Lupuz.de: Artikel-Portal / Magazin

Zurück   Postpla.net - die Forum Community > Postplanet Talk > Philosophie und Gedanken

Der Bus und die Frau

Anzeigen:

Thema geschlossen
 
Themen-Optionen
raffis
Alt 16.04.2004, 15:05   #1
Standard Der Bus und die Frau

Eine kleine Geschichte, die ich nieder geschrieben habe und die ich gerne mit euch teilen würde.

Der Bus und die Frau
====================

Gopi war ein unauffälliger, allein lebender Mann.

Jeden Morgen bestieg er den Bus, welcher ihn zu seinem
Arbeitsplatz fuhr.
Jeden Abend, wenn die Pflichten des Alltags erfüllt waren, nahm
er denselben Bus in die entgegen gesetzte Richtung um nach Hause
zu kommen.

Jeden Morgen, wenn er den Bus bestieg, verliess eine Frau den
Bus.
Jeden Abend, wenn er von seiner Arbeit zurückkam und den Bus
verliess, bestieg diesselbe Frau den Bus.

Gopi war zutiefst berührt von der Schönheit der Unbekannten, die
er leider nur für wenige Sekunden zu Gesicht bekam.
Wenn er morgens die geheimnisvollen, funkelnden Augen erspähte,
so tat sich in ihm ein Gefühl der Sehnsucht auf. Das Gefühl hielt
den ganzen Tag an, das Verlangen nach der Frau trübte seine
Konzentration, und allein der Gedanke an ihre wundervollen Augen
nahm ihm jede Energie für anderweitige Beschäftigungen.
In der Nacht wurde er von wilden Träumen geplagt, in denen sich
alles nur um sie drehte, in denen er sich nahe bei ihr fühlte,
nur um mit dem nächsten Aufwachen festzustellen, dass er sich so
weit weg von ihr aufhielt wie bis anhin.

So sehr er die Frau auch begehrte, so sehr war er sich der
Tatsache bewusst, dass er sie doch nur für zwei kleine Momente
täglich zu sehen bekam, und dass er womöglich noch in vielen
Jahren nicht einmal ihren Namen oder ihren Wohnort kennen würde.

So fasste er eines Tages, auf dem Rückweg von der Arbeit im
fahrenden Bus, den Entschluss, nicht an der gewöhnlichen Station
auszusteigen, sondern weiter zu fahren, um damit zu sehen, wohin
die Frau letzten Endes gehen würde.
An der Station bestieg die Frau wie gewöhnlich den Bus - und Gopi
blieb zum ersten Mal sitzen.
Der Bus fuhr zur nächsten Station, und weiter zur nächsten, doch
die Frau stieg nicht aus.
Der Bus würde noch einige Stationen durchlaufen, ehe er das Ende
seiner Route erreichte. Gopi blieb neugierig sitzen, seine wilden
Gedanken vollkommen auf die sich nicht rührende Frau fixiert.
Der Bus erreichte die Endstation - spätestens hier würde die Frau
sinnesgemäss aussteigen.
Die Frau blieb sitzen.

Gopi verstand nicht.
Wieso würde sie überhaupt jeden Tag den Bus in diese Richtung
nehmen, wenn sie am Ende doch wieder in die andere Richtung
fuhr?
In seiner Unwissenheit, gepaart mit schier unerträglicher Neugier
über das Verhalten der wunderschönen Frau, nahm er den Mut
zusammen, setzte sich auf den Sitz gegenüber von ihr, und sprach
zu ihr:
"Entschuldigen Sie die Störung, verehrte Dame."
Zur Überraschung Gopi's erwiderte sie seinen Gruss in einer Art,
die eine Indikation darauf war, dass sie ihn scheinbar schon seit
längerer Zeit kannte.
"Hallo Gopi."
Verblüffung tat sich auf. Woher kannte sie seinen Namen?
"Wer sind Sie?"
Die Frau bedachte ihn mit ruhigem Blick.
"Frage dich selbst."
Gopi verstand nicht. Konnte es sein, dass er sie tatsächlich von
irgendwo her kannte?
Unmöglich.
"Frage nicht deine Erinnerung.
Frage dich selbst."
Gopi fühlte sich nicht schlauer als zuvor. Vielmehr überkam ihn
eine Welle der Unsicherheit, der Furcht vor jener Frau, die er
jahrelang bestaunt hatte, und die er jetzt nicht zu verstehen im
Stande war.
Er versuchte beim Kombinieren. War sie etwa eine bekannte Person?
Jemanden, den man einfach zu kennen hatte?
"Frage nicht deinen Verstand.
Frage dich selbst."
Gopi verstand noch immer nicht.
Er blieb stumm, nicht fähig, seine Unwissenheit in solchen Worten
auszudrücken, dass ihr Eindruck von ihm nicht ins Unermessliche
hinabgezogen wurde.
Sie musste es bemerkt haben.

