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"Desiderata" ... sollte man das kennen???

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MonoMan
Alt 18.05.2001, 17:12   #1
Beitrag "Desiderata" ... sollte man das kennen???

"Desiderata" ... sollte man das kennen???


Meine Schwester hat mir neulich einen Text namens "Desiderata" in die Hand gedrückt. Ist wohl irgendwas bekanntes... Lebensweisheiten eben. Man könnte auch sagen Binsenweisheiten.
Meine Sister war jedenfalls mächtig beeindruckt von so Tips wie "Glaub an dich selbst, und du schaffst es auch!" etc.
Schade, dass ich ihren Enthusiasmus ein wenig bremsen musste. Nicht, dass ich den Text schlecht fand... aber irgendwie hab ich mich gefragt, wieso der Arsch, der das geschrieben hat, mit dem Zeug so bekannt geworden ist, und ich mit meinen Texten (die ich für intelligenter halte) hier in einem von der Welt abgeschotteten Internetforum hängen bleibe...
Jedenfalls konnte ich es mir nicht ganz verkneifen, ein paar Auszüge aus dem Text, denen ich nicht ganz zustimmen konnte, zu kommentieren. Will ich euch natürlich auch nicht vorenthalten....
(Was folgt, sind zuerst Zitate aus dem Originaltext, und dann meine Anmerkungen dazu.)


„Vergleiche dich nicht mit anderen, damit du nicht eitel oder bitter wirst. Denn es wird immer Menschen geben, die größer sind als du, und Menschen, die geringer sind.“

Ich denke, man sollte sich sehr wohl mit anderen vergleichen!!
Es ist nichts Falsches daran... so lange man sich selbst genauso kritisch und objektiv betrachtet wie seine Mitmenschen.
Wenn wir dann einen Menschen entdeckt haben, der in irgendeiner Weise edler oder weiter ist als wir, sollten wir uns ihn zum Vorbild nehmen und versuchen, es ihm gleich zu tun.
Und wenn wir welche erkennen, die schlechter sind als wir, hilft uns diese Erkenntnis auch. Etwa dadurch, dass wir deren Fehler dann besser vermeiden können, und dass wir deren Meinung nicht mehr so ernst nehmen, als dass sie uns zu nahe gehen oder verletzen könnte.


„Bleibe an deinem beruflichen Fortkommen interessiert, wie bescheiden es auch sein mag. Es ist ein echter Besitz in den Wechselfällen der Zeit.“

Beruf ist so ziemlich das letzte, was in den Wechselfällen der Zeit Bestand hat. Spätestens mit dem Eintritt ins Rentenalter ist es sowieso damit vorbei, und dann bleibt oft eine Leere in den Menschen zurück, weil sie etwas verloren haben, was für sie Mittelpunkt ihres Lebens war.
Arbeiten sollten wir für unseren Lebensunterhalt, und um anderen Menschen einen Dienst zu erweisen... doch wir sollten einen Beruf nie als Selbstzweck ansehen. Bestätigung und Sinn kann man viel besser im freundschaftlichen Kontakt zu seinen Mitmenschen finden, als in einem Beruf, wo man möglicherweise nur ein Produkt vermarktet, dass genauso eines Tages zu Staub zerfallen wird wie unsere Zeugnisse und Doktortitel.


„Viele Menschen haben hohe Ideale, und wo du auch hinsiehst, ereignet sich im Leben Heldenhaftes.“

Die meisten Menschen haben entweder überhaupt keine Ideale... oder sie haben die Falschen... oder sie haben die richtigen Ideale, aber trauen sich nicht, auch danach zu leben.
Es gibt nicht viel Heldenhaftigkeit mehr auf der Welt. Denn das setzt voraus, dass man für seine Ideale Leben, Arbeit und gesellschaftlichen Ruf aufs Spiel setzen würde. Und wer kann schon noch von sich behaupten, DAS riskieren zu würden?
Sicher waren auch im Dritten Reich viele Menschen gegen Hitler, weil sie Ideale hatten, und weil sie intuitiv wussten, dass es falsch war. Aber kaum einer hat sich mit seinem Leben dafür eingesetzt, dass sich die Zustände ändern. Stattdessen sind sie alle brav mitmarschiert und haben (wenn überhaupt) erst dann was unternommen, wenn sie persönlich oder eines ihrer Familienmitglieder davon betroffen waren.
Und ich behaupte, dass sich die heutigen Menschen in der Beziehung kein bisschen gebessert haben!


