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Die Harmonie der Wölfe

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MonoMan
Alt 23.05.2001, 23:42   #1
Beitrag Die Harmonie der Wölfe

„Stehen bleiben, du Terroristenschwein!“
Die Worte von Gerhard Schutzmann hallten wie Donnergeschosse durch die leerstehende Lagerhalle... ein Klang, der einem wahrlich Angst einflössen konnte, zumindest dann, wenn man direkt angesprochen war.
Schutzmann war der härteste Verfechter der neuen Weltordnung. Er war Politiker, Richter und Henker in einer Person... und er hatte bereits Tausende gerichtet, die dem von ihm und seinen Genossen errichteten Utopia im Weg standen. Genauso, wie er jetzt X richten würde.
Denn X war der Letzte seiner Art. Der letzte Fleck, der Schutzmanns Vision von einer perfekten Welt noch am Wahrwerden hinderte.
Quälend langsam drehte sich X um und starrte in die Gesichter von Schutzmanns Elitetruppe, die mit ihren Maschinenpistolen im Anschlag das Gebäude komplett abgeriegelt hatten.
X musste lächeln. Er hätte früher nie im Leben daran gedacht, dass er einmal so enden würde... dass aus ihm, dem verträumten Rockmusiker, einmal der letzte Märtyrer werden würde. Ein Mann, der für einen Glauben starb, den kein anderer mehr teilte... so gesehen würde sein Opfer sinnlos sein. Aber vielleicht auch nicht...

„Es ist vollbracht!“, sprach Schutzmann feierlich, mehr zu sich selbst gewandt als zu den anderen Anwesenden.
„Die Welt da draußen ist endlich nur noch von glücklichen, unschuldigen Menschen bewohnt!“
X spuckte verächtlich aus.
„Ja, weil du alle umgebracht hast, die nicht auf deine tolle Wunderdroge ansprachen... die sich nicht von dir ihr Gedächtnis löschen lassen wollten.“
„Zugegeben...“, entgegnete Schutzmann kalt, „Dass die Gene einiger Menschen die Reinitialisierung des Gehirns verhinderte, war bedauerlich... aber die letzte Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Menschheit wird bald für immer verschwunden sein. Sei nicht so egoistisch, X. Bedenke doch nur, welche Chance sich den folgenden Generationen bieten wird. Ihre Gedanken werden frei von allen schlechten, leidvollen Erfahrungen sein... und dank unserem neuen Wirtschaftssystem und den medizinischen und technologischen Erkenntnissen, die wir in der Vergangenheit erlangt haben, wird es auch keinen einzigen Grund mehr geben, aus dem neues Leid oder Schmerzen entstehen könnten. Aber verstehst du nicht, dass es dafür notwendig war, alle Menschen, die noch immer wissen, was Schmerz, Einsamkeit und Hass ist, zu beseitigen? Ein Einziger könnte ausreichen, um alles wieder zum Einsturz zu bringen...“
Schutzmann ließ von X ab und schritt an der Reihe seiner Männer vorbei zu zwei Männern und zwei Frauen, die sich unsicher und ängstlich umarmten.
„Sieh nur genau hin, X! Das sind die Eltern der Kinder, die du entführt hast. Es sind die letzten Menschen außer uns beiden, die das Gen enthalten, dass die Neukalibrierung ihres Gedächtnisses verhindert. Es sind anständige Menschen... doch sie haben durch dein Handeln Unglück erfahren, und daraus würde am Ende nur neuer Hass und Missgunst entstehen. Daher habe ich sie eingeladen, an unserer kleinen Party teilzunehmen...“
„Bitte...“, flehte eine der Frauen unter Tränen, „sie haben versprochen, unsere Kinder zu befreien und ihnen ein schöneres Leben zu ermöglichen...“
Doch Schutzmann ließ sich nicht erweichen.
„Dummerweise ist die Wahrscheinlichkeit aber ziemlich groß, dass ihre Söhne das gleiche Gen enthalten wie sie. Aus diesem Grund hat X die ganze Sache ja inszeniert... weil er auch davon überzeugt ist.“
Unsicher blickte X in Richtung einer hölzernen Tür, hinter der sich laut Schutzmanns Karte nur ein unwichtiger Abstellraum verbarg. Doch der wusste bereits genau, was wirklich dahinter war.
„Das ist das letzte mal, gnädige Frau... das letzte Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein Mensch Unrecht begeht und einen anderen dadurch zwingt, über ihn zu richten. Sie sollten voller Stolz sein, dafür ihr Leben opfern zu dürfen...“
„Mörder!“, schrie die Frau verzweifelt. „Sie sind ja noch viel verrückter als der Typ, der unsere Söhne entführt hat!“
Wütend verpasste Schutzmann der Frau eine schallende Ohrfeige.
„Wissen sie nicht, was dieser Mann mit ihrem Kind und dem ihrer Leidensgenossen angestellt hat? Er hat sie geschlagen, gefoltert... und was das Schlimmste ist: Er hat ihnen alte Videofilme zum Sehen gegeben, die undifferenzierte Gewaltdarstellungen enthalten! Und dazu hat er ihnen Musik vorgespielt, in deren Texte es um Satan und scheußliche Rituale geht... Kein Zweifel, dieser Mann wollte die Seelen ihrer Kinder verderben! Als ihm das jedoch nicht gelingen wollte, ist er ausgerastet und hat sie einfach verbrannt!“
„Aber... woher wollen sie dass denn überhaupt wissen?“, stammelte der Vater des anderen Entführten.
„Sie haben ja noch nicht einmal hinter der Türe da hinten nachgesehen. Vielleicht sind unsere Kinder noch am Leben...“

