Lupuz.de: Artikel-Portal / Magazin

Zurück   Postpla.net - die Forum Community > Postplanet Talk > Philosophie und Gedanken

Von Wahrnehmung, Erkenntnis und Bewusstsein

Anzeigen:

Thema geschlossen
 
Themen-Optionen
raffis
Alt 05.10.2005, 18:32   #1
Standard Von Wahrnehmung, Erkenntnis und Bewusstsein

Hallo zusammen,

wie einige von euch bereits wissen, beschäftige ich mich seit längerem mit indischer Mystik und Philosophie.
Zurzeit übersetze ich ein Buch von Mark Dyczkowski, in dem er über die "schier unmögliche Hochzeit von monistischem Idealismus und pluralistischem Realismus in Indien" schreibt, genau gesagt über gewisse monistische Denkschulen Indien's, die oben genannte Aspekte in sich vereinen und dennoch als ein System von 'konkretem Monismus' bezeichnet werden können, wenn nicht gar müssen.

In diesem Zusammenhang will ich einige Zitate seines Buches erläutern, die mir in dieser Hinsicht sehr interessant erscheinen und euch zum Denken anregen sollen. Diese Zitate hat der Autor wiederum von den unzähligen Manuskripten und Lehren der indischen Mystiker und Philosophen übernommen und sie in moderner Sprache zusammengefasst.

Natürlich werden einige von euch sagen, dass wir solche ´Erkenntnisse´ bzw. ´Ansichten´ bereits von den alten Griechen her kennen; dennoch muss ich hier hervorheben, dass gerade die alten Inder (und das zu einer Zeit, in der sich die griechische Antike noch in Windeln befand) eine immense Tiefgründigkeit (und meiner Meinung nach fast schon logisch-abstrakte Genialität) an den Tag legten, wenn es darum ging, die Natur unserer Psyche, unseres Bewusstseins und unserer Wahrnehmung zu erklären.
Damit ist nicht die physiologische Tatsache des Gehirns und seiner Arbeitsweise gemeint; dafür haben wir Wissenschaft und Anatomie, und das wussten (und anerkannten) auch die Denker jener Zeit.

Auf was ich hier hinaus will, kann am Ehesten als eine ´Psychologie des Bewusstseins´ oder eine ´Geographie der Bewusstheit´ beschrieben werden.

So, genug des Vorspanns!
Ich werde einfach mal damit beginnen, einige Zitate darzulegen, ohne sie zu befürworten oder zu verneinen.

"Die Ereignisse, die das Universum bilden, sind stets innerliche Ereignisse, die sich im Bewusstsein ereignen, weil deren essenzielle Natur das Bewusstsein selbst ist. Wir können nur darauf bestehen, dass Dinge erscheinen, wenn eine essenzielle Identität zwischen Bewusstsein und den wahrgenommenen Objekten besteht. Wäre ein physisches Objekt vollkommen materiell und somit teil einer vom Bewusstsein unabhängigen und äusserlichen Realität, könnte es niemals erfahren werden."

"Abhinava schreibt:
In der Tat sind Phänomene, die im Bewusstsein ruhen, offenbar (d.h. uns ersichtlich). Und die Tatsache ihres Erscheinens ist in sich selbst ihr Einssein mit Bewusstsein, denn Bewusstsein ist nichts als die Tatsache ihres Erscheinens."

"Der Realist behauptet, dass der wahrgenommene Inhalt unabhängig von der Wahrnehmung ist. Der Inhalt ist nur zufällig ein Objekt der Wahrnehmung und unterzieht sich im Prozess des wahrgenommen Werdens keiner Veränderung. Seine Behauptung ist allerdings nicht nachweisbar; es nachzuweisen würde bedeuten, dass wir ein Objekt erkennen müssten, ohne es wahrzunehmen."

"Es ist die Wahrnehmung des Objekts, die dessen manifestierte Natur bildet."

"Ein Ding wird nicht aufgrund des Dinges selbst zu einem Objekt der Erkenntnis, sondern aufgrund unserer Erkenntnis davon."

"Von Realität kann nicht gesagt werden, dass sie in sich selbst ausserhalb, und jenseits, von Erkenntnis oder Einsicht existiert."

"Erscheinungen können keine unabhängige Existenz ausserhalb von ihrem Erscheinen in Bewusstsein haben."

"Bewusstsein ist essenziell wahrnehmend und dessen Wahrnehmung aller Dinge zieht sich durch das gesamte Universum hindurch."


So, das einige der Zitate.

Mir geht es nicht darum, euch über das indische Denken gewisser Philosophiesysteme aufzuklären oder den ganzen Hintergrund ihres Denkens darzulegen. Dafür fehlt mir die Zeit wie auch der Platz.

Vielmehr würde mich eure Haltung gegenüber den genannten Zitaten interessieren, eure Haltung in Bezug auf Wahrnehmer, Wahrnehmung und Wahrgenommenes, auf Subjekt und auf Objekt.

Wer erschafft was, und was existiert aufgrund von was? Im weitesten Sinne laufen diese Fragen darauf hinaus, ob Realität eins oder aber dual bzw. divers (oder gar beides, keines von beidem, oder gar beides als auch keines von beidem) ist.

So, dann bin ich mal gespannt. Alle sind herzlich eingeladen, ungeachtet ihres Denkens bzw. Glaubens.

