Nun gut, ich denke wir sind uns zumindest etwas näher gekommen, wenn es um die höchste Wahrheit geht oder zumindest so nahe, dass wir uns darauf einigen können, dass unsere Ansichten leicht unterschiedlich sind, wir aber im groben Sinne auf das gleiche hinaus wollen. Dennoch würde ich gerne auf einige deiner Aussagen eingehen.
"Ebenfalls muss die Absolute Wahrheit in diesem Aspekt auch beides sein: Erfassbar UND nicht erfassbar, sonst wäre sie ebenfalls nicht vollkommen, wenn sie vollkommen erfassbar wäre, bzw. vollkommen unerfassbar, denn da fehlt ja wieder die andere Hälfte.
Oder was denkst du darüber? Die Absolute Wahrheit ist das Vollständige Vollkommene Ganze, das ist unsere Aussage."
Da hast du vollkommen recht, und darin liegt ja auch genau der Punkt, weshalb ich mich mit dem Trika Shaivismus (Kashmir Shaivismus), der widerrum von tantrischen Ansichten geprägt ist, identifiziere, und nicht mit Vedanta!
Trika geht zwar aus Vedanta hervor, die beiden Philosophien sind fundamental so gut wie gleich, doch der grosse Unterschied liegt darin, dass Trika sagt
"Die Welt ist Realität. Deshalb sollst du die Welt nicht verneinen oder ihr entsagen, sondern mit dem Fluss der Dualität gehen und aus praktischen Erfahrungen lernen" (was dann widerrum das gleiche ist wie der Taoismus).
Wenn wir also die beiden Formen von Brahman (oder im Trika als Shiva-Shakti, die eine ultimative Wahrheit definiert) anschauen, so sehen wir Brahman als unmanifestierte göttliche Essenz (Shiva-Bewusstsein, bzw. der Zustand wo Shiva und Shakti, Subjekt und Objekt, eins sind) UND, aber auch wichtig, als Manifestation in der Form von Geist und Materie (Shiva, als Shakti manifestierend). Damit ist diese absolute Wahrheit erfassbar, denn all das was ist, sei es Materie oder Geist, ist ja letzten Endes Shakti, und damit die Manifestation von Shiva (also Brahman).
Damit ist diese absolute, unpersönliche Wahrheit, ob Brahman, oder Shiva-Shakti genannt, überall um uns herum, und IST damit sehr wohl erfassbar, denn hinter all dem was ist (Sat), ist ja letzten Endes das Shiva-Bewusstsein (Chit).
Nur erfassen wir Menschen die Manifestation von Brahman (zu welchem auch die Götter zählen), und nicht das unmanifestierte, ursprüngliche Wesen. Manifestation (Shakti) MUSS daher sein, da wir sonst gar nicht im Stande wären, den unmanifestierten Ursprung zu verstehen bzw. wir wären uns jenes Ursprungs gar nicht erst bewusst!
Wieso die Upanishaden dennoch von der höchsten Wahrheit als unerfassbar sprechen kommt daher, dass Brahman in seinem ursprünglichen Zustand tatsächlich unerfassbar ist - was erfassbar ist, ist die Manifestation von Brahman als Shakti. Doch diese Manifestationen, welche Brahman verkörpert, sind vergänglich, und unterliegen damit dem Kreislauf von Erschaffung, Erhaltung, Zerstörung. Brahman bzw. Shiva-Shakti in seiner ursprünglichen, statischen Form unterliegt diesem Kreislauf jedoch nicht, denn dieser Kreislauf geht ja aus Brahman hervor (bzw. Brahman manifestiert sich als diesen Kreislauf)!
Das eine Selbst, der Paramatman, ist Brahman und darum ist er auch nicht vergänglich, und da sich der Atman in jedem Wesen befindet, ist die wahre Natur eines jeden Wesens ebenso wenig vergänglich! Deshalb wird ja auch der Atman in dir nicht von weltlichen Aktionen beeinflusst - er ist unbetroffen und rein, denn er ist die unerfassbare Wahrheit in jedem, und diese Wahrheit ist Brahman, und damit Sat-Chit-Ananda.
