Hachja, da sehe ich genötigt mal wieder den beliebten Tucholsky zu bringen: "Wenn Wahlen wirklich etwas bewirken könnten, wären sie längst verboten".
Zitat von sailor Eben daß der Wähler eigentlich gar nicht frei Wahlen und erst recht nicht die Politik entscheidet, er denkt nur, daß er das tut.
Es geht also nicht um die Wahl an sich (die Überschrift ist da irreführend), sondern um die freie Entscheidung, also den freien Einfluss auf die Wahl bzw. deren Ergebnis.
Lass uns von Verhältniswahl ausgehen.
Also in Bezug auf Wahlen überzeugst du mich nicht. Die Gesamtheit der Wähler entscheidet das Ergebnis der Wahl. Was ist das Wahlergebnis? Eine Abbildung der relativen Stimmanteile auf die Sitzverteilung eines Gremiums (lassen wir vereinfachend mal Sperrklauseln oder Überhangmandate weg). Diese Abbildung der Verhältnisse resultiert aus dem Votum der Wählerschaft. Aus nichts anderem.
Zitat von sailor Was ist aber, wenn der Wähler der da wählt, gar nicht Herr seiner eigenen Entscheidung ist? Wenn er gar nicht in der Lage ist, wirklich zu beurteilen, was und wen er da wählen will?
Ich meine, wenn er sich durch Propaganda und Panikmache, einseitige Mediendarstellungen, politisches Showgeschäft, Lügen und dergleichen (siehe Hitler, George Bush etc.) beeinflussen lässt.
So und hier hast du natürlich recht. Das, was dazu führt, dass einE Wähler Inseine Stimme dem Kandidatem/Kandidatin X und nicht dem/der Kandidaten Kandidatin Y gibt, ist irgendetwas, dass seine Entscheidung unfrei erscheinen lässt.
Und wenn wir das Problem abstrahieren sind wir doch schon ganz rasch wieder bei einem Grundproblem, dem freien Willen. Welchen Anspruch stellst du an eine freie Wahlentscheidung oder Entscheidung überhaupt? Absolute Freiheit? Die kann es nicht geben bei soetwas. Jeder ist in gewissem Maße voreingenommen. In Deutschland sind die Mehrheit der Stammwähler doch sogar traditionell einem Lager zugehörig.
Das Problem ist sehr vielfältig, ich vermute, dir ging es weniger um das nachvollziehbare, was ich nun aufgezählt habe, was man beliebig ergänzen könnte (Beeinflussung durch Sympathie zu Aussehen, Herkunft, Vergangenheit ... eines Kandidaten, gleichermaßen Ablehnung, auch Parteibezogen.).
Nur wie will man das Problem lösen, dass Menschen, die sich von Despoten und Populisten verführen lassen, diesen ihre Stimme geben? Wahlrechtsentzug unter einem gewissen politischem Bildungsgrad/Aufklärungsgrad oder sonstwas sind alles ziemlich faschistoide, undemokratische Ideen, die mehr politischen Mißbrauch gerade noch fördern würden.
Wir sollten zufrieden sein, dass jeder Wähler im Prinzip die freie Wahl hat und in Kauf nehmen, wenn er dann nicht "frei" (i.S. bestenfalls einer rationalen Wahlentscheidung nach Abwägung) wählt.
Viel problematischer finde ich, was du auch ansprichst, dass das Wahlergebnis (das meiner Ansicht nach durchaus der Wähler als Souverän entschieden hat) wenig mit der nachfolgenden politischen Praxis zu tun hat. Wir wählen ja leider nicht unsere Regierung. Ja und dann gibt das i.d.R. Koalitionszwang um zu regieren, dann mehr oder weniger Kompromisse (was nicht schlecht sein muss, da es so konsensualer werden kann).
Auch wenn wir in Deutschland sieben Parteien im Bundestag sitzen haben ist es doch quasi (noch) ein Zweiparteiensystem, was ich auch übel finde.
Nun heisst es ja, unser ganzes System natürlich seine Defizite hat (Diskrepanz Wählerwille -> tatsächliche politische Entscheidungen), aber das ist eben unser System der Entscheidungsfindung. Ich selber würde eher etwas weniger politische Stabilität in Kauf nehmen und dafür etwas mehr Basisdemokratie, z.B. keine Sperrklausel, Volksentscheide auf Bundesebene, Präsidentendirektwahl haben etc... oder gerne auch normales Mißtrauensvotum

. Man möge mich geißeln...