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Selbstständigkeit

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Abe
Alt 26.12.2007, 21:12   #1
Standard Selbstständigkeit

Ich stelle mir im Moment unter anderem eine Frage: Bin ich nun der Normale oder der Andere?

Damit jetzt auch alle wissen was ich meine gibts zuerst mal ein paar Beispiele:

-Es ist Tag der offenen Tür an der FOS/BOS (also Schule um die Fachhochschulreife nachzuholen). In der Aula sind Stühle aufgebaut und der Rektor hat gerade seine Rede beendet. Um mich herum sitzen mehrheitilch Eltern die sich mit ihren Söhnen/Töchtern unterhalten. Sätze wie 'Sohn, das hört sich doch gut an.' 'Tochter, das ist doch genau das was _DU_ willst.' höre ich nicht nur nach der Rede, sondern auch noch als uns das Gebäude gezeigt wird und auf dem Parkplatz.

-10 Uhr an der Uni: Geschlossen gehen wir aus unserem Vorlesungsraum. Wir haben gerade die Informatik Vorklausur hinter uns gebracht. Schon zücken die ersten ihr Handy und rufen ihre Eltern an um ihnen zu sagen wie es ihnen gegangen ist.

Zum 1. Bsp.: Ich war schon etwas schockiert wie das dort ablief. Immerhin sind wir doch alle erwachsene Menschen (sollte man meinen), trotzdem hatte ich das Gefühl dass viele dort ohne ihre Eltern völlig hilflos gewesen wären. Da waren 19/20/21...-jährige dort und haben sich quasi hinter ihren Eltern versteckt.

Zum 2. Bsp.: Diese Prüfung war nur eine kleine Prüfung und für das Studium nicht wirklich relevant, trotzdem haben viele sofort telefoniert. Also ich hatte nach dieser Klausur nicht das Bedürfnis mit meinen Eltern zu reden sondern ich wollte ein Bier trinken. Bei mir gibts auch noch ein paar bei denen ich den Eindruck habe, dass sie mindestens 3x in der Woche mit ihren Eltern telefonieren und von ihren Eltern Care-pakete bekommen, in Form von Geld wäre das ja noch ok aber Fertiggerichte bzw. Dosensuppen usw? Wir sind doch keine 15 mehr.

Also ich hab zu meinen Eltern ein sehr gutes Verhältnis, vielleicht genau deshalb weil ich so erzogen wurde dass ich jetzt mein Leben doch rellativ selbstständig schultere. Ich hab mir mit 17 selbst meinen Ausbildungsberuf und Arbeitsplatz gewählt. Ich hab für mich dannach entschieden dass ich das Abi nachhole. Ich hab dann entschieden was ich wo studiere, hab mir meine eigene Wohnung gesucht und meinen Umzug selbst organisiert. Aber ich hab inzwischen den Eindruck gewonnen dass es bei sehr vielen anders aussieht.

Um zum Ende zu kommen: Welche Erfahrungen habt ihr denn so gemacht? Für mich ist diese Unselbständigkeit von 'Erwachsenen' irgendwie unverständlich. Sich mit 20 noch total auf seine Eltern zu verlassen find ich teilweise wirklich schlimm. Ich finds ja völlig ok wenn man in bestimmten Situationen (Autokauf, Wohnung, Beruf ect.) mal Rat von seinen Eltern holt oder wenn einem mal die Eltern unter die Arme greifen aber was ich teilweise schon gesehen hab... *kopfschüttel*

Das wars dann, das wollte ich schon lang mal loswerden.
 
 
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Krashok
Alt 26.12.2007, 21:39   #2
Standard

naja mit anfang 20 nach der klausur das handy zu zücken und erstma mama anzurufen find ich auch bissl eigenartig.. was FOS angeht.. naja das find ich nun wieder nicht so gravierend.. wenn man mal davon ausgeht das man zum beispiel von seinen eltern gefahren wurde, dann wollen die ja auch wissen was da so los ist.. kann mir auch nicht vorstellen das da irgendwer sagt "oh mutti kommst du mit ? ich will da nicht alleine hin" und das eltern einen dann sowas vollquatschen.. denke das kennt jeder
 
 
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nonsurvivor
Alt 26.12.2007, 21:41   #3
Standard

Ja, ich kann gut nachvollziehen, was du meinst. Finde es selbst erstaunlich, wie viele der Leute, mit denen ich früher zusammen in der Schule war, jedes Wochenende nach Hause fahren um z.B. ihre Wäsche zu waschen. Was ja aus Kostengründen noch verständlich wäre. Aber die waschen nicht mal selbst - nein, da darf die Frau Mutter ran.