Und so sagte sie:
"Wer ich bin oder was ich bin?
Wenn du mich fragst, wer ich bin, so werde ich dir antworten,
dass ich eine gut aussehende Frau bin, welche die Blicke von
Männern wie dir auf sich zieht. Diese Antwort ist nur das
Äussere, nur ein Schleier."
"Und was ist das Innere?"
"Das Innere ist das, was ich bin."
"Und was bist du?"
"Frage dich selbst."
Gopi erwiderte: "Wieso mich selbst? Ich kenne dich nicht."

Da legte die Frau ihre rechte Hand auf sein linkes Bein und
sagte:
"Ich bin deine Sehnsüchte, deine Wünsche und dein Verlangen. Ich
bin das, was deinen Geist rastlos hält. Ich bin das, was dein
Inneres nach Aussen treibt und es dort gefangen hält. Meine Augen
sind die Wächter des Gefängnisses. Sie versichern, dass dein
Geist nicht zurückfindet, indem die Augen deinen Geist mit ihren
Blicken fest umklammern.
Dieser fahrende Bus ist das Rad der Zeit. Er fährt mit der Zeit,
und nicht mit dir. Du fährst mit der Zeit, und nicht mit dir.
Deswegen findest du dich jeden Tag in diesem Bus wieder. Die zwei
Momente unserer Begegnung sind Geburt und Tod. Wenn du einsteigst
und meine Blicke siehst, wird dein Geist von ihnen fest gehalten,
und kommt nicht mehr zur Ruhe. Den ganzen Tag kann sich dein
Geist nicht sammeln, nicht festigen und fokussieren, denn die
Wünsche und Sehnsüchte halten ihn beschäftigt und zerstreut.
Und dann abends, am Ende deines Lebens, steigst du aus, doch dein
Geist wird sich noch am späten Abend, bis in die tiefe Nacht
hinein, in Sehnsucht währen und an meine Blicke denken. Die
Sehnsucht wird im Tod weiter bestehen, die ganze Nacht hindurch,
bis zum nächsten Sonnenaufgang, bis zum nächsten Arbeitstag, bis
zum nächsten Warten an der Busstation, bis zur nächsten Begegnung
mit mir, bis zur nächsten Begegnung mit deinen Wünschen, bis zur
nächsten Geburt. Bis zur nächsten Möglichkeit.
Nun denn, statt deinen Sehnsüchten und deinem Verlangen endlos
nachzulaufen, und doch nicht nachzukommen, hast du diesmal die
weisere Entscheidung getroffen und deine Sehnsüchte konfrontiert.
Jetzt haben sie dir gezeigt, was ich bin und was du bist.
Jetzt haben sie dir gezeigt, dass ich du bin.
Jetzt werde ich nicht mehr gebraucht."

Die Frau stand bei der nächsten Station auf, und verliess den
Bus.
Gopi war nun erleuchtet.
Er sah die Frau nie wieder.


Gruss Raffis
 
 
Nach oben
juan
Alt 16.04.2004, 18:30   #2
Standard

Durchaus interessante Geschichte !!!
Wie bist du darauf gekommen?
 
 
Nach oben
B³nny
Alt 16.04.2004, 22:23   #3
Standard

ich finds toll!
eine frage: hat dieser geburt/tod-aspekt in deiner geschichte einen religiösen hintergrund?
 
 
Nach oben
nephthys
Alt 16.04.2004, 22:34   #4
Standard

haste die geschichte selbst geschrieben und dir auch selbst ausgeschrieben? respekt ich find die richtig gut. die geschichte soll wohl asusagen dass man nicht bis zum tod etwas begehren soll sondern auch versuchen soll es zu erreichen?
 
 
Nach oben
Schreile
Alt 17.04.2004, 11:16   #5
Standard

Eine wirklich schöne Geschichte
Find ich echt interessant.

