Sich selbst als psychologe zu bezeichnen scheint ein trend zu sein. Aber jeder, der einmal reale psychologische oder psychiatrische hilfe in anspruch genommen hat, oder selbst psychologie studiert, oder vllt auch nur jmd kennt der eines von beiden ist, weiß wie anmaßend es von den meisten ist, sich selbst als psychologe, oder das was sie tun als psychologische beratung zu bezeichnen.
Mal ein paar vergleiche genannt, die verdeutlichen sollen was ich meine. Wenn man einen ikea schrank zusammenbauen kann, kann man sich noch lange nicht als schreiner bezeichnen. Nicht jeder der in der lage ist mittels html eine homepage zu basteln, kann sich programmierer nennen. Ist klar worauf ich hinaus will?
Die psychologie als solches, ist ein wissenschaftliches feld. Psychoanalyse, als (eventuelles teilgebiet der psychologie) hingegen ist sehr umstritten und auch im studium ist psychoanalyse nur ein kleiner teil, meistens wird sie gar nicht explizit gelehrt, sondern lediglich freudsche oder moderne theorien selbiger.
Wieder ein vergleich. Nur weil ich soziologische theorien der gegenwart kenne, bin ich kein soziologe. Nur weil ich das gebiss vom hund in der 7. klasse gelernt habe, bin ich kein tierarzt. Nur weil ich theorien der theateranalyse kenne, bin ich noch kein analytiker.
Wir hatten neulich in einem theorie seminar die diskussion über praktiker und theoretiker. Kann man das eine sein, ohne das andere zu sein? Ist man ein besserer praktiker, wenn man der theorie mächtig ist und kann man überhaupt praktiker sein ohne die theorie zu kennen? Kann man alle aktuellen und historisch wichtigen theorien kennen? Was taugt ein theoretiker der keine praktischen erfahrungen hat? Ist jmd der beides in sich vereint besser, als 2 die sich gegenseitig ergänzen? Usw. und die frage ist was hobbypsychologen überhaupt sind.
Nehmen wir mal chirurgen die kosmetische eingriffe vornehmen. Man hört ja ab und an in boulevardmedien von selbsternannten schönheitschirurgen, die agieren, ohne jemals einen doktortitel erworben zu haben. Was ist dein gefühl wenn du so etwas hörst? Beschleicht dich unbehagen dass du auch mal an so einen geraten könntest?
In einem forum wird oft nach rat gefragt. Es gibt ein problem, vllt mit der familie, vllt mit der liebe, vllt mit mobbing. Und manchmal wird ein forum „benutzt“ um sich einfach mal alle gedanken aus dem kopf zu schreiben. Dabei geht es vllt nicht primär um die reaktionen. Da geht’s manchmal nur darum all die gedanken aufzuschreiben, sie wieder und wieder zu lesen, durch andere gedanken zu ersetzen und sie dadurch vllt zu ordnen. Dann kommen user die können vllt zu einem teil der gedanken etwas sagen, weil sie ähnliches auch schon mal erlebt haben und dem user dann sagen können wie sie damit umgegangen sind. Oder sie kennen jmd mit einem ähnlichen problem und können aus sicht des dritten sagen wie derjenige damals damit umgegangen ist und ob das nur vorteilhaft war, oder ob man etwas anders hätte machen können.
Es gibt menschen, die haben von natur aus ein unwahrscheinlich gutes gespür für menschen. Hier im forum gibt es einige davon. Das drückt sich dann durch einfühlungsvermögen aus, dadurch wie sie nachfragen, wie sie verständnis zeigen, wie sie sich einfühlen können. Und daraus resultieren können sie gut rat geben und so etwas wie ein vertrauensverhältnis aufbauen. Aber „psychologische beratung“ geben auch sie nicht. Sie schaffen es einfach nur sich einzufühlen und können dann formulieren wie sie in der situation handeln würden. Und das ist gut! Das ist hilfreich. Mit solchen usern und solchen posts ist dem user der ein problem hat wirklich geholfen. Er sieht dass er nicht allein ist, dass er verstanden wird und dass ihm lösungswege aufgezeigt werden. Und nun kommen wir an den punkt, an dem sich wohl die geister scheiden und wir sind da, wo ich bei absatz 1 angefangen habe. Für mich persönlich, gehört zu einer psychologischen beratung auch fundiertes wissen über die theorie der psychologie und reale praxiserfahrung. Ist dies vorhanden kann man auch von „psychologischer beratung“ sprechen. Ist dies nicht vorhanden, dann hat man einen menschen vor sich der gern mit menschen zu tun hat und gern nachforscht was dahinter stecken könnte, wenn ein problem genannt wird. Im optimalen fall hat man es dann mit so einem menschen zu tun wie ich sie oben beschrieben habe, mit einem menschen mit einem guten gespür für menschen.
