Zitat von Reh Unsere Gesamtgesellschaft ist effektiv viel ausländerfeindlicher, als es die Nazis in ihrer jetzigen Lage in Deutschland sein können.
Wenn man von den einzelnen direkten und ziemlich lebensgefährlichen Ausnahmen einmal absieht, ja sicher doch.
Aber was ändert das denn bitte an der reaktionären stupiden sinnlosen stupfen intoleranten und absolut unproduktiven Einstellung die von Neonazis propagiert wird?
Und auch wenn das momentan ziemlich unrealistisch ist, mit der NPD an der Regierung würde das noch ganz anders aussehen.
Mit dieser Einstellung und eventuellen dementsprechenden Handlungen wird das Problem der Ausländerfeindlichkeit in den nexten 1000 Jahren je nach dem etwas oder enorm verschärft, aber natürlich im Leben nicht verringert, völlig unabhängig davon, ob die Gesellschaft ansonsten im allgemeinen offener und gerechter wird oder nicht.
Eine Bewertung ist eine Sache des Blickwinkels und je nach Blickwinkel ist unsere heutige Gesellschaft nicht harmloser als die Nazis im Dritten Reich
Was für ein Blickwinkel soll das denn sein? Der eines völlig Zurückgeblieben, der dementsprechend ziemlich irrelevant ist? Oder welcher Blickwinkel könnte denn sonst die heutige Gesellschaft, auch mit all ihren absurden Fehlern und Grausamkeiten, als "nicht harmloser" ansehn als alleine schon die damaligen Vorgänge, die man mit dem kleinen Wörtchen Auschwitz verbindet?
Weil der Schuldige damit schon gefunden ist für die Gesellschaft. Und damit versperrt sich die Gesellschaft selbst den Weg, sachlich nach den Ursachen zu forschen und sie zu beheben. Die meisten modernen Nazis sind es nicht aus Überzeugung, sondern aus einem Akt der Verzweiflung. Kein Lebewesen bringt sich freiwillig in eine extreme Position, weil das enormer Stress ist und große Gefahren mit sich bringt. Extrempositionen nimmt ein Lebewesen nur dann ein, wenn es keine Alternative gibt, das ist ein Naturgesetz. Nazis befinden sich zweifelsohne in einer Extremposition. Ich sage, das tun sie aus Not heraus und weil sie Teil unserer Gesellschaft sind, sind wir für diese Not mitverantwortlich. Also müssen wir als Gesellschaft an den Faktoren schrauben, die zu dieser Not führen. Zu dieser Einsicht kann man kaum gelangen, wenn man Nazis nicht nur schlecht bewertet, sondern für schlecht hält.
Man kann sich da wohl durchaus anderen und spezifischeren Wörtern als dem simplen "schlecht" bedienen und sollte das in einer halbwegs seriösen analytischen Untersuchung oder Auseinandersetzung mit dem Thema auch tun. Aber meine Güte..man muss da doch wohl ein wenig differenzieren können.
Man kann doch gesellschaftliche Zusammenhänge analysieren, bewerten und je nach dem zu welchen Ergebnissen man kommt, für wie auch immer geartete Änderungen wovon auch immer plädieren, die zu einer Verbesserung der Verhältnisse, im allgemeinen oder im besonderen in Bezug auf die ausgewählte Problematik, führen können oder sollen.
Und das obwohl man die Haltung einer Person oder möglicherweise in Konsequenz auch diese Person selbst, für wenn es denn unbedingt sein muss schlecht oder vielleicht auch eher dumm, menschenverachtend, unlogisch, sachlich falschliegend oder sonstwas hält.
Ob das jetzt Nazis sind, PDS Wähler, CDU Anhänger, Agrarlobbyisten oder irgendwelche Kamikazepiloten die gegen Wolkenkratzer fliegen.
Man kann sich darüber im klaren sein oder es emotional oder wissenschaftlich untersuchen, inwiefern beispielsweise die Arroganz und das ökonomisch-machtpolitische Kalkül des westlichen Vorgehens im nahen Osten in den letzten 100 Jahren die Entstehung und Ausbreitung des aktuellen islamistisch-fundamentalistischen Terrorismus begünstigt, enorm gefördert oder auch mit ausgelöst hat.