Ungerührt zog Schutzmann die Zündvorrichtung für die Sprengkörper aus seiner Manteltasche, die von seinen Getreuen überall im Gebäude verteilt worden waren.
„Ich sagte: Sie wurden verbrannt. So oder so.“
X warf Schutzmann einen hasserfüllten Blick zu.
„Du willst den Menschen das Paradies geben... aber sie werden die Hölle erhalten. Am Ende werden die Wölfe lachend auf die Schafe herabsehen. Und die Schafe werden weinen, weil sie vom Apfel der Erkenntnis gekostet haben... und erkennen müssen, dass sie nicht im Paradies leben, sondern einfach nur nackt, dumm und vollgefressen sind. Ich verfluche dich, Schutzmann! Du wirst nicht viel Freude mit deiner neuen Welt haben...“
Schutzmann grinste.
„Hältst du mich für so dumm, X ? Dass ich meinen Traum gefährden würde, in dem ich so einen großen Risikofaktor wie mich selbst am leben ließe ? Du hast mich gründlich missverstanden... ich handle nicht aus egoistischen Motiven, sondern aus tiefster Überzeugung. Hier wird nur noch Asche herauskommen! Keine Waffe, kein Soldat, und kein Hass wird mehr irgendeinen Schaden anrichten können... denn all das ist heute hier versammelt! Der klägliche Rest der alten Welt wird verbrennen, und Friede und Wohlstand werden bis in alle Ewigkeit herrschen... Amen.“
Ohne den anderen die geringste Chance zum Antworten zu gewähren, ließ Schutzmann die Apokalypse hereinbrechen.
Ein ohrenbetäubender Knall ertönte, und binnen Sekundenbruchteilen verwandelte sich die gesamte Halle in ein flammendes Inferno.
Unter dem Eindruck der gewaltigen Detonation gaben die Stahlträger nach, die das Gebäude bisher gestützt hatten, und so wurde alles, was noch an Schutzmanns Gewalttat erinnern könnte, unter Tonnen von Schutt und Eisen begraben.
Dann herrschte Frieden.