Gruß Schreile
 
 
Nach oben
sima
Alt 17.04.2004, 11:32   #6
Standard

WOW, echt genial
kompliment!!
 
 
Nach oben
raffis
Alt 17.04.2004, 12:54   #7
Standard

Hallo zusammen,

freut mich wirklich dass ich so gutes Feedback erhalte!

Ja die Geschichte hab ich selbst erfunden,
sie beruht einerseits auf persönlichen Erfahrungen, andererseits an meinem Interesse für östliche Spiritualität (wie von Peter Thoms. bemerkt), und zum dritten auf meinem Faible für das Schreiben von Geschichten mit tieferem Sinn.
Nephtys: deine Interpretation der Geschichte kann ich mit Ja und Nein beantworten, weil ich es eigentlich besser finde, wenn jeder sich seine eigenen Schlüsse daraus ziehen kann und so seine eigene Ansicht darüber entwickelt.
Im Grossen und Ganzen geht es um die Ansammlung von Sehnsüchten und Wünschen (symbolisch in Form der Frau), denen man nicht einfach das ganze Leben lang nachlaufen soll, weil man sonst nie zur Ruhe kommt (wie Gopi tags und nachts an die Frau denkt und doch nicht an sie kommt), sondern die man direkt im Bewusstsein konfrontieren soll, um damit seine innere Ruhe finden zu können.
Damit deute ich nicht eine Unterdrückung der Wünsche an, aber auch nicht ein endloses vor-sich-her träumen, durch das man nie zur Ruhe finden kann. Ich will damit die Konfrontation mit seinen inneren Wünschen symbolisieren, um damit aus deren "Klauen" zu entkommen und das Konzept dahinter zu verstehen.
Die Träume von der Frau nachts symbolisieren das Fortbestehen der Wünsche und Sehnsüchte bis in den Tod, und symbolisieren auch den Grund des nächsten Wartens an der Busstation (oder der nächsten Geburt).
Da er am Ende die Frau, und damit seine Wünsche, konfrontiert und seine Wünsche ihm durch die Konfrontation ihr inneres Geheimnis offenbart haben, hat Gopi am Schluss verstanden und kann so zur Ruhe finden.
Deswegen heisst es am Schluss auch "er sah die Frau nie wieder."

Wie könnte er sie überhaupt noch einmal sehen?

Gruss Raffis
 
 
Nach oben
nephthys
Alt 17.04.2004, 13:01   #8
Standard

aber wenn er die frau doch niewieder sieht, dann hat er gar keine wünsche und träume mehr? und nichts, das er erreichen will?
 
 
Nach oben
raffis
Alt 17.04.2004, 13:14   #9
Standard

Guter Einwand Nephthys.
Es könnte tatsächlich sein dass er nach dieser Konfrontation seine starken Sehnsüchte überkommen hat und sie nicht mehr in sich trägt. (die Frau also weg ist)

Die Frau symbolisiert in meinen Augen aber auch eher den nicht vollendeten Aspekt der Wünsche. Die Wünsche und inneren Sehnsüchte sind da im Übermass und sie bringen ihn auch dazu, täglich darunter zu leiden.
Wenn er die Frau also fragt wer sie sei, und sie ihm antwortet "frage dich selbst", ist damit gemeint, dass sie ein Teil von ihm ist, den er jedoch noch nicht "unter Kontrolle" hat bzw. mit dem er sich jedoch noch nicht auseinander setzen konnte, um damit die Wünsche und ihren Ursprung zu verstehen.
Die Frau ist also verschwunden, weil er nun verstanden hat und die Botschaft damit überbracht wurde.
Kleinere Wünsche mögen fort bestehen, aber den starken Wunsch, das Urverlangen, die tiefsten Sehnsüchte, die Quell seines Leidens, ist sie und ist nun verstanden.

Ich hoffe, das kann man einigermassen verstehen.
Und wenn nicht, umso besser. Das eigene Fazit daraus zu ziehen ist doch der Sinn solcher Geschichten, oder nicht?