Das sagt Krishna ja in der Gita auch über die Seele, dass sie ewig und unverletzbar, etc. sei.
Dies bestätigt auch die Grundwahrheit des indischen Monismus: Atman = Brahman.
Somit ist Brahman vollkommen, nicht erfassbar und erfassbar, doch das Erfassbare manifestiert sich aus dem Nicht Erfassbaren, weshalb Brahman oftmals in seiner reinen, essenziellen Form als "nicht erfassbar" bezeichnet wird. In dieser Form ist Brahman tatsächlich nicht erfassbar, doch all die Manifestationen welche erfassbar sind, also Shakti, ist in dieser ursprünglichen, unerfassbaren Form enthalten, hat sich nur nicht manifestiert.
Zwischen der Existenz der Welten ist Brahman in dieser ursprünglichen Form, bis es dann wieder Zeit ist, die nächste Erschaffung einzuläuten, wo sich dann wieder Shakti aus Shiva bzw. Brahman heraus manifestiert (Trennung von Subjekt und Objekt), und sich aus Shakti heraus die Universen, und damit alles Erfassbare, manifestieren.
Brahman ist damit also transzendent (unerfassbar), aber gleichzeitig in seinem Shakti Aspekt auch immanent (erfassbar).
Vedanta behauptet also, dass die Realität der Welt relativ sei - vom irdischen Standpunkt aus ist die Welt real, vom transzendentralen Standpunkt aus ist sie es nicht. Samskara, Karma, all dies sei Maya aufgrund der Ignoranz des Jiva, und aufgrund seiner Nichtwissenheit über seine wahre Natur (Atman).
Auf der einen Hand geht Trika gar nicht so weit, sondern sagt, dass wir in dieser Welt leben, und dass es einen bestimmten Grund hat, wieso du z.B. genau hier lebst, dass du also die Realität der Welt um jeden Preis anerkennen sollst, dass sie quasi dein Spielfeld ist, wo du deine spirituelle Reise fortführst.
Auf der anderen Hand sagt Trika ganz klar, dass diese Welt Shakti sei, und damit die höchste Wahrheit immanent und damit in allem enthalten sei, und somit muss die Welt real sein, denn sie ist Shakti, und mit ihr ist sie Shiva bzw. Brahman. Deswegen hat im Shaivismus die manifestierte Welt (Shakti) eine gewichtige Rolle.
Die höchste Wahrheit Brahman ist in meinen Augen also vollkommen, sowohl unerfassbar als auch erfassbar, nur wird in den Upanishaden und in vielen anderen Texten das Unerfassbare hervorgehoben bzw. als die ursprüngliche Essenz beschrieben, denn in seiner ursprünglichen, unmanifestierten Form ist Brahman transzendent, und ohne Attribute (ohne Eigenschaften), also nur reines Sat-Chit-Ananda, aus welchem dann die unzäligen Manifestationen hervorgehen.
"Am Anfang war das Absolute Selbst allein. [...] Er dachte "Lass Mich die Welten erschaffen"!", deckt sich wieder mit der Aussage der Bhagavad-Gita, dass das Höchste Selbst der Ursprung des Brahman ist und nicht erst aus dem Unpersönlichen hervorging ["In the beginning this was but the absolute Self alone."]."
Deshalb ja meine vorige Aussage, dass Brahman das universelle Selbst sei, der Paramatman, der in jedem Wesen verweilt und frei von Unreinheiten ist. Kann der Paramatman erfasst oder definiert werden?
Meiner Meinung nach nicht, denn der Paramatman ist ja gerade die transzendentrale, ursprüngliche Form von Brahman, also ohne Eigenschaften, und damit Sat-Chit-Ananda. Der Paramatman bzw. der Atman in dir ist damit Brahman, wie es auch in vielen Upanishaden heisst.
Doch dieses universelle Selbst, dieser Paramatman, dieses Selbst, welches am Anfang alleine war (wie in dem vorigen Zitat erläutert), war zu Beginn (und ist es immer) nur SICH SELBST eben, und aus sich selbst kam der Wunsch, viele zu werden.
