Normalerweise habe ich mit Poetry weniger am Hut. Aber ein ähm weibl. Icq-Buddy hat mir das mal geschickt. Hat was, wie ich finde.
Gewinner Poetry Slam 22 (Oktober 2004)
M.Sarim Verrolet
Martin hat den Charme einer zwölfköpfigen Drückerkolonne an einem Sonntag
morgen, nur ohne die original mundgemalten Postkarten im Schlepptau.
Zuerst haben wir geredet, ganz zwanglos/belanglos, denn wir haben uns
gerade erst kennengelernt. Belangloses Reden ist in dieser Situation
normal, für Menschen jeglicher Gesinnung ist Small Talk oft der einzige
gemeinsame Nenner. Ziemlich schnell wird mir aber klar, dass Martin einer
dieser wunderbaren Menschen ist, die in einem schon nach fünf Minuten
ihren neuen besten Freund sehen. Das sehe ich anders. Bei solchen Leuten
muss man im richtigen Moment abspringen. Diesen Moment habe ich verpasst.
Mittlerweile diskutieren wir. Aber mit Martin zu diskutieren ist
schwierig, denn er hat ein ausgeprägtes Schubladendenken, für ihn gibt es
nur schwarz oder weiß, links oder rechts, gut oder böse. Er ist die gute
Seite, und er lebt sein politisches Verständnis aktiv aus, auch in unserer
Diskussion, auch mir, seinem neuen besten Freund, versucht er seinen
Missionsgedanken zu vermitteln. Martin ist Totalverweigerer, und zwar aus
Prinzip. Also ein Mensch, der lieber im Knast sitzt, als Hintern
abzuwischen oder den selben gebürstet zu bekommen. Er ist Webmaster einer
linken Website, die von ATTAC unterstützt wird und Informationen für
Totalverweigerer jeglicher Couleur bereithält. Fast täglich pendelt er
durch Deutschland, von einem Gericht zum Nächsten, um Leidensgenossen mit
seiner Anwesenheit zu unterstützen, und für Highlife im Gerichtssaal zu
sorgen.
Einmal bekam er ein Bußgeld von 300 € aufgebrummt weil er nicht
aufgestanden ist, als der Richter hereinkam, aber Martin meint, es hätte
sich gelohnt. Gelohnt? 300 € für eine Mallorca-Reise, das hätte sich
gelohnt. Oder für einen 70"-Fernseher. Aber Martin und ich haben unsere
Prioritäten wohl anders gesetzt. Ich sehe mich schon in einer seiner
Schubladen verschwinden. Martin nimmt einen Schluck aus seinem Rotwein-
Tetra Pak, er trägt – paradoxerweise – olivgrüne Armeehosen zu seinem
Bundeswehrparka und Che Guevara-T-Shirt, und philosophiert übers
Verweigern. Ob er diesen Widerspruch selbst eigentlich bemerkt? Wichtig
aus Martins Sicht ist, dass man keinen zwingenden Grund hat zu verweigern,
sonst wäre das ja kein Protest, und vor allem kein „Statement“. Aha. Was
ich denn gemacht hab, fragt Martin, Zivi oder Bund. „Äh…keins von beidem,
ich bin Engländer, ich bin nicht gemustert worden.“ Und was ich gemacht
hätte wenn, die Frage habe ich befürchtet. „Zivildienst…wahrscheinlich,“
antworte ich.
Martin sagt nichts, aber sein Blick umso mehr. Ja, aber,
beginne ich unsicher meine Überzeugungsarbeit, er müsse das Ganze globaler
sehen, wenn man an das Sozialsystem denkt, das würde doch zusammenbrechen
ohne die ganzen Zivis, und überhaupt, aber das ist kein Argument für
Martin, er sieht es auf seine globale Art und Weise, Zivildienst ist ein
politisches Statement, und zwar eins der Selbstaufgabe gegenüber dem
Staat. „Abgesehen davon,“ sage ich, „bin ich froh, dass ich kein ganzes
Jahr verloren habe, in der Zeit habe ich ja schon Geld verdient.“ Das
versteht Martin nicht, denn er arbeitet nicht, er empfängt Sozialhilfe,
kurz befürchte ich, dass ich bzw. der Staat seine 300 € Bußgeld aus der
eigenen Tasche, und überhaupt, wie ist das denn mit Sozialhilfeempfängern,
wenn die ein Bußgeld bekommen, das macht doch keinen Sinn, wenn sie das
selber zahlen, in solchen Fällen plädiere ich für effektivere Strafen, wie
Fußsohlenauspeitschen oder Handabhacken. Martin kann mich beruhigen, er
arbeitet zwar, aber schwarz, einmal im Monat hilft er in einem Coffee-Shop
an der holländischen Grenze zu Deutschland aus. Das klappt ganz gut, auch
sprachlich, seine Kunden sind hauptsächlich deutsche linksalternative
Jugendliche. Linksalternativ. Welch bescheuertes Wort. Gibt es
rechtsalternativ eigentlich auch? Nazi-Zecken? Autonome Skinheads? Was für
eine Vorstellung. Hakenkreuze mit Blumenmuster. Skinheads die Schlaghosen
tragen, und SPD wählen. Ausländer werden nicht mehr verprügelt, sondern in
Sitzkreisen am Lagerfeuer mit der Wandergitarre geduldig von ihrer
Fehlplatzierung in dieser Welt überzeugt, während alle zusammen „Wo sind
all die Panzer hin“ singen. Und bei ihren Aufmärschen wird nicht
marschiert sondern elfengleich geschwebt, womöglich den Hitlergruß mit
abgespreiztem?kleinen Finger gebend, während der Bundesvorsitzende der
DAVU, der deutschen alternativen Volksunion, vor der Kommune 88 spricht,
und sagt: „Ich bin rechts. Und das ist auch gut so.“ Ich erzähle Martin
von meinen Gedankenspielen und lache. Martin lacht nicht. Das ist der
Unterschied zwischen uns beiden. Ich bin Engländer, ich kann über Hitler
lachen. Für uns ist er nichts weiter als ein seniler, alter Mann, dem wir
den Arsch weggebombt haben.
