Zitat von tjc:
Ist geiz geil ???
Vllt. kannst du noch mal erläutern inwieweit du dies hier in den Zusammenhang bringst.
Nun ja. Es ist ja so, daß bei der Produktion vieler Waren -aber auch bei der Aufzucht von Tieren- der Preis, den der Verbraucher zu zahlen bereit ist, ein entscheidendes Kriterium ist. Er bestimmt über den Rahmen an Qualität und in der direkten Folge auch über den Rahmen an Quälerei für Mensch und Tier und industrieller Massenproduktion.
Ein gutes Beispiel sind die aktuellen Skandale in der Fleischwirtschaft: Jeder, der sich etwas eingehender informiert hat, wird wissen, daß es sich nicht mehr nur um das Problem einiger weniger "schwarzer Schafe" handelt. Das Problem ist die Massenproduktion unter massivem Preisdruck.
Ihre Folgen sind: Quantitätssteigerung bei Qualitätsminderung. Denn je mehr ich bei gleichzeitig verminderter Qualität produziere, umso günstiger kann ich je Stück produzieren.
Denn Begriff "Qualität" beziehe ich in Hinsicht auf die Bekleidungsproduktion nicht nur auf die Klamottenverarbeitung selbst, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen, die Kontamination der Kleidung mit irgendwelchen Pestiziden und giftigen Färbesubstanzen, und den Lohn, der den Arbeitern gezahlt wird etc..
Qualität bei der Tierhaltung bedeutet Freilandhaltung statt Käfighaltung,
natürliche Milchproduktionsmengen und gesunde natürliche Haltung, statt Antibiotika und Wachstumsbeschleuniger.
Ist der Endverbraucher zu grossen Teilen nur bereit, acht Euro für ein Hemd oder zwei Euro sechzig für ein drahtferngesteuertes Plastikauto oder ein Euro achtzig für ein gefrorenes Brathähnchen zu zahlen, dann bestimmt dieser Preis quasi die Produktionsbedingungen und deren Folgen.
Die Bereitschaft, zehn Euro für ein Brathähnchen zu zahlen, bedeutet zwar nicht automatisch entsprechende Qualität (nach obigen Gesichtspunkten), aber diese Bereitschaft würde solche Qualität überhaupt erst machbar machen.
Für einen Euro achtzig ist es schlicht unmöglich, das Tier grosszuziehen, also zu füttern, zu betreuen incl. med. Versorgung etc., zu rupfen, zu schlachten, zu verarbeiten, einzufrieren, zu verpacken, zu lagern, zu transportieren, und dem Produzenten und Händler dabei noch einen angemessenen Gewinn zu ermöglichen. Unmöglich - es sei denn ich wähle den Weg industrieller Massenproduktion bei Käfig- oder Betonbodenmassenhaltung, entsprechender Quälerei, präventiver Antibiotikaversorgung etc..
Deshalb habe ich es in Frage gestellt, ob Geiz wirklich geil ist.
Zitat von tjc:
und wie gesagt ---> Lösung gibts keine zumind. nicht eine die eine Leihe wie wir erkunden könnte bzw. erst recht nicht durchsetzen könnte.
soweit
Lösungen, die noch nicht gefunden oder auch umgesetzt wurden, bedeuten niemals, daß es sie nicht gibt.
Anhand des Beispiels mit dem Brathähnchen lässt sich ein möglicher Lösungsweg herausfinden. Ich verwende das Beispiel auch deshalb, weil ich diesbezüglich eigene Erfahrungen gemacht habe:
Tatsächlich kostet ein Brathähnchen beim Aldi unter zwei Euro, vermutlich so um einen Euro achtzig. Ein Brathähnchen bei Bioland kostet etwa zehn Euro.
Bedeutet nun dieser Preis, daß wir auf Kosten unserer Gesundheit auf etwas Gutes verzichten müssten? Dem ist nicht so. Warum?
Die Preise für ökologisch, tierfreundlich und umweltverträglich produziertes Rind- oder Schweinefleisch liegen im Vergleich zu Hähnchenfleisch weitaus niedriger. Wir essen täglich Fleisch, viel zu viel, jeder Ernährungswissenschaftler wird bestätigen, daß weitaus geringere Mengen an tierischem Eiweiß durchaus ausreichen. Daß sie sogar gesünder sind. Gleichzeitig produziert gerade unser Massenkonsum an Fleisch auch Unmengen an Methangas, welches wiederum nachweislich am Treibhauseffekt beteiligt ist.
