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An einem Ort nicht weit von hier

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MonoMan
Alt 28.05.2001, 14:13   #1
Beitrag An einem Ort nicht weit von hier

Ich lief durch den Regen, und obwohl es mir große Mühe bereitete, einen Fuß vor den anderen zu setzen, konnte ich nicht aufhören zu gehen, bis ich schließlich an der alten Brücke angekommen war.<BR>Majestätisch erhob sie sich vor mir, bereit, mir einen fantastischen Ausblick über das Flachland zu gewähren, und es schien mir so, als wäre sie schon seit Anbeginn der Zeiten an diesem Ort gestanden. Dennoch war ich heute nicht wegen ihrer Schönheit gekommen...<P>Auf der Brücke stand ein Junge...<BR>Er war noch nicht alt, aber alt genug, um sterben zu wollen.<BR>"Ich werde springen!", sagte er zu mir, und trat einen Schritt näher an das rostige Geländer heran.<BR>Ich nickte ihm zu, denn ich verstand ihn.<BR>"Versuch nicht, mich daran zu hindern!", herrschte er mich an, "Du weißt NICHTS von meinen Gründen, denn du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe."<BR>Ich lächelte nur milde und sprach:<BR>"Du meinst diese Kälte, das Gefühl des Verlassenseins, die Einsamkeit? Dieses Gefühl, dass alle nur auf dir Herumhacken und dich keiner versteht... Mitten unter Menschen zu stehen und doch so alleine und schutzlos zu sein..."<BR>Der Junge blickte mich zornig an:<BR>"Dein Psychogelabere kannst du dir sparen. Wie kannst du nur glauben, meinen Schmerz zu kennen? Weißt du, wie oft ich diesen Weg schon in Gedanken gegangen bin? Es gibt keine Hoffnung für mich."<BR>"Da ist dieser Traum...", sprach ich langsam, als spräche ich zu mir selbst,<BR>"Erinnerst du dich? Dieser Traum, den du einmal hattest... der dich so lange davon abgehalten hat, den letzten Schritt zu tun...."<BR>"Der ist längst ausgeträumt. Tot und begraben!", meinte der Junge verächtlich. "Natürlich habe ich mir gewünscht und gebetet, dass es besser wird. Jede gottverdammte Nacht..."<BR>Ich machte mich schon bereit, weiter zu gehen, denn langsam wurde es kalt.<BR>"Eine Frage hab ich noch, dann lass ich dich allein.",<BR>sagte ich schließlich zu dem genervt wirkenden Jungen.<BR>"Dann frag sie schon endlich!"<BR>Und so begann ich leise zu sprechen:<P>"Hast du eine Ahnung, wie viele Menschen gerade das Gleiche fühlen wie du? Eine ganze Menge, das versichere ich dir! Die Welt ist schlecht... ja! Wieso solltest du der Einzige sein, der das erfahren hat? Mann, wenn sich alle, die sich gerade in diesem Moment alleingelassen und verzweifelt fühlen, zusammenschließen würden, dann wären sie eine mächtige Armee, die problemlos alle Länder dieser Erde erobern und der Oberflächlichkeit der Menschen etwas Besseres entgegensetzen könnte...<BR>Aber das ist nur eine Wunschvorstellung von mir. Jeder stirbt einsam für sich allein, denn es gibt ja nicht mal eine Möglichkeit, die Gleichgesinnten zu erkennen..."<BR>"Ja, da hast du wohl recht...", antwortete der fremde Junge bitter. "Jeder stirbt für sich allein."<BR>Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu... Er schien bereit zu sein, mir noch ein wenig länger zuzuhören, bevor er seinem Leben ein Ende setzte, und so erzählte ich weiter:<P>"Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass an einem Ort nicht weit von hier, auf einer Brücke wie dieser, ein einsamer Mensch steht, der genau das Gleiche erlebt hat wie du... der nur darauf wartet, endlich unbeobachtet zu sein, um wenigstens in Frieden sterben zu können... Nur mal angenommen, es wäre<BR>wahr. Würdest du ihm wünschen, dass er springt, oder würdest du ihm vorher noch die Möglichkeit gewähren, sich bei dir auszuheulen... wenigstens noch einen Menschen zu sehen, der seine Gefühle verstehen kann... der ihn wissen lässt, dass er nicht ganz alleine ist. Was ist... würdest du ihm zuhören?"<BR>Der Junge nickte.<BR>"Ja, das würde ich tun. Vielleicht würde der ja meine Situation verstehen... aber es ist eben nicht so."<P>Da kletterte ich auf das schmale Geländer.<BR>"Mach die Augen auf! Was denkst du, hab ich bei diesem Wetter hier draußen zu suchen, hä? Ich werde jetzt springen... jemanden wie dich zu treffen, beweist mir nur, dass ich Recht damit habe."<BR>Ich breitete wie zum Fliegen meine Arme aus...<BR>Nicht mal einer, der von den anderen genauso wenig verstanden wurde wie ich, war dazu bereit, mir das Gefühl zu geben, einen Freund zu haben.<BR>Diese Welt musste wahrlich schlecht sein!<P>"Warte!", rief der Junge, der mittlerweile näher an mich herangekommen war, und hielt mich sicherheitshalber fest, damit ich nicht aus Versehen den Halt verlieren und abstürzen konnte...<BR>"Tun wir wirklich das Richtige? Ich habe Angst!"<BR>Ich sah ihm überrascht in die Augen.. und erkannte mich selbst darin.<BR>Langsam kletterte ich zurück auf den Steg, voller Unsicherheit und wirrer Gedanken...<BR>Da stand einer, der war wie ich. Nicht von seinem Aussehen her oder seinen Interessen, die kannte ich ja gar nicht. Nein, er war wie ich, weil er sein Aussehen hässlich fand und er keine Lust mehr hatte, weiterhin seine Interessen <BR>auszuüben...<BR>Uns verband das gleiche ziel, die gleiche Angst und die gleiche Hoffnung. Wir begannen schließlich zu reden, die ganze Nacht hindurch... und ein nie gekanntes Gefühl gegenseitiger Vertrautheit erfüllte uns.<P>Zum ersten mal in unserem Leben erkannten wir, wo wir waren... Wir rieben uns verwundert die Augen und starrten voller Schrecken auf tausende und abertausende Behältnisse, in denen Menschen wie wir lagen und träumten. Die Matrix existiert wirklich, nur dass sie nicht von Maschinen, sondern von uns selber erzeugt wurde, und dass sie sich nicht "Matrix", sondern "Leistungsgesellschaft" nannte. Und wenn man aus ihr zurückkehrt in die Wirklichkeit, erscheint diese einem dunkel, verlassen und ohne Hoffnung... <BR>Doch nur, weil wir diese Dunkelheit kennen, sind wir in der Lage, die wahre Bedeutung des Lichts zu verstehen und damit endlich zu LEBEN anstatt wie alle anderen nur vom Leben zu träumen...

