Schändung mit System
In Pakistan und Indien werden junge Frauen häufig zur Strafe vergewaltigt - eine von ihnen erhält nun eine Entschädigung / Von Erhard Haubold
NEU-DELHI, 15. Juli. Sie berührte ihre Füße - eine der unterwürfigsten Ehrenbezeigungen auf dem indischen Subkontinent. Sie weinte und bat die vier Männer um Gnade, die sie in eine Farmhütte zerrten, um sie dort der Reihe nach zu vergewaltigen. Alles umsonst. Eine Stunde lang wurde die achtzehn Jahre alte Mukhtar Mai von den vier Männern mißbraucht, während draußen ein paar hundert Männer schadenfroh kicherten und die Verbrecher anfeuerten. Obwohl sie hinterher kaum noch stehen konnte, so erzählt es Mukhtar Mai, wurde sie gezwungen, nackt an rund tausend Schaulustigen vorbei durch das Dorf zu laufen.
Das geschah am 22. Juni in einem kleinen Dorf namens Meerwala in der pakistanischen Provinz Punjab, ungefähr 120 Kilometer südwestlich der Stadt Multan. Die Polizei bequemte sich erst eine Woche später, ein Protokoll aufzunehmen. Und erst jetzt hat die Geschichte die Salons von Islamabad und Karachi erreicht, wo die feinen Leute einander fragen: "Wer hätte gedacht, daß wir so grausam sind?" Dabei wissen sie es besser, wissen, daß im feudalistischen Pakistan und im kastengeprägten Indien sich solche Geschichten beinahe täglich wiederholen. Die pakistanische Menschenrechtskommission schätzt, daß in dem islamischen Land alle zwei Stunden eine Frau vergewaltigt wird, daß aber die wenigsten Fälle zu einer Anzeige bei der Polizei führen. Im bevölkerungsreichen Punjab findet eine Reihenvergewaltigung alle vier Tage statt. Nichts sei schlimmer, als arm und eine Frau zu sein, heißt es auch in Indien, wo unberührbare Landarbeiter, wenn sie "aufmüpfig" werden und ihr Trinkwasser etwa von einem den Brahmanen vorbehaltenen Brunnen holen, von den hochkastigen Großgrundbesitzern schlimm bestraft werden: Ihre Frauen und Töchter werden vergewaltigt, ihre Hütten niedergebrannt.
In Meerwala hatte der Panchayat, ein Rat der Dorfältesten, über ein Vergehen des elf Jahre alten Abdul Shakoor zu richten. Er gehört zum "niedrigen" Stamm der Gujjar, er soll ein Liebesverhältnis mit einer 40 Jahre alten Frau der höherkastigen Mastoi unterhalten haben - wobei man angesichts des Altersunterschieds fragen könnte, wer da wahrscheinlich wen verführt hat. Aber die Männer des Panchayat kümmerten sich nur um die angeblich verletzte Ehre des Mastoi-Stammes und verurteilten die Schwester Shakoors, Mukhtar Mai, zur Massenvergewaltigung, an der auch einer der "Richter" teilnahm. Hätte sie sich nicht "bereit gefunden", so wären alle weiblichen Mitglieder der beschuldigten Familie geschändet worden. Hilfe- und Gnadenrufe des Vaters und des Onkels von Mai nutzten nichts. Und die Polizei hat angeblich alles erst hinterher erfahren und von dem Menschenauflauf nichts bemerkt. Jetzt sind immerhin einige von ihnen, der stellvertretende Unterinspektor Muhammad Iqbal wegen "krimineller Nachlässigkeit" und vier von fünf verdächtigten Übeltätern, verhaftet worden. Das Opfer des Verbrechens hat vom Staat umgerechnet 8000 Dollar bekommen. Und als Entschädigung für die mehrfache Vergewaltigung wurden der jungen Frau am Sonntag Stromversorgung, eine Straße sowie eine Polizeiwache für ihr Dorf versprochen. Außerdem sollten in Meerwala "zur Ehre des tapferen Mädchens" jeweils eine öffentliche Schule für Mädchen und Jungen eingerichtet werden, sagte der Gouverneur der Provinz Punjab, Khalid Maqbool. Auch der Bruder der jungen Frau soll von den vier Männern vergewaltigt und im Gefängnis schwer mißhandelt worden sein. Im Zweifel steht die Polizei auf der Seite der Feudalherren und der Oberkasten.
