| | 
15.08.2001, 15:06
# 1 Die Wächter - eine neue Art zu leben.... Bei meinen Recherchen nach Möglichkeiten, unsere problemüberfrachtete Welt gerechter und besser zu machen, bin ich auf eine Gruppe von Menschen gestoßen, die mit einer neuartigen Denkweise an die Problematik herangehen, und die meiner Meinung nach auf dem besten Weg sind, um über kurz oder lang eine dauerhafte Veränderung auf unserem Planeten herbeizuführen... Ich rede von den sogenannten Wächtern.
Sie leben scheinbar das Leben eines normalen Durchschnittsmenschen... sie gehen in die Schule, zur Arbeit oder auf Rockkonzerte. Doch etwas unterscheidet sie von ihren Mitschülern und ihren Arbeitskollegen: Sie haben nämlich eine ganz bestimmte Grenze durchbrochen. Eine Barriere, die in den Köpfen der meisten Menschen zu finden ist. Sie haben erkannt, was im Leben wirklich zählt, nämlich sich mit den Menschen, die man mag, zu vereinen und eine friedliche, gerechte Welt zu schaffen... und sie haben erkannt, wie vergeblich das egoistische Streben nach materiellem Luxus, von dem viele Menschen in der heutigen Gesellschaft angetrieben werden, im Grunde ist. Und mehr noch: Sie leben das, was sie erkannt haben, ihren Mitmenschen vor, und sorgen somit langsam aber sicher dafür, dass sich mit der Zeit auch deren Denkweise grundliegend verändert.
So leben sie unter uns, während sie versuchen, das Bestmögliche aus ihrem Dasein herauszuholen... und nebenbei beobachten sie uns und machen sich Gedanken über Dinge, an die wir nicht einmal im Traum zu denken wagen. Ja, wie ein alter Wasserspeier am Wegrand mögen sie harmlos wirken, denn sie prahlen nicht und sind überhaupt eher unauffällige Menschen. Doch in Wahrheit sind sie immer wachsam... sie achten auf die Wahrung ihrer Ideale und auf das Wohl der Menschen, die ihnen etwas bedeuten, und sind jederzeit bereit, bei Bedarf regulierend in das Geschehen einzugreifen und ihre Werte zu verteidigen.
Wie gesagt, ich habe einige von ihnen getroffen. Und es ist mir sogar gelungen, einen dieser unscheinbaren und dennoch für die Entwicklung eines neuen ethischen und moralischen Bewusstseins so wichtigen Menschen zu einem Interview zu überreden. Da er im folgenden repräsentativ für viele Gleichdenkende sprechen wird, werde ich ihn im weiteren Verlauf des Textes einfach als „Wächter“ bezeichnen.
Er hat mich noch gebeten, darauf hinzuweisen, dass er trotz seiner Bemühung, für alle Wächter zu sprechen, ein Individuum ist und dass es daher durchaus zu geringfügigen Abweichungen zu dem, was andere Wächter sagen würden, kommen kann. Bevor es nun losgeht, noch eine Warnung an den Leser: Manche der Äußerungen des Wächters werden auf unvorbereitete Menschen vielleicht radikal und unverständlich wirken, doch liegt dies dann in erster Linie daran, dass deren Denken schon zu sehr von den althergebrachten Vorstellungen geprägt worden ist. Am Besten, man bemüht sich, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen, und dem Wächter eine faire Chance zu geben, von seiner Überzeugung und den Gründen, die dafür sprechen, zu berichten... denn es lohnt sich meiner Meinung nach, sich näher mit dieser neuartigen Lebensweise zu beschäftigen.