Ich weiß nicht, mir ist das echt ein Rätsel. Ich für meinen Teil bin doch nicht ausgezogen, um mir dann trotzdem noch weiter den Arsch von Mami und Papi abwischen zu lassen. Klar hab ich mich z.B. über die Unterstützung meiner Eltern beim Umzug gefreut, das hat schon einiges erleichtert. Aber ich hatte eben auch nen Plan B in der Tasche, wie ich die ganze Schose ohne sie organisiert hätte.

Manchmal, wenns ne haushaltstechnische Unsicherheit gibt, ruf ich meine Mutter an um sie um Rat zu fragen. Aber das tu ich eigentlich mehr, weil ich weiß, dass ich ihr damit ne Freude mache und sie sich dann gebraucht fühlt, als weil es nötig wäre. Einmal google befragen hat in der Regel den selben Effekt.
 
 
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nephthys
Alt 26.12.2007, 21:48   #4
Standard

seh ich auch so, nur:

warum sollten diese personen denn selbstständig werden? vielleicht wollen sie eben solange noch das betüttelt werden genießen bis es nicht mehr geht. die merken wahrscheinlich selbst nicht, dass das ihr eigenes leben ist, dass sie nicht nur für ihre eltern leben.
also ich finde hauptschuld sind natürlich die eltern, die ihre kinder zur unselbstständigkeit erzogen haben.
natürlich freuen sich die eltern, wenn ihre kinder für immer "kind" bleiben, ich mein das bleibt man ja immer egal wie alt man ist, aber ich denke, wenn die eltern so 50 sind und die kinder aus dem haus, dann freuen sie sich, wenn alles wie beim alten bleibt.

also ich persönlich kanns schon nachvollziehen wie es zu sowas kommt nur bin ich auch dafür, dass man seine kinder schon zur selbstständigkeit erziehen sollte. irgendwann gibts nämlich nicht mehr jemanden, der einen an der hand hält und behütet durch leben führt.
glaub leute die so denken sind einfach noch nicht in der realität angekommen.
 
 
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michaelg
Alt 26.12.2007, 22:08   #5
Standard

Ich bekomme so etwas auch oft mit. Kritikwürdig finde ich das allerdings nicht immer, auch wenn es mir selber auch oft befremdlich vorkommt, da mein eigener Lebensentwurf oder besser Erfahrung/Situation absolut nicht so ist - auf den Abschlussfeierlichkeiten damals war ich alleine und über Klausuren oder meinen beruflichen Weg habe ich auch noch nie gesprochen, denn das war kaum möglich.
Nur an mir lag das nicht gänzlich - es war nur in meinem Familienverhältnis nicht die Selbstverständlichkeit, dass viel Kontrolle, Zusammengehörigkeit, Bindung und Interesse da waren.
Bei vielen anderen sind solche Dinge selbstverständlich. Ob das in der Regel wirklich nur Verstecken und selbstverschuldete Unselbsständigkeit ist ist zu bezweifeln, handelt es sich doch meist um ganz natürliche Geschehnisse, deren Ursprung Fürsorge, Beistand, gegenseitiges Interesse sind.
Und um ehrlich zu sein finde ich es verdammt gut, dass es so etwas in unserer zu großen Teilen entwurzelten, orientierungslosen Gesellschaft noch gibt.

Ob es da nun schlimm ist, dass Selbstständigkeit noch nicht wirklich die notwendige Eigenschaft ist? Sowas kann man immer noch lernen. Wenn mich das Erleben von "Versorgung" anderer nicht befremdet, dann bin ich manchmal schon fast neidisch. Kann doch sehr schön sein, oder nicht? Nicht nur im Sinne der Bequemlichkeit sondern auch im Zuneigungserlebnis.
 
