Früher dachte ich immer, "erleuchtet zu sein" bedeutet, zu wissen, ob es einen Gott gibt oder
nicht... doch heute weiß ich, wahrhaft erleuchtet ist der, der in seinem Leben zu sich selbst gefunden hat... der sagen kann:
"Ist mir eigentlich egal, ob es Gott gibt oder nicht. Für IHN würde ich mein Leben jedenfalls nicht ändern!!"
Ich möchte eine Geschichte erzählen... eine alte Geschichte aus dem fernen Land Cyria...
die Geschichte von KENDAL, dem DRACHENREITER....
Einstmals lebte in Cyria ein Junge, Kendal mit Namen. Seit seiner Geburt waren seine Beine lahm, so dass er sich nur mit Krücken leidlich fortzubewegen vermochte.
Unfähig, mit den anderen Kindern aus dem Dorf herumzutollen, verbrachte er den Tag damit,
die Schweine im Gehöft seines Onkels, bei dem er lebte, zu versorgen.
Des Nachts saß er dann oft stundenlang vor der Scheune, starrte mit ausdruckslosen Augen
in den Himmel und beklagte sein Leben... Früher hatte er noch davon geträumt, einmal ein mächtiger, geachteter Krieger zu werden. Ganz so, wie es sein Vater angeblich gewesen sein
soll. Doch die anderen Jungen lachten nur über Kendal, als er vor einem Jahr mit ihnen zur Burg des Herzogs gehen wollte, um das Kriegshandwerk zu erlernen.
"Wie willst du denn ein Schwert halten ?", lästerten sie, "Wenn du deine Krücken loslässt, liegst du doch sofort auf der Schnauze!!"
Zum Beweis hatte ihm dann auch noch einer von ihnen die Stützen weggezogen, was ihn zu Fall brachte und ihm die letzten seiner Illusionen raubte. Ging er mit seinem Kummer zu seinem Onkel, so fasste der ihm lediglich grob an die Schulter und meinte:
"Wir können uns unser Leben nicht raussuchen, mein Junge.. Das ist eben der Wille der Götter."
So kam es eben damals, dass Kendal sich immer weiter zurückzog und aufhörte, daran zu glauben, dass auch ihm ein glückliches Leben bestimmt sei.
Er war ja nichts als ein verkrüppelter Schweinehirt... selbst in größter Not würde man die Weiber und Greise noch vor ihm zu den Waffen rufen.
Nein... niemals konnte aus ihm ein geachteter Held werden!
So verging die Zeit, und es begab sich, dass ein benachbartes Königreich Anspruch auf das
Land Cyria erhob. Es erging die Order des Herzogs, den Feind, noch bevor er die Hauptstadt erreichen konnte, unter allen Umständen zurückzuschlagen.
Da lehnte Kendal nun am Fensterbrett und schaute dem gewaltigen Tross zu, der auf der Strasse vorüber zog.
Er erkannte seine Altersgenossen aus dem Dorf... gekleidet in Rüstung und Wappen des Herzogs, nicht einen Blick an ihn, den Schweinehirten, verschwendend.
Über dem Gefolge sah Kendal staunend zwei Drachen kreisen... auf ihren Rücken mächtige
bronzebewehrte Söldner aus dem fernen Norden... die einzigen Menschen, die einem Drachen Befehle zu erteilen vermochten.
Auch Kendals Onkel marschierte dort in den Massen.
"Verlasse nicht das Haus... öffne nicht die Türe, egal was passiert!" waren seine letzten Worte an ihn gewesen... keine tröstenden Beschwichtigungen... kein Abschiedsgruss.
Stunde um Stunde verging, während Kendal in seiner Schlafecke lag und sich bemühte, an gar nichts mehr zu denken.. die einzige Möglichkeit, all die Verzweiflung und Leere zu ertragen, die sein Leben bestimmte.
Ein schauriges Heulen ließ ihn schließlich aufhorchen... gefolgt von einem dumpfen
Aufschlag, der den Holzboden der Hütte erbeben ließ.
Dann polterte jemand gegen die Türe.
"Hallo, ist jemand zu Hause??" vernahm Kendal eine schwach klingende Stimme von draußen.
"Öffnet bei allen Göttern die Tür!!!!"
Die Stimme hörte sich bittend, ja beinahe flehend an.