Frage:
„Wie lange bist du dir schon bewusst, dass der Weg den du gehen willst ein anderer ist als der deiner Mitmenschen?“
Wächter:
„Ich wusste eigentlich schon immer, dass ich anders war. Nur sah ich es zuerst als ein Makel an... als einen Fehler. Schließlich war ich der einzige, der so dachte, während all die anderen Menschen damit offensichtlich nichts anzufangen wussten. Also ging ich davon aus, dass mit mir ganz offensichtlich etwas nicht stimmte. Doch verbiegen wollte und konnte ich mich nicht... so zog ich mich mit der Zeit immer mehr von meinen Mitmenschen zurück. Aber ich lernte in diesen Jahren vieles, denn ich beobachtete meine Umgebung sehr intensiv und machte mir ziemlich viele Gedanken über das, was ich sah. Nach langen Überlegungen und vielen negativen neuen Erfahrungen kam ich schließlich zu dem Schluss, dass mit mir eigentlich alles in Ordnung war... dass mit dem Denken und dem Verhalten der anderen etwas nicht stimmen konnte. Anfangs war es schwer, sich gegen eine so große Mehrheit zu behaupten, doch ich fand einige Menschen, die meine Ansichten teilten... sie gaben mir Kraft und die Bestätigung, die ich so dringend benötigte.“
Frage:
„Du sagst, dass etwas mit dem Denken und Verhalten der anderen nicht stimmen kann. Wie kommst du zu dieser Schlussfolgerung?“
Wächter:
„Wenn ich mich umsehe, sehe ich so viele Menschen, die über Probleme jammern. Probleme, die sich mit ein bisschen Abstand und kritischem Nachdenken von alleine lösen würden. Stichwort Beziehungen: Eine der Hauptursachen für Stress und Unzufriedenheit. Da werden Menschen eifersüchtig, sie verdächtigen, verlassen und betrügen einander... und dann fragen sie sich allen ernstes: Ist unsere Liebe noch zu retten? Da kann ich nur noch lauthals lachen. Denn wahre Liebe bedeutet, dass einem der andere Mensch mehr bedeutet als das eigene Leben. Man würde sich für ihn opfern, und wenn es Streit gibt, dann höchstens darüber, wer sich zuerst für den anderen opfern darf. Niemals würden sich wahre Liebende über eine nicht ordnungsgemäß hochgeklappte Klobrille streiten, oder über eine dritte Person, die dem Partner angeblich schöne Augen gemacht hat. Leuten, die sich so verhalten und darunter leiden, kann ich nur zurufen: Ihr hattet nie eine Liebe, die ihr retten könntet! So einfach ist das. Sie haben es nur versucht, sie wollten Liebe spielen, ganz so wie sie es im Fernsehen so oft gesehen haben... doch sie waren in ihrer Entwicklung noch nicht weit genug, sie waren keine idealisierten Helden. Ihr eigener Egoismus war ihnen im Weg und hat ihnen ein Bein gestellt. Ein Mensch, der hingegen wahrhaft liebt, dem wird keine Widrigkeit, die ihm begegnet, wichtiger sein als seine Liebe. Er wird all seine anderen Wünsche und Träume der einen Liebe unterordnen. Somit ist nicht Liebe das, was Probleme erzeugt... die entstehen hauptsächlich durch das Gefühl der Begierde, vor allem, wenn es nur von einer Seite ausgeht. Wenn die Menschen das mal erkennen würden, könnte schon viel Ärger auf dieser Welt vermieden werden.“
Frage:
„Einen Moment mal! Machst du es dir da nicht ein bisschen einfach? Die Menschen haben nun mal auch gewisse Bedürfnisse, die sie befriedigen wollen. Wer ist schon ein idealisierter Held?“
Wächter:
„Gut. Dann sollen sie ihrem Partner aber nicht so einen Scheiss erzählen, von wegen dass sie ihn über alles lieben würden... sie sollen dann einfach so ehrlich sein und sagen: Du machst mich geil, ich will dich ficken, und zwar ohne dass ich mich dir gegenüber zu irgendwas verpflichtet fühlen muss! Oder sie sollen wenigstens zugeben, dass ihr Verbundenheitsgefühl für den anderen nun mal seine Grenzen hat. Zumindest so viel Ehrlichkeit wird man doch wohl erwarten können, oder? Aber vermutlich fällt es den Menschen schon schwer, zu sich selbst so ehrlich zu sein. Lieber reden sie sich ein, dass sie wissen, was Liebe ist. Denn das lässt einen in einem romantischeren Licht erscheinen, als wenn man zugeben muss, es letztlich nur auf unverbindlichen Sex abgesehen zu haben.“
Frage:
„Wie ist es mit Freundschaft? Machst du da Unterschiede zur Liebe oder denkst du, dass auch unter Freunden das Wohl des anderen wichtiger sein sollte als das eigene?“
