Ich sehe die Sache eigentlich so, wie viele sie bereits ansatzweise beschrieben haben: Hierzu ein paar Thesen:
- Es gibt
eine Wahrheit, die simpel oder auch komplex geartet sein mag, aber objektiv nur so und nicht anders exisitert.
- Kein Mensch hat bisher wohl "die Wahrheit objektiv erfasst" und darin sind vermutlich auch die "religiösen Führer" oder sonstwie Erleuchtete Menschen inbegriffen, da ihre jeweiligen Lehren für gewöhnlich zwar viele Gemeinsamkeiten aufweisen, aber doch deutlich individuell geprägt sind, und somit nicht gänzlich objektiv sein können.
- Menschen bedienen sich der Religion bzw. des Glaubens (was nicht das Selbe sein muss), um ihre Existenz zu 'rechtfertigen' und ihr ein/e/n Sinn/Richtung/Ziel zu verleihen und das Gefühl der "Getrenntheit" zu sich, der Natur, den anderen Menschen und der gesamten Welt zu überbrücken.
- Meißt geht dies mit dem Glauben an die "Unsterblichkeit der Seele" einher, da wir alle die Erfahrung gemacht haben, dass materielle Dinge vergänglich sind. Da das für uns Menschen jedoch in der Regel ein ziemlich unerträglicher Gedanke ist und uns unser Dasein ziemlich Sinnentleert vorkäme, wenn wir unseren Tod nicht in irgendeiner Form überdauern könnten, schafft die Religion hier Abhilfe.
- Auch Atheisten "glauben" an
etwas, und wenn es nur der Glaube daran ist, das 'Richtige' zu tun. Ohne den Glauben an
etwas ist unser Dasein für den Verstand quasi untragbar.
- Das ist u.A. darin begründet, dass der menschliche Verstand nach einer Grundlage verlangt, auf der er Entscheidungen treffen kann. Da uns die Antworten auf die 'essentiellen Fragen des Lebens' verwährt sind, der Verstand aber trotzdem einen Orientierungspunkt benötigt, um zu einer ausgereiften Entscheidung zu gelangen, kann ihm Religion (oder Wissenschaft oder auch das intuitive Gewissen) diese Orientierung bieten.
Es ist also absolut notwendig für uns, für die "essentiellen Fragen" eine Annahme zu treffen, auch wenn diese nicht bewiesen werden kann,
allein schon damit unser Verstand funktionieren kann. Die von uns getroffene Annahme ist dann der 'Glaube'.
- Religion entwickelt sich weiter und meißt geht dies mit zivilisationstechnischen Änderungen einher.
(Überzeugende Überlegungen hierzu sind zu finden in: "Die Kunst des Liebens" von Erich Fromm.)
- Religion kann die Wahrheit nicht ganzheitlich erfassen, da die Religion sich immerzu verändert und so nicht der 'feststehenden' Wahrheit entsprechen kann.
- Religion ist zwangsweise der Veränderung unterworfen, da Religion aufs Äußerste reduziert 'nur' eine Idee und Überlegung in den Köpfen der Menschen ist und damit etwas Abstraktes darstellt, das sich parallel zur Denkweise bzw. der Persönlichkeit des Individuums entwickelt und somit den Umständen der Persönlichkeitsformung unterliegt.
(Gesellschaft - Fortschritt - Wirtschaftssystem - etc. etc.).
- Wenn überhaupt, dann fängt eine einzelne Religion nur einen Bruchteil der 'Wahrheit' ein, der darüberhinaus auchnoch durch eine bestimmte Betrachtungsperspektive verzerrt sein kann.
- Alle Religionen zusammen vermischt machen auch nicht die Wahrheit aus, sondern beleuchten die Wahrheit nur von verschiedenen Perspektiven. Teile der Wahrheit bleiben nach wie vor im Dunkeln und es wird auch viel Licht auf Dinge geworfen, die alles andere als wahrhaftig sind.
- Die Wahrheit wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit logischen Regeln folgen, die zum Teil vermutlich bereits von unserer Wissenschaft erforscht wurden. Jedoch wird die Wahrheit ziemlich sicher auch Regeln folgen, die noch nicht entdeckt/bewiesen wurden.
- Daraus resultiert, dass eine Religion aller Wahrscheinlichkeit nach umso weiter von der Wahrheit entfernt ist, desdo mehr Einzelheiten und Feinheiten in ihr enthalten sind, die nicht durch logische Überlegungen erklärbar sind oder die gar weltlich-eigennützige Interessen durchscheinen lassen.