Dennoch kann man denjenigen, der letztendlich mit einer Bombe wahllos hunderte Menschen tötet verabscheuen und es ihm verwerfen. Extremsituation hin oder her.
Man kann einem klischeemäßigen 17jährigen, der irgendwo in Sachsen in einem immer kleiner werdenden trostlosen Ort mit einer Arbeitslosenquote von 33 Prozent lebt und im zweiten Anlauf doch mal den Hauptschulabschluss geschafft hat und der dennoch keine Ausbildungsstelle gefunden hat und keinerlei wirkliche Zukunftsaussicht für sich sieht, um den sich kein Mensch kümmern kann und kümmert, außer den netten Kameraden von der NPD, die sich für den kleinen deutschen Mann einsetzen, auch alles Verständnis für seine problematische Lage entgegenbringen. Und wenn er dann schön assimiliert wurde von den Kameraden, dann macht das seine "neue Einstellung" auch nicht besser oder sinnvoller. Falls er dann mit nem Brandsatz vor irgendeinem fiktiven Asylantenheim steht und das Ding wirft und jemanden verletzt oder tötet, dann hat er das ganze dennoch selbst zu verantworten.
Man kann sich entscheiden und man kann von einem Menschen erwarten, dass er soweit denken kann, dass bestimmte Handlungen einfach falsch sind. Und selbst wenn der gute garnix tut, außer sein Kreuzchen bei der NPD zu machen, hat er auch das letztendlich alleine zu verantworten.
Das ändert aber alles nix daran, dass man dennoch sehen kann, wie es in so einer Umwelt zu so einer Entwicklung und Beeinflußung kommen konnte und sich damit außeinandersetzen muss, damit zukünftig die Chance steigt, dass soetwas nichtmehr so einfach möglich ist.
Wenn man ein NPD Verbot so interpretiert, dass alles nur unter den Teppich gekehrt wird und vielleicht noch ein paar Leute weggesperrt werden, sich ansonsten aber nichts ändert und so das ganze (praktisch nicht einmal ganz von vorne) wieder anfängt und darauf hinweist, dass so das eigentliche Problem kein bisschen gelöst wird, hat man natürlich völlig Recht damit.
Aber ich frage mich doch immer wieder, weshalb ein Verbot gleichzeitig bedeuten muss, dass ausschließlich mit der Gesetzeskeule drauf gehauen wird und man ansonsten nichts tut und nicht versucht weiterführende bzw. tiefergehende Probleme zu lösen oder die Situation wenigstens zu verbessern.
Aber selbst wenn man wiedermal so dumm wäre es zu verpassen sich weitergehende Gedanken zu machen und tiefgreifendere Pläne zu entwickeln, fände ich es immernoch angebracht, dass wenigstens ein paar Leute die Konsequenzen für ihr falsches Handeln tragen müssten, die Finanzierung einer Nazipartei und deren Propaganda aus Steuermitteln unterbunden wäre und sich das Pack ersteinmal neu organisieren müsste um auf den status quo zu kommen, was doch ein wenig Zeit und Geld kosten dürfte, auch wenn es natürlich nicht gerade ewig dauern und zwangsläufig passieren wird.
Das schlimmste das überhaupt passieren könnte ist, wie ich denke ich schon am Anfang sagte, dass ein Verbotsverfahren erneut scheitert. Deshalb sollte man unter keinen Umständen überhastet vorgehen und in blinden Aktionismus verfallen.
Aber man sollte doch annehmen dürfen, dass aus dem ersten Fehlschlag gelernt und Konsequenzen betreffend eines eventuellen neuerlichen Verbotsverfahrens gezogen wurden.
Und wenn es noch jahrelang dauern würde bis man sich sicher sein könnte, bitte dann dauert es eben solange, denn alles ist besser als eine erneute Niederlage.
Ich denke immernoch es wäre am besten, einerseits gesellschaftlich und gesellschaftspolitisch und andererseits juristisch vorzugehen. Aber wenn dies leider nicht stattfindet, dann ist mir ein Weg immernoch lieber als gar keiner.