„Nimm den Rat, den dir die Lebensjahre geben, freundlich an, und lass mir Würde ab von dem, was zur Jugendzeit gehört.“

Die meisten Menschen werden im Alter nicht klüger, sondern angepasster und kaltherziger.
Was sie von der Jugendzeit ablegen, sind meist der Glaube an die wahre Liebe, an Magie und an Ideale. Was sie dagegen annehmen, sind Egoismus, Arschkriecherei und der Glaube an das, was ihnen Vorteile verschafft.
Je älter die Menschen werden, umso bequemer und gleichgültiger werden sie oft auch... sie werden meist über kurz oder lang zu „Realisten“, die an keine Träume mehr glauben...
Egal ob im Elternhaus, der Schule oder später im Berufsleben... immer wieder wird einem eingebleut, dass im Leben finanzieller Wohlstand und ein hohes politisches Amt die am meisten erstrebenswerten Ziele sind.
Von klein auf wird einem durch das schlechte Beispiel von anderen demonstriert, dass es etwas Schlechtes ist, zu träumen, zu „spinnen“ und mehr nachzudenken, als es seine Altersgenossen zu tun pflegen. Und je älter der Mensch wird, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass er seine irrealen Träume aufgibt, und nur noch die Träume verfolgt, die auch tatsächlich in Erfüllung gehen können.
So spielen zum Beispiel kleine Kinder gern Cowboy und Indianer... sie träumen davon, mal ein Ritter oder ein Held zu sein. Was ist falsch an diesem Traum?
Eigentlich nichts, doch als Erwachsene legen die meisten diese Träume ab und tauschen sie gegen „machbarere“ Ziele ein. Zum Beispiel einen schicken Sportwagen zu fahren, oder im Beruf befördert zu werden...
Und genau deshalb sollte man sich bemühen, nicht die guten Eigenschaften der Jugend abzulegen... höchstens vielleicht die nicht ganz so guten, wie Übermut und Neugier, mit ein wenig Weisheit und Nachdenklichkeit zu würzen.


„Stärke die Kraft deines Geistes, so dass sie dich schützt, wenn ein Schicksalsschlag dich trifft. Doch halte deine Phantasie im Zaum, damit sie dich nicht in Sorge versetzt.“

ALLES kann passieren. Jede noch so schlimme Phantasie kann theoretisch wahr werden. Warum also sich ihr nicht vorher schon stellen und sich darauf vorzubereiten?
Im Denken darf es keinerlei Tabus geben, sonst wird man nie zu einer höheren Stufe des Bewusstseins gelangen... alle Tiefen müssen ausgelotet werden, und sei dass was darin versteckt liegt auch noch so grausam. Nur so wird man jemals sich selbst und das ganze Leben wirklich verstehen können. Alles andere ist nur ein Verdrängen, eine Flucht in eine heile Welt, die einfach nicht existiert.


„Trotz allen Trugs, aller Mühsal und aller zerbrochenen Träume ist die Welt doch wunderschön.“

Auf das Universum in seiner Gesamtkonzeption mag dies zutreffen... da hat jede Krankheit, jeder Schrecken und jede Hürde den Zweck, dass wir daran wachsen können. Aber wer kann schon behaupten, den Programmcode des Universums geknackt zu haben und all diese Vorgänge in ihrem Zusammenspiel erkennen zu können? Dafür haben wir viel zu wenig Abstand... Natürlich sollte man es sich zum Ziel setzen, diesen Abstand zu sich selbst und seinen Problemen zu erlangen, doch bei vielen Menschen hält dieser Zustand immer nur so lange an, wie es ihnen gerade gut geht... In diesem Moment finden sie alles wunderschön, und übersehen dabei nur allzu gerne, dass es anderen Wesen auf der Erde weit weniger gut geht. Doch wenn diese Menschen dann irgendwann wieder Unglück erleiden, fallen sie aus ihrem rosa Wolkenschloss und liegen wieder ganz unten im Dreck.
Wahrhaft glücklich kann nur der sein, der auch noch in dem Moment glücklich ist, wo ihm ein Unheil geschieht. Auf wen trifft das schon zu? Auf Buddha vielleicht...
Wir sollten natürlich versuchen, diesen Zustand zu erreichen... diesen Traum wahr werden zu lassen. Doch wir sollten dies nicht dadurch tun, dass wir uns einreden, in einer perfekten Welt zu leben. Das hindert uns nämlich daran, den Arsch hochzukriegen und Missstände auf der Welt zu beseitigen.

