Ich weiß nicht so recht, was ich dir antworten soll. Aber ich hab eine kleine Geschichte aus meinem eigenen Erfahrungsschatz für dich, in der vielleicht ein paar Antworten stecken:
Ich habe vor ein paar Jahren jemanden kennengelernt, zwischen uns war von Anfang an so ein Zauber. Irgendwie hat einfach alles gestimmt. Zuerst haben wir beide diese Nähe, die einfach direkt da war zwischen uns, als ganz großes Gefühlskino angesehen und waren dann auch erstmal zusammen. Das war eine einzige Katastrophe... Nach ner (ziemlich kurzen) Weile haben wir uns dann wieder getrennt.
Danach war es umso schwieriger, mit dieser Nähe, die durch die Trennung keinen Abbruch bekommen hat - im Gegenteil-, umzugehen. Die Frage nach dem >Was ist das zwischen uns?< stand immer irgendwie im Raum. Es fühlte sich an wie zusammengehören, aber nicht zusammensein können.
Ich erinner mich an Momente, in denen es mir schlecht ging. Das Telefon klingelte und er sagte nur: >Was ist los? Ich hatte so ein komisches Gefühl. Alles in Ordnung bei dir?<. Und er lag immer richtig. Und das auch, wenn wir vorher zwei Wochen oder so keinen Kontakt hatten (will sagen: er konnte es definitiv nicht an meinem Verhalten abgelesen haben).
Umgekehrt war es ähnlich. Es ziept irgendwo und man weiß: Ich sollte mich bei ihm melden, irgendwas ist nicht in Ordnung.
Über die letzten Jahre war das zwischen uns immer ein Kommen und Gehen. Mal klebten wir unglaublich viel aneinander, mal gab es ewig keinen Kontakt.
Interessant ist irgendwie (und das ist etwas, was mir erst sehr spät aufgefallen ist), dass ich ihn besser kenne, als irgendjemanden sonst, aber superwenig über sein Leben weiß. Sein Inneres ist mir absolut vertraut, aber von seinem Alltag hab ich nur nen groben Eindruck. Das war irgendwie nicht wichtig zwischen uns, was der andere so macht. Wurde auch seltenst thematisiert.
Das schlimme daran war irgendwie immer, dass ich glaubte, in ihm so eine Art >Überliebe< entdeckt zu haben. Das klingt vielleicht erstmal großartig, ist es aber ganz und garnicht. Denn mit ihm konnte ich ja nicht zusammen sein. Aber jeder Versuch, eine Beziehung mit einem anderen einzugehen, scheiterte im Endeffekt (u.a.) daran, dass ich mich nie auf jemanden einlassen konnte, weil ich wusste: Mit ihm ist alles besser, größer, intensiver. Jedes Gefühl, dass ich für einen anderen Menschen als ihn hatte, erschien mir klein und nichtig. Zu manchen Zeiten sogar völlig wertlos.
Irgendwann haben wir uns darauf geeinigt, keinen Kontakt mehr zueinander zu haben. Dieses Vorhaben hat immer wieder Einbrüche erlitten. Denn wenn man das Gefühl hat, dass beim anderen irgendwas nicht stimmt, ist es alles andere als leicht, sich nicht bei ihm zu melden.
Zuletzt haben wir letzten Sommer miteinander gesprochen. Seitdem gabs nicht mehr wirklich Kontakt. Und ich merke, wie ich mich seitdem von ihm gelöst habe. Wenn es mir früher schlecht ging, dachte ich immer, ich würde ihn brauchen, um wieder auf den Damm zu kommen. Heute weiß ich, dass ich das locker ohne ihn kann.
Das klingt jetzt zunächst einmal alles so, als würde ich die These der Seelenverwandtschaft bejahen. Aber das tue ich nur teilweise. Früher war ich der Überzeugung, dass das zwischen uns sowas wie Seelenverwandtschaft sei. Aber heute denke ich, dass es nicht mehr und nicht weniger als zwei Menschen, zwischen denen etwas stimmt, ist.