Gruss Raffis
 
 
Nach oben
raffis
Alt 17.04.2004, 13:16   #10
Standard

Du kannst es auch so sehen,

zuerst war die Frau (und damit die innere Sehnsucht) von ihm getrennt, weil er sie nicht verstanden hat. Als sie ihm dann alles erläutert, sagt sie "Jetzt weisst du was ich bin und was du bist."
Und daraus die Schlussfolgerung "Jetzt weisst du dass ich du bin" weil sie ja tatsächlich ein Teil von ihm ist.
Wenn sie dann sagt "Jetzt werde ich nicht mehr gebraucht", deutet das doch an, dass sie sich in ihm aufgelöst hat, weil er nun Herr darüber geworden ist?

Gruss Raffis
 
 
Nach oben
Shadownick
Alt 17.04.2004, 18:45   #11
Standard

ich fand die geschichte wirklich schön. habe sie auch so verstanden. ich finde es ist wirklich so dass man nicht alles vor sich herschieben sollte denn das bringt nichts und man muss sich früher oder später doch damit auseinandersetzen. und ich finde es echt toll dass du die geschichte selbst geschrieben hast. also ein dickes lob an dich.

stille grüße
Shadownick
 
 
Nach oben
J@ymz
Alt 07.05.2004, 03:03   #12
Standard

wenn ich ich nicht irre, ist Platons Höhlengleichung ähnlich.
der ganze tagesablauf fixiert sich auf dieses immer wiederkehrende Ereignis. Hoffe nicht ganz daneben zu liegen.
greez ...-J@ymZ-...
 
 
Nach oben
Pascal45
Alt 07.05.2004, 09:25   #13
Standard

Kompliment!

Gestern erst habe ich mich in diesem Forum angemeldet, und schon heuteo solch eine philosphisch/religiös hochrangige Erzählung.
Beim Lesen schwirrten in meinem Kopf lauter Assoziationen zum Buddhismus und "gnoti te autón"
(Erkenne Dich selbst) umher. Pascal 45
 
 
Nach oben
QoOp
Alt 07.05.2004, 09:41   #14
Standard

ja pascal is mir auch so ähnlich gegangen echt sehr gute geschichte ich liebe es selber sich gedanken zu machen
 
 
Nach oben
raffis
Alt 07.05.2004, 09:52   #15
Standard

Danke für das Lob - das ist ein wirklicher Ansporn, mehr zu schreiben!

Plato's Höhlengleichnis?
Der Name sagt mir etwas, habs aber noch nie gelesen!
Um was für ein Gleichnis handelt es sich?

Gruss Raffis
 
 
Nach oben
dirkus
Alt 07.05.2004, 11:12   #16
Standard

@raffis
dann wirds aber zeit!


I. Vom Leben in der Höhle

»Hierauf vergleiche nun, fuhr ich fort, unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung mit folgendem Erlebnis. Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen, höhlenartigen Behausung; diese hat einen Zugang, der zum Tageslicht hinaufführt, so groß wie die ganze Höhle. In dieser Höhle sind sie von Kind auf, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so daß sie an Ort und Stelle bleiben und immer nur geradeaus schauen; ihrer Fesseln wegen können sie den Kopf nicht herumdrehen. Licht aber erhalten sie von einem Feuer, das hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefesselten aber führt oben ein Weg hin; dem entlang denke dir eine kleine Mauer errichtet, wie die Schranken, die die Gaukler vor den Zuschauern aufbauen und über die hinweg sie ihre Kunststücke zeigen. - Ich sehe es vor mir.

Stelle dir nun längs der kleinen Mauer Menschen vor, die allerhand Geräte vorübertragen, so, daß diese über die Mauer hinausragen, Statuen von Menschen und anderen Lebewesen aus Stein und aus Holz und in mannigfacher Ausführung. Wie natürlich, redet ein Teil dieser Träger, ein anderer schweigt still. - Ein seltsames Bild führst du da vor, und seltsame Gefesselte, sagte er.

Sie sind uns ähnlich, erwiderte ich. Denn erstens: glaubst du, diese Menschen hätten von sich selbst und voneinander je etwas anderes zu sehen bekommen als die Schatten, die das Feuer auf die ihnen gegenüberliegende Seite der Höhle wirft? - Wie sollten sie, sagte er, wenn sie zeitlebens gezwungen sind, den Kopf unbeweglich zu halten?