10 Jahre später...
die Welt war genau so geworden, wie es sich Schutzmann erträumt hatte.
Glück und Wohlstand waren allgegenwärtig. Wohin man auch lief, überall sah man nur fröhliche, lachende Menschen... wie hätten sie auch unglücklich sein können?
Negative Überraschungen, die einem das Schicksal bescherte, gab es längst nicht mehr. Seuchen und Krankheiten waren mittlerweile ausgerottet, das Wetter wurde von Menschenhand kontrolliert, und sämtliche Autos, Flugzeuge und andere Maschinen waren hundertprozentig unfallsicher, so dass ein jeder Mensch bis an die natürliche Verfallsgrenze seines Körpers lebte. Dann starben die Menschen friedlich im Schlafe... ein vorhersehbarer Tod, der für keinen der Hinterbliebenen mehr eine Welt zusammenbrechen ließ.
Es gab gutentwickelte Hormonbehandlungen gegen Liebeskummer, gegen Depressionen und gegen die Auswirkungen der Pubertät... und wenn es doch einmal einer gewagt hatte, sich unglücklich zu verhalten und die Behandlung abzulehnen, wurde sein Gedächtnis schlicht und ergreifend neu kalibriert.
Eine zufriedene Welt also, in der es keine Arbeitslosen, keine Gewalttätigkeiten und keine Außenseiter mehr gab. Niemand vermisste aufrührerische Musik, unrealistische Actionfilme und die dunklen Gedanken... bis auf 2 Jungs, die über Jahre hinweg im Verborgenen gelebt hatten.
Ihre Namen waren Y und Z.

Die anderen Menschen in Utopia schüttelten nur stumm den Kopf, wenn Y und Z durch die Straßen liefen... allein schon ihr Äußeres erschien ihnen fremd und unnatürlich.
Ihre Haare reichten bis weit über die Schultern, und ihnen war deutlich anzusehen, dass sie sich am liebsten nur in Lumpen gekleidet hätten. Da aber keine billigen Stoffreste mehr die Produktion verließen, ohne dass nicht mindestens „Hilfiger“ oder „Celvin Kline“ daraufgedruckt war, hatten die beiden ihre Markenklamotten mittels Spraydosen völlig neu designt... ein Anblick, mit dem ihre Mitmenschen ganz offensichtlich überfordert waren.
Doch meist gingen Y und Z ohnehin nur nachts nach draußen, damit sie ihre Ruhe hatten... oder sie waren im Park anzutreffen, wo sie stundenlang am See standen, Passanten beobachteten und kleine Steinchen in das Wasser warfen.
„Was tun die da?“, fragten sich die Leute immer beim Vorrübergehen, wenn sie die beiden sahen.... und gleich darauf folgte zumeist die Frage:
„Wozu soll das gut sein?“
Denn die Devise der neuen Menschen war, dass man zu jeder Zeit aus seinem Leben das Maximum herauszuholen hatte. Wenn man nicht arbeitete und sich dadurch in die Gesellschaft einbrachte, so sollte man wenigstens in einem Sportverein etwas für die Allgemeinheit leisten... oder wenigstens Sex haben oder ein schönes Bild malen, um sich selbst etwas Gutes zu tun. Aber jedenfalls nicht einfach nur scheinbar ohne Sinn und Zweck in der Gegend herumstehen...

