"Wie sieht denn diese Vollkommenheit letztendlich aus? Und wie kann es ein Endprodukt geben, wenn die Seele doch ewig ist?"
Gut, um meine Definition von Seele zu benutzen: Der Atman/das Selbst ist in der Tat ewig, wird aber auch nicht von Erfahrungen und Karma beeinflusst, da es ja wie gesagt, vollkommen ist.
Die Erfahrungen und die Aktionen, welche uns im Kreislauf halten, sind damit nicht Bestandteil des Selbst/der Seele, sondern sind Eindrücke, welche an diesem Selbst haften (kennst ja sicherlich das Prinzip mit den fünf Hüllen). Jene Eindrücke und Erfahrungen sind es, die vervollständigt werden müssen, um letzten Endes die Vollkommenheit zu erfahren/zu erstreben, die ja schon immer in uns steckte, nämlich als das Selbst/die Seele in seiner reinen, ewigen Form.
Es ist eine Vollkommenheit der Erfahrungen (durch unzählige Inkarnationen hinweg), welche der Selbsterkenntnis vorausschreitet, die daraus besteht, zu erkennen, dass deine innere Natur bereits vollkommen ist.
"Wenn man in bhakti-yoga beschäftigt ist, lassen persönliche, egozentrische (gleich welcher Natur) Absichten allmählich nach. Wenn man diesen Vorgang ernsthaft betreibt, übernimmt Krishna die restlichen Karma-Reaktionen, sodass man aus dem Kreislauf befreit wird. In der Bhagavad-Gita sagt Krishna, man könne ihn eben nur durch Bhakti erkennnen (18.55), nicht durch mentale Spekulation."
Nun gut, das sind Aussagen deines Glaubens, deiner Schrift(en) und deines Gottes.
Traditionsbewusste Christen sagen, man müsse Jesus als Retter akzeptieren, um erlöst zu werden.
Ist so ungefähr dasselbe.
"Damit wäre die Spiritualität zu einem Teil der materiellen Welt herabgewürdigt, was sie aber nicht ist."
Nein, wäre sie nicht. Spiritualität ist das gesamte, das, was beide Pole umfasst, sowohl materieller als auch total "besessener" Herkunft. Ist doch in etwa dasselbe, wie die Lehre, die Buddha verbreitet hatte: Er hatte den extrem-spirituellen Pol einfach als das Asketentum und das totale Entsagen von weltlichem Einfluss dargestellt. Ich sehe da nicht einen allzu grossen Unterschied, denn in der Moderne werden Asketen durch solche Glaubenssysteme ersetzt, die einem auffordern, total den menschlichen Wünschen und Vorstellungen zu entsagen.
Da das bei den Vaishnavas aber offensichtlich nicht der Fall ist, kann ich mich halbwegs mit deiner Ansicht anfreunden.
"Viele Vaishnavas sind verheiratet, sind im Berufsleben tätig, gehen auf Festivals."
Siehe da, da stecken auch persönliche Absichten dahinter. Das ist doch genau das Problem mit dieser Lehre: Du sagst, Krishna würde die von diesen persönlichen Absichten produzierten, karmischen Reaktionen übernehmen. Man muss ihn aber zuerst als die einzig wahre Persönlichkeit Gottes akzeptieren. Ist in etwa dasselbe wie die Christen, welche widerrum sagen: Man MUSS Jesus (und keinen anderen Propheten) als Retter annehmen, um erlöst zu werden. Hier ist es einfach Krishna statt Jesus.
Bei jedem anderen Gott oder jedem anderen, spirituellen Ursprung, an den man glaubt, "wäre das natürlich nicht der Fall".
Da würden dann natürlich wieder karmische Reaktionen entstehen.
Super ausgeklügelt, das System.
"Was sind das bei dir für Erfahrungen?"
Ich habe in meiner Vergangenheit vielseitige Erfahrungen gemacht, die auch in deinem Sinne negatives Karma erzeugen würden oder vielleicht auch taten. Sei das mit Drogen, mit an Kriminalität angrenzenden Aktionen, etc. Und auch wenn ich das heute nicht mehr nötig habe, kann ich sagen, dass ich keine einzige dieser Erfahrungen bereue, sondern dass ich sogar dankbar für sie bin. Denn erst durch sie bin ich innerlich gewachsen.
Ausserdem reise ich sehr viel und gerne, um mehr von der Welt, den verschiedenen Kulturen, und auch den verschiedenen Lebensphilosophien zu lernen (wenn ich auch noch etwas jung bin, um schon überall in der Welt herumgekommen zu sein).
"Meine Erfahrungen (auch Freundin ) stärken mich eigentlich nur in meiner Überzeugung, dass das Menschsein unbezahl ist, ein Sprungbrett in die spirituelle Welt."
Gut, da sind wir uns ja einig!
Gruss Raffis