 
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hermes
Alt 26.12.2007, 22:13   #6
Standard

Ich schliess mich eurer Meinung grundsätzlich an, allerdings hat man wenn man eure Beiträge liest das Gefühl, "Selbstständigkeit" käme von heute auf morgen. Für mich ist eigenständig zu werden ein langer Prozess, der sich über einen eher grösseren Zeitraum erstreckt. Ich bin selber seit einem halben Jahr ausgezogen und ich fühl mich zwar sehr frei und wohl so (), doch so richtig selbständig noch überhaupt nicht. Zu stark bin ich mit meiner Heimat verflochten, ich denke da an all die Kollegen oder halt einfach die Umgebung, in der man vieles erlebt hat. Und klar, auch die Eltern waren immer da und haben für eine gesorgt, vom Essen bis zur Wäsche. Bis ich mich wieder an eine neue Umwelt gewöhnt habe und feste Bezugspunkte gefunden habe, braucht das seine Zeit. Aber das ist sicherlich auch sehr individuell.
 
 
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nonsurvivor
Alt 26.12.2007, 22:23   #7
Standard

Naja, es ist die eine Sache, dass Eltern oft gerne betüdeln und umsorgen wollen. Eine andere ist eben, wie weit man das zulässt. Hat man nicht irgendwann den Drang sich von dieser Umsorgerei zu distanzieren? Und seinen Eltern mal zu zeigen, dass man das alles ganz gut selbst hinbekommt?

Im Ernst, wenn meine Eltern sich zu sehr in meine Angelegenheiten einmischen, werd ich richtig sauer. Das gibt mir immer das Gefühl, dass sie mir nichts zutrauen. Überfürsorglichkeit setzt einen doch einfach nur zurück. Für mich ist das auch eine Sache des Respekts. Bei mir war das aber auch schon so, als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe: Hier ist mein Leben, da ist ihr Leben, und wo sich diese beiden Bereiche überschneiden, müssen Kompromisse gefunden werden (jetzt mal ganz vereinfacht ausgedrückt). Und wenn man auszieht, wird diese Schnittmenge immer kleiner. Oder sollte es zumindest.

Schlimm finde ich aber vor allem, dass viele schon so eine Erwartungshaltung haben a la Papa/Mama wirds schon richten. Ist ja schön, wenn die Eltern einem mal helfen können, aber erstmal selbst nen Versuch starten wäre doch nicht zuviel verlangt, oder?!
 
 
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nephthys
Alt 27.12.2007, 00:19   #8
Standard

@ hermes: natürlich, da stimme ich dir auch zu. und so wie du das beschreibst gehörst du auch nicht zu der art menschen die Abe als unselbstständig bezeichnet.
ich bin auch erst seit paar monaten "ausgezogen", d.h. ich lebe zwar zum großteil jetzt schon in einer anderen stadt etc. aber trotzdem bin ich z.b. jetzt auch daheim und das ist ne komplett andere welt und zum teil genieße ichs, dass ich zuhause mich ein bisschen zurücklehnen kann, dass ich nicht andauernd einkaufen muss oder jeden tag überlege was ich koche sondern mich auf andere sachen konzentrieren kann.

ich glaub abe meint damit eben diese art von menschen, die man so gerne als "muttersöhnchen" betitelt. also wie gesagt, z.b. zum thema nach klausuren anrufen: wenn die leute es eben brauchen, ihre eltern anzurufen um bestätigt zu werden um zu wissen dass da irgendwo jemand stolz auf sie ist.. klar ansich ganz nett, aber wenn das dann der einzige maßstab ist..
 
 
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Reh
Alt 27.12.2007, 13:11   #9
Standard

Den Wechsel von fremdbestimmt zu selbstbestimmt halte ich für den größten und wichtigsten Umbruch im Leben eines Menschen. Die ideale Phase für diesen Umbruch ist die Pubertät, weil in dieser Zeit der gesamte Organismus sich physisch und psychisch komplett neu organisiert. In einer Phase, wo sich eh alles verändert, fallen Veränderungen leicht und passieren ganz natürlich. Hat man in dieser Zeit die Selbstständigkeit nicht gelernt, kann man das zwar nachholen, aber das wird um ein mehrfaches schwerer werden.