[ 15 Juni 2001: Beitrag editiert von: heiligermartin ]
 
 
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Frieda Friedlich
Alt 31.05.2001, 17:34   #2
Beitrag

Hi Mono,
das ist echt gut was du so schreibst ich lese deine Beiträge echt gerne.
Weiter so.


Grüße Frieda Friedlich
 
 
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Registrierter PPler
Anonymisierungsmodus aktiv!
Alt 31.05.2001, 18:11   #3
Beitrag

@Frieda:
du könntest wenigstens was zum Thema schreiben. Mono fände, dass sicher sicher auch besser als ein einfaches Lob ...

@Mono
wieso erkennen sich die, die erkannt haben eigentlich nicht? Gerade sie sollten gute Beobachter sein und merken wenn jemand anderst als die Masse denkt und fühlt.

"Du meinst diese Kälte, das Gefühl des Verlassenseins, die Einsamkeit? Dieses Gefühl, dass alle nur auf dir Herumhacken und dich keiner versteht... Mitten unter Menschen zu stehen und doch so alleine und schutzlos zu sein..."
ich glaube dieses Gefühl kennt jeder ... vielleicht weil jeder irgendwann einmal die Maske abnimmt, weil sie ihn erdrückt.
Aber seine Träume zu erfüllen ist nicht immer so einfach, manchmal unmöglich, und einige verzeifeln und sehen den Tod als letzten Ausweg, als Erlösung. Erst dann ist man wirklich frei.

Eigentlich kann es gar nicht so schwer sein "Gleichgesinnte" zu finden, man muss nur die Augen offen halten, ihren Schrei hören.
Man merkt doch recht schnell was die Menschen von der Welt halten...