Y hielt den Stein zurück, den er gerade im Begriff war, in den See zu werfen, da in diesem Moment eine Schar zufrieden schnatternder Enten die Flugbahn kreuzten.
„Sieh sie dir an!“, meinte Z. „Enten sind wie die neuen Menschen, nur ohne die Fähigkeit, höhere Mathematik zu verstehen.“
„Ja, das ist wahr.“, erwiderte Y zustimmend.
„Sie leben, bis sie sterben. Nicht mehr, und nicht weniger.“
Grimmig warf Y einen Stein in Richtung der nahegelegenen Straße.
„Die neuen Menschen sind das dümmste Volk, dass die Erde je bevölkert hat. Selbst eine Ameise wird öfters eine Pause zum Nachdenken einlegen als die! Ständig sind sie in Bewegung, kommen nur zum Schlafen zur Ruhe... das sind nicht mal Tiere. Das sind Konsum- und Arbeitsmaschinen.
Z schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Ich weiß nicht genau... sie sind wenigstens glücklich. Verstehst du? Das, was wir nie sein können. X hat uns das alles genommen, er hat uns all die dunklen Seiten des Lebens gezeigt... er hat uns gezeigt, wie leicht es ist, jemandem weh zu tun... wie leicht es ist, Schmerzen zuzufügen. Und er hat uns die ständige Angst mit auf den Weg gegeben. Diese Angst, die verhindert, dass wir einfach zugreifen und glücklich sind...“
„Das ist verdammt noch mal nicht wahr, Z!“, empörte sich Y.
„X hat uns zu Göttern gemacht! Denn wir sind in der Lage, in unseren Köpfen ganze Welten entstehen zu lassen und wieder zu zerstören... wie George Lucas. Erinnerst du dich?“
Z nickte stumm. Ja, er erinnerte sich an all die alten Filme, die X ihnen gezeigt hatte. Doch für sie waren das wesentlich mehr als nur Filme gewesen... Es waren eigene Universen, die nun für alle Zeit verloren waren.
X hatte ihnen geheime Videobänder gezeigt, auf denen zu sehen war, wie sämtliche Bücher und Filme, die Gewaltdarstellungen, irrationale Fantasien oder negative Gedanken enthielten, in unterirdischen, geheimen Kraftwerken verbrannt wurden... bis sie alle verschwunden waren.
Die Welt musste friedlich werden um jeden Preis, so sah es der Plan von Schutzmann und seinen Mitverschwörern vor... und als erstes begann man damals damit, die Menschen langsam und unterschwellig mit Hilfe der Massenmedien umzuprogrammieren.
Statt der Bevölkerung überlebensgroße Helden vorzusetzen, an die der durchschnittliche Bürger ohnehin nie herankommen konnte, und dadurch die Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem zu entfachen, filmte man von da an nur noch normale Menschen dabei, wie sie ihren banalen Alltag bewältigten.
Als Abbild der Realität gab es in der neuen Form der Fernseh-Unterhaltung dabei natürlich auch Probleme und Reibereien, doch waren diese harmlos und lösten sich stets durch den nächsten Gehaltscheck oder einen neuen Disco-Flirt wieder in Wohlgefallen auf. Und das natürlich rechtzeitig vor der Werbepause, um ja keinen rechtsfreien Raum in den Köpfen entstehen zu lassen...

„Vielleicht sind wir ja wirklich nur neidisch auf sie, weil wir keine Harmonie erfahren können...“, grübelte Z nachdenklich, doch Y wiegelte nur empört ab.
„Wie kannst du das sagen, Z? Du weißt verdammt gut, dass ich Harmonie will. Aber ich würde mich nie mit der Art von Harmonie zufrieden geben, wie sie in einer Schafherde herrscht... ich will die Harmonie, die zwei Wölfe ausstrahlen, wenn sie friedlich nebeneinander in der Sonne liegen! Verstehst du den Unterschied? Die Schafe tun dir vielleicht nur deshalb nichts, weil sie dazu einfach nicht in der Lage sind. Sie haben sozusagen nie die Wahl zwischen Gut und Böse gehabt. Wenn dir der Wolf hingegen nichts zu Leide tut, dann weißt du, dass er dich respektiert und achtet! Und nur das ist wahre Harmonie... und die gibt es in dieser Welt voller Schafe einfach nicht.“
Z sah sich unsicher um.
„Was willst du denn dagegen unternehmen?“
„Lass uns doch das selbe tun, was X mit uns gemacht hat.“, überlegte Y.
„Wir entführen ihre Kinder, fesseln sie an einen Stuhl und schütten ihnen so lange kaltes Wasser über den Kopf, bis sie wach sind!“
Aber Z blieb skeptisch.
„Es gibt keine alten Filme mehr, die wir denen zeigen könnten. Nicht mal ein einziges verdammtes Buch konnten wir retten. Sollen wir jetzt etwa selber eines schreiben? Davon abgesehen, selbst wenn es theoretisch möglich wäre... wir sind nicht wie X. X war früher ein großer Star gewesen. Er hatte einfach eine gewisse Ausstrahlung, die es ihm leicht machte, andere Menschen zu beeinflussen. Wir sind dagegen nur zwei schüchterne Jungs, die er damals zufällig eingefangen hatte. Du glaubst doch selber nicht, dass X einen besonderen Plan mit uns hatte... Er war verzweifelt, er hat nach dem letzten Strohhalm gegriffen, weil er nicht der letzte seiner Art sein wollte. Ich bezweifle, dass er das alles überhaupt richtig durchdacht hatte... da war von seiner Seite her wesentlich mehr Gefühl als Verstand im Spiel.“
„Und wenn schon...“, warf Y trotzig ein.
„Er hat aus den dummen Lämmern, die wir waren, stolze und freie Wölfe gemacht! Ich denke, wir sollten das mit anderen einfach genauso tun...“