Unsere Gesellschaft hat sich so entwickelt, dass besagter Umbruch nicht unterstützt, sondern ganz im Gegenteil, verhindert wird. Viele holen diesen Prozess auch nicht nach. Die Folge ist, dass die Menschen, die im Grunde genommen gar nicht selbstständig sind, trotzdem selbstständig sein müssen, weil das Leben das nun mal verlangt. Und die Folge davon ist eine permanente psychische Überforderung, eine nicht endende innere Unruhe.

Sich von Eltern begleiten zu lassen oder sie mehrmals in der Woche anzurufen ist der Versuch, der Überforderung zu entgehen, mit Methoden, wie sie in der Kindheit erlernt wurden und damals auch angebracht waren. Bei Problemen und Schwierigkeiten wendet sich das Kind an die Eltern, bekommt seine Probleme gelöst, Trost gespendet usw. Das tun dann auch die erwachsenen Kinder, die Selbstständigkeit nicht gelernt haben.

Kontaktsuche zu den Eltern vor/in/nach Stressituationen ist nicht das einzige Zeichen für Unselbstständigkeit. Man findet in der Regel eine Reihe weiterer infantiler Verhaltensweisen, einfach weil der Wandel vom Kind zum Erwachsenen nicht vollzogen wurde. Die Leute sind stark ich-bezogen, nehmen sachliche Kritik persönlich, können Kritik gegen sich selbst noch viel weniger vertragen, flippen wegen Kleinigkeiten aus, sind dauernd am meckern und rumzicken. Die Liste ließe sich lang fortführen, vieles davon erfassen wir ganz intuitiv als kindisch.
 
 
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hermes
Alt 27.12.2007, 14:14   #10
Standard

Zitat von Reh
Den Wechsel von fremdbestimmt zu selbstbestimmt halte ich für den größten und wichtigsten Umbruch im Leben eines Menschen. Die ideale Phase für diesen Umbruch ist die Pubertät, weil in dieser Zeit der gesamte Organismus sich physisch und psychisch komplett neu organisiert. In einer Phase, wo sich eh alles verändert, fallen Veränderungen leicht und passieren ganz natürlich. Hat man in dieser Zeit die Selbstständigkeit nicht gelernt, kann man das zwar nachholen, aber das wird um ein mehrfaches schwerer werden.
Find ich überhaupt nicht. Gerade dadurch das man die Pubertät hinter sich gelassen hat, fällt es einem nun viel einfacher selbstständig zu werden. Durch die Pubertät hat man viel gelernt, man weiss jetzt wie "vieles läuft" usw. Zudem finde ich ebenso, dass die Unterstützung durch die Eltern in der Pubertät sehr hilfreich sein kann!


Zitat von Reh
Sich von Eltern begleiten zu lassen oder sie mehrmals in der Woche anzurufen ist der Versuch, der Überforderung zu entgehen, mit Methoden, wie sie in der Kindheit erlernt wurden und damals auch angebracht waren. Bei Problemen und Schwierigkeiten wendet sich das Kind an die Eltern, bekommt seine Probleme gelöst, Trost gespendet usw. Das tun dann auch die erwachsenen Kinder, die Selbstständigkeit nicht gelernt haben.
Naja, vielleicht will man ja einfach den Kontakt zu den Eltern nicht verlieren!? Immerhin hat man den Eltern grundsätzlich sehr vieles zu verdanken, ich glaube da ist es schon angebracht man etwas über sich wissen zu lassen.
 
 
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Fränze
Alt 01.01.2008, 13:46   #11
Standard

Man darf Selbstständigkeit nicht mit Trennung und Fremdheit verwechseln. Wenn einer stolz darauf ist, dass seine Eltern nix mehr von ihm erfahren, keine Prüfungsergebnisse, keine Freundschaften, dann sagt er sich eigentlich von den Eltern los, und die haben das vielleicht gar nicht verdient. Menschen sind keine Amseln, die ihre Kinder aus dem Nest werfen und eine Woche später nicht mal mehr erkennen.

Ich fand immer nervig, wenn ich daheim Bescheid sagen sollte, wenn ich mal wegfahre oder sonst etwas anderes als sonst tue. Bis das meine Eltern mal gemacht haben und ich tagelang nicht wußte, wo sie sind. Da ist mir automatisch der Satz "Ihr hättet mir doch einfach nur Bescheid sagen können" rausgerutscht.
Das hat aber nichts mit ständigem sich bepampern lassen zu tun. Das ist der normale Umgang in einer Gruppe, und eine Familie ist nun mal die kleinste gesellschaftliche Einheit, deren Angehörige einander unterstützen (sollten).
 
