Aus aktuellem Anlass nach längerer Zeit mal wieder ein Beitrag von mir. Der eine oder andere mag sich ja vielleicht noch an mich erinnern... (Tip: Ich war der, mit dessem geistigen Eigentum ein gewisser "Monoman" hier im Forum geprahlt hatte)
Heute habe ich für euch einen Auszug aus meinem neuen (kostenlosen) Online-Roman "Unity 3". Interessant für all jene, die sich für Themen wie Freundschaft, Anarchie, Außenseiter und Gesellschaftskritik interessieren.
"Manchmal fragten ihn seine Mitmenschen, wieso er sich Sky nannte. Die Antwort darauf war einfach, aber nicht für jedermann leicht zu verstehen.
Jedesmal, wenn er in den Himmel sah... wenn er das majestätische Dahinziehen der Wolken, das wärmende Licht der Sonne oder das unerreichbar weit entfernte Funkeln der Sterne beobachtete... vergaß er für einen kurzen Moment, dass er in einer Welt voller Beschränkungen zu leben hatte.
Die Natur beschränkte den Menschen, der Mensch beschränkte die Natur... und, als ob dies noch nicht genug wäre, beschränkten sich die Menschen auch noch gegenseitig.
Sky wollte aber keine kleinen Portionen von Leben. Er wollte vielmehr das Leben als Ganzes. Und einen kleinen Vorgeschmack darauf gab ihm der Blick in den Himmel.
Hätte man ein Raumschiff, man könnte so weit fliegen, wie es einem in den Sinn käme. Von einem Planeten zum anderen, von einer Galaxie zur anderen. Ohne Mauern, ohne Grenzen. Ohne Schildern, auf denen stand: „Betreten verboten“ oder „Geöffnet von 10 bis 18 Uhr“.
Auf der Erde dagegen war alles begrenzt, ausgeschildert und genormt. Ewigkeit gab es nicht wirklich... sie war lediglich eine Theorie von vielen.
Ein Orgasmus dauert nur bis zur Ejakulation, ein Fußballspiel nur bis zum Abpfiff... ein Leben nur bis zum Tod. Wenn man sich das alles so wie Sky erst einmal bewusst gemacht hatte, blieben nicht mehr viel Gründe übrig, um sich zu freuen oder um zu trauern. Man trauerte vielmehr sein ganzes Leben lang nur noch über die Tatsache, dass alles vergänglich war... anstatt jedem geplatzten Traum einzeln hinterherzuweinen.
Und Freude?
Als Kind hatte sich Sky immer darauf gefreut, erwachsen zu werden. Als Heranwachsender freute er sich auf den ersten Sex. Doch dann war er irgendwann erwachsen geworden und hatte Sex gehabt. Die neuen Träume, auf die ihn seine Bekannten oder das Fernsehen neugierig machen wollten, waren ausschließlich materieller Natur und in Skys Augen weder sein Geld noch seine Zeit wert.
So lebte er ohne wirkliche Freude und Trauer in einer Welt voller Beschränkungen. Besser gesagt in der Nische dieser Welt, die ihm noch am meisten zusagte.
Sein Blick viel auf eine große Leuchtreklame, die jede Menge Licht spendete, doch keinerlei Wärme.
„Der neue Millenium-Star-Cleanomat. Jetzt gratis testen!“, war darauf zu lesen. Sky konnte sich ein verständnisloses Grinsen nicht verkneifen. Die gleichen Leute, die einen stinknormalen Staubsauger „Millenium-Star-Cleanomat“ nannten, lachten ihn aus, weil er „Sky“ und nicht „Bastian“ oder „Waldemar“ heißen wollte.
Sky fand es teilweise richtiggehend krank, dass seine Mitmenschen irgendwelchen kalten, unbelebten Gegenständen immer solche wohlklingenden und sympathischen Namen geben mussten.
Egal ob Autos, Gardinenvorhänge, Waschpulver oder Zahnpasta... alles bekam eine möglichst liebevoll klingende Bezeichnung verpasst. „Spüli“, „Florea“, „Klinosil“... der Kunde sollte die Produkte ja möglichst in sein Herz schließen und einen guten Freund damit assoziieren.
Für Sky war das Bauernfängerei. Er nannte sein Waschpulver daher einfach nur „Waschpulver“. Damit war er bisher gut gefahren, und so wollte er es auch in Zukunft beibehalten.
Andererseits... vielleicht waren es gerade diese kleinen Unsinnigkeiten, die den einfachen Menschen ihr Leben so herzlich und warm erscheinen ließen.
Sie nannten ihr Waschpulver „Spüli“. Spüli, der nette Freund aus dem Küchenschrank, der immer für einen da war, wenn man ihn brauchte. Das war Wärme, das war Herzlichkeit!
Überhaupt verwendeten Skys Mitmenschen viel Zeit für solche Dinge, die ihm selber zumeist seltsam unbedeutend und wertlos vorkamen. Sie stellten farbenfrohe Blumensträuße in ihre schmuckvollen Keramikvasen... sie polierten ihre Autos auf Hochglanz oder gaben sich ähnlichen, meist ziemlich kosten- und zeitaufwändigen Verschönerungsmaßnahmen hin.