Cu MonoMan
 
 
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Morris
Alt 21.05.2001, 17:32   #2
Beitrag

was definierst man eigentlich als ein gutes ideal? ein gutes ideal ist z.b. sein leben so auszurichten, dass man seine mitmenschen glücklich(er) macht. auf materialismus zu verzichten und all den kram. und was wär denn deiner meinung nach ein schlechtes ideal? ich mein, so viele menschen umzubringen wie möglich oder sowas, so ein ideal hat doch niemand. allerdings gebe ich dir recht, dass sich heute nicht mehr allzu viele für ihre ideale einsetzen.
 
 
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*viviane*
Alt 21.05.2001, 23:18   #3
Beitrag

zitat: ALLES kann passieren. Jede noch so schlimme Phantasie kann theoretisch wahr werden. Warum also sich ihr nicht vorher schon stellen und sich darauf vorzubereiten?
Im Denken darf es keinerlei Tabus geben, sonst wird man nie zu einer höheren Stufe des Bewusstseins gelangen... alle Tiefen müssen ausgelotet werden, und sei dass was darin versteckt liegt auch noch so grausam. Nur so wird man jemals sich selbst und das ganze Leben wirklich verstehen können. Alles andere ist nur ein Verdrängen, eine Flucht in eine heile Welt, die einfach nicht existiert.

da kann ich nich zustimmen, denn mit deinen gedanken bildest du zukunft, mit deiner phantasie beeinflusst du die möglichkeiten, wenn du die heile welt denkst, kannst du sie auch erstellen, das, was du vielleicht meinst, ist das rosarote träumen, das gar-nicht-mehr-bemerken-wie-schlecht´s-steht
aber die andere krasse seite ist der negativ-trockene realismus, der immer das schlechte sieht... also kommts drauf an, an wen das buch addressiert ist, denn es muss ja davon ausgehen, dass die menschen schon irgendwie geformt sind
ich kann mir vorstellen, der autor will negativ denkende menschen ansprechen, die also ein übermäßig negativ-depressives weltbild haben... die solln sich dann davon angesprochen fühlen
mit dieser denkweise könntest du ein krass paranoischer mensch sein, der unbedingt mal ne positiv-kur braucht <g>

zitat: Das hindert uns nämlich daran, den Arsch hochzukriegen und Missstände auf der Welt zu beseitigen.

ich werde meist von den missständen umgehaun, und dann krieg ich GAR nichts hin, deswegen das oben geschriebene
 
 
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MonoMan
Alt 23.05.2001, 22:10   #4
Beitrag

@*viviane*
zitat *viviane*)
da kann ich nich zustimmen, denn mit deinen gedanken bildest du zukunft, mit deiner phantasie beeinflusst du die möglichkeiten, wenn du die heile welt denkst, kannst du sie auch erstellen


Natürlich muss man beide Seiten kennen. Das ist vielleicht ein wenig zu kurz gekommen bei meinem Text...
Also, ich korrigiere mich daher:
Man sollte sowohl die dunkelsten Tiefen ausloten, als auch die lichtdurchflutetsten Höhen.
Man sollte sich einerseits seinen negativen Gedanken stellen, aber andererseits auch über Perfektion, Schönheit und Harmonie nachdenken. (ich hielt das nur einfach für selbstverständlich, daher hab ichs nicht extra erwähnt)

Zitat:
ich kann mir vorstellen, der autor will negativ denkende menschen ansprechen, die also ein übermäßig negativ-depressives weltbild haben... die solln sich dann davon angesprochen fühlen