Gruss Raffis
 
 
Nach oben
Sivar
Alt 08.10.2005, 16:13   #2
Standard

Also den Zitaten kann ich überwiegend zustimmen. Ich denke, dass die Materie erst durch Bewusstsein entsteht, und (wie ich glaub ich schon öfter erläutert habe) erst aufhört zu existieren, wenn das kollektive Bewusstsein, was die Materie erschaffen hat, keine Notwendigkeit mehr für diese sieht. Die Wahrnehmung der gesamten Materie ist für mich eher eine indirekte Wahrnehmung der geistigen Realität. Die Erde beispielsweise spiegelt das Bewusstsein der darauf lebenden Seelen(-fragmente) wider, und wird ähnlich wahrgenommen wie ein Schatten eines Objekts, den man aufgrund der eigenen Perspektive für das eigentliche Objekt hält. In dem Zusammenhang lohnt sich die Lektüre von Platons "Phaidon".

Allerdings, um auf ein Zitat näher einzugehen, existiert die Materie nicht aufgrund dessen Wahrnehmung durch Lebewesen. Wahrnehmung ist meiner Meinung nach etwas sekundäres. Primär ist die Erschaffung, Wahrnehmung der Umweg zur Erkenntnis, dass man es selber geschaffen hat und es aus dem Bewusstsein heraus existiert. Insofern wäre unser materielles Leben wie eine Grundschule, in der man die Grundlage des Erschaffens und des Umgehens mit dem Erschaffenen lernt.
 
 
Nach oben
raffis
Alt 09.10.2005, 19:14   #3
Standard

"Wahrnehmung ist meiner Meinung nach etwas sekundäres. Primär ist die Erschaffung,[...]"

Ich bin auch nicht der Meinung, dass Materie allein aufgrund unserer (individuellen) Wahrnehmung existiert, ich denke aber, dass die Natur dieses kollektiven Bewusstseins, wie du es genannt hast, essenziell kollektiv-wahrnehmend ist, d.h. sich-selbst-erkennend, kurz: selbst-bewusst. Dieses 'selbst-erkennen' das hier als 'Wahrnehmung' definiert wurde, ist nicht NUR auf Lebewesen beschränkt, sondern umfasst alle Dinge und Aspekte des Seienden. Bewusstsein nimmt sich in diesem Sinne also durch alle möglichen Dinge 'wahr', erkennt sich selbst darin und dadurch.
IN DIESEM SINNE ist es durch die (kollektive) Wahrnehmung, dass wir "erschaffen". Durch unsere Bewusstheit von Gedanken und Erfahrungen, durch unser Wahrnehmen dieser materiellen und geistigen Erscheinungen, die teil einer vielfarbigen, universellen Erkenntnis des Bewusstseins sind (innerhalb von welchem materielle und geistige Evolution durchaus existiert).

Gruss Raffis
 
 
Nach oben
Sivar
Alt 10.10.2005, 16:08   #4
Standard

Dieses 'selbst-erkennen' das hier als 'Wahrnehmung' definiert wurde, ist nicht NUR auf Lebewesen beschränkt, sondern umfasst alle Dinge und Aspekte des Seienden. Bewusstsein nimmt sich in diesem Sinne also durch alle möglichen Dinge 'wahr', erkennt sich selbst darin und dadurch.
Absolute Zustimmung!

Natürlich würde es auch keinen Sinn machen, etwas zu erschaffen, was man selbst nicht in der Lage ist wahrzunehmen, insofern steuert die Wahrnehmung auf jeden Fall die "Schöpfung".

Wichtig ist hier auch wirklich zu betonen, dass Wahrnehmung sich nicht nur(!) auf Augen, Ohren, etc. bezieht, sondern auch auf "innere Sinne". Wie raffis schon sagte, eine kollektive Wahrnehmung, die insofern zu verstehen ist, dass alles Existierende (auch Steine usw) eine innere Verbindung miteinander hat und die Realität, wie wir sie kennen, gemeinsam erschafft und beeinflusst. Auch meine ich, dass alles auf der Welt ein inneres Wissen darum hat, was zu jedem Zeitpunkt passiert, und es ein gemeinsames Einverständnis für Vorkommnisse (wie Naturkatastrophen) gibt.

Zeit ist hier wiederum nur ein Hilfsmittel für die Wahrnehmung im weltlichen Sinne... wichtig für das individuelle Leben, aber unwichtig für das gesamte Weltgeschehen.
 
 
Nach oben
Ähnliche Themen, die dich vielleicht interessieren
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Bewusstsein des Träumens während dem Träumen raffis Philosophie und Gedanken 36 28.10.2007 05:02
Neue Erkenntnis über Frauen *g* freshfsi Fun und Rätsel-Planet 5 13.03.2007 14:49
Haben Tiere ein Bewusstsein oder nur Instinkte Cobain Philosophie und Gedanken 27 25.07.2006 19:49
freier Wille ? hackvresse Philosophie und Gedanken 4 08.02.2005 20:05
Die Treppen zur Erkenntnis ByteGhost Philosophie und Gedanken 2 10.03.2004 13:03
Anzeigen:
Thema geschlossen

Lesezeichen

Themen-Optionen



Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 11:27 Uhr.


Lupuz.de - wir können auch anders!
©1998 - 2008, Lupuz:Information-Network
Powered by vBulletin Version 3.7.1 (Deutsch), Jelsoft Enterprises Ltd.

SEO by vBSEO 3.2.0 ©2008, Crawlability, Inc.