Wächter:
„Nun, es sollte einem doch mindestens genauso wichtig sein. Die Menschen benutzen das Wort Freundschaft für alle möglichen Dinge... bei den einen hört diese Freundschaft dann beim Geld auf. Für andere endet sie schon, wenn es mal darum geht, für einen Freund ein paar Stunden seiner Zeit zu opfern. Aber all das ist einfach keine Freundschaft, stellen wir uns doch endlich den Tatsachen! Es gibt im Grunde doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder, ich bin bereit, alles für einen anderen Menschen zu tun, oder ich bin dazu nicht bereit. Wenn ich dazu nicht bereit bin, ist es nur ein Zweckbündnis... man verspricht sich einen wie auch immer gearteten Vorteil vom anderen und ist nur deshalb mit ihm zusammen. So etwas Freundschaft zu nennen, da sträuben sich bei mir sämtliche Nackenhaare. Das ist ein Abkommen, nichts weiter... und als nichts anderes sollte es dann auch definiert werden! Sollen sie sich statt Freunde meinetwegen Geschäftspartner nennen... das würde dem wahren Zustand wesentlich näher kommen, und es würde helfen, Missverständnisse zu vermeiden.“
Frage:
„Kannst du mir weitere Beispiele nennen, wo sich die anderen Menschen deiner Meinung nach unnötige Probleme machen?“
Wächter:
„Das größte Problem neben dem falschen Verständnis von Liebe und Freundschaft ist der Irrglaube, dass materieller Besitz einen Menschen glücklich machen könnte. Da schuften die Menschen ihr Leben lang, kriechen sich gegenseitig in den Arsch, um Karriere zu machen, und wofür das alles? Für nichts und wieder nichts, denn man gewöhnt sich reichlich schnell an seine Lebensumstände, so dass es nach einiger Zeit gar keinen großen Unterschied mehr macht, wie viel Geld man besitzt. Als Beispiel nehmen wir mal irgendeinen Kaffeebauern in Mexiko. Er hat eine kleine, quadratische Hütte, einen kleinen Truck, und ansonsten nur seine Familie und Nachbarn. Er lebt sein Leben, er liebt seine Frau, er hat Abends Spaß mit seinen Freunden, beim Tequilatrinken und Kartenspielen. Glaub mir, der ist kein bisschen mehr oder weniger glücklich wie der reiche amerikanische Fettsack, der in einer Villa mit 7 Schlafzimmern wohnt, der 20 Autos hat und der sich regelmäßig mit seinen Geschäftspartnern trifft, um Champagner zu trinken und Golf zu spielen. Denn was hat man von 7 Schlafzimmern, wo man doch nur eines zur selben Zeit benutzen kann? Was hat man von 20 Autos? Vielleicht ein wenig mehr Abwechslung, aber die kann ich auch haben, wenn ich mir auf meinen Truck verschiedene bunte Bilder klebe. Überhaupt, es ist eben alles eine Frage der Einstellung. Sehe ich materiellen Besitz als etwas erstrebenswertes an? Dann muss ich mich dafür abrackern, muss ständig auf meinen Besitz aufpassen, muss ihn pflegen, muss mir Sorgen machen... die ganze Zeit meines Lebens geht für etwas drauf, was ich am Ende ohnehin zurücklassen muss. Wenn ich hingegen nur meine Grundbedürfnisse decke, also ein Dach überm Kopf, genug zu essen, ein Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu kommen, vielleicht noch ein Mittel zur Kommunikation über weite Entfernung, dann habe ich ungleich mehr Zeit für die wesentlichen Dinge im Leben... für die schöpferische Kraft, die in mir drin steckt, oder für die Menschen, die mir etwas bedeuten.“
Frage:
„Aber auch materieller Besitz kann einem doch eine gute Zeit bereiten... Wer fährt nicht gern ein schnelles Auto? Wer hat nicht gern ein edles Essen und einen Diener, der ihm dieses Essen serviert?“
Wächter:
„Das hängt sehr mit der Hamster-Mentalität vieler Menschen zusammen. Man sieht etwas, was ein anderer hat, und man will es dann eben auch haben. Weil man sich davon etwas verspricht... doch was verspricht man sich letztendlich von einem schnellen Auto? Geschwindigkeit? Nervenkitzel? Das sind nur sekundäre Erwartungen. Letztlich erhofft man sich davon vor allem eine Veränderung des momentanen Zustands... einen Ausbruch aus den festgefahrenen Bahnen, eine Ablenkung vom täglich gleichen, stupiden Alltagstrott. Ist es nicht traurig, wenn einen der Alltag nicht mehr zufrieden stellt, und wenn man nur durch Konsum und Exzesse glaubt, wieder