Z verharrte eine Weile still, während er ein paar spielende Kinder auf der gegenüberliegenden Wiese beobachtete. Glücklich hatten sie sich an den Händen gefasst und tanzten um einen mit Watte umklebten Stein herum.
„Willst du hier wirklich die Wölfe loslassen, Y? Sieh sie dir doch an! Sie sind verdammt noch mal gerne Schafe...“
Y nickte grimmig.
„Das ist ja gerade das Listenreiche an Schutzmanns Plan gewesen. Wir haben zwar noch unsere Waffen, aber keinen Feind mehr, gegen den wir sie einsetzen könnten. Schutzmann hat die Verbrechen abgeschafft, und die Heldentaten gleich mit. Er hat der Welt das Mittelmaß aufgezwungen.“
„Und wenn genau das das Richtige war?“, frage Z nachdenklich.
„Was wenn Schutzmann mit seinen Ideen tatsächlich alles Leid auf der Welt vernichtet hat, und nur uns beide dabei übersah? Die anderen sind nur in deinem Kopf Schafe... weil du ein Wolf bist! Vielleicht sind ja einfach wir der Fehler. Vielleicht können wir uns nur nicht für die schöne neue Welt begeistern, weil wir immer Außenstehende bleiben werden. Und vielleicht...“
Weiter kam er nicht, denn die Stimmen eines dienstbeflissenen Sicherheitsbeamten unterbrach ihn unwirsch.
„He, sie da!“, meinte er, während er näher an Y und Z herantrat. Hinter ihm befanden sich noch zwei weitere Uniformierte, die gleich darauf ebenfalls einige Schritt nach vorne machten.
Z sah Y mahnend an, als der entschlossen an seinen Gürtel griff, in dem er für den Ernstfall seine Pistole aufbewahrt hatte.
„Du musst dich jetzt entscheiden, Bruder... Wer ist der Fehler, wir oder die? Wer ist im Unrecht... 2 unerfahrene Jungs wie wir, oder 10 Milliarden glücklicher Menschen? Bitte, vergiss X und das, was er gesagt hat. Vergiss für einen Moment X und unsere Träume, und denke jetzt einfach nur objektiv!“

