Hiho.
Also ich habe ein Jahr lang in einer psychatrischen Einrichtung gearbeitet als Zivi, und ich habe mich monatelang mit Menschen auseinandergesetzt, die schon einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich hatten.
Und in diesem Zusammenhang die Worte feige oder mutig zu verwenden ist total hohl.
Ist es Mut , als Kamikazeflieger in einen gegnerischen Flugzeugträger zu fliegen ?
Ist es Feigheit , doch nicht zu springen, weil die Familie dann eine Geldstrafe vom Staat bekommen würde? ( Gültiges Gesetz in Japan als Konsequenz auf die hohen Selbstmordraten )
Ist denn der Amokläufer mutig, der erst andere und dann sich selbst erschiesst ?
Ist der Mensch mit einer tiefsitzenden Depression denn feige, nur weil, nachdem er sich die ersten paar Pillen reingepfiffen hat, doch noch irgendwo sein Selbsterhaltungstrieb einsetzt?
Sprechen wir von Suizid, ist das noch ein relativ neutraler Ausdruck.
Der Selbstmord ... da steckt ja das Wort "Mord" drin, der Selbstmörder ist also ein Straftäter, und gehört in den Knast ( wenn das ginge ?! )
Der Freitod, oder Heldentot, er war mutig und frei und wahrte sein von Gott gegebenes Recht auf Selbstbestimmung bis zuletzt.
Zu den Leuten hier die sagen: "Ey Selbstmord ist so feige, ich kann das Verhalten nicht nachvollziehen, es gibt doch genug Menschen die helfen wollen", kann ich nur sagen, ich kann nicht mal nachvollziehen wie ihr auf so einen Schluss kommt.
Wenn man nur eine Sekunde überlegt, muss einem doch klar werden, dass der Suizid für diese Menschen trotz allem die letzte Konsequenz ist.
In einem Grossteil der Fälle ist eine bestimmte schwere Depression oder eine andere Form der Psychose die Ursache für einen Suizid.
(Ich klammer hier jetzt mal den Suizid aus, der folgt nach einem schweren Schicksalsschlag, wie zum Beispiel der Unfalltod der Familie, oder das eigene entstellte Gesicht nach einem Brand, denn das sind nur 5-10 % !
Hier ist eher die Ursache ein plötzliches Verlieren der Lebenslust, ein Riesen-Schwall von Melancholie, provokant ausgedrückt, die "Flucht" vor diesem neuen und schmerzhaften Zustand.)
In gewisser Weise determiniert diese Krankheit also nicht nur den Suizid, sondern das komplette Verhalten.
Diese Menschen sind psychisch krank und brauchen Hilfe.
Sie besitzen eine verzerrte Wahrnehmung der Realität. Die Lösungsstrategien, die jedem "vernünftigen" Menschen einfallen, können einem kranken Menschen durchaus ziemlich unlogisch und an den Haaren herbeigezogen vorkommen.
Und nicht jedem kann geholfen werden, leider.
Bisschen abstrakter kann man das damit vergleichen, wenn ihr eurem Stockbesoffenen Kollegen sagt, er soll keine Scheisse an dem Abend bauen, er soll nicht so viel flirten, er habe schliesslich ne Freundin, und den Wagen soll er selbstverständlich auch stehen lassen.
Ob er sich daran hält, ist dahingestellt, denn seine Wahrnehmung ist auch eingeschränkt, wenn nicht völlig daneben.
Am nächsten Morgen, mit dem Kater, wird ihm wohl klar werden wie daneben er sich benommen hat, doch an dem Abend hat er noch und heilig geschworen, er sei überhaupt nicht betrunken

Doch bei den Suizidkandidaten kommt diese Erkenntnis nicht am nächsten Morgen.
Nur mit viel Feingefühl, mit Zuneigung und Vertrauen wird die Hilfe, die man anbietet, auch Erfolg tragen. Oder vielleicht auch nicht, vielleicht war die Depression zu stark, die Umstände zu hart, das Leben zu verpfuscht, das Selbstwertgefühl zu sehr am Boden.
Woher diese psychische Krankheit letztendlich rührt, die letztendlich zum Suizid führt, kann auch eine Vielzahl von Ursachen haben.
(Sexueller) Missbrauch in der Familie, eine Vergewaltigung durch Unbekannt mit anschliessender Schwangerschaft, das Nie-gezeigt-bekommen von Liebe in der Familie, die Möglichkeit, nie seine Talente, Fähigkeiten, seine Kreativität und Gaben ausgelebt und gefördert zu haben, können eine Ursache sein.
Als Fazit kann ich nur für mich persönlich sagen:
- selber Suizid, Never, dafür bin ich ein viel zu positiver und lebensfroher Mensch
- dass das ne schwere Situation ist, ist schon klar, doch man sollte Verständnis zeigen, für die Menschen, ohne sie weder in ihrem Verhalten zu bestärken noch ihnen Vorwürfe machen, denn das könnte sie ja wie gesagt noch mehr zu ihrem Suizid hintreiben
- verstehen, mitfühlen, helfen wo es nur geht
@ die Leute, die gerne "in die Köpfe ihrer Bekannten/Freude/Verwandten gucken würden, um zu verstehen, was darin vorgegangen sein muss":
Dazu muss ich immer an die Zen-buddhistische Weisheit denken:
Wie hättest du dich genau in diesem einen Moment entschieden, wenn du genau dasselbe Leben wie diese Person geführt hättest, mit all seinen vermeintlichen Schicksalsschlägen und Glücksmomenten? Was hättest du gedacht/gefühlt ?
@ die Leute, die das als Flucht vor ihrem Karma bezeichnen:
Beim Karma gehts nicht um Strafe. Es geht nur um die Erfahrung. Und wenn du wie gesagt an einer schlimmen Depression leidest, auf grund von schrecklichen Dingen aus deiner Kindheit zum Beispiel, dann könnten dir diese Dinge vielleicht sogar zugestossen sein, weil du in deinem früheren Leben ein fieser Typ warst. Aber wenn du heute nicht damit umgehen kannst, wirst du wohl kaum in deinem nächsten Leben schon wieder in der nächsten Kinderschänder-Familie wiedergeboren, nur um nicht wieder damit umgehen zu können. Und du bist dann frei, wenn du ein ganzes Leben trotzdem mit erhobenem Haupt schreitest ?
@ was kann ich dafür, dass mein früheres Ich in einem früheren Leben scheisse gebaut hat?
Du kannst nix dafür, jetzt gilt es das auszulöffeln und besser zu machen

Es erklärt nur, wo die Gerechtigkeit bleibt. Karma = universelle Gerechtigkeit
So far