All die weltlichen Dinge wie Name, Form, Eigenschaft sind in Brahman (als Shakti Aspekt) enthalten, haben sich aber zu Beginn nur noch nicht manifestiert. Deshalb war das Selbst nur sich alleine, ohne Form und Eigenschaft, in dem Sinne unpersönlich - persönlich in dem Sinne, dass es das absolute Bewusstsein ist (Chit), dass es alles ist (Sat) und damit auch alles ist, was sich manifestiert und sich je manifestieren wird.
Deshalb meinte ich ja auch, dass diese universelle "Persönlichkeit" soweit persönlich sei, als dass es sagen würde "Ich bin Krishna, ich bin Buddha, ich bin Allah, etc.", denn alle diese Götter, welche über Name, evtl. Form und evtl. Eigenschaften verfügen, sind ja zu Beginn in dem Selbst enthalten.
Name, Form, Eigenschaft manifestieren sich also aus diesem vollkommenen, allumfassenden Selbst, da jenes Selbst aber ohne Name, Form, und Eigenschaften ist, da es in seinem ursprünglichen, unmanifestierten Zustand frei von jeglicher Bezeichnung oder jeglichem Attribut ist, definiere ich es eben als unpersönlich.
"Ausserdem applizierst du damit eben wieder unsere menschlich-begrenzte Vorstellungen von "Person", "Eigenschaften", "Form" und "Namen" auf das Unbegrenzte, dass kann nicht klappen und endet in Negetation: "Da es hier so und so ist, kann es auf die Transzendenz nicht zutreffen, deswegen hat die Transzendenz keine dies und das".
Da magst du recht haben, und ich tue es nicht gerne und tat es mehr, um damit vielleicht eine Brücke schlagen zu können zwischen deiner Vorstellung einer höchsten Persönlichkeit und meiner Vorstellung einer höchsten Nicht-Persönlichkeit.
Aber das tust du je genauso, wenn du Gott einen Namen gibst, und ihn eine Persönlichkeit nennst! Du applizierst menschlich-begrenzte Vorstellungen auf Gott und nennst ihn Krishna, und gibst ihm eine Persönlichkeit. Dies sind doch aber genauso Aspekte der menschlich-begrenzten Vorstellungen, und deshalb können wir nicht wirklich wissen bzw. beschreiben, WAS Gott ist, sondern nur durch Erfahrungen versuchen zu UMSCHREIBEN, was dieses Brahman in seiner ursprünglichen Form sein könnte bzw. was man erspürt/erfährt, wenn man über den Atman (welcher Brahman ist) in seinem Innern meditiert. Doch die Natur jenes Brahman kann genauso erspürt/erfahren werden, wenn man einen Gott (Isvara bzw. Bhagavan) anbetet, ihm dient, und mental und emotional ständig bei ihm ist, denn dieser Gott ist eine Manifestation von Brahman und ist damit Brahman selbst.
Jetzt könnte von deiner Seite das Argument kommen, dass man damit jedes Objekt anbeten könnte, denn jedes Objekt sei ja Brahman (aufgrund seiner Immanenz).
Das ist soweit richtig, doch ich betrachte Shiva, Allah, Buddha, Vishnu, Krishna, etc. als bewusste Manifestationen dieses universellen Selbst, als mythologisch-archetypische Manifestationen, die bewusst aus Brahman hervorgegangen sind, um jedem Mensch die Möglichkeit zu geben, zu Brahman zu finden bzw. zum Ursprung allen Seins vorzustossen. Deswegen findest du in jedem Winkel der Erde irgendeinen Glauben an eine höhere Macht, denn durch die unzähligen Glaubensrichtungen und Götter macht es Brahman sich selbst möglich, ÜBERALL erreicht zu werden, wenn auch in unterschiedlichen Formen und unterschiedlichen Stufen der Wahrheit.
Deswegen sind Tantriker bspw. sehr weltlich und sehr praktisch veranlagt, und die meisten Tantriker beten zu Shakti, weil sie Shakti in allem Erschaffenen erkennen und damit den manifestierten Aspekt von Brahman verehren, welcher widerrum das unmanifestierte, ursprüngliche Wesen, das eine Selbst aus dem alles hervorgeht, Brahman, ist.
