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Könnte Gott....

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Scout2000
Alt 23.11.2005, 02:34   #51
Standard

Zitat von raffis
"Hier besteht die Frage, wieso sollte gerade der chr. existieren?"

Ich denke nicht, dass es einen 'christlichen Gott', unzählige von 'hinduistischen Göttern', einen 'muslimischen Gott', einen 'jüdischen Gott', usw. gibt.
Die Frage 'wieso sollte gerade der christliche Gott existieren' ist in dieser Hinsicht (mit Verlaub) falsch gestellt.

Vielmehr existiert eine christliche Interpretation von Gott, eine hinduistische Interpretation von Gott, eine muslimische Interpretation von Gott, etc.

Diese Interpretationen unterscheiden sich, weil sie in unterschiedlichen Kulturen, unter unterschiedlichen Umständen, zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Kontexten der Erfahrung und von unterschiedlichen Menschen gemacht wurden.
Daraus resultieren Interpretationen von Gotteserfahrungen, die sich fundamental sehr ähneln (bspw. Christentum und Judentum) oder sich ziemlich unterschieden (man nehme die fernöstlichen Religionen mit ihren oftmals monistischen Weltbildern im Gegensatz zum Dualismus der westlichen Weltreligionen).

Aber du willst ja nicht auf die Existenz mehrerer Götter hinaus, sondern auf das folgende Zitat von dir:
Die hinduistische Götter sind sehr verschieden und manche so, so könntest du beim besten Willen nicht einen Gott vorstellen.

Ich stimme dir allerdings zu, dass der muslimische, christliche, jüdische Gott eine andere Interpretationen von Gott ist. Von dem chr. Gott. Besser gesagt, vom hebräischen Gott.
Ich dachte mir zuerst, du willst mich veräppeln. Aber anscheinend hast du Defizite in der Geschichte der 3 Religionen.
Zuerst gab es Juden. Ziemlich lange sogar und wenn du willst, kannst du einige ihrer Lehren vom AT entnehmen.
Saulus war Jude und wuchs als römischer Staatsbürger in der heutigen Türkei auf, aber nicht weit von Judäa. Aus einer vorrübergehende Blindheit wurde Saulus, der Christenverfolger im Kanaan, zu Paulus und brachte das Christentum, dass in seiner Zeit als jüdische Sekte angesehen wurde, nach Rom.
Und durch mehrere glückliche Umständen wurde es zur Staatsreligion im 4 Jahrhundert von Rom erklärt. Die davor existierende Religionsfreiheit nahm sein Ende.

Muhammad ibn Abd Allah ibn Abd al-Muttalib ibn Haschim ibn Abd Manaf al-Qurayschi wuchs in Mekka auf. Auch nicht weit von Judäa. Obwohl der hebräische Gott wahrscheinlich 30 Jahre dafür gebraucht hätte.
Muhammad arbeitet im 6 Jahrhundert in einer Handelskarawanen nördlich von Syrien und hatte dadurch Kontakt mit monotheistischen Religionen (Christen und Juden.)

Er lebte arm, bis er die reiche Abd al-'Uzza heiratete und sein Hobby zur Berufung machen konnte. Er nahm die gehörten Lehren der monotheistischen Religionen an und gab sie als Prophet weiter.
Und als Kriegsherr setzte er es manchmal mit Gewalt durch.
Jesus wird als Prophet im Koran erwähnt.


Diese drei ähnlichen Interpretationen sind somit kein Zufall ode Wunder oder sowas.




Zitat von raffis
"Diese Behauptung kommt daher, dass der Gott von jedem anders dargestellt wird und vielmehr den Charakter, Wissen oder/und Wunschdenken des Individiums betrifft."

Und da kommen wir genau zu dem Punkt, wo ich dir nur beistimmen kann:
Es gibt in dem Sinne keine 'christliche Interpretation' von Gott, die für alle Christen gilt - sondern jeder Christ sieht Gott in seinem eigenen Licht, mit seinen eigenen Vorstellungen und durch seine eigene Erfahrung, die nur subjektiv sein kann - das gleiche für die Anhänger jeglicher anderen Religion; Religion KANN nur etwas Individuelles sein.
Die sind sehr widersprüchlich. Würde man die Werte ernst nehmen, klinge Gott als Gesamtbild schizophren.