"Ich darf niemanden hereinlassen!!!", antwortete Kendal unsicher."Was wollen sie???"
"Öffne!!! Ein vergifteter Pfeil .. hat mich getroffen... ich habe nicht mehr viel Zeit.."
Kendal zögerte. Er wusste, wenn dies eine Hinterlist von Räubern sein sollte, wäre er ihnen schutzlos ausgeliefert.
"Mein Onkel hat mir verboten, an die Tür zu gehen!!" rief er lauter.
Der Mann draußen stöhnte verächtlich.
"Verdammt.. Deine Stimme klingt wie die eines jungen Mannes... doch du lässt dich behüten wie ein schwächelndes Weib. Was ist los mit dir??"
Genervt schwang sich Kendal auf seine Krücken und humpelte zur Tür.
Wenn es Räuber sein sollten.. dachte er gleichgültig, so mögen sie mir einen gnädigen Tod bescheren!!
Vor ihm lag ein stattlicher Krieger, seine Rüstung, obgleich von oben bis unten mit Blut verschmiert, wies ihn als einen der nordischen Söldner aus.
"Moment mal... wenn das da einer der Drachenreiter aus dem Norden ist...", durchfuhr es Kendal, "wo ist dann sein Reittier?"
Da war vom Hofe her ein lautes Schnauben zu hören. Kendal zuckte unwillkürlich zusammen.
"Na los.. sieh ihn dir ruhig an!!!! " forderte der Soldat ihn auf. "Ein prächtigeres Wesen wirst
du auf der ganzen Erde nicht finden."
Vorsichtig schielte Kendal um die Ecke... Dort, gleich neben dem alten Brunnen, stand ein majestätischer Drache.. mit unendlich weisen, saphirgrünen Augen, und mit einem feuerroten Schweife, der in seiner Gesamtlänge wohl etliche Meter maß und erst ausgebreitet seine mächtige Gestalt offenbarte. Doch der Drache wirkte seltsam apathisch und teilnahmslos.
"Was ist mit ihm?", fragte Kendal den Soldaten, ohne auch nur nur eine Sekunde den Blick von dem Drachen lassen zu können.
"Er trauert... ",erklärte der Soldat leise. "Er weiß, dass ich sterben werde.. und er fühlt sich dafür verantwortlich.
Kendal wusste nicht genau, was der Sterbende nun eigentlich von ihm wollte.
"DA.. da kann ich auch nicht helfen, Herr. Ich kann nicht einmal meine eigene Traurigkeit
besiegen!"
Der nordische Krieger hustete und musterte Kendal eindringlich.
"Ein Drache ist ein Wesen voller Urkraft und Wahrhaftigkeit. Einen Drachen interessiert es nicht, ob die Grenze Cyrias an dem Berg Garabun endet oder am Flusse Isas. Drachen kämpfen nur für eine Sache, die von größerer Bedeutung ist als alles Land der Erde... euer.. euer Herzog ist ein gutherziger und weitblickender Mann... er droht, die Schlacht zu
verlieren... ohne Luftunterstützung sind Cyrias Truppen verloren!!!"
Kendal verstand nicht ganz, worauf der nordische Söldner da hinaus wollte.
"Ihr.. hättet weiterfliegen sollen, edler Herr.. hier werdet ihr keine Verstärkung finden..."
Der Soldat umklammerte sein breites, goldbeschlagenes Schwert und hielt es Kendal auffordernd vors Gesicht.
"DU !!!!! Du mögest meine Verstärkung sein!!! Der Drache hat dich erwählt."
Kendal musste sich anlehnen, um nicht vor lauter Lachen auf den Boden zu fallen.
"Ist euer Drache vielleicht blind?? Ich bin doch nicht einmal in der Lage, ohne Hilfe auf ein Pferd zu steigen... Und davon ganz abgesehen bin ich kein Nordmann. Wie habt ihr euch das denn vorgestellt???"
Der Soldat wischte sich etwas von dem Blut aus seinem Gesicht und sah ernst zu Kendal herauf.
"Du mußt nicht stark sein, um einen Drachen zu reiten. Und du mußt auch nicht aus dem Norden kommen. Der Drache ist nicht blind, nein.. aber er sieht nicht deine Behinderung.. er sieht nicht deine Angst.. und er sieht auch nicht, dass du von geringem Stande bist. Er sieht nicht deinen kaputten Körper.. nicht deine zerrüttete Seele... er sieht nur, was du in deinem
Innersten zu sein begehrst. Das, was du in dir trägst, ist alles, was benötigt wird, um einen Drachen zu reiten!!!"