Farbe in das triste Grau bringen zu können? Was ist man dann noch mehr als eine Maschine, die mit Unterhaltung gefüttert werden muss, um weiter funktionieren zu können? Also, ich würde mir zumindest dann so vorkommen. Zu leben bedeutet nicht, sich abzulenken und ständig aus dem Alltag zu fliehen zu versuchen... zu leben bedeutet vielmehr, den Alltag als schön und lebenswert zu empfinden, so dass man eigentlich keine Ablenkung mehr benötigt. Frag den mexikanischen Kaffeebauern aus meinem Beispiel... sicher würde er sich freuen, wenn ihm irgendjemand einen Ferrari vor die Türe stellt. Aber er würde sich dafür nicht abrackern und auf das Kartenspiel mit seinen Freunden verzichten. Denn er ist ohne Ferrari nun mal genauso glücklich.“
Frage:
„Das leuchtet mir ein. Gut, also weiter im Text. Du hast jetzt diese Beobachtungen von dir erklärt, die dich letztlich dazu veranlasst haben, dein bisheriges Leben zu ändern und deiner wahren Bestimmung zu folgen. Wie genau äußern sich nun diese Veränderungen in deinem Alltag?“
Wächter:
„Ich erwarte nicht mehr so viel von meinen Mitmenschen. Ich weiß zum Beispiel, dass meine Auffassung von Freundschaft und Vertrauen nicht von sehr vielen Menschen geteilt wird. Daher bezeichne ich auch nur noch diejenigen als meine Freunde, die über diese Dinge genauso denken wie ich. Von allen anderen Menschen erwarte ich nicht mal mehr, dass sie pünktlich zu einer Verabredung erscheinen... ich weiß eben, dass denen ihr eigenes Vergnügen wichtiger ist als Treue und Idealismus. Somit kann ich eigentlich auch nicht mehr so schnell enttäuscht werden. Ich gebe zu, mein Freundeskreis ist dadurch natürlich erheblich geschrumpft... aber ich kann heute von mir behaupten, Freunde zu haben, die alles für mich tun würden. Das konnte ich früher nie so überzeugt von mir geben.
Außerdem bin ich selbstsicherer im Umgang mit meinen Mitmenschen geworden. Ich war oft schüchtern, was letztlich darauf basierte, dass ich mich selber als kleiner und unbedeutender angesehen habe als die anderen Menschen. Mit der Erkenntnis, dass ich in vielen Dingen eigentlich weiter bin als sie, und dass ich viele zwanghafte Verhaltensweisen von ihnen durchschaut habe, die sie selber gar nicht wahrnehmen können, wurde mir immer mehr bewusst, dass eigentlich sie diejenigen sein sollten, die sich klein und unbedeutend vorkommen müssten. Das hat erheblich dazu beigetragen, dass ich mich nun mit ihnen zumindest auf einer Ebene sehe... vielleicht sehe ich auch des öfteren von oben auf sie herab. Das ist nicht beabsichtigt, aber ich denke es ist manchmal durchaus verständlich.
Auch mein Kaufverhalten hat sich verändert. War mir früher langweilig und ich hatte Geld zur Verfügung, so ging ich einfach in den nächsten Laden und erwarb irgendetwas, was mir meine Langeweile für kurze Zeit vertreiben konnte. Heute überlege ich schon sehr viel genauer, was ich ausgebe, und ob die Sache, die ich zu kaufen beabsichtige, ihr Geld auch wirklich wert ist. Lieber benutze ich das Geld, das ich auf diese Weise einspare, dann dafür, um jemandem eine Freude zu machen oder es an meine Freunde, die nicht so viel besitzen, weiterzugeben.“
Frage:
„Man könnte also sagen, dass du dich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen hast?“
Wächter:
„Nein. Ich gehe ins Kino, besuche Konzerte oder andere Veranstaltungen. Ich lehne den Kontakt mit Andersdenkenden nicht ab... ich habe nur aufgehört, nach deren Pfeife zu tanzen. Ich scheiss auf deren egoistisches Imponiergehabe. Viele kommen mir vor wie Plastikmenschen, Kunstprodukte der Konsumindustrie, die eigentlich fast schon nichts Menschliches mehr an sich haben. Mädchen, deren Gesicht sich nicht mehr erkennen lässt, weil sie das Make-Up so dick tragen, dass es wie eine unwirkliche Maske aussieht... Typen, die ihren Körper im Fitness-Studio bearbeiten, der noch dazu übersät ist mit tonnenweise Piercings und Tätowierungen, so dass sie letztlich abstoßend und unfreundlich aussehen, wie ein Gorilla mit Stachelhalsband. Noch dazu versuchen sie, möglichst cool und unnahbar zu wirken, als ob sie nur dank ihrem mehr oder weniger ansehnlichen Äußeren etwas besseres wären.