 
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Reh
Alt 02.01.2008, 23:36   #12
Standard

Nein, so einfach ist es in der Tat nicht. Wir müssen unterscheiden zwischen Ursache und Effekt. Wenn Leute bei jeder Stresssituation die Eltern anrufen, dann ist das ein Effekt der Unselbstständigkeit und nicht ihre Ursache. Wer diesen Effekt unterdrückt, ist noch lange nicht selbstständig. Das wird er erst, wenn er die Ursache ändert. Wie ändert man aber die Ursache? Wir können die Organisationsstruktur unserer Gehirnzellen nicht bewusst und gezielt verändern, das heißt auch, dass wir Selbstständigkeit nicht direkt herbeiführen können. Also indirekt. Zum Beispiel indem wir unselbstständiges und kindisches Verhalten konsequent unterdrücken und uns zur Selbstständigkeit zwingen. Das ist ein langer Prozess, der sich über viele viele kleine, unbedeutend erscheinende Aktionen erstreckt. Das Unterlassen täglicher Anrufe kann ebenfalls dazu gehören. Dann wird die Aktion, die vormals nur Effekt war, plötzlich ein Teil des Ursachenpuzzles. Und wenn das Selbstständigwerden nach ein paar Jahren vollbracht ist, ist das Unterlassen von täglichen Anrufen keine (Mit-)Ursache für, sondern nur noch ein Effekt von Selbstständigkeit. Man lässt es bleiben, weil man kein Bedürfnis mehr danach hat.

Jedenfalls ist kein Mensch erwachsen, nur weil er den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hat. Überhaupt ist der fehlende Kontakt zur Familie kein Anzeichen von Selbstständigkeit, sondern kann genau das Gegenteil bedeuten.
Der Kontakt zur Elternfamilie sollte sich aber irgendwann verändern. Auf eine Weise, die es erleichtert, aus der Familie auszutreten, um eine eigene Familie zu gründen. Die Bedeutung der Familie als kleinste gesellschaftliche Einheit ist unbestritten, aber wir überleben doch nur, weil wir uns irgendwann aus dieser Einheit rauslösen, um eine eigene zu gründen. So wie sich Zellen durch Zellteilung vermehren, passiert es auch mit der Familie. Das ist übrigens eine nette Metapher für das von mir postulierte gesellschaftliche Problem: Wir haben Probleme mit der familiären Zellteilung.
 
 
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hermes
Alt 03.01.2008, 21:48   #13
Standard

Entschuldigung, aber du widersprichst dir ja selber.
Du schreibst: "Wer diesen Effekt unterdrückt ist noch lange nicht selbstständig. Das wird er erst, wenn er die Ursache ändert."
Fünf Zeilen weiter unten behauptest du, man soll einfach die kindlichen Gefühle unterdrücken, dann klappt das schon.
Dann bekämpfst du ja genau den Effekt, nicht die Ursache. Die Ursache hängt meiner Meinung nach von der persönlichen Einstellung ab. Diese kann man durchaus über längere Zeit einem neuen Umfeld anpassen. Man muss sich halt ein "strategisches Konzept" aufstellen, welche Rolle man einnehmen will, in der sich die Selbstständigkeit vollständig entfalten kann. Klar gehört dazu auch, dass man dann vielleicht die Eltern nicht mehr so oft anruft, aber diese (Nicht-)Handlung sollte von der inneren Einstellung kommen und nicht einfach, weil jemand anderes dir davon abrät.
 
 
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Reh
Alt 03.01.2008, 23:08   #14
Standard

Ich sehe keinen Widerspruch. Vermutlich hast du mich einfach nicht richtig verstanden oder ich habe mich an irgendeiner Stelle undeutlich ausgedrückt.

Mir ist keine Methode bekannt, die die Ursachen der Unselbstständigkeit direkt bekämpft. Das geschieht indirekt, sowohl beim "natürlichen" Prozess während der Pubertät als auch z.B. bei der Psychotherapie. Indem bestimmte Effekte systematisch unterdrückt und andere systematisch durchgesetzt werden, erlernt der Betroffene eine neue Verhaltensweise und verändert damit die Ursache seines Handelns.