Mit dem Schwert des Söldners im Hosenbund steckend, hatte sich Kendal langsam dem regungslosen Drachen genähert. Sachte strich er über die harten Schuppen des mächtigen Urwesens, und als Antwort kam schwarzer Rauch aus den Nüstern des Drachens geschossen.
Dann streckte sich das Tier flach auf den Boden, offensichtlich eine Aufforderung an Kendal, sich an ihm empor zu ziehen.
Kendal sah zurück zum Haus.. dorthin, wo der Soldat leblos auf den Stufen lag. Für ihn konnte er nichts mehr tun. Und Kendal wusste.. wenn er diese Chance nicht nutzte, würde sein Leben genauso erbärmlich enden, wie es begonnen hatte.
Kendal kam es so vor, als träumte er mit offenen Augen. In dem Moment, da sich der Drache mit ihm auf den Schultern in die Lüfte erhoben hatte, war es ihm auf einmal egal gewesen, dass er nicht richtig gehen konnte. Zum ersten Mal in seinem Leben war es ihm wirklich egal!!!
Er hielt das Breitschwert kampfbereit in der Hand und übte das Austeilen der Schläge zu beiden Seiten hin. Nach kurzer Zeit schien es ihm, als hätte er schon viele Kämpfe an der Seite des Drachens bestanden..
Kendal fühlte in diesem Moment, dass er zu Hause war... dass er endlich einen Platz gefunden hatte, an den er gehörte,
Alsbald kündete dichter Rauch unter ihnen von der Schlacht, die auf dem Boden im Gange war. Und dann, ohne noch einen weiteren Gedanken an sein bisheriges Leben zu verschwenden, stürzte sich Kendal ins Gefecht...
Kein Auge des Feindes spähte mehr gen Himmel, sie hielten die Drachenreiter längst für geschlagen. Als die Bogenschützen dann endlich das herannahende Unheil erkannten, war es auch schon zu spät...
Der Feuerodem des Drachens ließ selbst edelste
Metallrüstungen zerschmelzen, und wenn Kendal das goldene Breitschwert schwang, barsten die Helme und Lanzen der Soldaten ohne Unterlass.
Wie ein Strafgericht der Furien wütete der Drache in den Reihen des Feindes.. und bald darauf begann eine unkontrollierte Massenflucht einzusetzen.
Die Truppen des Herzogs gewannen die Oberhand.
Kendal steuerte den Drachen tiefer... vorbei an den Jungs aus seinem Dorf, die ihm jetzt erschöpft und dankbar zujubelten... vorbei an seinem Onkel, der ihn mit weit aufgerissenem
Mund erkannte... und vorbei am Herzog selbst, der ihm überglücklich zuwinkte und ihn zum Landen aufforderte.
"komm herunter, junger Drachenreiter!!! Gold und Ruhm sollen dir beschert werden für diesen glorreichen Sieg!!!" rief der Herzog lachend in den Himmel.
Doch Kendal machte nicht kehrt.
Er war jetzt ein Held.... ganz so, wie er es immer sein wollte. Doch er wusste, sobald er da unten vor dem Herzog knien würde, würde er sich wieder wie der verkrüppelte Schweinehirte fühlen, der er so lange Zeit gewesen war.
So beschloss er weiterzufliegen.. wohin ihn die Winde auch tragen mögen, seiner Bestimmung entgegen.
Oftmals verbreitete sich in späteren Jahren im Dorf die Kunde vom Drachenreiter Kendal und den Taten, die er in fremden Königreichen vollbrachte. und immer dann wurde sich Kendals Onkel dessen bewusst, was er verloren hat....
So endet die Geschichte.
Eine Geschichte aus einer vergangenen Zeit... bestimmt für die Unsere.
Es gibt keine Drachen mehr.. keine Ritter und keine holden Prinzessinnen. Aber es gibt noch Träumer da draußen... und so lange es noch Träume gibt, kann auch einer davon wahr werden.
Cu MonoMan
[ 18. Mai 2001: Beitrag editiert von: MonoMan ]