"Es heisst in der Sastra, keine Ahnung wo genau, dass Gott gleichzeitig der kleinste der Kleinen und der größte der Großen ist (anoraniyam-mahatoraniyam). Dass er sowohl ganz nah und auch ganz fern ist, er ist der älteste und auch der jüngste. Dass Er mit Seinen Sinnen ohne Probleme die Tätigkeiten jedes anderen Sinnes erfüllen kann, Er kann mit den Ohren sehen, mit den Augen schmecken, etc."
Eben deswegen ja auch seine Transzendenz, und seine Immanenz.
Der zweite Punkt, denn ich gerne anschauen würde, ist die Funktion von Shiva, und das Hineinbringen des Wortes "Halbgottes", was dann wieder ein ziemlich vages Wort ist und mit dem ich mich nicht wirklich anfreunden kann.
Gott ist immanent und transzendent, Gott ist alles und er ist überall (Sat-Chit-Ananda), er ist vollkommen, und vorallem: er ist immer gleich.
Nur weil in einem Tier und einem Menschen das Bewusstsein unterschiedlich ausgereift ist, heisst das nicht, dass jenes Bewusstsein unterschiedlich ist. Es ist beides mal das gleiche Bewusstsein, nur wird es durch Maya-Shakti unterschiedlich stark verschleiert.
Genauso verhält es sich mit der Definition "Halbgott". In meinen Augen gibt es keine Halbgötter, sondern nur Brahman als manifestierte Götter. Es ist immer das gleiche Wesen dahinter, genauso wie es immer das gleiche Bewusstsein ist.
Was den Unterschied ausmacht, und was dich dazu bringt, Halbgötter zu nennen, ist auch hier wieder, wie weit so ein Gott seine wahre Natur preisgibt bzw. wie weit der Mensch die wahre Natur eines Gottes erkennen kann. Einige Götter sagen sofort "Ich bin die Wahrheit", etc., andere erscheinen damit verglichen zuerst ziemlich "schwach", "unwichtig" oder eben nur "Halbgott mässig".
Es ist nicht der Gott, oder in den Worten des von dir aufgeführten Zitates der "Halbgott", der den Unterschied ausmacht, sondern der Mensch, seine Auffassung von Gott, und in wie weit er sich der Göttlichkeit in allem bewusst ist.
Wenn Krishna und Jesus sich also beide als Persönlichkeiten Gottes ausgeben, sprechen sie damit die breitere Masse an, denn es wird durch ihre Zitate und vorallem durch ihre Taten direkt bestätigt, dass sie die Persönlichkeiten Gottes sind. Das ist auch gut so, doch heisst es nicht, dass die anderen Götter nicht, oder weniger die Persönlichkeit Gottes seien.
Es kommt auch hier wieder auf den Menschen drauf an: Wenn er z.B. einen "niederen Halbgott" (um die Definition des Zitates zu benutzen) anbetet, und diesen niederen Halbgott in seinem manifestierten Aspekt als die höchste Wahrheit anerkennt, dann bin ich durchaus auch der Meinung, dass dieser Mensch zu dem Halbgott kommen wird, und nicht weiter. Wenn der Mensch aber solch einen Halbgott verehrt, und mit ihm sein inneres Wesen, Brahman also, verehrt, dann verehrt er die allen Dingen zugrunde liegende Wahrheit - es kommt also meiner Meinung nach in dieser Frage vieles auf den Menschen, den Glaubenden, drauf an.
Shiva hat viele Gesichter und viele Aspekte, und es kommt auf den Menschen drauf an, welchen Aspekt er verehrt. Genauso kommt es auf den Menschen drauf an, ob er in einem Gott nur die manifestierte Persönlichkeit an sich, oder die unmanifestierte, ewige Wahrheit dahinter erkennt.
Wenn deiner Meinung nach Krishna die höchste Persönlichkeit Gottes ist, als was würdest du denn Allah bezeichnen? Einen Halbgott?