Der gleiche Effekt kann auf einer gegensätzlichen Ursache beruhen. Wer z.B. seine Eltern einen Monat lang nicht anruft, könnte es tun, weil er daran keinen Bedarf hat, oder aber, weil er aus kindlichem Trotz den Kontakt verweigert. Oder eine dritte Variante, er tut es, weil er selbstständig werden möchte, was ja bedeutet, dass er es noch nicht ist.
Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen kann, ist einfach der hohen Komplexität des Problems entsprungen. Entscheidend für die Beurteilung ist nicht das bloße Beobachten eines Effekts, sondern die Einordnung des Effekts in den Gesamtzusammenhang.
So erklärt sich meine Aussage, dass die Unterdrückung von Anrufen kein sicheres Zeichen von Selbstständigkeit ist, aber unter bestimmten Umständen einen kleinen Teil dazu beitragen kann, Selbstständigkeit zu erlangen.

Von einfach kann übrigens keine Rede sein. Schön wäre es, wenn man die Kindheit einfach ablegen könnte, aber das genaue Gegenteil ist der Fall.
 
 
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Christian182
Alt 19.01.2008, 00:16   #15
Standard

Ich finde es gut, wenn Menschen noch lange Zeit ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben. Die im Eröffnungspost geschilderten Fälle lassen auch mich jedoch nachdenklich werden. Vielen scheint auch der "Kumpel" zu fehlen, mit dem man mal nach der Klausur reden kann.

Ich selber wurde gewissermaßen durch den Tod meiner Mutter zur Selbstständigkeit gezwungen. Ich hätte sie mir in so manchen Zeiten herbei gewünscht, um ihr mal Fragen stellen zu können. Da das Verhältnis zu meinem Vater eher auf sachlicher, getrennter Ebene abläuft.

Es wäre aber wohl falsch, den Tod aller Mütter zugunsten der Selbstständigkeit ihres Nachwuches zu fordern.
 
 
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Reh
Alt 19.01.2008, 11:29   #16
Standard

Das Thema Selbstständigkeit hängt stark zusammen mit dem parallel diskutierten Thema Geschlechterrollen. Die kulturellen Erwartungen an Männer (und Frauen?) wurden stets so gestellt, dass sie Selbstständigkeit erzwungen haben. Die westlichen Gesellschaften haben es versäumt, mit der teilweisen Auflösung der Geschlechterrollen breitflächig andere Mechanismen einzuführen, die Selbstständigkeit fördern. Ich halte das für den Grund dafür, dass es heute so viele Unselbstständige gibt.
 
 
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Fränze
Alt 19.01.2008, 13:44   #17
Standard

Dabei ist aber auch wieder die jeweilige gesellschaftliche Schicht von Bedeutung. Als die Geschlechterrollen noch zementiert waren, hielt man Frauen in Unselbstständigkeit, aber nur die der höheren Kreise.

Die Bauernmädel mussten wie die Jungs schon als Kinder mitarbeiten, da gab es wenig Unterschiede, außer dass sie nicht einfach "in die Welt" gehen durften, es sei denn, sie bekamen ein Kind, dann wurden sie verjagt und mussten sich um sich selbst kümmern.

In den "höheren Kreisen" wurden die Mädels allerdings sehr unselbstständig gehalten, streng daheim oder in Klosterschulen. Die Macht über sie (und ihr Geld!) ging am Tag der Heirat auf den Ehemann über. In den Kreisen wurden die Jungs sehr selbstständig erzogen und gingen z. B. früh zur Armee oder wurden irgendwelchen Erziehern fern der Heimat übergeben.

Dass die kids heute oft ziemlich unselbstständig sind, hängt meiner Meinung nach nicht mit der Auflösung der Geschlechterrollen zusammen, sondern mit den wirtschaftlichen Verhältnissen. Wer früh Geld verdienen muss und nicht im Hotel Mama wohnen kann, wird zwangsläufig selbstständig.
 