Martin ist Pole. Auf ihn wurde seit 5.45 Uhr
zurückgeschossen. Da hat man ganz klar eine andere Beziehung zu dieser
Thematik. Da kann Martin gar nicht drüber lachen. Und ich soll bitte schön
das Wort „alternativ“ nicht in Verbindung mit der braunen Masse verwenden.
Überhaupt alternativ. Was soll diese Schublade überhaupt? Hat mich mal
jemand gefragt? Ich bin in einer, laut Verfassungsschutz, "christlichen
Sekte" aufgewachsen. Das heißt: kein Sex, kein Weihnachten - kein Spaß.
Das ist alternativ, verdammte scheiße. Alles andere ist doch Mainstream.
Moslems vögeln, Katholiken vögeln. Linke Zecken feiern Weihnachten, die
rechten Vollidioten feiern Weihnachten, Schwule, Transvestiten,
Technofans, Nutten, sogar George Bush - alle feiern sie Weihnachten. Also
erzähl mir nichts von alternativ. Das versteht Martin nicht. Für ihn ist
das Prädikat "Alternativ" ein Qualitätsmerkmal, eine Abgrenzung gegenüber
der Gesellschaft, gegenüber den "Bösen", der radikalen Rechten. Sie, die
radikale Linke, sind die gute Seite. Unsere Stärke ist unsere Toleranz,
sagt Martin. Martin zündet sich einen Joint an, und erzählt von der
"geilen Zeit" als Bahnschienenbesetzer in Gorleben, vom Kampf gegen die
"scheiß Bullen" und die "scheiß AKWs", und dass er da seine Freundin
kennengelernt hat. Sie ist Globalisierungsgegnerin aus Castrop-Rauxel,
verkauft tagsüber Räucherstäbchen in ihrem Bauchladen und lebt sonst in
einer Künstlerkommune in Altona, zusammen mit ihrem anderen Freund.
Anderer Freund? Ja, Martin und seine zuweilen bisexuelle Freundin pflegen
eine offene Beziehung, Estravaganza - so ihr Künstlername - ist eine
unglaubliche Frau, voller Energie und Lebensmut, sie hat so viel Liebe zu
geben, da ist Egoismus fehl am Platz. Estravaganza braucht eben ihre
Musen, jeder der Beiden inspiriert sie auf seine eigene Art und Weise.
Und
ihrem anderen Freund ist das egal? Der ist, laut Martin, Guru einer hindu-
buddhistisch angehauchten Glaubensgemeinschaft, die als spirituellen
Mittelpunkt einen Hibiskus anbetet, die freie Liebe zur Bekämpfung der
Armut predigt und sowieso dauernd auf einer anderen Bewusstseins-Ebene
ist. Scheiß Hippies. Das denke ich, sage aber, wow, ganz schön tolerant,
könnte ich nicht. Ja, das hatte er auch schon bemerkt, ich wäre ganz schön
bürgerlich, alleine wenn man sich meine Klamotten anguckt, so mit meinem
„Deutsche und Gabbana“-T-Shirt und so, oder wie auch immer diese Marke
heißt, ist mir das eigentlich wichtig, außerdem müsste ich vielleicht mal
an meiner Toleranz arbeiten.
Was soll ich bitte? DU willst MIR was von
Toleranz erzählen? So haben wir es gern, du heuchlerische Bazille. Auf den
Staat schimpfen, aber Sozialhilfe empfangen. Die Konsumgesellschaft
bekämpfen, aber per Handy, Internet-Foren und Flyern Aktionen und
Demonstrationen organisieren. Eine Welt der Liebe aufbauen wollen, aber
gleichzeitig Kinder zu antiautoritären Systemfehlern erziehen, die in der
Schule wegen ihren Hippie-Klamotten verprügelt werden, später
Sitzblockaden veranstalten, weil das gut für’s Shakra ist, und
Millionenkosten verursachen, die ich zahle, weil ich nämlich zum
Establishment gehöre.
Nein danke. Wer im Glashaus sitzt, lieber Martin,
sollte nicht mit Steinen werfen – nicht am 1. Mai, nicht auf Polizisten,
überhaupt gar nicht. Dann bin ich lieber die Speerspitze der
spießbürgerlichen Bewegung, und sitze abends vor einem 70"-Fernseher für
300 €, statt mein Leben auf sinnlosen Montagsdemos und Anti-
Globalisierungs-Veranstaltungen zu verplempern. Aber ich bleibe ruhig. Ich
sage nichts. Warum auch? Ich fühle mich wohl in meiner Schublade. „Prost,
Martin,“ sage ich, und träume, mit einem Lächeln auf den Lippen, von
meinem Mallorca-Urlaub, Last Minute, für 300 €. Das ist doch mal eine
Alternative.