Nicht zu vergessen, dass z.b. Muslime ihrem Gott keine Form geben und er als unvorstellbar gewertet wird (ähnlich dem Christentum), was nicht heissen muss, dass er unpersönlich ist, aber was zeigt, dass er nicht definiert werden kann, wo dann wieder deine Applizierung der menschlich-begrenzten Gedanken der Grund sein mag.
"Somit kann nach Schlussfolgerung der Gita keine Rede davon sein, dass das gleiche Ergebnis rauskommt, wenn jemand Shiva, Brahma, Vishnu, Kali oder Krishna verehrt."
Gerade beantwortet. Es hängt vom Glaubenden, und der Art seines Glaubens, ab.
Zu Shiva würde ich sagen, dass Shiva einer der wichtigsten Götter im Hinduismus ist, er hat so viele verschiedene Aspekte, Gestalten und Gesichter, dass er als Gott beinahe schon wieder ein Mikrokosmos der allumfassenden Wahrheit ist.
Es wird allgemein vermutet, dass Gott Shiva nicht durch die Arier zur Manifestation gerufen wurde, sondern schon bei der Urbevölkerung des Indus-Tals eine wesentliche Rolle gespielt hatte (was ja auch vom körperlichen Yoga angenommen wird). Shiva wurde nachträglich in den Götterpantheon der Veden miteinbezogen, weil er eine ungemeine Popularität, auch nach Eintreffen der Arier, hatte und damit, wie auch heute, einen der herausragendsten, hinduistischen Götter verkörpert.
Er ist einerseits der Chef der Yogis, und ein Asket, und ist damit der Gott der Yogis und Asketen.
Im Süden, bei der tamillischen Bevölkerung, hat er eine enorme Bhakti(!)-Bewegung hinter sich, und wird genauso wie Krishna als Persönlichkeit gewertet, zu der man kommt, und nicht, mit der man verschmilzt (Siddhanta Shaiva). Dort wird Shiva als Familienvater mit seiner Familie porträtiert, und gibt den Eindruck eines Familiengottes von sich.
Tamilische Schriften leben nur so von der Hingabe zu Shiva, Bhakti in seiner vollen Form also! =)
Das ist ein enormer Gegensatz zu Shiva in seinem yogischen Aspekt und zeigt auch, wie sehr er Gegensätze in sich vereint (es ist mir klar, dass mythologisch-historisch Shiva zuerst ein Asket war, und dann von Parvati zu einem Familienleben "überzeugt" wurde, aber es geht hier eindeutig um die Symbolisierung der vereinten Gegensätze).
Dann gibt es den kosmischen Shiva, nicht im Sinne eines Wesens mit Gestalt und Form, sondern den ewigen Shiva, das Shiva-Bewusstsein, welches von Trika & Vedanta Shaiviten, wie auch von Tantrikern als die höchste Wahrheit angesehen wird, aber eben wie gesagt, dem Brahman aus dem Vedanta sehr sehr nahe kommt.
In den Shaktagamas wird von fünf Shivas gesprochen, bzw. Shiva als Panchanana Shiva mit fünf Köpfen bzw. fünf Aspekten: Ein Aspekt repräsentiert Isvara (die Gottheit bzw. Bhagavan, auch Sadashiva oder ewiger Shiva genannt), der zweite Aspekt ist Shiva als Tatpurusha bzw. irregeführtem Purusha (Ego), der dritte Aspekt ist Aghora, Shiva als Zerstörer und Erneuerer, der vierte Aspekt ist Shiva als Vamadeva, den Heiler und Erhalter, und im fünften Aspekt zeigt sich Shiva als Sadyojata, die kreative Kraft Shivas.
Dann gibt es Shiva als Nataraja, den kosmischen Tänzer, der durch seinen Tanz die rhythmischen Bewegungen der manifestierten Kreationen erzeugt. Er wird als den Ursprung aller 108 klassisch-indischen Tanzformen betrachtet und ebenso als Begründer aller Yoga-Posturen.
Als Mikrokosmos im menschlichen Körper verweilt Shiva im Scheitelpunkt des Kopfes, dem Sahasrara Padma und wartet auf den Heraufstieg der Kundalini Shakti aus dem Muladhara.