- Die einzige höhere Macht auf die wir uns definitiv verlassen können ist unsere eigene und die sollten wir auch nutzen, da uns auch bisher kein fliegendes Spaghettimonster zu Hilfe geeilt ist.
- Die Frage ob die Wahrheit quantitativ gesehen von einem einzelnen Menschen erfasst werden kann, kann wohl nicht klar beantwortet werden, da diese Wahrheit auch in vergleichsweise simpler Weise die 'wichtigen' Dinge unserer Welt klar umreissen könnte.
- Wissenschaft und Glaube sind zwei Wege um die Wahrheit zu erfassen, die jedoch nicht prinzipiell getrennt beschritten werden müssen und die sich auch nicht gänzlich voneinander unterscheiden. Den Begriff 'Glauben' sollte man hier evtl. treffender durch 'Philosophie' ersetzen, da hier mit dem Glauben nicht das leere Predigen von Dogmen, sondern die Suche nach Antworten mithilfe logischer Überlegungen gemeint ist.
(Während Dogmen oft gezielt eigennützige und irrationale Antworten geben, die eine Suche überflüssig machen oder gar ächten.)
- Insofern sind eigentlich alle Wissenschaftler auch Philosophen bzw. "Gläubige", da sie Thesen aufstellen, die jedoch erst noch bewiesen werden müssen, damit sie zu hieb- und stichfesten Theorien reifen.
Z.B. muss auch Einstein aufgrund von logischen Überlegungen an die Richtigkeit seiner Relativitätstheorie geglaubt haben, bevor sie bewiesen wurde.
Ein weiteres gelungenes Beispiel einer philosophischen Überlegung wäre die Annahme von Demokrit ~400 v. Chr, dass Materie aus winzigen unteilbaren Teilchen besteht, die wir heute Atome nennen (auch wenn sie nun nicht mehr wirklich unteilbar sind).
Das sind nun mehr oder minder die wichtigsten Annahmen, die ich als Grundlage für mein Wahrheitsverständnis und die daraus resultierenden Entscheidungen heranziehe.
Aus diesen Überlegungen geht für mich z.B. hervor, dass keine "Meinstreamreligion" oder auch sonstwie geartete Hinterhofreligion für mich geeignet sein kann, da sie alle einer kritischen Überprüfung der dahinterstehenden Logik kaum stand halten, selbst wenn sie 'in-sich schlüssig' sein sollten (was ohnehin schon die Ausnahme darstellt).
Auch scheint mir das Prinzip der Wiedergeburt weitaus sinnvoller als die Vorstellung, dass eine menschliche Seele nach dem Tod in den 'Himmel' oder an einen noch schlimmeren Ort kommt, wo sie dann die Ewigkeit verbringt, während permanent weitere Seelen hinzustoßen. Das Prinzip des Recyclings wäre in höheren Sphären sicherlich durchaus nicht unbekannt und ein Menschenleben ist wahrhaft nicht lang genug, um sich angemessen weit zu entwickeln und sein Potential auszuschöpfen -auch wenn man das sicherlich immer anstreben sollte.
Ich muss mir aber natürlich auch völlig eingestehen, dass diese Überlegung letztendlich nur aus meiner Hoffnung auf Unsterblichkeit erwächst und diese sich vor allem dadurch halten kann, dass mir ein atheistisches Weltbild mit der typischen Prioritätsverlagerung auf banal-weltliche Zielsetzungen noch absurder erscheint, zumal wie gesagt ohnehin alles weltliche Vergänglich ist und somit am Ende aller Tage all unsere Bemühungen und Fortschritte und letztendlich auch das Leben allen Lebens und die Existenz aller Dinge völlig zweckfrei und sinnlos wäre, was ich widerum für unlogisch halte angesichts der Tatsache, dass ich auf dieser Welt noch nichts angetroffen hätte, dessen Existenz nicht einen Sinn oder irgendein Ziel gehabt hätte.
Sollten denn tatsächlich alle menschlichen Eigenschaften, die über primitive Triebe hinausgehen ausnahmslos der Existenzerhaltung dienen? Sind unsere menschlichen Eigenheiten wie Liebe, Neugier, Leidenschaften, Kunst und der unwiderstehliche Drang die Wahrheit herauszufinden wirklich nur Faktoren, die unser blankes Überleben sichern sollen? Funktioniert hat es bis jetzt jedenfalls aber kann das wirklich schon alles sein?!
Es wird sich wohl letztendlich jeder seine eigene -hoffentlich halbwegs plausible- Wahrheit zusammenbasteln müssen, um nicht dem totalen Irrsinn zu verfallen.
MfG, Ripper