 
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Reh
Alt 21.01.2008, 11:48   #18
Standard

Zitat von Fränze
Dass die kids heute oft ziemlich unselbstständig sind, hängt meiner Meinung nach nicht mit der Auflösung der Geschlechterrollen zusammen, sondern mit den wirtschaftlichen Verhältnissen.
Wirtschaftliche Verhältnisse und Geschlechterrollen sind aber sehr eng miteinander verknüpft. Wir haben jetzt jeweils die Rolle oder die Wirtschaft als Grund angenommen und im Grunde haben wir beide unvollständig Recht, weil wir zwar einen wichtigen Teilaspekt hervorheben, ihn damit aber aus dem wichtigen Gesamtzusammenhang reißen.
Es wird uns nicht gelingen, einen isolierten Auslöser zu finden, denn der Auslöser ist das komplexe Zusammenspiel der Einzelfaktoren. Und wir haben immerhin schon zwei sehr wichtige Faktoren eingekreist.
 
 
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Klendathu
Alt 21.01.2008, 13:41   #19
Standard

also bitte nicht wieder mit geschlechterrollen anfangen

Ich denke ein teil des problems wird dadurch verursacht das der berufsstart der meisten jungen menschen sich dramatisch nach hinten verschoben hat.
die meisten leute bleiben lange in der schule , studieren eventuell , oder müssen sich lange zeit nach einem ausbildungsplatz und nachher nach einer arbeitsstelle bemühen.
die wirtschaftliche sicherheit ist nicht mehr so gegeben sie es sie zb in den 70er oder 80er Jahren noch vorhanden war.
diese wirtschaftliche unsicherheit läßt einen natürlich mehrere male überlegen ob man das warme und abgesicherte nest zuhause verlassen möchte.und natürlich hat man zuhause auch den vermeintlichen luxus sich wie damals an die eltern klammern zu können oder sie vorzuschicken wie es in der kindheit erlernt wurde.unter der prämisse ist es natürlich nicht einfach diese mechanismen im erwachsenenleben so leicht wieder abzustreifen.
 
 
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Fränze
Alt 21.01.2008, 14:04   #20
Standard

Den meisten Menschen war es früher nicht möglich, die oft zahlreiche Brut lange durchzufüttern, es gab ja auch keine staatliche Absicherung.
Und aus dem Nest geworfene Kinder mussten zwangsläufig selbstständig werden.
Dazu kommt, dass die Gesellschaft insgesamt viel jünger war und junge Erwachsene eben erwachsen waren.
 
 
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legolas
Alt 21.01.2008, 14:39   #21
Standard

bei mir im abi jahrgang war jemand, der hatte in der bio lk abiklausur einen zettel seiner mutter in schreibmäppchen mit dem satz "alex du schaffst das schon, toi toi toi" ... sachen gibts..
 
 
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Reh
Alt 21.01.2008, 15:06   #22
Standard

Kopfschütteln, verdrehte Augen - allein hier im Thread merkt man deutlich die Abneigung gegen Unselbstständigkeit, die ich selbst auch teile.
Woher kommt diese Abneigung? Was ist so schlimm daran, wenn sich ein junger Mann von seiner Mutter aufmuntern lässt? Er ist doch noch ein Schüler und wie wir festgestellt haben, lassen die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse es nicht mehr zu, dass jeder mit 18 auf den eigenen Beinen stehen kann. So gesehen sind die unselbstständigen jungen Menschen nicht wirklich schuldig. Warum strafen wir sie trotzdem mit Abneigung?
 
 
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Fränze
Alt 26.01.2008, 15:44   #23
Standard

Weil das Wort "Muttersöhnchen" so negativ besetzt ist, dass jeder diesem Titel massiv aus dem Weg gehen will. Die Mädels haben es besser, denen nimmt man es weniger übel, wenn sie sich an ihre Mami anlehnen, manche machen sogar einen Kult draus.

Da hamma wieder Deine Geschlechterrolle, Reh.
 
 
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Reh
Alt 26.01.2008, 16:04   #24
Standard

Es sind unsere Geschlechterrollen, nicht meine.
 
 
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winfired
Alt 12.04.2008, 20:57   #25
Standard

Die Jungen haben es schwerer zu Männern zu werden - auch wenn sie das erst wissen wenn sie welche geworden sind. Das hat viel mit Big Mama zu tun!

Es ist Ausnutzen von Frau als Gegenleistung für Abhängigkeit von Frau!
 
 
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