Sich hinter Masken zu verstecken oder seinen Mitmenschen Gefährlichkeit und Unnahbarkeit zu signalisieren... das ist jedoch genau das, was ich ablehne! Die Menschen sollten natürlich werden und ihrem Gegenüber durch eine freundliche Art die Angst vor dem Umgang mit ihnen nehmen, anstatt sich so anmaßend zu verhalten. Manchen sieht man durch ihr selbstverliebtes Äußeres ja auf den ersten Blick an, dass sie ihren Körper als den Mittelpunkt des Universums ansehen. Außerdem, wer täglich eine Stunde vor dem Spiegel verbringt, nur um sein Aussehen zu verbessern, der verschwendet unnötige Zeit, die er mit Sicherheit sinnvoller nutzen könnte. Was bringt es, wenn die Hülle blitzt und glänzt, während das Innere faul und leer ist?“
Frage:
„Das ist eine Ansicht, die bei vielen Zeitgenossen wohl nicht auf besonders viel Gegenliebe stößt. Gerätst du oft in Streit mit Menschen, die sich von deiner Denkweise beleidigt fühlen?“
Wächter:
„Das kommt eigentlich nicht vor. Ich gehe ja nicht zu irgendwelchen Leuten hin und versuche, sie zu irgendetwas zu bekehren. Damit würde wohl ohnehin höchstens eine natürliche Abwehrhaltung bei den Menschen erzeugt, so dass sie schon mal aus Prinzip nicht auf meine Worte hören würden. Nein... ich lebe es ihnen einfach vor, in dem ich mich anders verhalte als sie. Ich achte auf meinen Körper, aber ich erhebe ihn nicht zu einem Denkmal, denn letztendlich bin ich ja nicht mein Körper, sondern meine Seele. Der Körper ist nur das Werkzeug, ähnlich einem Auto, das ich fahre. Am Wichtigsten ist Funktionalität, denn Schönheit ist ohnehin relativ. Leider sehen das viele nicht. Wenn ihr Körper älter wird, ihm ein Unglück widerfährt oder die sterbliche Hülle gar zu Tode kommt, dann haben sie das Gefühl, sich selbst zu verlieren. Obwohl sie selbst, also die Seele, ja nicht anders sind als zuvor.
Was mein persönliches Aussehen angeht: Meine Kleidung ist zweckdienlich und vor allem bequem, meine Haare müssen nicht jeden Morgen eine halbe Stunde mit Gel eingeschmiert werden, damit ich so aussehe wie mich die anderen Menschen kennen. Übermäßiges Parfümieren ist mir ebenfalls zuwider, ich bin schließlich ein lebendes Wesen und keine wandelnde Chemiefabrik.
Und das alles kann ich leben, ohne dass mich jemand, der andere Ansichten hat, dafür hassen würde. Ich zeige einfach jedem, den es interessiert, dass es auch noch einen anderen Weg gibt als den der Masse. Und viele Leute merken dann auch, dass ich ein ziemlich cooler Typ bin, obwohl ich keine teuren Markenklamotten trage. Das imponiert mehr Menschen, als man denken mag... viele trauen sich nur nicht, das auch zu zeigen, und machen sich lieber weiter Stress damit, irgendeinem gerade aktuellen Schönheitsideal hinterher zu rennen.“
Frage:
„Also keine Streitigkeiten. Hmm, ich hatte eher gedacht, dass ein Wächter versucht, andere umzustimmen wo immer er kann, und dass er dafür keinen Konflikt scheut. Habe ich da etwas falsch verstanden?“
Wächter:
„Ich bin kein Missionar, sondern ein Wächter. Das heißt, für mich besteht der hauptsächliche Sinn des Lebens darin, meine Freunde und die Werte, die mir wichtig sind, zu stärken und zu beschützen. In dem ich Streitigkeiten provoziere, riskiere ich auch, am Ende als Verlierer dazustehen. Und dann hätte nicht nur ich verloren, sondern es könnten auch meine Freunde oder Ideale zu schaden kommen. Und weißt du was? Freunde und Ideale... das ist etwas so Wichtiges, damit spielt man nicht! Das verwettet man nicht, auch nicht wenn die Chance zu gewinnen, noch so hoch erscheinen mag. Nein, ich verbreite meine Ideen subtil, und nicht mit dem Holzhammer! Kämpfen würde ich nur im Notfall, wenn wirklich etwas in Gefahr ist, was mir mein Leben wert ist. Und versuchen, einen rülpsenden Schlägertypen von meinen Idealen zu überzeugen, bloß weil mich sein Verhalten stört, zählt definitiv nicht zu diesen essentiellen Dingen, für die ich meine Gesundheit oder gar mein Leben aufs Spiel setzen würde, zumindest nicht, so lange der Typ niemanden ernsthaft gefährdet. Außerdem, heißt es nicht, wer durch das Schwert lebt, wird durch das Schwert umkommen? Ich muss keinen Schläger von irgendwas überzeugen... weil ich genau weiß, früher oder später wird er auf Seinesgleichen treffen und seine Rechnung erhalten. Genau wie diese oberflächlichen Menschen, die nur nach dem Äußeren gehen. Sie werden mit ebensolchen Menschen zusammenkommen und eines Tages bitter von ihnen enttäuscht werden. Jeder, der sich egoistisch verhält, fällt irgendwann in ein tiefes Loch, aus dem er allein nicht mehr rauskommt. Und die beste Möglichkeit, solchen Menschen, die sich ja zuvor nicht belehren lassen, zu helfen, ist, ihnen wenn sie ihr Fehlverhalten erst einmal erkannt haben, die Hand zu reichen. Davor kann man nur den richtigen Weg vorleben und hoffen, dass der andere sich darüber Gedanken macht.
