Ich neige zu einer Unterscheidung zwischen Wissen und Erfahrung, und versuche kurz, diese Unterschiedung zu erläutern.
Nehmen wir ein Kleinkind, das ein scharfes Messer vor sich sieht. Mal angenommen, es kennt dieses Objekt "Messer" bis dahin nicht, also fasst es die Klinge an und schneidet sich.
-> Schmerz
Nun hat das Kind das Wissen, dass dieses Objekt "Messer" schmerzt, und dieser Eindruck des Schmerzes, diese Erfahrung als ganzes, speichert sich in seinem Verstand (bzw. Gedächtnis).
Wenn das Kleinkind wieder ein Messer sieht, ruft sein Intellekt die Erinnerung des ersten Erlebnisses auf, besinnt sich daran, dass dieses Objekt schmerzt, und es lässt die Finger davon.
Im Laufe der Jahrzehnte wird das Kind unmengen von Eindrücken und Erfahrungen in seinem Verstand abspeichern, und dabei wird sich die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf den Verstand richten, denn er ist es, der auf die angesammelten Eindrücke des Gedächtnis zurück greift.
Mal ganz ehrlich. Der Arbeitsalltag ist Routine. Das Leben an sich ist grösstenteils Routine. Zähne Putzen als Beispiel genommen. Wie oft ist man während dem Zähne putzen in Gedanken vollkommen woanders?
Woher kommt es, dass man die Aufmerksamkeit zum Zähne putzen nicht mehr voll braucht?
Weil die Eindrücke von unzähligen, früheren Erfahrungen (mit dem Zähne Putzen) im Verstand gespeichert sind, und damit die Bewusstheit dieser Aktion, die man z.B. beim aller ersten Mal Zähne Putzen braucht, nicht mehr benötigt wird, denn der ganze Ablauf dieser Aktion ist im Verstand gespeichert.
Das intellektuelle bzw. empirische Wissen ist meines Erachtens nach das Wissen, wo man sagen kann "Ich weiss es nicht wirklich" bzw. es ist eine Relativität da, wie ja schon Einstein sagte. Es ist in dem Sinne real, noch unreal.
Eben "Ich weiss nicht wirklich ob ich weiss."
Das intellektuelle bzw. empirische Wissen ist eine gigantische Ansammlung von Eindrücken aus Erfahrungen, welches durch theoretische Dinge (bspw. Schule), als auch praktischen Erfahrungen (bspw. Zähne Putzen) fortlaufend erweitert wird.
Aus jeder Erfahrung und dem hinterlassenen Eindruck dieser Erfahrung, erweitert sich das intellektuelle Wissen.
Damit will ich nicht sagen, dass solches Wissen negativ wäre (sonst würde man zwar äusserlich altern, innerlich bliebe man aber immer das Kind, das sich jedesmal erneut mit dem Messer schneidet), sondern will damit viel mehr andeuten, dass viele Menschen dieses angesammelte Wissen stark überschätzen, und damit eben viel mehr mit dem Intellekt leben, als mit dem Moment (klar, der Verstand arbeitet immer, aber ich glaube ihr wisst worauf ich hinaus will).
Eben genau dadurch ergibt sich dieses "Schlafwandeln durch die Routine namens Leben". Die Bewusstheit der Aktionen geht verloren, da das Bewusstsein auf den Intellekt gerichtet ist, der solche Aktionen durch Eindrücke aus früheren Erfahrungen angesammelt hat.
Das ist meiner Meinung nach intellektuelles Wissen, also nicht nur das Lesen von Büchern und das Wissen daraus, sondern auch das Wissen durch frühere Erfahrungen, und leider, die immer stärker werdende Konzentration auf dieses Wissen (bzw. auf den Verstand), wodurch die Aufmerksamkeit auf den Moment flöten geht.
Es ist doch in gewisser Weise wie eine Sucht. Man will immer mehr wissen, wird immer kopflastiger, und umso mehr man wissen will, umso mehr neue Gebiete eröffnen sich vor dem Denkenden. Es ist ein Dschungel, der immer tiefer und komplexer wird.
Und man kommt nie an einem sogenannten Ende dieses Dschungels an, denn er hat in dem Sinn kein Ende.
Wenn man eine Erfahrung macht (das schmerzende Beispiel des Messers), ist jene Erfahrung im Moment des Geschehens real, sie ist echt.
Für andere mag eine Erfahrung unecht sein, doch Erfahrungen sind subjektiv und für den Erfahrenden im Moment der Erfahrung echt.
Die Echtheit einer Erfahrung kann jeder für sich selbst bestätigen, denn er erfährt die Erfahrung an sich (wie oder was diese Erfahrung sein mag, sei mal dahin gestellt).
Das Wissen, das man aus dieser Erfahrung bezieht, und das sich im Gedächtnis abspeichert, ist dann aber wieder das intellektuelle Wissen, und damit das Wissen, dass weder echt noch unecht ist.
Denn letzten Endes basiert dieses Wissen auf einer individuellen Erfahrung.
Und letzten Endes basiert jegliches Wissen, ob bewiesen oder nicht, auf subjektiven Erfahrungen. Die Erfahrung ist echt, das Wissen daraus weder noch.
Klar, wenn vielleicht 1 Million Leute die selbe Erfahrung mit einem Objekt machen (als Beispiel wieder das Messer genommen), tendiert man schnell mal dazu, das "Wissen, dass das Messer schmerzt", als Realität, als Wahrheit anzusehen.
Meiner Meinung nach sind jedoch nur die unmengen von Erfahrungen, die man jeden Tag erlebt, im Moment der Erfahrung echt (der Erfahrende bestätigt sich diese Echtheit durch die eigene Erfahrung selbst), das Wissen, das auf diesen unzäligen Erfahrungen aufbaut, ist relativ.
Natürlich bin ich trotzdem für einen gesunden Menschenverstand, bitte versteht mich nicht falsch.
Ich denke es geht hier mehr um die Gewichtung von Intellekt und Moment.
Wer bei jeder Erfahrung so viel Aufmerksamkeit wie nur möglich derselbigen schenkt (ob er diese Erfahrung schonmal in ähnlicher Weise durchgemacht hat, bspw Zähne putzen, oder ob es das erste Mal ist), weiss durch das aufmerksame Erfahren jener Erfahrung mehr, als derjenige, der das Wissen aus solchen Erfahrungen, von anderen Personen erfahren und dann in Theorien oder was auch immer standardisiert, übernimmt.
Oh man, tönt verwirrend, aber ich hoffe ihr konntet mir etwa folgen, worauf ich hinaus will.
Gruss Raffis