Shiva gibt es ebenso in der Form von Dakshinamurthy, also dem universellen Lehrer, der einem Yoga, Tantra, Alchemie, Wissen, Kunst, etc. lehrt.
Als böse Formen kennt man Shiva als
Kankala-bhairava, Gajasura-vadha-murthy, Tripurantakmurthi, Sarabhesa-murthy, Kalari-murthy, Kamantaka-murthy, Andhakasura-vadha-murthy und Bhairava-murthy.
Je nach Form varieren Eigenschaften und Auffassung von Shiva.
Ausserdem hat Shiva enorm viele Namen und Gestalten - als Rudra ist er bspw. der zornige Gott, als Kailasapathi ist er der Herrscher von Kailash, einer Region in den Himalayas. Er wird von vielen Shaiviten als Purusha (Samkhya) und als viele andere Wesen erkannt, so z.B. als Herr über die Tiere.
Selbst Dämonen beteten zu Shiva, und hier wird wieder einmal gezeigt, wie enorm vielfältig und umfassend Shiva ist, denn er wird einerseits von niederen Kreaturen wie Dämonen, andererseits von den weisesten Rishis und Yogis verehrt.
Rudra kann meiner Meinung nach auch mit dem Shiva aus der Brahma-Vishnu-Shiva Trinität gleichgesetzt werden, denn soweit ich weiss wird der Zerstörer dieser Trinität in ihren Anfängen als Rudra bezeichnet, und Rudra später als Shiva erkannt.
Mit diesen Beispielen will ich die enorme Signifikanz Shivas im Hinduismus andeuten, sowie seine extreme Vielschichtigkeit, die ihn in meinen Augen einzigartig macht.
Nicht zu vergessen, dass sowohl Rama, als auch Krishna in ihren inkarnierten Leben zu Shiva beteten (was in den Schriften nachgeprüft werden kann)!
Desweiteren macht es mir keinen Sinn, dass du Krishna als die höchste Persönlichkeit Gottes betrachtest - Krishna ist, wie Buddha, Hanuman oder Rama, eine Inkarnation Vishnus (einer der 10 Avatare), und dies wird ja auch allgemein bestätigt. Solltest du dann nicht Vishnu als die höchste Persönlichkeit verehren, da Vishnu sich ja als Avatar in der Form Krishnas inkarnierte? (dies nur mal eine Verständnisfrage).
Zum Thema Vishnu noch schnell: Vishnu wird ja auch als Narayana erkannt, Narayana bedeutet so viel wie "der eine, der auf den Gewässern haust".
Diese Definition deckt sich mit der Aussage aus dem Shiva Purana, die ich vorhin aufführte:
"[...]There was water everywhere. Lord Vishnu manifested himself in his great form and slept on the water. While Vishnu was sleeping, a lotus flower (padma) sprouted from his navel. It had many petals and its stem shone like a thousand suns. From the cells of the lotus Brahma was born."
Auch hier wird Vishnu als auf dem Wasser schlafend beschrieben, und das gibt ihm ja auch den Namen Narayana. Nur ist das Wasser selbst ja die göttliche Essenz, Brahman - Narayana manifestierte sich erst danach, wie unschwer aus dem Text zu erkennen ist.
Ich will nicht weiter auf Vishnu eingehen, da ich ihn zugegebenermassen auch nicht so gut kenne wie Shiva. Es war mehr noch ein Zusammenhang, den ich gerade feststellte.
Ramakrishna, Vedantin und gleichzeitig jemand, der die Authentität der Tantra Agamas (Schriften) anerkennt, und selbst ein Stück weit eine Art von Tantrik war (betete zu Göttin Kali), sagte:
"There are three dolls - the first made of salt, and second made of cloth, and the third of stone. If these dolls are immersed in water, the first one will become dissolved and lose its form, the second will absorb a large quantity of water but would retain its form, and the third will remain impervious to water. The first doll represents the man who merges his self in the universal and all pervading Self and becomes one with It; he is the liberated man. The second represents the Bhakta or the true lover of God, who is full of divine bliss and knowledge. And the third represents the worldly man who will not admit even a particle of true knowledge into his heart."