Mit Hilfe von drei Wegen kann ich mit kaum grösseren Mengen an Ausgaben für Fleisch auskommen:
1.In dem ich kleinere Fleischmengen je Portion konsumiere, und 2. in dem ich ein- bis zwei Mahlzeiten wöchentlich durch vegetarische Kost ersetze, und 3. in dem ich darauf achte, welches Fleisch ich kaufe. Beispiel: Hühnerbrust hat ein jedes Brathähnchen nur begrenzt nur Verfügung. Die anderen Teile können ebenso gegessen werden und sind weitaus günstiger.
Fertigprodukte wie etwa Chicken Mc Nuggets und dergleichen sind ebenfalls
-hochgerechnet auf ein kg- unnötig teuer. Verzichte ich darauf, spare ich ein.
Deshalb meine Erfahrung: Man benötigt nicht wesentlich mehr Geld.
Was aber ist das besondere an Bioland und in wiefern ist das mit der Produktion von Kleidung vergleichbar?
Bei Bioland werden die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in einem Kreislauf erzeugt, der ohne externe Zufuhr auskommt:
Das Gemüse und Grünfutter wächst auf dem Feld, es dient u.a. den Tieren als Nahrungsgrundlage. Die Ausscheidungen der Tiere wiederum dienen zusammen mit Gründünger (Stickstoff etc. produzierenden Pflanzen) als Nährgrundlage für die nächste Ernte. Die wiederum u.a. als Futter,.... u.s.w.. In einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Tieren und Ackerland funktioniert dieser Kreislauf, er kommt bei gesundem Boden vollkommen ohne Kunstdünger, Spritzmittel etc. aus.
Um den Tieren auf dem Hof und dem eigenständigen Kreislauf gerecht zu werden, muß das ganze in einer überschaubaren Grössenordnung und ohne industrielle Produktion auskommen. Das wiederum sorgt dafür, daß es viele "kleinere" Höfe mit eigenständigem Auskommen und -auch durch Direktvermarktung (Hofläden)- guter finanzieller Versorgung der davon lebenden Menschen gibt. In der industriellen Produktion sind dagegen oftmals einer oder wenige die Profiteure: Der Chef bzw. die Aktionäre. Die anderen Mitarbeiter gehen ohne den entsprechenden (gewerkschaftlichen) Druck nahezu leer aus.
Was geschieht im Weiteren?
Durch industrielle Massenproduktion werden grosse Mengen an Nahrungsmitteln produziert, der Markt überschwemmt, welches zu der von Missgreenx oben angesprochenen Tatsache führt, daß ganze Nahrungsmittelberge in der EU vernichtet werden, um die Preise einigermassen stabil zu halten.
Trotzdem kommt es zu einem starken Preisdruck, ganz nach dem Prinzip: "
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis."
Durch Übermengen kommt es zu sehr niedrigen Preisen, etwa für Milch, für Fleisch, für alle möglichen landwirtschaftlichen Produkte.
Was ist die Folge?
Die einzelnen Produzenten sagen sich: Ich muß noch mehr, noch rationeller, noch funktionaler, noch schneller produzieren, um durch die Stückzahl meine Gewinne zu erhöhen. Genau das sagt sich Produzent X, ebenso wie Produzent Y oder Produzent Z, die alle auf die jeweiligen Konkurrenten schielen und die eigene Produktion auf das Maximum trimmen. Durch Automatisierung und Entlassung von Menschen, denn die sind ein erheblicher Kostenfaktor.
Gleichzeitig zerstören sie sich durch ihre
eigene Massenproduktion die Preise. Je weiter sie fallen, desto mehr automatisieren sie und erhöhen sie ihre Produktion.
Die Lösung liegt also nicht in einer weiteren Produktionssteigerung und Automatisierung, die in der Folge noch niedrigere Preise erzeugen würde, sondern in einem vollkommen anderen Prinzip:
Der Bioland- Landwirt erhält viel mehr Geld für sein Produkt, weil er es ganz anders produziert und zu grossen Teilen ganz anders vermarktet. Eben ohne Massenproduktion in einem Kreislaufsystem, und mit Direktvermarktung. Er hat deshalb diese -selbsterzeugten- Probleme nicht.