In der gleichen Gegend hat vor ein paar Tagen eine Frau nach einer Vergewaltigung Selbstmord verübt. Und ebenfalls in der Nähe von Multan ist ein Mann namens Zahid vor 250 gaffenden Dorfbewohnern zu Tode gesteinigt worden, ebenfalls nach dem "Urteil" eines Ältestenrats. Zahid soll irre gewesen sein, er war der "Blasphemie" angeklagt, nach einer drakonischen Strafvorschrift, die vor allem gegen die christliche Minderheit angewandt wird. Sie bestraft für die Schändung des Korans, und sie droht mit Tod einem jeden, der die Rolle Mohammads als letzten Propheten Gottes anzweifelt. Zahid hatte angeblich in Kopien des Korans den Namen Mohammads durch seinen eigenen ersetzt. Von den an der Steinigung beteiligten Männern sind inzwischen 29 verhaftet worden.
Für die Stammesgebiete an der Grenze mit Afghanistan gilt eine Halbautonomie. Der Punjab hingegen gehört zum ordentlich von Islamabad aus verwalteten Pakistan. Aber auch hier werden Stammespraktiken toleriert, sprechen Ältestenräte wie Panchayat oder Jirga Recht, zu dem sie in keiner Weise ausgebildet oder autorisiert sind. Ihren Ursprung haben sie in dem Versuch der Konfliktbewältigung durch Konsens auf der Dorfebene. Aber das System wird mißbraucht und erlaubt die Fortsetzung der Blutrache und anderer Formen des "honour killing". 1983 war Pakistan aufgerüttelt worden durch den Zwischenfall von Nawabpur, wo die weiblichen Mitglieder einer Familie nackt durch die Dorfstraßen getrieben wurden - Rache für die sexuelle Beziehung eines männlichen Familienmitglieds mit einer aus einer höheren Kaste stammenden Frau. In Indien müssen die Opfer ähnlicher Exzesse nackt laufen und kotbeschmierte Sandalen in den Händen halten - die schlimmste Form der menschlichen Erniedrigung. Im pakistanischen Punjab werden Frauen von Vätern, Brüdern, Ehemännern und anderen umgebracht, wenn angeblich die Ehre der Familie verletzt ist. Und nicht selten werden dem Stamm oder der höheren Kaste, die sich beleidigt fühlt, junge Mädchen aus dem Kreis der Unterlegenen zur Heirat übergeben: genauer zum Mißbrauch, zur Folter, zu einem menschenunwürdigen Leben. Im indischen Unionsstaat Madhya Pradesh ist die zwanzig Jahre alte Sangeeta Sauda von einem Dorfrat gezwungen worden, ein glühendheißes Eisen eine Viertelstunde lang mit bloßen Händen festzuhalten - um zu beweisen, daß sie ihren Ehemann nicht betrogen hatte. Vor allem in Pakistan wird traditionelles Recht neben islamischem und Recht nach westlichem Vorbild gesprochen. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, daß es immer häufiger zu barbarischen Urteilen außerhalb des ordentlichen Gerichtssystems komme.
Solange hier das Feudalwesen und dort die Kastenordnung praktiziert werden, wird sich an den miserablen Zuständen wenig ändern. Weil "die da oben" wenig Interesse daran haben und oft auch noch die politischen Fäden ziehen. In Pakistan etwa verhindern die Großgrundbesitzer als Parlamentsabgeordnete nicht nur die Bodenreform, die sie entmachten würde, sondern auch die Schulbildung für die Kinder ihrer Pächter und Landarbeiter. Sie verhindern den Bau von Schulen, sie belohnen Lehrer, die dauerhaft den Unterricht schwänzen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2002, Nr. 162 / Seite 7