„Ich muss sie bitten, mitzukommen!“, fuhr der Beamte mit monotoner Stimmlage fort. „Sie wurden nun bereits mehrfach ermahnt, ihr Verhalten der Norm anzupassen. Da sie dem bisher nicht nachgekommen sind, wird an ihnen nun eine Zwangsmaßnahme vollzogen werden. Gemäß den Gesetzen von Utopia wird man ihr Gedächtnis löschen und neu kalibrieren... danach erhalten sie die Möglichkeit, noch einmal von vorne zu beginnen und sich in unserer Gesellschaft mit einzubringen, anstatt sie zu zersetzen zu versuchen.“
„Ja, schöne neue Welt...“, grinste Y provozierend.
„Ganz ruhig Jungs!“, entgegnete der Uniformierte mit einem bemüht sympathisch klingenden Unterton in der Stimme.
„Erspart euch den Versuch, fortzulaufen. Wir würden euch ja doch wieder einholen... durch euer Verhalten würdet ihr nur noch mehr Menschen verstören und so weiteren Schaden anrichten. Versteht doch, ich tue nur das, was für die Menschheit am Besten ist.“
Y zog seine Pistole und blickte dem Sicherheitsbeamten tief in die Augen.
„Ja, ich auch!“
Er wollte schießen, doch dann bemerkte er, dass auch Z seine Waffe gezogen hatte und ihm diese seitlich gegen die Schläfe drückte.
„Ich habe mich entschieden, Y. Lege deine Waffe auf den Boden, oder ich schwör dir, ich drücke ab!“
Y blickte fassungslos zu ihm rüber.
„Du bist mein Bruder! Hast du unsere Ideale denn alle vergessen?“
Das konnte er einfach nicht glauben...
„Keine Ideale... nur Träumereien von ein paar Kindern, Y. Die Realität sieht anders aus.“, antwortete Z.
„Die Realität ist friedlich... vielleicht nicht perfekt, aber doch akzeptabel. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit leben die Leute ohne Gewalt miteinander. Wenn du jetzt ihr empfindliches System störst, wird vielleicht alles wieder auseinanderbrechen!“
Y’s Stimme wurde immer gereizter.
„Verdammt, Z. Dieses System wird immer so zerbrechlich bleiben! Weil es nicht auf mündigen, nachdenklichen Bürgern basiert sondern auf Zensur und faulen Kompromissen. Ich werde diese Lügen aufdecken... Schick mich meinetwegen zur Hölle, wenn du willst. Aber ich werde nicht alleine dorthin gehen!“
Dann schoss er.
Der Beamte, der zu ihnen gesprochen hatte, ging als erster zu Boden... und auch seine beiden Kollegen wurden von den Geschossen niedergestreckt, bevor die völlig überraschten Beamten auch nur die geringste Chance zum Reagieren hatten.
Als es vorbei war, hielt Z seine Waffe immer noch zitternd gegen Y’s Kopf, ohne sie abgefeuert zu haben.
„Jetzt bist du zu weit gegangen.“, flüsterte Z schockiert. „Ich muss hier weg... weg von dir, weg von diesem selbstgewählten Außenseiter-Dasein. Ich muss endlich versuchen, mich in die Gesellschaft zu integrieren.“
„Willst du dir dein Gehirn amputieren lassen?“, rief ihm Y spöttisch hinterher.
„Nein, ich werde schon einen Weg finden, es zum Wohle der Menschheit einzusetzen.“
Y lächelte.
„Na dann viel Spaß, Bruder...“

Das vorzeitige Dahinscheiden der Sicherheitsbeamten hatte weit weniger Auswirkungen auf die neuen Menschen, als Z befürchtet hatte. Ehrlich gesagt, es interessierte einfach niemanden, der nicht unmittelbar von dem Verlust betroffen war. Und die Trauer der Familienangehörigen wurde auf die übliche medikamentöse Art und Weise kuriert.
Erst wenig später ging ein Aufschrei durch Utopia... als nämlich zwei Hauptdarsteller der beliebtesten Reality-Soap mitten in einer Live-Werbesendung für den Nutzen der Gehirnmanipulation in der Pubertät von einem maskierten Unbekannten auf den Boden gestoßen und dann regelrecht hingerichtet wurden... und das unter den Augen von ein paar hundert Millionen Fernsehzuschauern.
Noch im selben Jahr gab es 24 weitere Gewalttaten von Jugendlichen gegenüber Vollzugsbeamten des Staates oder Angestellten von Kliniken. Im Jahr darauf wurden weltweit schon 1500 Morde gezählt... ausgeführt mit allen möglichen Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Mal aus Widerstand gegen die Staatsgewalt, mal einfach aus einer kindlichen Neugier heraus.
Als das Parlament schließlich darüber beriet, ob man die Möglichkeit der chirurgischen Eingriffe ins Gehirn trotz der Gefahr einer irreparablen Schädigung ausgiebiger nutzen sollte, stürmten mehrere Mitglieder eine bewaffneten Widerstandsgruppe in den Saal und exekutierten sämtliche Fürsprecher dieses Antrags.
Am Tag darauf kam es in der Hauptstadt zu einem gewaltigen Aufstand. Zehntausende Demonstranten trafen auf ebenso viele Gegendemonstranten und Polizisten... und allen Teilnehmern war klar, dass an jenem Tag die Entscheidung über die Zukunft der Menschheit fallen würde.
Z hatte sich nach der Trennung von seinem Bruder die langen Haare abgeschnitten und war zu den Sicherheitskräften gegangen, weil er glaubte, den Menschen von Utopia dort am besten helfen zu können... und dank seiner Erfahrung mit Gewalt und seiner Kompromisslosigkeit stieg er binnen kürzester Zeit zum Leiter der staatlichen Eingreiftruppe auf.
Y dagegen hatte die Zeit hauptsächlich dazu genutzt, Menschen aus den psychiatrischen Kliniken zu befreien und aus ihnen seine Rebellenarmee zu formen.
Und jetzt standen sie sich Auge in Auge gegenüber... ein jeder mit einigen Tausend Mann in seinem Rücken.