Gut. Er will also negativ denkende kleine Lemminge in positiv denkende kleine Lemminge umwandeln. Ach wie niedlich...
Es bringt einfach nix, den Leuten so dumme Standart-Ratschläge zu geben wie "Denkt positiv!". Vielleicht werden sie dann kurzfristig ziemlich glücklich, wenn sie sich daran halten. Aber was solls... irgendwann trifft sie wieder ein Tritt in die weichteile... sie gehen wieder zu Boden und sind genauso weit wie am Anfang.
Besser, man lehrt den Leuten, beides zu verstehen. Die Liebe und den Hass. Licht und die Finsternis. Nur so kann man ihnen dauerhaft helfen... und genau das ist es, wofür ich eintrete, und was mich von diesem Autor von "Desiderata" unterscheidet.

Zitat:
mit dieser denkweise könntest du ein krass paranoischer mensch sein, der unbedingt mal ne positiv-kur braucht


So lange ich in einer fehlerhaften Welt lebe, werde ich stets mit dem Schlimmsten rechnen. Vielleicht werd ich mir das im Paradies eines Tages abgewöhnen... wenn Gott oder sonstwer mir schriftlich und eidesstattlich versichert, dass es keine bösen Überraschungen mehr geben wird.
Aber so lange das nicht der Fall ist, werde ich wachsam sein.
Alles andere ist einfach nur masochistisch.

Zitat:
ich werde meist von den missständen umgehaun, und dann krieg ich GAR nichts hin, deswegen das oben geschriebene


Hass und Wut sind meiner Meinung nach mit die besten Kraftspender. Wenn dich was umzuhauen droht, darfst du nicht resignieren, sondern du musst hassen und dich aufregen... du musst eine richtige stink-Wut in dir aufkommen lassen, dann kannst du stärker werden als alle Missstände.
Wozu traurig sein??
Wenn was passiert, was dir nicht gefällt, kannst du doch immer jemanden finden, der daran schuld hat.
Entweder ein Mitmensch, oder die gesellschaft, oder meinetwegen Gott oder das Schicksal. Jedenfalls findet sich immer etwas, was du hassen kannst. Nur das gibt dir Kraft- Traurigkeit dagegen richtet sich nur gegen einen selbst... sie ist passiv und in gewisser weise kontra-produktiv.
Wut und Hass dagegen sind aktiv. Genau wie die Liebe.

MonoMan
 
 
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*viviane*
Alt 23.05.2001, 23:59   #5
Beitrag

hey monoman
denk mal bitte weiter:
du befürwortest hass und anscheinend auch, dass er sich gegen die anderen richten darf
fein
aber ich nicht
denn ich glaube, dass hass dafür verantwortlich ist, wie wir miteinander und mit der welt umgehen
ich bin noch am "erkennen" (na hoffentlich), was statt dessen gut ist
ich will nicht jede schlechte tat nur betrachten, aber es muss doch einen "mittelweg" geben...
ausserdem denk ich, ich komme in andere geschehnisse als du, mir widerfährt nichts direkt schlechtes, im moment hab ich keine situation vor augen, in der mir jemand was böses will
kann bei dir anders sein
daraus entstehen dann natürlich verschiedene weltsichten
ich konnte meine weltuntergangserwartung nur dadurch relativieren, dass sie einfach sich nicht erfüllt hat
der hass, den ich so pflege, richtet sich meist gegen leute, die ihn so direkt nicht verdient haben, wie z.b. mich oder "männer", wobei ich meist nicht finden kann an realen leuten, was ich da so hasse...
also würde ich sagen, hass ist da erlaubt, wo eine situation oder vielleicht auch ein mensch in einer bestimmten situation gehasst wird, weil er sich sehr schlecht benimmt
aber es ist doch so, dass man dann noch weiter hasst, sozusagen nicht situationsgebunden
und das ist fragwürdig, wenn auch widerum ein wichtiges verhalten...
ach, was laber ich
ich bin selbst da noch nicht einig

es kommt immer auf die situationen an
aber es ist die kraft (wie du sagstest), die zerstörerische, die mich dazu bringt, hass als negativ anzusehen
 
 
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