Ich lief durch den Regen, und obwohl es mir große Mühe bereitete, einen Fuß vor den anderen zu setzen, konnte ich nicht aufhören zu gehen, bis ich schließlich an der alten Brücke angekommen war.<BR>Majestätisch erhob sie sich vor mir, bereit, mir einen fantastischen Ausblick über das Flachland zu gewähren, und es schien mir so, als wäre sie schon seit Anbeginn der Zeiten an diesem Ort gestanden. Dennoch war ich heute nicht wegen ihrer Schönheit gekommen...<P>Auf der Brücke stand ein Junge...<BR>Er war noch nicht alt, aber alt genug, um sterben zu wollen.<BR>"Ich werde springen!", sagte er zu mir, und trat einen Schritt näher an das rostige Geländer heran.<BR>Ich nickte ihm zu, denn ich verstand ihn.<BR>"Versuch nicht, mich daran zu hindern!", herrschte er mich an, "Du weißt NICHTS von meinen Gründen, denn du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe."<BR>Ich lächelte nur milde und sprach:<BR>"Du meinst diese Kälte, das Gefühl des Verlassenseins, die Einsamkeit? Dieses Gefühl, dass alle nur auf dir Herumhacken und dich keiner versteht... Mitten unter Menschen zu stehen und doch so alleine und schutzlos zu sein..."<BR>Der Junge blickte mich zornig an:<BR>"Dein Psychogelabere kannst du dir sparen. Wie kannst du nur glauben, meinen Schmerz zu kennen? Weißt du, wie oft ich diesen Weg schon in Gedanken gegangen bin? Es gibt keine Hoffnung für mich."<BR>"Da ist dieser Traum...", sprach ich langsam, als spräche ich zu mir selbst,<BR>"Erinnerst du dich? Dieser Traum, den du einmal hattest... der dich so lange davon abgehalten hat, den letzten Schritt zu tun...."<BR>"Der ist längst ausgeträumt. Tot und begraben!", meinte der Junge verächtlich. "Natürlich habe ich mir gewünscht und gebetet, dass es besser wird. Jede gottverdammte Nacht..."<BR>Ich machte mich schon bereit, weiter zu gehen, denn langsam wurde es kalt.<BR>"Eine Frage hab ich noch, dann lass ich dich allein.",<BR>sagte ich schließlich zu dem genervt wirkenden Jungen.<BR>"Dann frag sie schon endlich!"<BR>Und so begann ich leise zu sprechen:<P>"Hast du eine Ahnung, wie viele Menschen gerade das Gleiche fühlen wie du? Eine ganze Menge, das versichere ich dir! Die Welt ist schlecht... ja! Wieso solltest du der Einzige sein, der das erfahren hat? Mann, wenn sich alle, die sich gerade in diesem Moment alleingelassen und verzweifelt fühlen, zusammenschließen würden, dann wären sie eine mächtige Armee, die problemlos alle Länder dieser Erde erobern und der Oberflächlichkeit der Menschen etwas Besseres entgegensetzen könnte...<BR>Aber das ist nur eine Wunschvorstellung von mir. Jeder stirbt einsam für sich allein, denn es gibt ja nicht mal eine Möglichkeit, die Gleichgesinnten zu erkennen..."<BR>"Ja, da hast du wohl recht...", antwortete der fremde Junge bitter. "Jeder stirbt für sich allein."<BR>Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu... Er schien bereit zu sein, mir noch ein wenig länger zuzuhören, bevor er seinem Leben ein Ende setzte, und so erzählte ich weiter:<P>"Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass an einem Ort nicht weit von hier, auf einer Brücke wie dieser, ein einsamer Mensch steht, der genau das Gleiche erlebt hat wie du... der nur darauf wartet, endlich unbeobachtet zu sein, um wenigstens in Frieden sterben zu können... Nur mal angenommen, es wäre<BR>wahr. Würdest du ihm wünschen, dass er springt, oder würdest du ihm vorher noch die Möglichkeit gewähren, sich bei dir auszuheulen... wenigstens noch einen Menschen zu sehen, der seine Gefühle verstehen kann... der ihn wissen lässt, dass er nicht ganz alleine ist. Was ist... würdest du ihm zuhören?"<BR>Der Junge nickte.<BR>"Ja, das würde ich tun. Vielleicht würde der ja meine Situation verstehen... aber es ist eben nicht so."<P>Da kletterte ich auf das schmale Geländer.<BR>"Mach die Augen auf! Was denkst du, hab ich bei diesem Wetter hier draußen zu suchen, hä? Ich werde jetzt springen... jemanden wie dich zu treffen, beweist mir nur, dass ich Recht damit habe."<BR>Ich breitete wie zum Fliegen meine Arme aus...<BR>Nicht mal einer, der von den anderen genauso wenig verstanden wurde wie ich, war dazu bereit, mir das Gefühl zu geben, einen Freund zu haben.<BR>Diese Welt musste wahrlich schlecht sein!<P>"Warte!", rief der Junge, der mittlerweile näher an mich herangekommen war, und hielt mich sicherheitshalber fest, damit ich nicht aus Versehen den Halt verlieren und abstürzen konnte...<BR>"Tun wir wirklich das Richtige? Ich habe Angst!"<BR>Ich sah ihm überrascht in die Augen.. und erkannte mich selbst darin.<BR>Langsam kletterte ich zurück auf den Steg, voller Unsicherheit und wirrer Gedanken...<BR>Da stand einer, der war wie ich. Nicht von seinem Aussehen her oder seinen Interessen, die kannte ich ja gar nicht. Nein, er war wie ich, weil er sein Aussehen hässlich fand und er keine Lust mehr hatte, weiterhin seine Interessen <BR>auszuüben...<BR>Uns verband das gleiche ziel, die gleiche Angst und die gleiche Hoffnung. Wir begannen schließlich zu reden, die ganze Nacht hindurch... und ein nie gekanntes Gefühl gegenseitiger Vertrautheit erfüllte uns.<P>Zum ersten mal in unserem Leben erkannten wir, wo wir waren... Wir rieben uns verwundert die Augen und starrten voller Schrecken auf tausende und abertausende Behältnisse, in denen Menschen wie wir lagen und träumten. Die Matrix existiert wirklich, nur dass sie nicht von Maschinen, sondern von uns selber erzeugt wurde, und dass sie sich nicht "Matrix", sondern "Leistungsgesellschaft" nannte. Und wenn man aus ihr zurückkehrt in die Wirklichkeit, erscheint diese einem dunkel, verlassen und ohne Hoffnung... <BR>Doch nur, weil wir diese Dunkelheit kennen, sind wir in der Lage, die wahre Bedeutung des Lichts zu verstehen und damit endlich zu LEBEN anstatt wie alle anderen nur vom Leben zu träumen...
[ 15 Juni 2001: Beitrag editiert von: heiligermartin ]