Sky tat dies nicht. Er hatte keine Blumen in seiner Wohnung... was aber vermutlich in Ordnung ging, da er ohnehin keine Vase besaß, in die er sie hätte stellen können.
Er liebte die Natur... doch er liebte sie bevorzugt dort, wo sie war.
Es gab Unternehmen, die an der Außenwand ihrer chemikalienverseuchten Industriegebäude ein paar grüne Kletterpflanzen in Baumform anbrachten, um dann stolz darauf hinweisen zu können, dass sie ja auch ein Herz für die Umwelt hätten.
Für Sky eine geradezu unverschämte Heuchelei... und mindestens genauso absurd, wie auf einen beliebigen Baum im Wald ein Firmenschild zu kleben und dann so zu tun, als würde in dem Baum jemand arbeiten.
Nein... Äußerlichkeiten konnte und wollte Sky einfach nichts abgewinnen.
Wozu hätte er auch Wert darauf legen sollen, wo Fassaden doch letztlich ohnehin nur dazu da waren, das zu verbergen, was sich dahinter befand?
Sky wollte sich aber nicht verstecken. Er wollte echt sein. Daher war er auch jetzt wieder aus dem Haus gegangen, ohne sich die Haare gekämmt oder gar längere Zeit darüber nachgedacht zu haben, ob nun Quer- oder Längsstreifen in der Kleidung besser dazu geeignet waren, seine Behinderung optisch herunterzuspielen... und hätte Sky ein Auto besessen, er hätte es garantiert nur mit Regenwasser gereinigt, anstatt die „Pflegepolitur Shiny-Car Extra“ zu verwenden.
Langsam schritt er an den eintönigen Häuserfronten vorbei. Wo zunächst noch Gemüseläden und kleine Supermärkte seinen Weg gesäumt hatten, taten sich jetzt die monströsen Wohnblocks der städtischen Arbeitersiedlung auf. Die einstmals weiße Front der alten Mietshäuser war von den Abgasen der vielen Autos, die sich tagsüber daran vorbeiwälzten, längst in ein unansehnliches Dunkelgrau getüncht worden... ein Anblick, der Sky irgendwie zuwider war. „Vielleicht hätte man Häuser an dicht befahrenen Straßen von vorneherein schwarz anstreichen sollen...“, überlegte er.
Ihm taten die Menschen leid, die dort leben mussten. Nicht, weil es ihm als Behausung nicht genügt hätte... das hätte es zweifellos, denn Sky wohnte ja selber auch nur in einer beheizten Garage mit angebauter Toilette.
Nein, vielmehr taten ihm die Menschen deshalb leid, weil ihnen von der restlichen Welt jeden Tag aufs Neue eingeredet wurde, wie wichtig es war, ein schnelles Auto zu fahren und in einem großen Haus mit zwei Badezimmern und eigenem Hobbykeller zu leben.
Nicht genug damit, dass ihnen die Gesellschaft eine schlechtere Behausung zugewiesen hatte als anderen Menschen... nein, sie mussten sich auch noch ständig anhören, in was für einer miesen Situation sie sich befanden und dass sie letztendlich selber dafür verantwortlich wären.
„Wer bereit ist, Leistung zu erbringen und sich weiterzubilden, der hat alle Chancen auf den sozialen Aufstieg in unserer Gesellschaft!“
So hatte es neulich Dr.Günther Richter, selbsternannter Politiker und der bekannteste Industrielle der Stadt, in einem Fernsehinterview bezeichnet. Er hätte auch „Friss oder stirb!“ sagen können... das wäre in etwa aufs Gleiche rausgekommen.
Sky hasste das. Es waren wieder von Menschen gemachte Beschränkungen. Als ob die Tatsache, dass nichts für immer Bestand hatte, nicht schon traurig genug war... man musste um das wenige vergängliche Glück auch noch kämpfen.
Gelegentlich blieb er stehen und wagte einen Blick in das Innere der trostlosen Behausungen. Doch meist sah er durch die halbgeschlossenen Jalousien nur das einsame, blaue Flimmern eines Fernsehers.
„Die verbringen ihren Abend wohl mal wieder lieber mit Stefan Raab oder Ulrich Wickert, als mit realen Menschen, auf deren Bedürfnisse sie von Zeit zu Zeit auch eingehen müssen.“, vermutete Sky deprimiert. Außerdem widersprachen einem die Menschen im Fernseher nicht. Und falls sie es doch einmal taten, konnte man ja jederzeit das Programm wechseln.
Sky ertrug keinen der Typen dort besonders lange, so dass bei ihm ein jeglicher Versuch, über eine längere Zeit hinweg fernzusehen, recht schnell in ein wildes Rumgezappe ausartete. Beim Blick in die Mattscheibe überkam ihn jedenfalls immer ein Gefühl der Kälte und der Distanz... und genau diese Unpersönlichkeit schien sich mit der Zeit auch auf die Wohnungen und die Menschen, die darin lebten, zu übertragen.
