Teil 3 – Der innere Konflikt, seine Erkennung und Überwindung
Ein Gebundener befindet sich in einem inneren Konflikt. Auf der einen Seite die Elternbindung, auf der anderen Seite der Drang erwachsen und selbstständig zu werden. Es ist wie ein Tauziehen: an einem Ende die Eltern und der von ihnen beherrschte Teil des Unbewussten, am anderen Ende ein anderer Teil des Unbewussten zusammen mit dem Wunsch erwachsen zu werden. Man selbst ist dazwischen und wird förmlich zerrissen. Zu diesem Tauziehen muss es nicht kommen, wenn die Eltern sich richtig verhalten. Wenn die Eltern aber anfangen zu ziehen, dann kommt es zum Kampf.
Von diesem Tauziehen ist der Gebundene beherrscht. Er versucht teilweise verzweifelt auszubrechen, er streitet sich mit den Eltern, zieht überhastet aus, findet einen Partner, versucht sein eigenes Leben zu führen. Auf der anderen Seite empfindet er Schuldgefühle, schmeißt den Job hin und zieht zurück zu den Eltern, lässt seine Beziehung scheitern.
Sein ganzes Handeln wird von zwei entgegengesetzten Antrieben beherrscht:
1. Grenz dich von der Familie ab und werde selbstständig.
2. Komm zurück zu den Eltern.
Dieser Konflikt erzeugt enormen Stress und wird in den oben beschriebenen Symptomen sichtbar. Er kann bis zum Lebensende andauern. Er kann auch andauern, wenn die Eltern längst tot sind, denn die Bindung bleibt im Unbewussten erhalten. Die Lösung besteht darin, diese Bindung aufzulösen. Und zwar im Kopf! Eine räumliche Trennung von den Eltern bringt nichts, wenn die Bindung im Kopf bestehen bleibt. Nur im Kopf löst man die Elternbindung, alles andere sind nur Hilfen.
Die Zusammenhänge sind am Anfang vielleicht nicht leicht zu verstehen. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Zusammenhänge so schwer sind. Die Schwierigkeit besteht darin, dass die Ursachen unbewusst sind. Man sieht sie nicht direkt, man muss sie anhand der Symptome erkennen. Es bedarf einer Übersetzungsarbeit, aber das notwendige Wissen dazu gibt es nur in der Fachliteratur. Die breite Masse kommt nicht daran und die Medien klären nicht über die Problematik auf, sondern verstärken sie, indem sie infantiles und gestörtes Verhalten breitspurig beleuchten und verherrlichen. Infantilität wird zum gesellschaftlichen Vorbild. Die intuitive Erkennung und Lösung des Problems funktioniert deswegen nicht mehr. Es bedarf daher einer Bewusstmachung der Problematik. Denn unzählige Menschen führen einen Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner und weil sie den Gegner nicht erkennen, kämpfen sie gegen sich selbst oder gegen andere, nur nicht gegen das wirkliche Problem.
Elternbindung betrifft ausnahmslos jeden Menschen. Jeder muss durch. Die Loslösung ist der zentrale Konflikt im Leben eines heranwachsenden Menschen. Im günstigen Fall verläuft die Geschichte positiv, aber das ist zunehmend nicht der Fall und das führt zu einer Fülle von oben beschriebenen Problemen. Überprüft euch selbst und andere auf dieses Problem. Überprüft insbesondere euch selbst. Seid ihr so erwachsen, wie ihr in eurem Alter sein solltet? Viele werden bei sich selbst und bei Freunden und Bekannten eine Vielzahl der oben dargestellten Symptome erkennen. Diejenigen, die sie nicht mehr aufweisen, werden sich mit großer Sicherheit erinnern, dass sie eine Phase in ihrem Leben durchgemacht haben, in der sie der dargestellten Symptomatik, zumindest einem Teil davon, unterlagen. Jeder Mensch muss durch.
Je stärker die Bindung ist, desto mehr und desto schwerwiegender werden die Symptome auftreten. Es können nur ganz wenige sein oder die gesamte Bandbreite. Nicht jeder Teil der Persönlichkeit muss betroffen sein. Viele Menschen sind im Beruf selbstständig und zielstrebig, dafür sind die privaten Probleme groß. Prüft euch selbst und wenn ihr das Problem erkannt habt, arbeitet an einer Lösung. Eine ungelöste Elternbindung im Erwachsenenalter ist Ursache vieler physischer und psychischer Leiden. Bekämpft das Problem an der Wurzel, spart euch das Leiden. Wer wirklich tiefes Glück und echte seelische Ausgeglichenheit empfinden möchte, wird die Elternbindung als Erwachsener auflösen müssen.