Frage:
„Ich verstehe... ein Wächter ist also ein Mensch, der sich von seinen Artgenossen eigentlich nur dadurch unterscheidet, dass er ehrlicher, nachdenklicher und im Ernstfall auch konsequenter ist als viele von ihnen. Kann man das so sagen?“
Wächter:
„Ja, ich kann mit dieser Umschreibung gut leben. Aber ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, wir wären nichts besonderes... denn das wäre nicht wahr. Wir sind sehr wohl etwas Besonderes! Ein jeder von uns. Denn Leute wie wir sind der Samen, der aufgehen und die Welt verändern wird. Und jeder meiner Freunde und Brüder trägt seinen Teil dazu bei. Nun, vielleicht mag dem einen oder anderen diese Behauptung als arrogant erscheinen, aber das ist keine Arroganz, sondern Stolz. Wir sind stolz auf das, was wir sind... und obwohl wir nicht immer ganz freiwillig zu dem geworden sind, was wir nun darstellen, so würden wir doch niemals etwas anderes sein wollen. Wieso sollten wir schweigen, wo wir doch schon alle möglichen Arten zu leben ausprobiert haben, aber unser Leben letztlich nur durch unsere Ideale und Freundschaft wirklich sinnvoll und zufriedenstellend geworden ist? Das ist einfach ein zu starker Unterschied zu dem Leben, das wir davor geführt haben, als dass wir das einfach herunterspielen könnten. Ich sehe es so, dass wir der geglückte Versuch sind, etwas, dass es bisher nur in Legenden gab, in die Realität zu holen. Wir sind eine Art neuzeitliche Ritter der Tafelrunde, und egal ob es Camelot gab oder nicht, uns gibt es auf jedenfall! Wir stehen füreinander und für unsere Ideale ein, ganz gleich auf welche Zeiten wir auch zusteuern mögen. Einer für alle und alle für einen... das ist für uns keine hohle Phrase aus einer alten Erzählung, sondern unsere feste Überzeugung. Ich denke jedenfalls, dass ist etwas, worauf man wirklich stolz sein kann, und was man auf keinen Fall für sich behalten sollte, nur weil einen ein paar Leute deshalb als verrückt bezeichnen würden. Die sind letztlich nur neidisch... und wenn sie sagen, dass unsere Lebensweise auf die Dauer nicht funktionieren kann, dann zeigt das nur, was für starke Spuren der vorherrschende Egoismus in ihren Herzen schon hinterlassen hat.“
Frage:
„Was meinst du eigentlich damit, wenn du davon sprichst, dass ihr nicht ganz freiwillig so geworden seid?“
Wächter:
„Nun, wir sind ja nicht als Wächter geboren worden. Zum Wächter wird man in gewisser Weise vom Leben gemacht... und das kann eigentlich jedem passieren. Manche von uns hätten, wenn sie niemals einsam gewesen und ganz normal wie alle anderen aufgewachsen wären, vielleicht nie die nötige Zeit zum Nachdenken gefunden, um die Wahrheiten dieser Welt zu erkennen. Andere hatten eine normale Kindheit, aber haben schon von klein auf gefühlt, dass etwas in ihnen mit ihrer Umwelt und der Denkweise der meisten ihrer Mitmenschen nicht einverstanden ist. Doch auch sie benötigten Zeit und Gelegenheit, um aus ihrem vagen Gefühl ein erschütterungssicheres Weltbild zu machen. Unsere Entwicklung ist, genauso wie die von den übrigen Menschen, auch von den äußeren Umständen abhängig, die sie entweder begünstigen oder hemmen können. Und ob die Umstände günstig waren oder nicht, lag nun mal nicht in unserer Macht. Daher spreche ich von einer gewissen Unfreiwilligkeit. Aber letztlich lag die Entscheidung, einen anderen Weg als die breite Masse einzuschlagen, ganz alleine bei uns. Genauso gut hätten wir ja auch sagen können, dass wir uns anpassen und deren faules Spiel mitspielen. Glücklich wäre damit aber wohl keiner von uns geworden.“
Frage:
„Mal zu etwas ganz anderem. Ihr seid ja für Freiheit und gegen jegliche Führer und Autoritäten. Muss der Staat vor euch Angst haben?“
Wächter:
„Der Staat ist ein künstliches Gebilde... ein Gehege, um die zahmen Tiere zu melken und die Wilden im Zaum zu halten. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem die wilden Tiere keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr darstellen, und die zahmen sich weigern, sich berauben zu lassen. Dann wird jegliche Käfighaltung überflüssig werden.