Zitat von raffis
Vivekananda pflegte zu sagen: 'Wahre Religion ist, wenn es so viele Konfessionen gibt, wie es Individuen gibt'. Religion und der Glaube an Gott ist zwangsläufig eine individuelle Sache, weil Erfahrung stets subjektiv und individuell ist - auch Gotteserfahrung.
Hat er das? Es gibt Religionen mit einem Gott, mehreren Götter und sogar ohne Gott. Buddhismus. D.h. es gibt Gotterfahrung, Göttererfahrung. kein Gotterfahrung, Geisterfahrung usw.
Es gibt Gott als Tier, Halbtier, Geist, Mensch, Baum, Pflanze und was der Mensch so findet oder gefunden hatte.





Zitat von raffis
"Jeder Mensch erschafft seinen eigenen Gott."

Diese Begründung kann ich nur soweit bestätigen, wie jeder Mensch aufgrund seiner eigenen, subjektiven Erfahrung seine eigene, individuelle Interpretation von Gott hat und sich damit sprichwörtlich 'seinen eigenen Gott erschafft', oder die seine 'Wahrheit' - ich sehe dies aber nicht als die (rein psychologische) 'Erschaffung eines neuen, unabhängigen Gottes', sondern als 'die individuelle Manifestation des einen Gottes' - in diesem Sinne manifestiert sich Gott in unzähligen Formen und für jedes Individuum wieder anders.

Im Gegensatz zu dir bin ich also der Überzeugung, dass diesen 'eigenen Gotteserschaffungen' (bzw. Manifestationen Gottes) eine wirkliche Instanz, Essenz oder wie auch immer wir es benennen wollen, unterliegt, das zu jedem Menschen, ob Theist oder Atheist, ob bewusst oder unbewusst, in seiner individuellen, eigenen Weise spricht. Folgende Aussage deinerseits rundet das Ganze hervorragend ab:
Klingt alles wirklich interessant. Aber die Götter der Welt ergeben kein Bild.
In jedem Punkt wo du mich fragst, gibt es einen Widerspruch.
(kein)Gott will Tieropfer, (kein)Menschenopfer, (kein)finanzieller Opfer, (kein) Opfer, usw.

Zitat von raffis
"Gott ist also so unterschiedlich wie es Menschen gibt."

Gott existiert für jeden in einer anderen Form und in einer anderen Weise. Ansonsten wäre es nicht Gott - wahre Religion ist stets individuell, weil wahre Religion auf der eigenen Erfahrung und nicht auf Büchern oder Doktrinen beruht - letztere sollen inspirieren, mehr nicht.

Willkommen daheim.

Gruss Raffis
Genau. Ganz nach Typ und Wunschbild des Individiums.
Zufall?
Nein!
 
 
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silverriver
Alt 23.11.2005, 03:04   #52
Standard

Zitat von tschiech
Könnte Gott ein Burrito in der Mikrowelle so heiß machen, dass er es selbst nicht mehr essen kann?
habe die beitraege nicht gelesen weil ich sonst auf jeden antworten wollte aber unser kleinhirn hat nicht solche kapatzitaeten aufzuweisen als dass wir sowas verstehen koennten(wahrscheinlich sollen wir das auch gar nicht) obwohl sowas extrem zum nachdenken anregen kann!
 
 
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raffis
Alt 23.11.2005, 19:58   #53
Standard

Hallo Scout,

entschuldige meine unzähligen Zeilen an Text - aber ich sah es als Notwendigkeit, einen kleinen Einblick in das hinduistische Gedankengut zu unternehmen.


"Die hinduistische Götter sind sehr verschieden und manche so, so könntest du beim besten Willen nicht einen Gott vorstellen."

Dann hast du dich aber nicht wirklich mit dem Hinduismus befasst.

