Ok, jetzt muss ich erstmal tief durchatmen. Iso, meinst du das ernst??
Ich will jetzt mal garnicht darauf eingehen, was und wie ich über Abtreibung im allgemeinen denke. Aber ein Kind abzutreiben, weil es behindert ist, ist wirklich die Härte. Und dann noch zu behaupten, behinderte Menschen würden ein Leben ohne Sinn führen.
Ich erzähl dir jetzt mal was: Ich hab vor kurzem ne Weile in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet. Und in unserer Werkstatt gibts neben den üblichen Arbeitsgruppen auch noch zwei sogenannte Fördergruppen. In diesen Gruppen werden schwerst-mehrfach behinderte Menschen betreut und gepflegt.
Und weil ich es einfach
weiß, sag ich dir: Diese Menschen führen kein Leben ohne Sinn, sie sind nicht unglücklich über ihre Behinderung. Im Gegenteil, oft sind z.B. Menschen mit einer vergleichsweise leichten Behinderung (z.B. Lernbehinderung) eher die, die unglücklich mit ihrer Situation sind.
Der Ausdruck zu einer Behinderung >verdammt< zu sein, wie du es so schön formulierst, lässt bei mir alle Haare zu Berge steigen. Behinderte Menschen mögen ein
anderes Leben führen, aber sicher nicht unbedingt ein schlechteres.
Dazu muss man daran denken, wie es für diesen Menschen selbst sein muss, fürs Leben geistig behindert unter Leuten zu leben, denen es nicht so schlecht geht. Diese Menschen leben, um von Stärkeren gepflegt und am Leben gehalten zu werden. Sie sind schlicht und ergreifend abhängig, um zu überleben.
Aus den Dingen, die ich gesehen und erlebt habe, formulier ich jetzt einfach mal folgendes: Ein geistig behindertes Kind fordert im Normalfall sehr viel Aufmerksamkeit und Liebe. Aber mind. genauso viel gibt dieses Kind auch zurück. Und in den seltensten Fällen leben behinderte Menschen nur unter nichtbehinderten Menschen. Sei es nun, dass sie in einer Einrichtung mit anderen behinderten Menschen zusammenkommen oder dass sie z.B. in einem Behindertenwohnheim leben. Und ja, auch da sind sie auf die Hilfe von Betreuern angewiesen. Aber was ist daran schlimm?
Wenn ich mal von den schwerst-mehrfach Behinderten ausgehe, mit denen ich gearbeitet habe, würde ich glatt behaupten, dass jeder von ihnen, wenn man ihn vor die Wahl gestellt hätte, sich FÜR das Leben entschieden hätte.
In meinen Augen ist ein Kind wegen einer Behinderung abzutreiben einfach widerwärtig. Und das, obwohl ich alles andere als ein Gegner von Abtreibungen bin. Ich kann fast jede Begründung für eine Abtreibung akzeptieren. Und ich bin sicher die letzte, die jemanden dafür verurteilt, wenn man sich aus persönlichen Gründen für eine Abtreibung entscheidet.
Ich will mal kurz deutlich machen, an welcher Stelle ich da unterscheide. Dazu eine kleine persönliche Geschichte: Meine Mutter ist jemand, der absolutes Unverständnis für Menschen zeigt, die ein Kind abtreiben. Sie sagt dann immer gerne sowas wie: >Sollen die doch die Kinder bekommen und sie alle zu mir bringen<. Mit 38 (zu dem Zeitpunkt hatte sie schon 4 Kinder) wurde sie wieder schwanger und hatte eine Fehlgeburt. Und das hat sie absolut niedergerissen. Sie war wochenlang kaum ansprechbar, hat nur geweint.. Ein Jahr später wurde sie dann noch mal schwanger. Mit 39 Jahren und nach 4 Geburten ist so eine Schwangerschaft natürlich schon was anderes. Sie musste ständig zu irgendwelchen Spezialisten fahren, die Sorge, dass das Kind nicht gesund zur Welt kommt war groß. Und damals hat meine Mutter etwas zu mir gesagt, was ich wirklich groß von ihr fand. Sie sagte, dass wenn sich rausstellen würde, dass dieses Kind eine schwere Behinderung haben sollte, sie in Erwägung ziehen würde, es abzutreiben. Ich war zunächst schockiert, denn sowas würde meine Mutter eigentlich niemals sagen geschweige denn tun. Und dann sagte sie, dass sie das tun würde, weil sie weiß, dass unsere Familie so eine Situation nicht tragen könnte. Dass sie beim ersten oder zweiten Kind jede erdenkliche Behinderung akzeptiert hätte, dass das völlig außer Frage stehen würde. Aber dass sie weiß, dass ein schwerbehindertes Kind unsere ganze Familie auseinander reißen würde, dass es zuhause zu viele Probleme geben würde, als das wir das schaffen könnten und und in der Lage wären, dem Kind ein liebevolles Zuhause zu geben.
Was ich ausdrücken will: Meine Mutter hätte dieses Kind abgetrieben, weil unsere familiäre Situation das nicht hätte tragen können (und ich sage >hätte<, denn obwohl bis zum letzten Moment nicht sicher war, ob die Kleine gesund sein würde oder nicht, habe ich jetzt eine putzmuntere gesunde anderthalbjähre Schwester). Ich rede hier übrigens nicht von einer vergleichsweise leichten Behinderung, sagen wir mal ein Down-Syndrom oder sowas. Sondern schon von etwas schwerwiegenderem.
Aber sie hätte das Kind nicht abgetrieben, weil es behindert ist. Zumindest nicht in dem Sinne, dass sie denkt, dass das Leben eines behinderten Kindes weniger lebenswert wäre.