"As one and the same water is called by different names by different people, some calling it 'water', some 'vari', some 'Aqua', and some 'pani', so the one Sachchidananda (Sat-Chit-Ananda), Existence-Intelligence-Bliss Absolute is invoked by some as God, by some as Allah, by some as Hari, and by others as Brahman."
Folgendes Zitat von Ramakrishna stimmt mit meiner Ansicht überein, dass Gott viele Persönlichkeiten hat:
"The Avatara is always one and the same. Having plunged into the ocean of life, the one God rises up at one point and is known as Krishna, and when after another plunge, He rises up at another point, He is known as Christ."
"Think not that Rama and Sita, Krishna and Radha are mere allegories and not historical personages, or that the scriptures are true only in their inner or esoteric meaning. Nay, those personages were human beings of flesh and blood just as you are; but because they were divinities, their lives can be interpreted both historically and allegorically. The Avataras are to Brahman what waves are to the ocean."
Hier zeigt Ramakrishna schön, dass man die Existenz bspw. von Krishna historisch, als auch allegorisch anerkennen sollte. Dass er eine Inkarnation aus Fleisch und Blut war, aber eine Gottheit (Divinity) verkörperte.
Und darum geht es mir ja auch bei Zitaten aus der Gita, wie zum Beispiel:
"Ich weile als Überseele im Herzen eines jeden. Sobald jemand den Wunsch hat, einen bestimmten Halbgott zu verehren, festige Ich seinen Glauben, so daß er sich dieser bestimmten Gottheit hingeben kann"
Unser Unterschied ist nur, dass du solche Aussagen als von Krishna als Persönlichkeit kommend siehst, während ich solche Aussagen zwar als von Krishna gesprochen akzeptiere, er dies meiner Meinung nach jedoch "im Auftrag" jener einen Kraft, die er repräsentiert und die er IST, getan hat.
So wie Jesus "im Auftrag" von Gott die Menschen lehrte.
"Unterstell mir bitte nicht, ich würde mit faulen Mitteln arbeiten! Du hast das mit der Gita-Übersetzung schon in den falschen Hals gekriegt, beurteilst Persönlichkeitsanhänger als "minderintelligente Iditioten, bei denen es einfach nicht zum Unpersönlichkeitsanhänger reicht" und meine Argumentationen legst du nun auch als "persönlich-motivierte Bekehrungsversuche" aus, um dich zu "besiegen"."
In der Tat liegt da eine Unterstellung meinerseits vor, die ich hiermit gerne wieder zurücknehme. Aber ich habe NIE Persönlichkeitsanhänger als "minderintelligente Iditioten, bei denen es einfach nicht zum Unpersönlichkeitsanhänger reicht", beurteilt.
Ich weiss nicht, von wo du diese Aussage hast ?
"In den Schriften ist ganz deutlich die Wichtigkeit dessen hervorgehoben, den Anweisungen des spirituellen Meisters zu folgen, egal ob er physisch Gegenwärtig ist oder nicht."
Dem stimme ich zu. Was ich meinte ist, dass ein Guru sich seinem Schüler hingeben sollte so wie der Schüler sich seinem Guru hingibt. Das da eine wirklich enge, spirituelle Beziehung zwischen Guru und Schüler sein sollte, und der Guru vollkommen zum Spiegel seines Schülers werden sollte (wie es in der shaivitschen Siddha-Tradition der Fall ist).
Die Lehre sollte immer wieder von Meister zu Schüler weitergegeben werden.
Auf was ich hinaus wollte ist lediglich, dass ein Guru, der Führer einer ganzen Gruppe und damit Führer vieler Schüler ist, nicht diesselbe Bindung zu all seinen Schülern hat wie ein Meister, der sich ausschliesslich mit seinem Schüler beschäftigt.
"1.2.12:
vadanti tat tattva-vidas tattvam yaj jnanam advayam
brahmeti paramatmeti bhagavan iti sabdyate
Übersetzung:
Gelehrte Transzendentalisten, die die Absolute Wahrheit kennen, bezeichnen diese nichtdualistische Substanz als Brahman, Paramatma oder Bhagavan."
Danke sehr, das ist wahrlich ein schönes und schlichtendes Zitat =)
Gruss Raffis