Was sehen sie aber von den Dingen, die vorübergetragen werden? Doch eben dasselbe? - Zweifellos. - Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, sie würden das als das Seiende bezeichnen, was sie sehen? - Notwendig. Und wenn das Gefängnis von der gegenüberliegenden Wand her auch ein Echo hätte und wenn dann einer der Vorübergehenden spräche - glaubst du, sie würden etwas anderes für den Sprechenden halten als den vorbeiziehenden Schatten? - Nein, beim Zeus, sagte er. - Auf keinen Fall, fuhr ich fort, könnten solche Menschen irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener künstlichen Gegenstände. - Das wäre ganz unvermeidlich, sagte er.

II. Der Austritt aus der Höhle

Überlege dir nun, fuhr ich fort, wie es wäre, wenn sie von ihren Fesseln befreit und damit auch von ihrer Torheit geheilt würden; da müßte ihnen doch naturgemäß folgendes widerfahren: Wenn einer aus den Fesseln gelöst und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals zu wenden, zu gehen und gegen das Licht zu schauen, und wenn er bei all diesem Tun Schmerzen empfände und wegen des blendenden Glanzes jene Dinge nicht recht erkennen könnte, deren Schatten er vorher gesehen hat - was meinst du wohl, daß er antworten würde, wenn ihm jemand erklärte, er hätte vorher nur Nichtigkeiten gesehen, jetzt aber sei er dem Seienden näher und so, dem eigentlicher Seienden zugewendet, sehe er richtiger? Und wenn der ihm dann ein jedes von dem Vorüberziehenden zeigte und ihn fragte und zu sagen nötigte, was das sei? Meinst du nicht, er wäre in Verlegenheit und würde das, was er vorher gesehen hat, für wahrer (wirklicher) halten als das, was man ihm jetzt zeigt? - Für viel wahrer (wirklicher), erwiderte er.

Und wenn man ihn gar nötigte, das Licht selber anzublicken, dann schmerzten ihn doch wohl die Augen, und er wendete sich ab und flöhe zu den Dingen, die er anzuschauen vermag, und glaubte, diese seien tatsächlich klarer als das, was man ihm jetzt zeigt? -Es ist so, sagte er.

Schleppte man ihn aber von dort mit Gewalt den rauhen und steilen Aufgang hinauf, fuhr ich fort, und ließe ihn nicht los, bis man ihn an das Licht der Sonne hinausgezogen hätte - würde er da nicht Schmerzen empfinden und sich nur widerwillig so schleppen lassen? Und wenn er ans Licht käme, hätte er doch die Augen voll Glanz und vermöchte auch rein gar nichts von dem zu sehen, was man ihm nun als das Wahre bezeichnete? - Nein, erwiderte er, wenigstens nicht im ersten Augenblick.

Er müßte sich also daran gewöhnen, denke ich, wenn er die Dinge dort oben sehen wollte. Zuerst würde er wohl am leichtesten die Schatten erkennen, dann die Spiegelbilder der Menschen und der andern Gegenstände im Wasser und dann erst sie selbst. Und daraufhin könnte er dann das betrachten, was am Himmel ist, und den Himmel selbst, und zwar leichter bei Nacht, indem er zum Licht der Sterne und des Mondes aufblickte, als am Tage zur Sonne und zum Licht der Sonne. - Ohne Zweifel.

Zuletzt aber, denke ich, würde er die Sonne, nicht ihre Spiegelbilder im Wasser oder anderswo, sondern sie selbst, an sich, an ihrem eigenen Platz ansehen und sie so betrachten können, wie sie wirklich ist. - Ja, notwendig.

Und dann würde er wohl die zusammenfassende Überlegung über sie anstellen, daß sie es ist, die die Jahreszeiten und Jahre herbeiführt und über allem waltet in dem sichtbaren Raume, und daß sie in gewissem Sinne auch von allem, was sie früher gesehen haben, die Ursache ist. - Offenbar würde er nach alledem so weit kommen.

Wenn er nun aber an seine erste Behausung zurückdenkt und an die Weisheit, die dort galt, und an seine damaligen Mitgefangenen, dann wird er sich wohl zu der Veränderung glücklich preisen und jene bedauern - meinst du nicht? - Ja, gewiß.