Erst einmal müssen wir bei indischen Göttern zwischen den "Ur-Göttern" aus dem Zeitalter der vier Veden und dem Götterpantheon der Puranas unterscheiden - die Götter der ursprünglichen Veden wurden meist mit Naturerscheinungen identifiziert; Indra der Donnergott, Agni der Feuergott, Vayu, der Luft- oder Windgott, usw. - interessanterweise bezeichnen Namen wie Agni oder Vayu im indischen Sanskrit nicht nur 'über Elemente herrschende Götter', sondern ebenso die Elemente selbst.
In einer Zeit, in der noch keine ausgereifte Naturwissenschaft existierte, wurden göttliche Kräfte oder göttliche Wesen als Verursacher von Phänomenen wie einem Blitzschlag angesehen - einige Götter wurden sicher auch ins spätere Götterpantheon aufgenommen.

So.
Auf den ersten Blick scheint in Indien ein klarer Polytheismus zu dominieren, doch dem ist nicht wirklich so. Erst einmal haben wir viele philosophische und mystische Denkschulen in Indien, die rein monistisch sind und an die Einheit oder das Einssein der Dinge glauben - sie bezeichnen die vielen Götter in den mythologischen Puranas als Aspekte des einen Gottes - Brahma ist der erschaffende Aspekt, Visnu der erhaltende, Siva der zerstörende oder absorbierende Aspekt - im mythologischen Sinne ist Brahma Erschaffer, Visnu der Erhalter, Siva der Zerstörer - im mythologischen Sinne - doch die letztliche Essenz oder der letztendliche 'Gott' kann und muss eins sein, und die vielen Götter des indischen Götterpantheons sind letztlich seine Aspekte oder meinetwegen seine 'Gesichter'.
Die heute in Indien am weitesten verbreitete hinduistische Denkschule ist der Advaita Vedanta - und stell dir vor, Vedanta ist rein monistisch. Weitere Schulen wären der Trika Shivaismus, die Saktas, und und und.

Und jetzt kommt es: Selbst Vertreter der monistischen Denkschulen (wie es Ramakrishna getan hat) beten einen der vielen Götter als die ihre Gottheit an, und das, obwohl sie an das Einssein der Dinge glauben. Sie predigen über die Einheit der Realität und über 'Gott' (bzw. Brahman - das Absolute) als die eine Realität, und doch verehren sie nebenbei einer der Götter des Götterpantheons der Hindus. Glaubst du etwa wirklich, dass sie dies aus philosophischen, logischen oder anderen geistigen Defiziten tun?
Was auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein scheint, ist genau das, was ich oben erwähnt habe: Die Götter des indischen Götterpantheons werden als Aspekte der einen Wirklichkeit, sei diese persönlich oder unpersönlich, immanent oder transzendent, verehrt. Sie sind die manifestierte und dem Menschen zugängliche Schnittstelle zwischen Mensch und Brahman ('Gott').

Auch kommt hier oftmals das westliche Unverständnis der indischen Symbolik ins Spiel - Kali trägt eine Kette aus Totenschädeln, wird meist als auf einer männlichen Leiche tanzend dargestellt, und guckt obendrein noch ziemlich finster. "Wie schrecklich", sagt man sich, "und das soll ein Aspekt des einen Gottes sein, der in einem anderen Aspekt als die schöne, sanfte Lakshmi dargestellt wird?"
So ist es, denn die Symbolik der Kali (um sie als Beispiel zu nehmen) zeigt sie als den immanenten, dynamischen (darum tanzend) Sakti-Aspekt Gottes, und der Leichnam unter ihren Füssen symbolisiert Siva, den statischen, transzendenten Aspekt Gottes, der ohne sein dynamisches Gegenstück einem trägen 'Leichnam' gleichkommt. Kali ist die 'Anzieherin' oder 'Verschluckerin' oder 'Absorbierin der Zeit' - mythologisch also eine 'zerstörerische' Funktion, darum auch furchteinflössend dargestellt - Sie absorbiert das Erschaffene nach einem Kreislauf der Kreation.
DAS ist die Symbolik dahinter und dieser Aspekt Gottes wird als Kali dargestellt oder, um es in anderen Worten auszudrücken, Gott manifestiert sich als Kali um diesen Aspekt, das Absorbieren des Erschaffenen, diese 'Funktion' durchzuführen.