Die Revolte begann... die Menschenmassen prallten aufeinander.
Achtlos schlug Z die ersten Aufständischen zur Seite, denn er hatte nur das eine Ziel, Y auszuschalten, der durch seine Gewalttaten dieses ganze Chaos überhaupt erst möglich gemacht hatte. Wütend warf er sich auf ihn, doch Y wehrte sich gekonnt und stieß seinen Gegner nach hinten weg.
„Du mieser Verräter!“, zischte Y. „Du hast X verraten... du hast George Lucas verraten. Ja, du hast alle Ideale der alten Menschen verraten, um einer von diesen... diesen Zombies zu werden!“
„Ein jeder Mensch, der Ideale hat, stellt sich damit automatisch über andere Menschen! Hör damit auf, in einem Traum zu leben... und lebe in der realen Welt!“, schrie Z aufgebracht zurück und schlug gleichzeitig Y die Faust ins Gesicht. Der taumelte ein wenig zurück, bis er gegen einen hinter ihm kämpfenden Demonstranten prallte... aber als Z erneut zuschlug, konterte Y und begann nun, seinerseits kräftig auszuteilen.
„Hast du schon vergessen? Unsere Welt war auch real!“
Ein kräftiger rechter Haken traf Z frontal auf die Nase...
„Weißt du noch, wie X uns gefesselt hatte? Zuerst hatten wir furchtbare Angst vor ihm. Doch dann, als wir hätten fliehen können, taten wir es nicht. Weil wir wissen wollten, ob es Luke Skywalker gelingen wird, Han Solo aus den Klauen von Jabba the Hut zu befreien... Oder weißt du noch, die Spaziergänge durch den Park? Die alten Platten von X und seiner Band?“
Geschickt tauchte Z unter dem nächsten Schlag weg und stieß Y sein Knie in den Magen.
„Ja, wir wollten auch so eine Band gründen... haben uns die Haare wachsen lassen...“, meinte er angestrengt, bevor er Y mit einem gutplazierten Kinnhaken zu Boden schickte.
„Das war eine wirklich coole Zeit, mann. Nichtsdestotrotz sind wir ein Virus, der diese Welt befallen hat!“
Z blickte sich um. Wohin er auch schaute, auf beiden Seiten... überall sah er hasserfüllte Fratzen. Menschen, die sich in einen regelrechten Rausch gekämpft hatten, die nur noch vernichten und töten wollten.
Und gleichzeitig wurde Z bewusst, dass er Y niemals würde töten können... er konnte ihn ja nicht einmal schlagen, ohne gleichzeitig mit ihm über die alten Zeiten zu plaudern.
Währenddessen nahm der am Boden liegende Y seine Hände herunter, die er sich schützend vors Gesicht gepresst hatte... Schockiert beobachtete er, wie ein paar Polizisten zu seiner Rechten auf einen anderen Polizisten einschlugen. Direkt daneben traten mehrere Demonstranten ein am Boden liegendes Kind, obwohl dieses vermutlich schon längst tot war...
„Nein, Z.“, meinte er angewidert.
„Diese Welt ist der Virus... sie hat uns befallen! Schlag mich ruhig, wenn du unbedingt willst... ich werde mich nicht mehr wehren. Verdammt, Z... Ich möchte einfach nur wieder mit dir am Teich stehen und die Enten beobachten. Ganz so wie früher...“
Z verstand, was Y meinte... er half ihm auf die Beine. Dann versuchten sie, die Menge zum aufhören zu bewegen.
Doch Vergebens... keiner konnte die tobenden Massen noch besänftigen. Zu ungewohnt waren die dunklen, finsteren Gedanken für die neuen Menschen, und zu stark war die über Jahre hinweg angestaute Sehnsucht von ihnen, einmal etwas wirklich Unvorhersehbares zu erleben...
Die Straßen ertranken im Blut.