Die einzelnen Symptome können natürlich auch andere Ursachen haben. Ungelöste Elternbindung ist nicht die einzige Ursache, ich habe sie herausgegriffen, weil sie weit verbreitet ist, jeden im Verlauf des Lebens betrifft und sehr häufig genau die Ursache der beschriebenen Probleme ist. Wenn ihr die beschriebenen Symptome erkennt, wenn gleich mehrere davon zutreffen, prüft das Verhältnis zu eurer Familie. Die Psyche des Menschen wird im Kindesalter von der Familie geformt und die Ursache der meisten Störungen ist logischerweise in der Kindheit und in der Familie zu suchen. Sucht einen Zugang zu eurem Unbewussten, zu der Tiefe eurer Seele. Dort sind alle Wurzeln unseres Handelns versteckt.
Lernt die an der Oberfläche sichtbaren Symbole zu deuten und mit ihrer Hilfe in die Tiefe zu schauen. Informiert euch. Die Symbole sind unverkennbar. Wer die Anzeichen erkennt, hat keinen Grund zur Panik. Die Bindung und die Loslösung sind natürliche Phänomene, die jeder Mensch im Leben durchmacht. Wer diese Phänomene bewusst erkennt, kann gezielt darauf reagieren. Wer noch jung ist, weiß, was er zu tun hat, um erwachsen zu werden. Wer biologisch schon erwachsen ist, weiß, was er nachzuholen hat.
Was die Symbole des Unbewussten angeht, gibt es vielleicht nichts besseres als die Traumdeutung. Durch Träume kann man direkt in das Unbewusste reinschauen, kann sehen, was den Menschen im Unbewussten beschäftigt. Das Bewusstsein schläft in dieser Zeit, es kann nicht verfälschen, verdecken, verzerren, schön- oder schlechtreden. Träume lügen nicht, sie zeigen das Innerste des Menschen. Die Traumberichte hier im Forum erzählen bewegende Geschichten, derer sich die Erzähler selbst gar nicht bewusst sind.
Wenn ihr euch mit den äußeren Symptomen noch nicht sicher seid, schaut in die Träume, dort findet ihr den endgültigen Hinweis darauf, wo ihr euch in der Entwicklung befindet. Aber auch hier gilt: die Symbole der Träume muss man erst kennenlernen, muss sie übersetzen können. Wer sie nicht kennt, hat keinen Nutzen davon. Träume haben eine klare Sprache und es gibt Bücher, die diese Sprache lehren. Verlasst euch dabei nicht auf Esoterik, sucht die Werke von Psychologen und Psychiatern.
Ich komme langsam zum Abschluss und hoffe, einen Einblick in eine weitgehend unbekannte und doch so verbreitete Problematik gegeben zu haben. Es ist trotz der Textlänge wirklich nur ein sehr knapper und unvollständiger Einblick. Lösungsmöglichkeiten sind noch gänzlich außen vor geblieben, aber Lösungen kommen auch erst nach der Problemerkennung. Man muss wissen, was man lösen muss und nur für diesen ersten Schritt möchte ich hier den ersten Stein pflastern.
Für die Leute, die das geschriebene überprüfen oder mehr über das Thema wissen wollen, gibt es noch ein paar Literaturquellen und Links, die sich mehr oder weniger direkt mit der beschriebenen Thematik befassen:
H. B. Flöttmann – Angst. Ursprung und Überwindung. Ein Buch, das ich jedem ans Herz legen kann. Es beschreibt die Elternbindung, ihre Ursachen und Folgen und gibt Hinweise auf Lösungsmöglichkeiten.
H. B. Flöttmann – Steuerrecht des Lebens.
http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/388.html?p=1 Ein guter Artikel, der mit anderen Worten und aus anderer Perspektive die gleiche Problematik beschreibt, auf die ich eingegangen bin. Teilweise werden von mir nicht beschriebene Aspekte angesprochen, wie z.B. die Übertragung von Konflikten von einer Generation zur nächsten. Am Ende gibt es eine Literaturliste, die der kritische Leser auch nutzen sollte. Zusammenhänge werden oft klarer, wenn sie auf verschiedene Weise erklärt werden, deswegen ist der Beitrag zu empfehlen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie Eine knappe Übersicht über empirische Erkenntnisse bezüglich der Eltern-Kind-Bindung.
http://de.wikipedia.org/wiki/Unterbewusstsein Knapper Überblick über das Unbewusste. Seine Bedeutung wird allgemein stark unterschätzt.
http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/683.html Ein weiterer Hinweis auf die enorme Macht des Unbewussten.
Selbstverständlich findet man nach dem Schneeballprinzip weitere unzählige Literaturhinweise aus den genannten Quellen. Oder auch bei eigenständiger Recherche.