@reh: die von dir gegannten beispiele gibts aber durchaus noch, sagt mir zumindest meine erfahrung in meinem umfeld.
@topic:
Bei mir beginnt die Trauerarbeit erst mal mit ner Art Schockzustand/Fassungslosigkeit. Diese "hä, warum das nun?"-Frage. Das ist wohl auch allgemein die erste Phase der üblichen Trauerprozesstheorien. Egal ob nun Trennung, blöde Erlebnisse auf Arbeit, Versagen bei Klausuren, Todesfall usw. usf.. Je nach Trauergrund kann das bei mir zwischen Minuten und ein paar Tagen andauern.
Und je nach Trauergrund werden dann darauffolgende übliche Phasen von Trauerprozesstheorien übersprungen oder auch vermischt. Bzgl. "Problemen" auf Arbeit kommt dann recht schnell Wut in mir auf (Wut auf mich und/oder auf denjenigen der am Problem beteiligt war) gepaart mit dem Analysieren warum das passiert ist und inwiefern ich dazu beigetragen habe. Bzgl. Trennungen von Partnern ist das ein bisschen anders. Da kommt bei mir keine Wut sondern eher "Verzweiflung", wobei das Wort das Gefühl nicht ganz trifft. Es beginnt dann die Phase in der ich verstärkt Freundschaften aufsuche oder alte Kontakte wieder belebe. An der Stelle rede ich viel und offen, schreibe viel und offen und rede und schreibe mir quasi meine Seele und mein Gewissen frei. Das geht dann mit Unmengen von Analysen einher, wobei ich diese Probleme immer als solche begreife, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Und mathematisch akribisch geh ich dann an die Lösungsfindung. Parallel dazu suche ich mir aber auch Rückzugsräume, nabel mich von außen, bzw. von dem was mir in dem Moment nicht primär wichtig erscheint völlig ab. Bei Todesfällen gab es bislang nichts groß zu analysieren (alles "normale" Todesfälle, bei Suiziden im näheren Umfeld wär das vermutlich anders, bei Tod durch Unfall würde wohl eher eine allgemeine Wut aufkommen), von daher bleibts im Erinnerungen schwelgen und einfach zurückgezogen traurig sein. Wobei in diesem Fall die Trauerphase relativ kurz gehalten wird mit der "richtigen" Einstellung zum Leben und zum Tod.
In der nächsten Phase werd ich dann meistens arbeitswütig. Während bei anderen die Verdrängung oft gleich nach der ersten Phase kommt, kommt die bei mir erst später, wenn ich den Halt von Freunden habe, genug geweint habe, Lösungen gefunden habe und für mich selbst beschließe "Nun ist Schluss damit, du musst weiter leben". Das waren dann die Phasen in denen einer meiner Ex-Arbeitgeber unendlich begeistert von mir war weil ich mich ja "so engagiert habe" und oftmals 10-15 Stunden Tage geschoben habe und in der Zeit auch wirklich verdammt gute bzw. überdurchschnittliche Leistungen erbracht habe. Das sind dann auch Zeiten in denen ich eine verdammt saubere Wohnung habe weil ich am "Erinnerungen weg putzen" bin.
Und ab da kommt bei mir der am stärksten ausgeprägte Punkt der Verdrängung: Auslöschen sämtlicher Sachen die mit dem Grund der Trauer zu tun haben. Am Beispiel einer gescheiterten Beziehung wäre das völliger Kontaktabbruch, das "Wegputzen von Erinnerung(sgegenständen)" usw.
Und irgendwann beginnt das Leben wieder normal zu verlaufen. Meistens dann, wenn eine neue Tür aufgeht. Und mit genug zeitlichem Abstand kann ich über erlebte Sachen die Grund zur Trauer waren dann relativ emotionlos reden. Nicht nur emotionslos reden, sondern emotionslos dahingehend sein - Phase der Gleichgültigkeit und damit wirklich Abschluss der Trauerarbeit.
Im großen und ganzen funktioniert das bei mir. Zumindest habe ich bei keinem Anlass der zur Trauer bestand jetzt im Nachhinein das Gefühl dass noch etwas zu klären sei. Es ist einfach durch, gegessen, vorbei.
@traurige Musik: Ja, vorallem in der zweiten Phase in der starke Gefühle mitspielen. Ich will mich da auch nicht zwingen extra fröhliche Musik zu hören, sondern ich will mich den Gefühlen hingeben, sie ausleben. Und dazu gehört auch Musik. Es ist dann die Zeit in der ich mich und meine Gefühle in irgendwelchen Songtexten wiederfinde - bla. Zum Glück endet diese Phase irgendwann und ich weiß auch das sie endet, vllt "traue" ich mich deswegen mich dieser Phase wirklich hinzugeben und sie zuzulassen. Bzw. ich hab gar keine andere Chance als mich den Gefühlen hinzugeben, aber das ist ne andere Geschichte. In der darauffolgenden Phase, in der arbeitswütigen Verdrängungsphase, schlägt das dann aber schlagartig um.
@Selbstmitleid: das seh ich wie mizu, das darf es ruhig geben. Warum auch nicht? Das ist ja in gewisser Weise auch Selbstpflege. Passt schon. Teil von Phase zwo.
@absolute Verdrängung: Mir ists relativ egal wie andere Menschen trauern und wie sie und wann sie und ob sie überhaupt verdrängen. Als Außenstehender finde ich es aber immer einfacher demjenigen zu helfen wenn er sich seinen eigenen Gefühlen und seinem (nahen) Umfeld öffnet, als wenn er sich verschließt und es versucht mit sich allein auszumachen. Wobei es sicherlich Menschen gibt die es gar nicht anders können oder es sich auch nicht getrauen die Fassung zu verlieren, sich anderen zu öffnen. Manchmal denke ich dann "Versuchts doch wenigstens einmal. Wenn es nicht klappt, dann könnt ihr es beim nächsten Trauerfall ja wieder wie gewohnt machen, aber versuchen kann man es". Ich hab auch das Gefühl, dass die Menschen die sich dann verschließen und "absolut verdrängen" kalt werden mit der Zeit. So abgeklärt, ja fast unmenschlich. Denn Gefühle gehören ja irgendwie zum Mensch-sein dazu. Zumindest für mich.
Gabs jetzt noch ein Thema das angeschnitten wurde? Ich glaub nicht
