleicht 1x in 4 Wo frei) Ein bisschen variert das sicherlich.
In Indien ist der Lohn noch wesentlich miserabler. Es reicht im Regelfall auch nicht, um die Familie zu ernähren. Auch dort werden Handys hergestellt u.s.w..

Eigentlich müsste uns doch klar sein, daß es so nicht funktionieren kann, oder?
Das zwanzigfache kassieren, für einen Bruchteil einkaufen, Grossindustrie unterstützen und dann meinen, es sollte weniger Arbeitslose geben? Ist das nicht eine vollkommene Utopie?

Sollten wir uns nicht eigentlich darüber im Klaren sein, daß Grossindustrie immer höchst durchdachte, automatisierte Bandfertigung bedeutet?
Wer bleibt bei solcher Produktion als erstes auf der Strecke? Richtig, der Arbeiter. Es sei denn, er ist sehr billig. Nun, genau das sind wir hier in Deutschland aber nicht. Eben nur die in China oder Indien. Noch.

Bei Arbeitern, die nicht "billig genug" sind, wird entweder automatisiert (und damit Mitarbeiter abgebaut) oder....man geht eben ins Ausland. So einfach.
Billig genug in Anführungsstriche gesetzt habe ich deshalb, weil viele Grossunternehmen trotz guter Gewinne tausende entlassen. Sie wollen mehr Geld, das was sie haben genügt ihnen nicht.

Ich meine: Wenn wir nun das nächste mal zum Supermarkt, zum Aldi, zu Rossmann und Co., zum Mediamarkt und Saturn laufen, und die ganzen schönen Sachen in die Hand nehmen, dann sollten wir überlegen:

"Wie kann ich damit meinen Arbeitsplatz in Deutschland, mein Gehalt rechtfertigen? Mit diesem Kauf. Ist das möglich, oder bin ich ein Schmarotzer, also jemand, der auf Kosten anderer lebt?"

Viele schimpfen auf Arbeitslose, weil diese ja nicht arbeiten und sich vom Staat bezahlen lassen. Aber: Es ist doch anzunehmen, daß die meisten gerne arbeiten würden, wenn sie denn könnten.

Wer ist also wirklich der Schmarotzer? Die Arbeitslosen, die nicht arbeiten können, weil es keine Jobs gibt? Oder doch bei näherer Überlegung alle die, die eben genau diese Arbeitsplätze abbauen -durch ihren Kauf "Made in China" und bei Mediamarkt, Aldi und Co.

Da dürften sich doch die Arbeitslosen und die anderen, die noch Arbeit haben, jeweils an die eigene Nase fassen. Alle zusammen, oder?
 
 
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Alt 09.03.2007, 17:20   #2
Standard

Dazu erschien im letzten Jahr auch ein schönes Buch von Tanja Busse: Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken Ihre Macht
 
 
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Alt 09.03.2007, 19:25   #3
Standard

kein neuer denkansatz... in den staaten z.b. hat man den leuten erfolgreich die propaganda eingetrichtert, dass ware aus den asiatischen ländern mist sein muss weil "not american" und das hat durch das entstande kaufverhalten schon kräftig die wirtschaft dort gestärkt.

ich nehme also an du bist ein globalisierungskritiker. gut.

ich selbst halte auch nichts von raubtierkapitalismus und seinen folgen. genausowenig glaube ich aber an eine mögliche vollbeschäftigung. was du vorschlägst sieht auf den ersten blick wie ein lösung aus. "buy german" und schon gehts ab in lederhosen-land. zu nem gewissen teil hast du sicher recht.

ich denk nur ein enormer teil produzierender unternehmen ist schon garnicht mehr im lande tätig. und die, die sich hier halten erwerben ihren status teuer in form von premium- und edelprodukten. feinkost bekommste also aus deutschen landen, herkömmliches sicher schwieriger.

ich selbst bin student. ich muss mit einem sehr geringen finanziellen spielraum auskommen, habe aber gleichzeitig nicht die möglichkeiten dinge selbst aufwendig herzustellen. für mich ist discount also das mittel meinen lebensstandard insofern zu wahren, dass ich noch jeden tag ne tasse kaffee aufm tisch stehen haben kann. an das einkaufem "beim bauern" ist nicht mehr zu denken, denn obwohl ich auf dem land großgeworden bin, wohne ich jetzt in der großstadt, eben um den weg zur hochschule klein zu halten.