Ein anderes Beispiel: Nehmen wir das theistische Saiva Siddhanta, weit verbreitet unter den Tamillen und mit Siva als verehrter Gottheit - bedeutet dies nun, dass ein Siddhanta Saivit denkt 'ich glaube an Siva, weil er mit seinem dritten Auge Blitze verschiessen kann und ein Dreizack trägt und weil er den anderen Göttern überlegen ist, weil er der höchste Gott ist'?
Dem ist nicht so.
Für ihn ist Siva Gott. Er mag vielleicht über die hinduistische Mythologie Bescheid wissen, sie gar zu akzeptieren wissen, sie zu lesen und zu zelebrieren, doch für ihn ist Siva = Gott.
Das ist etwas, was viele der hinduistischen Nicht-Kenner nicht zu verstehen scheinen.

Indien ist in diesem Sinne eher ein 'polytheistischer Monotheismus' oder in den mystischen Schulen ein 'polytheistischer Monismus'; den etwas 'primitiveren' Dorfglauben mal weg gelassen.


"Es gibt Religionen mit einem Gott, mehreren Götter und sogar ohne Gott. Buddhismus. D.h. es gibt Gotterfahrung, Göttererfahrung. kein Gotterfahrung, Geisterfahrung usw."

Hier liegt ein Fehler der Wortwahl meinerseits vor - nehmen wir anstatt "Gotterfahrung" einfach "spirituelle Erfahrung".
So. Buddhismus ist atheistisch, ganz klar; Buddhismus ist dem Hinduismus zwar näher, als man zunächst erahnen würde, doch Buddha lehnte die Existenz des ATMAN, im indischen Sinne das Selbst', ab - er verneinte die Existenz eines ewigen, göttlichen Subjekts.
Wenn du nun aber "spirituelle Erfahrungen" von indischen Mystikern und Buddhisten vergleichst, wirst du ziemlich schnell bemerken, dass diese teilweise beinahe identisch sind. Die Interpretationen solcher "spiritueller Erfahrungen" und die folgliche Formulierung mag unterschiedlich sein - der Hindu hat eine Erfahrung "des Aufgehens oder Einswerdens mit Gott", der Buddhist eine Erfahrung "der Leere". Im Grunde widerspricht sich nur das, was durch die Erfahrung heraus-interpretiert und folglich formuliert wurde - die Erfahrung selbst jedoch nicht. Und die ist der doktrinellen Metaphysik nun mal höhergestellt.
Oder vergleiche mal Berichte der "Gotteserfahrung" von christlichen und hinduistischen Mystikern - es wird dir sehr schwer fallen, sie auseinanderzuhalten.


"Die sind sehr widersprüchlich. Würde man die Werte ernst nehmen, klinge Gott als Gesamtbild schizophren."

Schizophren oder einfach nur so vielseitig wie die Realität selbst?


"(kein)Gott will Tieropfer, (kein)Menschenopfer, (kein)finanzieller Opfer, (kein) Opfer"

Bin ich deiner Meinung.


"Genau. Ganz nach Typ und Wunschbild des Individiums.
Zufall?
Nein!"

Ich weiss nicht, ob du darauf anspielst, dass dies "mein Wunschbild eines Gottes" wäre, aber ich gehe mal davon aus - nein, dies ist nicht mein 'Wunschbild'. Dies ist meine Überzeugung und mein Glaube, und dieser wiederrum beruht auf meiner persönlichen Erfahrung, meinen daraus abgeleiteten Interpretationen und Schlussfolgerungen als auch Inspirationen in Form von Personen und Texten.


FAZIT:

Wenn ich dich richtig verstanden habe, verneinst du die Existenz Gottes in Folge der Tatsache, dass sich jeder 'seinen eigenen Gott' gemäss seinem individuellen Wunschdenken erschafft.
Und ich bin der Meinung, dass Gott von jedem individuell wahrgenommen oder erkannt wird und nur individuell wahrgenommen oder erkannt werden kann, weil sich Gott im Augenblick der Erfahrung zeigt - und diese ist stets subjektiv.

Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: die deine oder die meine. Entweder kein Gott, oder ein universeller Gott. Aufgrund meiner Neigungen und Erfahrungen (mögen die auch noch so jung sein) kann ich nicht anders als mich mit letzterem zu identifizieren.


Dennoch ein interessanter Austausch - und vielen Dank für deinen Ausflug in die Ähnlichkeiten der abendländischen Religionen!


Gruss Raffis

Geändert von raffis (23.11.2005 um 23:20 Uhr).
 
 
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