Habt ihr die debatte der vergangenen tage verfolgt?
Bilder im arabischen (und irakischen) fernsehen, in denen amerikanische kriegsgefangene gezeigt wurden.
Mr. Rumsfeld verurteilte die bilder auch sofort als verstoß gegen die genfer konvention zum schutz von kriegsgefangenen (strittiger punkt: das internationale rote kreuz sieht den tatbestand der kriegsrechtsverletzung erfüllt, der vorsitzende des deutschen RK nicht, es sei ein grenzfall.)
Sind aber im umkehrschluss irakische gefangene von diesem multilateralen abkommen befreit? Darf man ohne kritik die bilder von ihnen zeigen, was ja zweifelsfrei geschehen ist?
Und was ist mit den 9/11 – gefangenen auf kuba? Auch ein klarer verstoß gegen die genfer konvention.
Aber was schreibe ich so belanglos daher. Im feuilleton der sz war heute ein viel besserer kommentar zu lesen!
Und was wird nun aus mir?
Für Gefangene ist der Krieg aus: Aber ihre Bilder kämpfen weiter
Wie jämmerlich diese Menschen wirken, James Riley aus New Jersey, Edgar und Shauna aus Texas, Joseph Hudson aus El Paso sowie der Gefreite Miller, der auf die Frage, warum er im Irak sei, die erschütternd schlichte Antwort gibt: „Um kaputte Sachen zu reparieren.“ Sie alle gehören zur 507. Instandsetzungs-Kompanie, die das Pech hatte, auf ihrer Fahrt über die Hauptstraße nach Bagdad, kurz vor dem nunmehr berühmten Ort Nassirija eine falsche Abzweigung zu nehmen und dem Feind vor die Gewehrläufe zu fahren. „Ich habe nur Befehle ausgeführt“, sagt der Gefreite Miller, „ich wollte niemanden töten“, und aus seinem Gesicht spricht eine große Unterwürfigkeit und eine noch viel größere Angst.
Am Sonntag Abend haben arabische Fernsehsender die ersten Bilder von amerikanischen Gefangen gezeigt. Der Triumph der Iraker war nicht zu übersehen, und diese fünf werden wohl nicht die letzten sein, die zur Schande der Vereinigten Staaten der öffentlichen Neugier präsentiert werden. Donald Rumsfeld, überraschend mit diesen Bildern konfrontiert, bemerkte dann auch sofort, diese Tat der Iraker verstoße gegen die Genfer Konvention. Vermutlich hat er Recht, denn in Artikel 13 des Vertrags zum Schutz von gefangenen Soldaten ist deren „Zurschaustellung“ untersagt. Und wie jede Regel setzt auch diese voraus, dass sie gebrochen wird, von allen Seiten.
Aber was ist mit dem Amerikanern, bellt die moralische Vernunft sofort zurück, wie viele irakische Kriegsgefangene ließen sie in diesen fünf Tagen schon über die Bildschirme flimmern, wie viele zerlumpte Kerle liefen da schon mit gesenktem Kopf, die Handgelenke hinter den Rücken mit bunten Plastikbändern gefesselt, so dass der Zuschauer nicht nur das Maß der Unterwerfung erkennt, sondern auch die physische Qual ahnt, die Arme in dieser Haltung behalten zu müssen, das gestaute Blut, die steifen Glieder? Auf eine Demütigung vor großem Publikum haben beide Seiten die Präsentation ihrer Beutemenschen berechnet. Die Kriegsgefangenen, dem offenen Konflikt scheinbar entzogen, müssen in Gestalt ihrer Bilder weiterkämpfen.
Vorboten des Nachkriegs
In den deutschen Fernsehsendern ist man bisher vorsichtig mit den Filmen von amerikanischen Kriegsgefangenen umgegangen, in den amerikanischen und britischen wurden sie, wenn überhaupt, nur in Form von kurz eingeblendeten Standfotos gezeigt. Aber der Grund für diese Zurückhaltung ist nicht nur, dass vielleicht die Verwandten noch nicht von der Gefangennahme informiert worden sind oder dass den so vorgeführten Menschen diese Schmach erspart werden soll. Und es ist auch nicht sicher, dass die Vorsicht im Umgang mit diesen Filmen dem Umstand geschuldet ist, dass hier noch tastend nach einer Konvention für Bilder von Kriegsgefangenen unter den Voraussetzung eines medial vermittelten Krieges gesucht wird.
Denn ein Kriegsgefangener ist viel mehr als ein Kriegsbild unter vielen, mehr als eine einzelne Gestalt zwischen voranrückenden Truppen, rollenden Panzern und explodierenden Raketen. In ihm werden vielmehr die Fronten undeutlich, in ihm wird das Pathos des Krieges mit seinem Lärm, seiner Aufregung, seiner Gewalt und seinem Schmerz wieder klein und schrumpft auf das Maß des einzelnen Menschen, auf die gewöhnliche Zeit gewöhnlicher Leute zurück. „Und was wird jetzt aus mir“, lautet die Frage auf dem Gesicht von James Riley, wie er mit hängenden Schultern und nach oben gerichtetem, kläglichem Blick vor seinen Bewachern sitzt, die ihm eine Kamera und ein Mikrofon entgegenhalten.
Ein Kriegsgefangener ist ein unglücklicher Vorbote des Nachkriegs – und ein Vorbote der großen Unordnung nach einem Krieg – mitten im Krieg. In ihm erscheint die außerordentliche Erfahrung, die jeder Krieg verspricht, im Guten wie im Bösen, gebrochen, ernüchtert, kleingemacht. Die Immanenz des Krieges geht an ihm zuschanden. Und wenn James Riley und seine Gefährten Glück haben, dann werden sie interniert und müssen vielleicht sogar arbeiten – und werden aus dem Krieg zurückversetzt in eine gewöhnliche, auf pervertierte Weise wieder bürgerliche Erfahrung von Zeit. Wenn Donald Rumsfeld nicht will, dass im Fernsehen Bilder amerikanischer Kriegsgefangener gezeigt werden, dann geht es ihm auch darum, jenes Pathos nicht zu irritieren.
Längst haben die Medien an diesem Pathos teil, ja, sie sind auf parasitäre Art am Pathos der absoluten Gegenwart beteiligt, das der Krieg, jeder Krieg, verspricht. Aufgeregt sind die Reporter, wenn sie von den Ereignissen an der Front oder von den Bombardements der großen Städte berichten, und wenn tausend kurze, unscharfe Bildsequenzen tausend Mal nacheinander gezeigt werden, zu immer denselben Kommentaren, so lautet die erste Botschaft dieser großen Erregung: dass hier, und jetzt, jetzt, jetzt, das Entscheidende geschieht. Der neue Krieg mit seinen Tomahawks, der Krieg, in dem es nur noch vorab definierte Ziele und nur noch echte Feinde geben soll, kommt diesem Pathos der Gegenwart sehr entgegen. Die Bilder der Kriegsgefangenen aber unterbrechen das Staccato der Gegenwart. Die Kriegsgefangene ist auf erschreckend beständige Weise ein Nachzügler des alten Krieges mitten im neuen.
THOMAS STEINFELDT