Seelenverwandtschaft würde in meinen Augen bedeuten,
ein Leben lang an jemanden gefesselt zu sein. Sich nie mehr auf jemanden anderen einlassen können. Und ich kann dir sagen, dass ich ne ziemlich lange Weile glaubte, er wäre der einzige Mensch auf dieser Welt, der mir meine Liebe wert ist. Und das ist so ein verdammt unsinniger Gedanke. Das ist ein Gedanke, mit dem man sich einfach wirklich alles verbaut. Man verlernt teilweise völlig, Bindungen zu anderen einzugehen, weil man ihren Wert nicht erkennen kann. Und ich glaube nicht, dass das alles passiert, weil man
wirklich seelenverwandt ist, sondern vielmehr weil man Unmengen in sowas reininterpretiert. Denn es passiert nunmal tatsächlich nicht alle Tage, dass man jemanden trifft, mit dem alles passt. Der einem von 0 auf 100 so wichtig ist, wie vielleicht zuvor noch niemand anderes. Und da steigert man sich schnell rein.
Nach so vielen Jahren hin und her mit ihm, habe ich mittlerweile auch nen viel klareren Blick für gewisse Dinge zwischen uns. Es gab beispielsweise für mich eine Situation, in der ich (wage) vermutete, schwanger zu sein. Und er sagte nur: >Du bist nicht schwanger. Wenn du es wärst, würde ich das wissen.< Und von einer Sekunde auf die andere war ich total ruhig.
Und jetzt mal ehrlich: Das ist doch völlig unsinnig. Also, ich meine, heute könnte mir keiner mehr daherkommen und mich in so ner Situation mit - das muss man einfach hier mal sagen - inhaltlich so völligem Schwachsinn beruhigen. Ein einfaches >Ich bin für dich da, egal, wie diese Sache ausgeht< ist in meinen Augen wesentlich mehr wert, als so ne stumpfe Behauptung. Aber damals glaubte ich so fest an ihn und an das, was er sagt, dass ich - auch wenn ich mir da schon der Unsinnigkeit seiner Worte bewusst war - ihm einfach vertraute.
Was ich dir eigentlich sagen will: Behandle solche großen Begriffe mit Vorsicht. Mag sein, dass es zwischen euch besonders ist. Genießt das. Sowas kann Grundlage für eine wirklich gute Freundschaft sein. Aber ich würde es mit Vorsicht genießen. Denn sobald man mal beginnt, in eine großartige Sache sowas >übermenschliches< hineinzuinterpretieren, kommt man da nur schwerlich wieder raus. Das sage ich jetzt zum einen aus den Erfahrungen, die ich damit gemacht habe, und zum anderen, weil ich mich auch schonmal ein bisschen intensiver mit der Thematik beschäftigt habe. Irgendwann bin ich nämlich an den Punkt gekommen, an dem ich wusste, dass es so nicht weitergehen kann. Und habe mich gefragt, wie ich mich von ihm lösen kann.
Das Traurige daran ist, dass ich mir im Nachhinein denke, dass ich gerne mit ihm befreundet wäre, weil es einfach so ein unglaublich großes Verständnis zwischen uns gibt. Aber dadurch, dass wir beide uns da irgendwann in den Kopf gesetzt haben, dass das zwischen uns das eine große auf dieser Welt ist, geht das alles irgendwie nicht mehr. Zurückgehen ist einfach nicht möglich. Deshalb mussten wir wohl diesen Cut machen.
Interessant ist irgendwie auch, dass ich diese Geschichte in allen möglichen Versionen erzählen kann: in der traurigen, in der tragischen, in der schönen, in der, in der wir beide als Verlierer dastehen.. oder eben auch mal als Gewinner. Oft haben diese Versionen nicht viel miteinander gemein. Aber das macht sie nicht weniger wahr, es zeigt nur, wie facettenreich und intensiv sowas sein kann.
Ich formuliers abschließend mal so: Mag sein, dass es sowas ähnliches wie Seelenverwandtschaft gibt. Aber in meinen Augen ist das eine so gefährliche Sache, dass man damit sehr bedächtig umgehen sollte.
Was ich erzählt habe, ist eine Geschichte unter vielen. Eine Möglichkeit, wie sowas laufen kann. Du siehst, bei mir überwiegt die negative Erfahrung, weil irgendwann sowas wie eine Abhängigkeit bestand. Aber ich will nicht ausschließen, dass sowas auch einen sehr großartigen Verlauf nehmen kann. Wer weiß

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