Für Sky waren die meisten Menschen, egal ob nun Arbeiter oder wohlhabende Selbstständige, ohnehin nur Opfer falscher Lehren und Versprechungen. Letztlich sehnten sie sich alle nur nach Wärme, Sicherheit und Spaß. Doch anstatt zu erkennen, dass sie sich all dies gegenseitig geben konnten, holten sie sich ihre Wärme lieber aus der Steckdose... Sicherheit fanden sie im Besitz von Wertpapieren, und Spaß bereitete ihnen vor allem das Durchboxen der eigenen Interessen.
Wettkampf war die Maxime der Zeit. Glücklich war, wer Erfolg hatte Glücklich war, wer ein Model zur Frau hatte. Glücklich war, wer einen Orgasmus hatte. Niemand interessierte sich noch dafür, ob seine Mitmenschen ebenfalls glücklich waren.
Bei Sky war das anders. Er empfand es im Zweifelsfall als viel befriedigender, anderen Menschen dieses gewisse Glänzen des Glücks in die Augen zu zaubern, als selber so zu fühlen. Denn sobald man vor Glück überschäumte und den Kopf zu weit aus der Deckung streckte, wurde man nur um so verwundbarer für den nächsten Tiefschlag, den einem das Leben verpassen würde... soviel hatte Sky mittlerweile begriffen. Also bemühte er sich stets darum, in Deckung zu bleiben, nicht zu viel vom Leben zu erwarten und daher auch nicht allzu herb enttäuscht werden zu können.
Aus irgendeinem Grund musste Sky auf einmal an die drei jungen Leute denken, denen er schon öfters in der Stadt begegnet war. Einer von ihnen saß im Rollstuhl und war offensichtlich querschnittsgelähmt. Die anderen beiden... ein Junge und ein Mädchen, vielleicht so drei oder vier Jahre jünger als Sky, schienen ständig für ihn da zu sein... gaben ihm das Gefühl, nicht schlechter zu sein als der Rest. Das gefiel Sky. So, wie sich die beiden um ihren Freund kümmerten, sollten sich auch der Bundeskanzler oder dieser unsägliche Dr.Richter um die Bewohner der Arbeiterviertel kümmern. An der vergänglichen Natur des Lebens würde sich nichts ändern. Aber daran, wie die Menschen dieses Leben empfänden, sehr wohl.
Ja, diese drei Kids waren anders als ihre Altersgenossen. Vielleicht waren sich auch in gewisser Weise weiter... hatten schon die selben Lektionen vom Leben erteilt bekommen wie Sky. Jedenfalls hatten sie etwas liebenswertes und sympathisches an sich.
Obwohl... eigentlich hatte das in Skys Augen ja so ziemlich jeder Jugendlicher. Doch bei vielen anderen, die ihm täglich auf der Straße begegneten, war diese liebenswerte Offenheit und Frische leider mit Arroganz und Unwissenheit gepaart.
Um genau zu sein, erschienen ihm die meisten Jugendlichen wie Maden, die man auf einem Stück Speck ausgesetzt hatte, und die sich nun wie selbstverständlich hindurchfraßen... ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, wieso sie hier waren und wieso der Speck hier war.
Natürlich konnte man Maden keinen Vorwurf machen, dass sie so handelten... doch ein Mensch war für Sky nunmal zu Höherem geboren als einfach nur dazu, sich zu ernähren und fortzupflanzen. Daher machte es ihn jedes Mal ziemlich wütend, ein solches Verhalten bei jungen Leuten beobachten zu müssen. Sie verschwendeten ihr Potential, ihre ganzen Chancen... nur für ein paar kurze Momente der Ekstase.
Die drei besagten Freunde taten dies nicht. Und dafür bewunderte sie Sky irgendwie. Sie waren die Helden, die alle anderen hätten sein können... sie lebten miteinander, nicht gegeneinander. Und dadurch trotzten sie in gewisser Weise den Konventionen der Ellbogengesellschaft, die Sky so verhasst war.
Gerne würde er die drei einmal aus der Nähe kennenlernen. Wo einer von ihnen wohnte, hatte er bereits vor ein paar Wochen, als er ihnen einmal längere Zeit gefolgt war, in Erfahrung bringen können.
Vielleicht sollte er sich dorthin begeben und sich wieder einmal daran erfreuen, dass es in dieser kalten, beschränkten Welt noch menschliche Wärme und grenzüberschreitende Freundschaft gab.
Vielleicht sollte er es aber auch besser sein lassen. Denn vor ein paar Tagen hatte er einen komischen Traum von diesen drei Freunden... und von seinem eigenen Tod."
Ok, that's it. Wer neugierig geworden ist, kann sich mal auf
www.theunity.de den Rest des Buches zu Gemüte führen. Kritik ist übrigens immer gern gesehen.
CU
- DIAN -
p.s.: Grüße an sunshine, falls sich die noch irgendwo hier herumtreibt :-)