Und dann unterscheide ich persönlich noch zwischen der art der probleme. Es gibt problemthreads, da liegt das problem für außenstehende auf der hand. Das ist zB so bei pubertärem gefühlschaos, jeder der die pubertät hinter sich gebracht hat kann da ziemlich schnell sagen „ach du, ja, so ging mir das damals auch“. Vereinfacht ausgedrückt. Und dann gibt es problemthreads, die sind derart komplex aufgebaut, dass es schlichtweg unmöglich ist aufgrund eines posts zu sagen was los ist. Dann muss man halt noch mal nachfragen, noch mal genau abklären, noch mal nach hintergrundinformationen fragen um sich damit dann auf den user und sein problem einlassen zu können. Sich einfühlen zu können.
Und um mal konkret zu werden. Das ist in dem loser thread nur genau einmal passiert und das war von mephisto. Er hat nachgefragt und hat versucht hintergründe herauszufinden. Und von cassandra kam dann die einfühlende komponente. Und von anderen wieder kam gleich die analyse schlechthin, da wurden angststörungen diagnostiziert. Und damit wurde der vergessliche dann allein stehen gelassen. Da gabs eine liste mit sachen vor denen er angst hat. Einfach so hingeknallt. Das ist so als ob man zum allgemeinarzt gehen würde weil man ständig husten und atemnot hat und der erklärt einem dann „sie haben astma“ und sagt einem aber nicht was man dagegen nun tun kann. Und an der stelle erkennt man dann diese hobbypsychologen vor denen ich gerne warne und die ich persönlich so absolut nicht ausstehen kann. Es bringt niemandem etwas wenn einem eine diagnose oder eine analyse von einem laien hingeknallt wird (die auch noch falsch sein kann!), der dann nicht sagt worauf er die begründet und der dann nicht mal ein fazit ziehen kann in form von „lösungsansatz“ bieten. Und das unterscheidet diese hobbypsychologen auch von brauchbaren realen. Ein psychiater oder psychologe hat irgendwie auf ganzer linie versagt wenn er seinem patienten zwar allerhand sachen aufzählen kann die gestört sind, aber wenn er dann keine hilfe anbietet oder lösungswege aufzeigt, hat er in meinen augen versagt.
Ein guter psychologe, der sich in meinen augen auch als solcher bezeichnen kann, vereint beides. Zum einen natürlich ein gewisses theoretisches wissen, zum anderen aber auch das einfühlungsvermögen und die bereitschaft lösungswege darzulegen. Das muss nicht so aussehen dass derjenige sagt „du musst nun das oder das tun“. Sondern wirklich elegant wird es, wenn im dialog zusammen ein lösungsweg gesucht und gefunden wird, und der der berät, dem anderen hilft sich selbst zu helfen. Ihm hilft selber auf ursachen zu stoßen, selber auf lösungswege zu stoßen. Das kann, meiner meinung nach, meistens nur im dialog passieren, real oder virtuell. Von daher glaube ich, dass einem forum natürliche grenzen gesetzt sind was die verwirklichung von psychologischer beratung/hilfe angeht.
Also fazit: ich glaube die möglichkeiten in einem
forum wirklich
psychologisch zu beraten sind eher beschränkt. Zum anderen traue ich niemanden der von sich selbst sagt „ich bin psychologe oder psychoanalytiker“. Das weckt bei mir persönlich immer sofort misstrauen.
irgendwie hatte ich vor mehr zu schreiben, aber mir ist irgendwann im laufe des tages n bissl was dazwischen gekommen

(glück gehabt

)
edit. um noch mal herauszustellen. ich habe nichts direkt gegen menschen die von der psyche des menschen fasziniert sind und sich damit gern in der freizeit beschäftigen. ich finds sogar gut wenn man sich beließt und sein wissen dann in einem anonymen forum "irgendwie erprobt". aber was mir immer sehr unangenehm aufstößt ist diese selbstverherrlichung und selbsteingenommenheit die bei diesem trend oft auftritt. ich würde trotz psychologie studium, trotz großem privaten interesse und trotz realer erfahrungen, und wer mit mir per chat zu tun hat und mich gerade deswegen vllt ab und an um rat fragt wirds wissen, mir niemals anmaßen mich selbst als psychologe oder als psychoanalytiker darzustellen. ich sag immer "joa, ich interessier mich dafür, les gern darüber, bin im 2. semester, also erwarte bitte nix professionelles, ich erzähl lieber einen schwank aus meinem
erfahrungsschatz". und bislang kam ich damit besser als die meisten die groß tun und sich laut als psycho irgendwas auftun. die chance etwas kaputt zu machen ist einfach zu groß. viel zu groß. und in meinem wortschatz gibt es die worte "vermutlich" und "vielleicht", die fehlen dem ein oder anderen selbst ernannten psychologen leider. wenn ich im forum zb hhai oder krashok frage, was das sein kann, dass mein knie sporadisch weh tut, dann formulieren diese ihre antwort auch so "joa, das hatte ich auch mal, bei mir war es lt. facharzt XY,
vielleicht ist es das bei dir auch. geh mal lieber zu nem richtigem arzt".