Die Lösung bei der Globalisierung und industriellen Massenproduktion von Kleidung liegt ebenfalls nicht in einer weiteren Produktionssteigerung, Verlegung ins billigere Ausland, Ausbeutung der Arbeiter etc., sondern in einer lokalen Produktion (d.h. wenigstens in Europa für Europäer, weitestgehend im eigenen Land, da auch dort die entsprechenden Löhne benötigt werden)
Und sie liegt in der Produktion in kleineren Einheiten, im Zusammenschluß könnten es auch Genossenschaften sein, etwa landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften. Bei industrieller Produktion Betriebe maximal in mittelständischer Grössenordnung. Auf diese Weise wird -wie zuvor schon angesprochen- das Geld besser verteilt und das ganze bleibt überschaubarer ,weniger industriell, persönlicher. Damit weniger Finanz- und mehr Qualitätsorientiert im Sinne von ganzheitlicher Qualität, d.h. auch entsprechenden Lebensbedingungen für Mensch und Tier. Der Chef kennt dann seine Arbeiter und Angestellten noch persönlich und die Wahrscheinlichkeit ist grösser, daß er seine Entscheidungen nicht ausschließlich nach finanziellen Gesichtspunkten trifft.
Ist das unbezahlbar? Nein. Wie Du schon selbst erwähnst:
Zitat von tjc:
Aber in der heutigen Zeit zählt nicht die Verarbeitung sondern der Look. Warum muss eine Jacke mehr als 1 Jahr halten, wenn im nächsten Jahr der Trend wieder komplett umschlägt ???
Es wird in Masse bei verminderter Qualität produziert. Überwiegend nicht zeitlos, sondern nach Mode, nach Trend. Wer bestimmt diesen Trend? Wem nützt dieser Trend?
Ich zahle letztlich nahezu genausoviel für Kleidung, weil ich mir die Kleidung zwar billig (preiswert ist etwas anderes) aber eben nach Mode kaufe. Sachen in Trendfarben die schnell auswaschen, überempfindliche Stoffe und helles, Dinge, die ich einfach nächstes Jahr nicht mehr anziehen mag, weil es nicht mehr "modisch" ist und keineswegs zeitlos.
Ich behaupte: Würde ich mein Kaufverhalten ändern, etwas weniger, zeitloses, qualitatives, auch mal Second- Hand (das ja durchaus oft nicht erkennbar ist) kaufen, dann würde ich bei inländischer oder wenigstens europäischer Produktion genausoviel oder jedenfalls nicht soviel bezahlen müssen, daß ich ein echtes finanzielles Problem bekomme. Ich glaube auch, daß bei vielen kleinen Flecken und Löchlein bereits weggeworfen wird, weil die Kleidung ja eben so günstig ist. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. In Masse produzieren, in Masse kaufen, in Masse wegwerfen. Mit den entsprechenden Folgen auch für die Menschen. Wie man oben lesen kann.
Wie können nun wir als Verbraucher sowas durchsetzen? Ganz einfach: In dem wir solche Kleidung kaufen, die qualitativ ist, die zeitlos ist, die lokal produziert wurde, die auch mal Second Hand ist, u.s.w.. Denn der Endverbraucher ist sehr mächtig, er besitzt Macht, weil die Grossunternehmen alle einen Antrieb haben, ein Wort für das sie "leben": Geld. Letztlich unser Geld.
Die Nachfrage nach einer bestimmten Art von Waren geht der entsprechenden Produktion in grösserem Umfang voraus. Einer produziert, die Nachfrage steigt, viele Produzenten folgen. Diese ersten Produzenten gibt es bereits. Ein Beispiel:
http://www.stern.de/wirtschaft/unter....html?nv=ct_cb Zitat von Krashok:
willst du uns damit sagen das du wenn du sagen wir mal eine hose die dir gefällt lieber für 89€ anstatt im angebot oder wonders für 40€ kaufen würdest ?

Genau das wäre der richtige Ansatz. Dazu müssen erst entsprechend Produzenten und Vertreiber herausgefunden werden, aber ich denke es wäre machbar. Weniger bessere Hosen, teilweise gebraucht, für letztlich nur unwesentlich mehr Geld. Und eben nicht aus Fernost für Hungerlöhne, wenn irgendwie machbar.