Im übertragenen Sinne bedeutet das, dass der Staat nur so lange existieren wird, wie seine Bürger ihn haben wollen. Unsere Bemühungen, die Menschen zu verändern, haben schon längerfristig gesehen das Ziel, sie reif genug zu machen, damit sie in der Lage sind, auch ohne Leine und Halsband in Form von Gesetzen und Ordnungshütern vernünftig miteinander umzugehen... wäre dieser Zustand erreicht, würde auch kein Staat mehr benötigt werden. Niemand würde durchs soziale Netz fallen, da die Menschen miteinander teilen würden, und würde wirklich mal jemand ausflippen und andere bedrohen, würde der Übeltäter schnell von der Masse derer, die so etwas nicht dulden, ruhiggestellt werden. Aber wie gesagt, soweit sind wir noch nicht, die Menschen haben immer noch mehr Interesse am Reichtümer anhäufen als an ihren Mitmenschen.
Wir lassen den Staat also in Ruhe, so lange der Staat nicht den Versuch unternimmt, der Entwicklung der Menschen zu einem höheren moralischen Bewusstsein im Wege zu stehen. Wenn er dies doch tut, werden wir uns sicher irgendwann, wenn wir diesem Treiben nicht mehr tatenlos zusehen können, zu Wort melden. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Wir sind nicht der Ansicht, dass eine Revolution längerfristig irgendetwas ändern würde. Was wir brauchen, ist vielmehr eine Evolution, ein Fortschritt im Denken. So etwas lässt sich nicht mit Terror und Gewalt herbeiführen... nur mit vorbildhaftem, edlem und gerechtem Verhalten. Und dazu muss man an der Basis ansetzen, bei jedem einzelnen Menschen. Wenn die Veränderung dauerhaft sein soll, darf sie nicht von oben diktiert werden, sondern muss von unten kommen, denn wirkliches Verständnis lässt sich nun mal nicht erzwingen.“
Frage:
„Das bedeutet also, ihr wollt die Welt verändern, in dem ihr einfach in eurem Alltag andere Prioritäten setzt als die meisten eurer Mitmenschen. Was erwiderst du den Kritikern, die meinen, dass das, was ihr tut, zu wenig sei, um wirklich etwas zu bewegen? Schließlich gibt es doch viele Milliarden Menschen. Ist es nicht ein Ding der Unmöglichkeit, diese Massen nur dadurch zu erreichen, dass man mit gutem Beispiel voran geht?“
Wächter:
„Wir müssen weg von diesem Denken der Politik, in dem nur in großen Maßstäben gerechnet wird und in dem der einzelne Mensch nicht viel mehr ist als eine Zahl in einer Statistik. Für mich ist das Leben eines einzelnen Menschen genauso wertvoll wie die Existenz der gesamten Menschheit. Jeder Mensch nimmt unser Universum anders wahr... wenn der Mensch nicht mehr da ist, so verschwindet auch seine individuelle Sicht des ganzen Universums, und damit ist wirklich ein gesamtes Universum verschwunden. Das bedeutet, ob ich nun nur einen einzelnen Menschen überzeuge, oder die gesamte Welt, ist für mich nebensächlich. Es ist ohnehin ein langsamer Prozess, der sich über Jahrhunderte hinziehen wird. Niemand von uns, der heute lebt, wird dessen Ende in dem jetzigen Körper noch erleben können. Ich weiß, für ungeduldige Materialisten, die glauben, dass es nur dieses eine Leben gibt, und die unbedingt am Ende dieses einen Lebens in den Geschichtsbüchern stehen wollen, ist das eine wenig befriedigende Vorstellung. Aber genau deshalb leben wir auch nicht nur für dieses eine Ziel, sondern erfreuen uns nebenher auch an unserem Leben und versuchen, eine möglichst gute Zeit zu haben, während wir für unsere Ideale einstehen. Das kann ich nur jedem empfehlen, der krampfhaft etwas zu ändern versucht. Die Zeit ist auf der Seite der Wahrheit...