Und würde jeder aufgeben, so könnte die Welt nie besser werden!

[ 31 May 2001: Beitrag editiert von: Sunshine ]

[ 31 May 2001: Beitrag editiert von: Sunshine ]
 
 
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MonoMan
Alt 01.06.2001, 23:58   #4
Beitrag

Zitat:Sunshine
wieso erkennen sich die, die erkannt haben eigentlich nicht? Gerade sie sollten gute Beobachter sein und merken wenn jemand anderst als die Masse denkt und fühlt.


Vielleicht, weil sie einfach schon zu oft von der Welt enttäuscht wurden... wenn man von 100 Menschen nur ausgenutzt oder fertiggemacht wurde, kann es schon mal passieren, dass man dem 101. keine große Beachtung mehr schenkt. Auch wenn der vielleicht anders wäre als die anderen.
Wieder andere erkennen vielleicht schon, dass es Menschen gibt die so denken wie sie... doch sind sie schon zu sehr an den Alltagstrott und die Trostlosigkeit ihres Lebens gewöhnt, als dass sie noch glauben, daran etwas ändern zu können.
Aber es ist die einzige Möglichkeit. Einfach auf den anderen zugehen, zu verlieren hat man ja meist nicht mehr viel. Wenn meine Freunde und ich das nicht so gemacht hätten, würde wohl heute noch jeder für sich allein rumsitzen und an der Welt verzweifeln...

Zitat:Sunshine
Eigentlich kann es gar nicht so schwer sein "Gleichgesinnte" zu finden, man muss nur die Augen offen halten, ihren Schrei hören.


Die meisten Menschen sind zufriedener als ich. Das war immer schon mein Problem...
"Wir haben doch zu essen. Wir haben Arbeit, und wir haben Sex. Und wir haben genug Geld, um am Wochenende in den club zu gehen."
Das genügt den meisten. Vielleicht sind sie auch nicht hundertprozent glücklich damit... aber doch glücklich genug, um keine Veranlassung zu sehen, etwas zu verändern.

MonoMan
 
 
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Chaos-Banane
Alt 11.06.2001, 01:36   #5
Beitrag

Das genügt den meisten. Vielleicht sind sie auch nicht hundertprozent glücklich damit... aber doch glücklich genug, um keine Veranlassung zu sehen, etwas zu verändern.
VERÄNDERN wie kann man denn sein leben verändern ? z.b. indem man neue Freunde kennenlernt z.b. und wie lernt man neue freunde kennen? wenn man weggeht!
also stell dir mal vor, du trieffst in einen club deine traum frau glaubst du nicht das sich dein leben verändern wird?
klar wird es das du hast einen menschen getroffen der dich verteht der dich akzeptirt
der dich wirklich kennt, aber wie willst du diesen menschen kennen lernen wenn man nie von zuhause weggeht.
 
 
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Survival4
Alt 19.06.2001, 00:07   #6
Beitrag

Hey MonoMan...ich wollte dir ebenfalls ein Lob aussprechen...ich glaube du bist der einzige in diesem Forum der so geistreiche Texte schreibt....
Ich habe durch deine texte ein etwas klareres Bild von dem was ich im Leben vielleicht ereichen will....
ich habe längst nicht alles verstanden und werde auch nicht mit allem was du sagt einfachso übereinstimmen, aber deine texte haben mich echt zum nachdenken angeregt.

Chaos - Banane....
ich glaube du hast die mesage nicht ganz versatnden (oder ich liege völlig falsch und sollte solchen Foren in Zukunft meiden)...
es geht nicht darum ob du ausgehn sollst oder nicht...ab du dein Leben so ändern sollst oder so....
es geht darum zu verstehn welchen Sinn unser Leben hat...ob du nun alle Zusammenhänge des Universums siehst (was wohl kaum der Fall sein wird) oder ob du einfach nur den Sinn in deinem Leben findest, ist eig. egal, hauptsache du siehst überhaupt....
ich glaube das Leben ist eine Ansammlung an Erfahrungen und Prüfungen, die nicht auf materiellem Besitz basieren sondern auf geistiger Ebene...und das gilt es zu verstehn....

Mono...sag mir wenn ich volkommen falsch liege...(ich hoffe ja nicht)...
also bis denn..
Also Mono - weiter so!!!!!!!!!!!!
 
 
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