Y und Z hatten längst aufgegeben, an die Vernunft der anderen zu appellieren. Stattdessen hatten sie es sich auf einem Dach weit über den kämpfenden Horden gemütlich gemacht... sich sozusagen einen Logenplatz für den Untergang der menschlichen Zivilisation besorgt.
Der Kampf wurde immer heftiger geführt. Von Autos über Kettensägen oder den eroberten Gerätschaften der Sicherheitskräfte wurde alles eingesetzt, was anderen Menschen Schaden zuzufügen vermochte...
Jeder kämpfte gegen jeden. Und immer neue Menschen strömten von allen Seiten her hinzu.
„Sie tun immer das, was die Mehrheit tut.“, philosophierte Y, während er Z amüsiert dabei beobachtete, wie dieser seine Uniform zerriss und mit lila und roter Farbe besprühte.
„Wenn die Mehrheit friedlich ist, sind sie es auch. Aber wenn die Mehrheit in den Krieg zieht...“
Z sah nachdenklich auf die Straße hinab.
„Naja, wir haben es wenigstens versucht...“
Y fasste ihm tröstend an die Schulter.
„Weißt du... vielleicht sind wir ja wirklich nur manipuliert worden. Vielleicht hat X etwas aus uns gemacht, was wir ohne sein Zutun niemals geworden wären... aber das ist mir verdammt noch mal egal! Wir sitzen hier oben, weit über den anderen. Und wir sind Freunde, während die sich da unten die Hölle auf Erden schaffen.“
Z nickte zustimmend.
„Ja, du hast wohl recht. Auch mit dem, was du einmal gesagt hast... dass nur die Harmonie der Wölfe ein ehrliches Zusammenleben ist. Bei den Schafen kann man sich niemals sicher sein, wie sie sich verhalten würden, wenn sie Krallen und scharfe Zähne hätten. Doch wir Wölfe sind den Umgang mit unserer dunklen Seite gewöhnt... wir tun das, was wir tun, aus Überzeugung, und nicht nur deshalb, weil wir einfach noch nicht alle Alternativen kennengelernt haben.“

Sie schwiegen und dachten an dass, was ihnen X vor langer Zeit einmal beigebracht hatte.
„Nachdenklichkeit, Mut und Ideale... all das zusammen im richtigen Verhältnis macht uns zu Wölfen. Gib einem Menschen zu viel von einem der drei, und er wird tollwütig werden. Gib ihm zu wenig, und er wird ein Schaf.
Doch um unsere Ideale überhaupt erst entwickeln zu können, müssen wir Ungerechtigkeit erfahren haben. Zur Nachdenklichkeit bedarf es Einsamkeit, und zum Erlangen von Mut müssen wir zuerst einmal etwas haben, wovor wir uns fürchten.
Ja, man sollte das Schlechte auf der Welt abschaffen! Aber nicht, so lange es noch Schafe gibt, denen man dadurch die Chance nimmt, sich zu entwickeln... denn das hätte ihren Untergang zur Folge.“

MonoMan
 
 
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dian
Alt 16.09.2001, 19:58   #2
Beitrag

Hallo Verwaltung?
Sunshine??
Warum steht der Text jetzt wieder so weit oben im Forum? Und das vor allem immer noch unter dem Namen dieses unsäglichen "Monomans", der die ganzen Texte bekanntlich gar nicht selber verfasst hat?
Ich will ja nur nicht, dass es zu weiteren Missverständnissen kommt...
 
 
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Sunshine
Alt 16.09.2001, 20:05   #3
Beitrag

er steht so weit oben, weil so Leute hier "versteh ich nicht" "der is so lang, nmeinst ich les das jezz?" und so gepostet haben und das gelöscht habe

das da immernoch "Monoman" steht, dafür kann ich nix, wir können ihn ja schlecht in Dian umbenennen

und wenn mal einer nicht weiss, dass der Text nicht orginal von Mono ist wird derjenige aufgeklärt
du beantwortest Fragen diesbezüglich ja sicher gerne
 
 
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Jason Evil
Alt 17.09.2001, 01:17   #4
Beitrag

öhm, Sunny warum hab ich den Beitrag gestern zu gemacht? Damit er nicht wieder auf ist, gelle?

ZU!
 
 
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