Wie gesagt, wir dürfen nicht mehr in Maßstäben von Armeen und Nationen denken, sondern nur noch an einzelne, individuelle Menschen. Wer behauptet, dass das nichts bringen würde, hat ein paar grundsätzliche Dinge falsch verstanden... Nur das bringt am Ende wirklich etwas, weil nur das von Dauer sein wird. Ich will es einmal so erklären: Wenn ich in meinem ganzen Leben auch nur zwei Menschen von der Richtigkeit unserer Ideale überzeugen kann... und von denen jeder ins seinem ganzen Leben wieder nur zwei andere Menschen überzeugt, und so weiter... dann habe ich in ein paar tausend Jahren die gesamte Welt verändert! Nur bin ich schon lange nicht mehr allein, das heißt, es wird wohl letztlich um einiges schneller gehen.“
Frage:
„Letzte Frage... was muss jemand tun, wenn er eure Ansichten und Methoden gut findet und es euch gleichtun will?“
Wächter:
„Er muss letztlich nichts weiter machen, als zu erkennen, dass Freundschaft und die Ideale von Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Freiheit über allem anderen stehen sollten. Das heißt, natürlich muss er auch sein eigenes Überleben sichern... aber alle Bedürfnisse, die darüber hinaus gehen, sollten, bevor man ihnen nachgeht, erst einmal daraufhin geprüft werden, ob sie nicht vielleicht mit den Bedürfnissen anderer Menschen kollidieren und diesen eventuell gar Schaden zufügen würden... des weiteren darf es natürlich nichts geben, was einen veranlassen würde, einen Freund zu vernachlässigen oder ihn von irgendeiner Unternehmung auszuschließen. Wer sich dadurch eingeschränkt fühlt und sich anderen gegenüber nicht verpflichtet fühlen will, der kann natürlich auch als Einzelgänger unseren Weg gehen und die Ideale verbreiten, die ihm und uns am Herzen liegen... aber er darf dann eben auch nicht andere als Freunde bezeichnen, wenn er nicht auch alles für sie tun würde. Denn das wäre weder ehrlich noch aufrichtig. Es gibt ja einige Menschen, die damit ein Problem haben, sich ihren Freunden gegenüber zu irgendetwas verpflichtet zu fühlen. Doch dabei übersehen sie meiner Meinung nach völlig, dass sie durch eine enge Freundschaft eigentlich nichts verlieren, sondern bloß an Stärke, Handlungsmöglichkeiten und Sicherheit gewinnen können. Nur sind leider viele Menschen so egoistisch erzogen worden, dass sie es bereits als unzumutbar empfinden, auf eine Fernsehsendung zu verzichten, um einem Freund, dem es langweilig ist, Gesellschaft zu leisten... Doch was ist das schon für ein Verlust, im Vergleich zu dem, was man dafür zurückbekommen würde? Was ist schon eine verpasste Fernsehsendung im Vergleich zu der Gewissheit, dass die Freundschaft zu einem anderen Menschen noch ein wenig enger und das gegenseitige Vertrauen noch stärker geworden ist?
Viele wollen das einfach nicht erkennen...aber egal, sie werden es irgendwann. Denn um das und viele andere Dinge zu ändern, sind wir ja schließlich da. Und wir werden etwas verändern, da kann ich jedem der dies hier liest, mein Wort drauf geben! Jeder, der mitmachen will, trägt seinen Teil dazu bei, dass die Veränderungen schneller kommen werden. Und wie gesagt, es ist ja nicht so, dass man deswegen auf etwas verzichten müsste, weil man für seine Ideale eintritt. Man hat vielleicht etwas weniger von den ganzen tollen Sachen, die uns die Fernsehwerbung als Allheilsbringer und Glücklichmacher verkaufen will. Aber was man dafür erhält... nämlich die Freundschaft oder den Respekt vieler Menschen, und vor allem die Gewissheit, am Ende seines Lebens noch in den Spiegel schauen zu können, ohne sich angeekelt abwenden zu müssen... ist ungleich mehr wert. Ich hoffe, dass dies noch viele Menschen da draußen erkennen und dann auch die nötigen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis ziehen werden!“
Nun, bleibt noch, mich für das interessante Gespräch zu bedanken, und den Lesern zu versichern, dass dies nicht das Wunschdenken eines notorischen Weltverbesserers ist, sondern dass Menschen wie diese Wächter wirklich existieren. Sie leben unter uns, und man wird in Zukunft auf sie zählen können... denn ihr Wort ist für sie verpflichtend, und Freundschaft ist ihnen heilig. Ich bin froh, sie gefunden zu haben. |