Hallo verehrte Mitdiskutanten.
Heute geht es mir um ein Thema, welches schon an der ein oder anderen Ecke große Aufmerksamkeit erfahren hat, im Grunde aber doch zu leicht zu verdrängen ist.
Mir geht es um den persönlichen Lebensbereich im heutigen Internet, wie er sich die letzten Jahre verändert hat und welche Gefahren daraus erwachsen. Am meisten interessiert mich dabei die Sichtweise sowohl von alten
Mitstreitern aus anderen Zeiten im Netz, wie auch die Einschätzung der Leute, die mit dem omnipotenten
Web 2.0 aufgewachsen sind.
Allein, dass ich so eine Thematik im PP vorstelle zeugt schon vom Kern der Sache. Der PP ist bereits
Mitmach-Internet und wer hier etwas schreibt macht (seine Meinung) publik. Ich für meinen Teil gehe dabei meist mit der Sichtweise an die Sache heran, dass hier geschriebene Dinge auch im PP verbleiben. Im Grunde stimmt das aber nicht. Zwar muss man sich registrieren um am PP teilzunehmen aber der Konsum ist ohne weiteres für jeden möglich. Das bedeutet, der Adressat eines jeden Postings ist gleichermaßen die komplette Menschheit. Das umfasst unter anderem eben auch Freunde, Mitarbeiter, Vorgesetzte, Feinde, Ex-Freundinnen, Nachbarn, Taxifahrer... eben jeden.
Wenn ich daran zurück denke was das Internet noch vor 10 Jahren war, dann gibts für mich in erster Linie vom technischen Aspekt keinen Unterschied. Ein Forum wie der PP sah vielleicht anders aus, hatte auch eine etwas andere Gruppendynamik was die Teilnehmer anging, aber war im Grunde genau das selbe. Trotzdem hätten sich die damaligen Teilnehmer einen Ast gelacht bei der Vorstellung dass unbedarfte Dritte irgendetwas von dem lesen konnten was veröffentlicht wurde.
Man muss sich vorstellen dass es der Ausnahmefall war, wenn persönliche Bilder im Netz gepostet wurden. Niemand kannte Realnamen und der Großteil der Leute kam kaum täglich und wenn dann nur in begrenztem Zeitrahmen online (die Faker außen vor gelassen).
Wenn man die nicht-Netzbenutzer zu der Zeit betrachtet dann ist auch ganz klar, dass sie etwas wie Email vielleicht von der Arbeit her oder aus dem Fernsehen kannten. Eine Vorstellunge was ein Bulletin Board oder ein Forum sein sollte war aber ähnlich schwer zu vermitteln als würde man jemand aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts erklären wollen was ein Computer ist.
Dies hatte natürlich auch Vorteile. Das
Internet an sich wurde kaum als Gefahr wahrgenommen. Wer im Netz war, war faktisch anonym (Modemnutzer eine kleine Zeit lang sogar wirklich) und wenn dann auch nicht lange online. Man kann also nur von einem sehr sehr kleinen Bruchteil von wirklichen
Netzbewohnern ausgehen. Das waren dann die Menschen, welche sich wirklich eine Onlineidentität aufbauten.
Nun unterscheidet so eine Identität von Damals doch einiges von dem persönlichen Cyberspace, den sich ein Netznutzer heute aufbaut. Es gab keine großartigen Verlinkungen und es gab nur ebenso cryptische Teilnehmer mit denen man interagieren konnte, wie man eben auch selbst cryptisch
da war.
Heute ist das nicht mehr so. Profile in allen möglichen
Web2.0-Auftritten sind leicht zu verknüpfen und mit Realnamen wird weitaus offener umgegangen.
Einen großen Fehler sehe ich da beim Blickwinkel. Wer heute StudiVZ beitritt sieht das StudiVZ. Man gibt Realnamen ein, weil das die anderen eben auch tun. Man stellt sich mit Bild da, denn die Kollegen aus dem Studium kennen einen ja sowieso. Aber es existiert keine Barriere. Die Daten fließen aus diesem individuellen Blickwinkel heraus.
Ebenfalls auch hier im PP. Nehmen wir an jemand postet hier Vorlieben sexueller Art oder gibt zu verstehen Rauschmittel zu sich zu nehmen. Ohne große Kenntnis des Internets kann sich nun auch fast jeder durch ein paar Suchanfragen in Google durchschlagen und die Vorlieben im PP mit den Gästebucheinträgen in Myspace verknüpfen. Garnieren wir das noch mit ein wenig Facebook und Last.FM und schon haben wir ein Persönlichkeitsprofil. Der persönliche Cyberspace ist also nicht länger persönlich sondern vorallem Persönlichkeitsbildend, denn er kennt keine Ironie, keine Musik die "mal so" angespielt wurde, keine Äusserung die anders gemeint war als der Adressat sie versteht. Was vielleicht mal zu einer Selbstdarstellung gediehnt haben kann wird heute zu einem Zerrbild und einer Selbstverurteilung. Alles was nur negativ gedeutet werden könnte wird es auch.
Es entsteht die klare und direkte Relation von der Menge der vorhandenen Daten (egal ob falsch oder richtig) zum Grad der vermeintlichen Entblößung. Hinzu kommt der Faktor, dass nichts aus dem Internet mehr verschwinden wird. Daten werden mehr aber niemals weniger. Und in der zweiten Phase des Denkprozesses eröffnet sich auch das Bild, dass das nicht-vorhandensein von Daten ebenfalls zu einer Abwertung führt. Wer gleichfalls an all dem
bunten Zeug nicht teilnehmen möchte unterwirft sich automatisch dem Vorwurf sowieso etwas zu verstecken zu haben.
Für jemanden, der eventuell vor 10 Jahren damit begonnen hat das Netz auch persönlich und nicht nur informationell zu nutzen ist die Transition der letzten Jahre dann erst recht schwerlich zu begreifen. Das eigene Bild im Kopf, dass das Internet nur für einen Teil der Gesellschaft relevanz besitzt bekommt man nur schwerlich los.
Hat man früher noch vom globalen Dorf geredet dann ist das heute eher die globale Highschool-Party in der man wie durch einen Hindernissparkour navigieren muss um sich nicht zum Pausenclown zu machen. Da gibt es die Leute, die in erster Linie persönliche Vorteile vor allgemeine Nachteile stellen und sprichwörtliche
die Sau rauslassen. Dann gibt es die Leute die sich ähnlich wie die nicht-Nutzer der letzten Jahre verhalten und alles ausserhalb von Emailempfang im Web als
Spinnerei abtun. Und dann gibt es den Großteil der Menschen, die ihren Blickwinkel täglich neu justieren und abwägen.
Wie haltet ihr es? Jeder der hier antwortet kann schon von vornherein nicht auf komplette Ablehnung plädieren!