Die Ehren aber und das Lob, das sie einander dort spendeten, und die Belohnungen für den, der die vorüberziehenden Schatten am schärfsten erkannte und der sich am besten einprägte, welche von ihnen zuerst und welche danach und welche gleichzeitig vorbeizukommen pflegten, und daraus am besten vorauszusagen wußte, was jetzt kommen werde - glaubst du, er sei noch auf dieses Lob erpicht und beneide die, die bei jenen dort in Ehre und Macht stehen? Oder wird es ihm so gehen, wie Homer sagt, daß er viel lieber auf dem Acker bei einem armen Mann im Taglohn arbeiten und lieber alles mögliche erdulden will, als wieder in jenen Meinungen befangen sein und jenes Leben führen? - Ja, das glaube ich, sagte er. Lieber wird er alles andere ertragen als jenes Leben.

III. Die Rückkehr

Denke dir nun auch folgendes, fuhr ich fort: Wenn so ein Mensch wieder hinunterstiege und sich an seinen alten Platz setzte, dann bekäme er doch seine Augen voll Finsternis, wenn er so plötzlich aus der Sonne käme? - Ja, gewiß, erwiderte er. Wenn er dann aber wieder versuchen müßte, im Wettstreit mit denen, die immer dort gefesselt waren, jene Schatten zu beurteilen, während seine Augen noch geblendet sind und sich noch nicht wieder umgestellt haben (und diese Zeit der Umgewöhnung dürfte ziemlich lange dauern), so würde man ihn gewiß auslachen und von ihm sagen, er komme von seinem Aufstieg mit verdorbenen Augen zurück und es lohne sich nicht, auch nur versuchsweise dort hinaufzugehen. Wer aber Hand anlegte, um sie zu befreien und hinaufzuführen, den würden sie wohl umbringen, wenn sie nur seiner habhaft werden und ihn töten könnten. - Ja, gewiß, sagte er.

Dieses ganze Gleichnis, mein lieber Glaukon, fuhr ich fort, mußt du nun an das anknüpfen, was wir vorhin besprochen haben. Die durch das Gesicht uns erscheinende Region setze dem Wohnen im Gefängnis und das Licht des Feuers in ihr der Kraft der Sonne gleich. Und wenn du nun den Aufstieg und die Betrachtung der Dinge dort oben für den Aufstieg der Seele in den Raum des Einsehbaren nimmst, so wirst du meine Ahnung nicht verfehlen, die du doch zu hören wünschest. Gott aber mag wissen, ob sie richtig ist.

Meine Ansicht darüber geht jedenfalls dahin, daß unter dem Erkennbaren als letztes und nur mit Mühe die Idee des Guten gesehen wird; hat man sie aber gesehen, so muß man die Überlegung anstellen, daß sie für alles die Urheberin alles Richtigen und Schönen ist. Denn im Sichtbaren bringt sie das Licht und seinen Herrn hervor; im Einsehbaren aber verleiht sie selbst als Herrin Wahrheit und Einsicht. Sie muß man erblickt haben, wenn man für sich oder im öffentlichen Leben vernünftig handeln will. - Ich bin derselben Ansicht, sagte er, soweit ich zu folgen vermag!«
 
 
Nach oben
dirkus
Alt 07.05.2004, 11:19   #17
Standard

ich finde aber nicht, daß platos höhlengleichnis zu der geschichte paßt. sie zeigt doch eher einen weg zur selbstfindung bzw. hat sie m. e. n. etwas von der kunstlosen kunst des zen.

das höhlengleichnis ist eine beschreibung der tücken der wahrnehmung der wirklichkeit.
 
 
Nach oben
raffis
Alt 07.05.2004, 11:23   #18
Standard

Das ist in der Tat ein sehr tiefgründiges und schönes Gleichnis.

Habe mich bisher vornehmlich mit asiatischer Philosophie beschäftigt, aber diese Gleichung bestätigt einmal mehr dass auch die alten Griechen ihrer Zeit philosophisch weit voraus waren.

Danke für das Paste =)

Gruss Raffis
 
 
Nach oben
katjes
Alt 02.10.2006, 14:15   #19
Standard

Zitat von raffis
Hallo zusammen,

freut mich wirklich dass ich so gutes Feedback erhalte!