jetzt besteht die bevölkerung natürlich nicht aus studenten, wir haben da ja noch andere grüppchen... zivildienstleistende, arbeitslose, sozialhilfeempfänger, frührentner, schüler, auszubildende, angestellte im billiglohnsektor... und 800.000 millionäre. man schätzt den anteil der menschen, die vollkommen von unselbstständiger arbeit leben auf etwa ein drittel der bevölkerung. diese, ihre chefs und ihre ehepartner sind dann ungefähr die einzigen leute im land die überhaupt diese "macht" hätten.

leider gehört das sparen (auch das sparen, dadurch dass man etwas was man nicht braucht einfach billiger kauft) zu den uns anerzogenen deutschen tugenden. dies wir geziehlt ausgenutzt. also sogar die wenigen leute mit der hand aufm kapital werden selbstverständlich nachm maximal-prinzip vorgehen und so, wie sie es im BWL-studium gelernt haben, das größtmöglichste fürs gegebene kapital rausholen wollen.

man müsste es also schaffen traditionelles "germany == qualität"-denken in die köpfe zu bekommen, anstatt ökonomischem handeln. ich bin mir nicht sicher ob das wirklich erstrebenswert wäre...
 
 
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sailor
Alt 09.03.2007, 22:54   #4
Standard

"buy german" und schon gehts ab in lederhosen-land.
Nun, ja, wir bestehen ja nicht nur aus Bayern... ;-)
Was ich sagen will ist: Das "buy german" möchte ich gar nicht für alles und jedes.
Ich möchte mal etwas länger zurückdenken:
Es gab schon immer Welthandel. Nur es war einmal völlig anders: Die Produkte des täglichen Gebrauchs wurden vor Ort hergestellt und waren auch erschwinglich für die meisten.
Das, was aus dem Orient oder sonstwoher kam, war durch die langen Handelswege viel teurer. Importiert wurden die Produkte, die es hier schlicht nicht gab, etwa weil die Gewürze hier nicht wuchsen, Tiere hier nicht lebten u.s.w..

Es war eine Nachfrage nach den Produkten, also kam es zum regen Handel, obendrein durch Windkraft fahrende Schiffe...alles kein Problem, im Gegenteil, eher bereichernd. Für alle Seiten.

Nun ist es aber so, daß -wie Du selbst schreibst- die Produkte des täglichen Gebrauchs viel billiger aus Fernost importiert werden, etwa Schuhe, Kleidung etc. über tausende von Kilometern. Daß das ganze auch ein echtes Umweltproblem mit sich bringt, das weiß man vielleicht nur, wenn man sich damit beschäftigt hat, aber:
Die Schiffe fahren mit Schweröl http://de.wikipedia.org/wiki/Schwer%C3%B6l, einem Raffinerieabfallprodukt, daß bei normaler Temperatur ziemlich fest ist und erst erhitzt werden muß. Überwiegend ohne Filter, Hamburg kann ein Lied davon singen. http://www.3sat.de/3sat.php?http://w...462/index.html
Die Schiffe (Tanker) fahren einwandig, aus Geldgier, denn doppelwandig wäre teurer, und etwas Volumen würde draufgehen. http://www.greenpeace.de/themen/oel/..._doppelhuelle/
Deshalb kommt es immer wieder zu Havarien, (umso leichter) bei denen grosse Kraftstoff- und Erdölmengen etc. austreten.
Die Schiffe entsorgen Schadstoffe auf offener See http://www.greenpeace-magazin.de/mag...php?repid=1333, reinigen dort ihre Tanks, entsorgen Abfälle u.s.w.. Es gibt teilweise auf offener See (Pazifik) über hunderte Kilometer riesige Strudel/Wirbel voll von Plastikmüll. http://oceans.greenpeace.org/de/unse...udel-aus-muell Meerestiere (Vögel etc.) fressen den Kram und verenden daran.

Nun ja, unsere Schuhe sind an eins zwei Stellen etwas defekt, was tut der Durchschnittsdeutsche? Ab in den Müll und neue kaufen. Aus Fernost. Bei deutscher Fertigung (würde Arbeitsplätze schaffen) würden wir auf solche Ideen nicht kommen, da wäre uns das Geld zu schade, das wir in die Schuhe investiert haben. Im Regelfall werden die Fernost-Schuhe auch nicht repariert, obwohl selbst davon wieder Menschen Arbeit und Einkommen hätten.

Was ich sagen will ist: Es wäre einfach sinnvoll, wenn Faktoren wie lange Transportwege, die nicht nur Kraftstoffkosten etc. verursachen, sondern auch Umweltschäden, Schäden für die Menschen etc., in vollem Maße berücksichtigt würden. Die Kosten müssten also real viel Höher sein.
Im Weiteren zerstören diese (unnötigen) Importe eben ganz klar Arbeitsplätze.

Ich bin für Handel, auch Welthandel, aber eben für die Produkte, für die es sinnvoll ist. Durch entsprechende Steuern je Schiffsladung, ausreichende Steuern auf den Schiffskraftstoff, Umweltauflagen, Haftungsauflagen (etwa bei Havarien etc.), Produktbezogene Einfuhrzölle und eine sinnvolle und effiziente Förderung des Mittelstandes und Handwerks könnte man das meiner Meinung nach erreichen.

Wenn man alles der Wirtschaft überlässt, dann führt das eben dazu, daß Schweröl verbrannt wird, statt Schadstoffmässig wesentlich bessere Kraftstoffe -und ohne Filter, zu einwandigen Schiffen, zu Entsorgungsaktionen auf offenem Meer und Verschrottung von Altlasten (Giftstoffe) in Entwicklungsländern u.s.w.. Und eben zu einer Überschwemmung des Marktes mit billigen Plastikprodukten, Klamotten und Sonstigem aus Fernost. Zu Preisen, bei denen sich deutschsprachige Kaufleute fragen, wie sie dazu überhaupt die Rohware ordern sollen.

ich denk nur ein enormer teil produzierender unternehmen ist schon garnicht mehr im lande tätig.
Das sehe ich nicht als Problem an. Wo sich die Bedingungen verbessern, d.h. steigende Nachfrage, Bürokratieabbau (etwa Steuersystem vereinfachen), etc., da kommt es auch schnell wieder zur Ansiedelung von Unternehmen.

man schätzt den anteil der menschen, die vollkommen von unselbstständiger arbeit leben auf etwa ein drittel der bevölkerung. diese, ihre chefs und ihre ehepartner sind dann ungefähr die einzigen leute im land die überhaupt diese "macht" hätten.
Diese sind aber jene, die die (überwiegende) Kaufkraft haben. Also schätze das nicht so gering.
Davon abgesehen halte ich es nicht für korrekt, davon auszugehen, daß Studenten, zivildienstleistende, arbeitslose, sozialhilfeempfänger, frührentner, schüler, auszubildende, angestellte im billiglohnsektor...
nicht in der Lage wären alternativ zu Supermarkt und Discounter einzukaufen. Ich selbst falle in diese Liste und bin doch dazu in der Lage:
Es ist eine Frage der Prioritäten, die ich setze: Kaufe ich mir nen neuen Laptop, leiste ich mir etwas, oder...gutes Essen. Nur so als Beispiel.

also sogar die wenigen leute mit der hand aufm kapital werden selbstverständlich nachm maximal-prinzip vorgehen und so, wie sie es im BWL-studium gelernt haben, das größtmöglichste fürs gegebene kapital rausholen wollen.
Richtig. Zu meinen Aldi-Zeiten (bis vor 1 Jahr) war mir das zunehmende Vorfahren von Nobelkarossen vor dem Aldi-Markt ins Auge gefallen. Denn Aldi hatte sich gewandelt: Vom Billigladen zum Qualitäts- Schnäppchen-Discounter.

Jeder wird so reagieren, der die Möglichkeit dazu hat und eben oberflächlich betriebswirtschaftlich, nicht jedoch volkswirtschaftlich, nicht umfassend denkt: Beim Aldi gibt es recht qualitative Ware für geringes Geld.

Das Problem ist aber auch hier: Wenige Mitarbeiter (bei Aldi recht gut bezahlt) profitieren von den Gewinnen durch Maximalmengen, Organisation, Logistik und Effizienz, allen mit extremem Abstand voran die Chefs http://www.n-tv.de/719804.html. Viele Einzelhändler, kleine Existenzen aber gehen daran zugrunde.
Würde man diese Mengen, die Aldi, Lidl und Co. verkaufen, verteilen, dann gäbe es für viel mehr Menschen Arbeit und auch für viel mehr Menschen Einkommen und damit eine Existenzgrundlage. So ist es überall in der Grossindustrie, Grossvertrieb etc..

Ich denke nicht, daß es überhaupt möglich sein wird, das allgemeine Denken diesbezüglich zu ändern. Der Mensch ist nun mal leider ein Egoist. Betriebswirtschaftliche Denkweise passt da gut ins Schema.
Aber einige wenige werden es tun, sie werden begreifen:

"Moment, wenn ich bei mir nichts ändere, wie soll sich dann jemals was ändern?
Ich kann mich nicht mehr weiter aufregen, selbst schmarotzen, und weiter aufregen. Ich fange bei mir an."

Und schon diese können etwas verändern und durch ihre Nachfrage die Existenz neuer Betriebe ermöglichen.

Geändert von sailor (10.03.2007 um 00:03 Uhr).
 
 
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