Ja die Geschichte hab ich selbst erfunden,
sie beruht einerseits auf persönlichen Erfahrungen, andererseits an meinem Interesse für östliche Spiritualität (wie von Peter Thoms. bemerkt), und zum dritten auf meinem Faible für das Schreiben von Geschichten mit tieferem Sinn.
Nephtys: deine Interpretation der Geschichte kann ich mit Ja und Nein beantworten, weil ich es eigentlich besser finde, wenn jeder sich seine eigenen Schlüsse daraus ziehen kann und so seine eigene Ansicht darüber entwickelt.
Im Grossen und Ganzen geht es um die Ansammlung von Sehnsüchten und Wünschen (symbolisch in Form der Frau), denen man nicht einfach das ganze Leben lang nachlaufen soll, weil man sonst nie zur Ruhe kommt (wie Gopi tags und nachts an die Frau denkt und doch nicht an sie kommt), sondern die man direkt im Bewusstsein konfrontieren soll, um damit seine innere Ruhe finden zu können.
Damit deute ich nicht eine Unterdrückung der Wünsche an, aber auch nicht ein endloses vor-sich-her träumen, durch das man nie zur Ruhe finden kann. Ich will damit die Konfrontation mit seinen inneren Wünschen symbolisieren, um damit aus deren "Klauen" zu entkommen und das Konzept dahinter zu verstehen.
Die Träume von der Frau nachts symbolisieren das Fortbestehen der Wünsche und Sehnsüchte bis in den Tod, und symbolisieren auch den Grund des nächsten Wartens an der Busstation (oder der nächsten Geburt).
Da er am Ende die Frau, und damit seine Wünsche, konfrontiert und seine Wünsche ihm durch die Konfrontation ihr inneres Geheimnis offenbart haben, hat Gopi am Schluss verstanden und kann so zur Ruhe finden.
Deswegen heisst es am Schluss auch "er sah die Frau nie wieder."

Wie könnte er sie überhaupt noch einmal sehen?

Gruss Raffis

die geschichte ist echt klasse, aber irgendwie fehlt etwas oder es ist etwas überflüssig. der satz 'er sah die frau nie wieder' ist einer von denen, die öfter mal vorkommen, also die in der geschichte schon vorrauszusehen sind. besser wäre es wenn der satz wegbliebe, offenes ende ist nämlich imemr gut. es hätte ja genausogut sein können, dass gopi es nich begriffen hat und verzweifelt ist oder so ähnlich. ich finde, es wäre auch gut gewesen den leser selbst entscheiden zu lassen, was passiert ist. denn vielen geht es ja so wie gopi, viele können soetwas nachvollziehen... außerdem nimmt man so dem leser die fantasie oder was auch immer... die geschichte wäre dann nämlich echt genial, ich hoffe mal du hast sie veröffentlicht (bis aufs internet...). aus dir wird auf jedenfall was!
 
 
Nach oben
tschiech
Alt 04.10.2006, 13:57   #20
Standard

nunja ich denk seine geschichet hatte ne botschaft und teil dieser botschaft war eben, dass er die frau nie wieder sieht. lässt er das weg mutmaßen vielleicht einige in die richtige richtung - viele jedoch werden nicht die lehre aus der geschichte ziehen die er sich vorgestellt hat.. also wieso ein offenes ende das zu spekulationen anregt, wenn er dir damit eine konkrete botschaft geben wollte!
 
 
Nach oben
Lexa
Alt 04.10.2006, 16:27   #21
Standard

Wie kann man denn einen Bus besteigen? - Einer deiner ersten Sätze. Aber sonst war die Geschichte echt amüsant
 
 
Nach oben
Ähnliche Themen, die dich vielleicht interessieren
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
ich such doch nur die frau fürs leben... Butterkeks23 Liebe, Sex und Zärtlichkeit 4 14.05.2008 14:26
Wie werde ich erfolgreicher mit Frauen? Ripper08 Liebe, Sex und Zärtlichkeit 10 03.04.2008 16:54
Die Geographie Einer Frau MoH Fun und Rätsel-Planet 26 01.02.2006 15:36
Das Verhalten der Frau Pretender Liebe, Sex und Zärtlichkeit 33 04.07.2004 16:19
Frau vs. Mann 80555p4y Politik und Gesellschaft 0 30.05.2004 01:41
Anzeigen:
Thema geschlossen

Themen-Optionen



Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 09:32 Uhr.


Lupuz.de - wir können auch anders!
©1998 - 2008, Lupuz:Information-Network
Powered by vBulletin Version 3.7.1 (Deutsch), Jelsoft Enterprises Ltd.

SEO by vBSEO 3.1.0 ©2007, Crawlability, Inc.