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Gegenwelt


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Keyser Soze
Alt 24.08.2006, 23:50   #1
Beitrag Gegenwelt

Ich poste hier mal das erste Kapitel von meinem neuen Roman "GEGENWELT".
Der Inhalt ist nur schwer in ein paar wenigen Worten zusammenzufassen, sorry. Stark komprimiert könnte man sagen, es geht um Anarchie, Freundschaft, die Suche nach dem Sinn... und darum, warum unsere Welt so beschissen ist, wie sie ist.
Falls ihr meint, mit meinen subversiven Gedanken etwas anfangen zu können, könnt ihr euch den Rest auf www.dianthesaint.de zu Gemüte führen. (natürlich kostenlos. Ich will nur eure Seele, nicht euer Geld.)
Here we go:


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KAPITEL 1


Es war ein kühler, verregneter Spätsommerabend im September 1993.
„Genau das richtige Wetter, um es endlich durchzuziehen.“, dachte Nikita Lorenz nach einem skeptischen Blick in den wolkenverhangenen Himmel. „Wenn es überhaupt ein richtiges Wetter für so etwas gibt...“
Der dürre, siebzehnjährige Junge mit den blonden, immer ein wenig in die Stirn hängenden Haaren, dessen Eltern ihn einst nach dem großen sowjetischen Staatsmann Nikita Chruschtschow benannt hatten, ohne zu ahnen, wie sehr ihr Sohn später einmal wegen dieses angeblichen Mädchennamens gehänselt werden würde, zog sich die Kapuze seines dunkelgrünen Pullovers noch ein wenig tiefer ins Gesicht und machte sich dann mit grimmiger Miene auf den Weg... mitten durch die zu dieser fortgeschrittenen Stunde menschenleere, erschreckend seelenlos wirkende Innenstadt.
Er wollte hinunter zu den Gleisen. Dorthin, wo die schnellen Fernzüge vorbeirauschten, die miteinander verbanden, was sich nicht im Geringsten verbunden fühlen wollte.
West und Ost... Die reichen Wohltäter aus den alten mit den hilfsbedürftigen Jammerlappen aus den fünf neuen Bundesländern... Den Rest der Welt mit Nikitas Heimatstadt Bitterwalde, die sich im Grunde nur durch die überregionale Bedeutung der örtlichen Müllverbrennungsanlage und der damit einhergehenden Luftverschmutzung von vergleichbaren ostdeutschen Provinz-Städten unterschied.

Kalt peitschte der Wind über die verlassene Hauptstraße, die aufgrund von längst überfälligen Belagsarbeiten wieder einmal auf nur eine Fahrspur verengt worden war.
Dutzende rhythmisch leuchtende Warnschilder flankierten den holprigen Bürgersteig, und Nikita kam nicht umhin, sich zu fragen, wieso sie immer nur einen kleinen Teil der Straße sanierten, anstatt endlich konsequent zu sein und die harten, quadratischen Kopfsteinpflaster komplett aus dem Stadtbild zu entfernen.
So war die Stadt jedenfalls weder DDR noch BRD, sondern irgendetwas Undefinierbares dazwischen, das wohl keinen Geschmack so richtig zufriedenstellen konnte... es sei denn, man stand auf Baustellen, Absperrungen und hässliche Plattenbauten, die in Ermangelung besserer Ideen einfach bunt angemalt wurden, um sie den daran vorübergehenden Menschen ein wenig humaner erscheinen zu lassen.
Hatte nicht einmal ein russischer General am Straßenrand zweidimensionale Häuser-Fassaden errichten lassen, um seiner Zarin bei deren Besuch eine florierende Stadt vorzugaukeln?
Genau dasselbe geschah derzeit in Bitterwalde... und das, obwohl die meisten Russen doch längst abgezogen waren.
Nach außen hin wurde, sobald ein wenig Geld im Stadtsäckel war, kräftig an der Fassade gefeilt... doch innen war alles verfault, verkommen, und über kurz oder lang dem Tode geweiht.

Nikita dachte an die unbeschwerteren Tage seiner Kindheit zurück. Damals, als seine Mutter noch bei ihnen wohnte, sein Vater eine gutbezahlte Arbeit hatte und irgendwie noch eine gewisse Ordnung existierte, die das öde Alltagsleben in einem festen Rahmen hielt.
Man wusste, dass die Menschen im Westen die bessere Musik hatten, schickere Klamotten trugen, und dass sie die Freiheit besaßen, jederzeit reisen zu können, wohin auch immer sie wollten.
Doch genauso ahnte man auch, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sich das dekadente westliche System selbst zerstörte und der Sozialismus seinen weltweiten Siegeszug über den konsumverblödeten Rest der Welt fortsetzen konnte.
Schließlich lief in der DDR zwar vieles falsch, doch der Grundgedanke einer sozialistischen Gesellschaft war einleuchtend und längst nicht so verkehrt, dass man damals ernsthaft mit einem kompletten Zusammenbruch gerechnet hätte.
Als dann die Mauer fiel und alle Welt von „Wiedervereinigung“ sprach, herrschte in Nikitas gesamtem Viertel ein wahres Gefühlschaos, angesiedelt irgendwo zwischen überschwenglicher Freude und stillem, unterdrücktem Entsetzen.
Nur der kleine Nikita verstand irgendwie noch gar nicht, worüber sich die Erwachsenen alle so erregten. Der Himmel sah doch noch genauso aus wie zuvor, die Menschen auf der Straße verhielten sich wie immer, und auch in der Schule änderte sich nicht all zu viel, außer, dass man auf einmal weniger Lieder sang als früher und das Angebot an Freizeitaktivitäten stark eingeschränkt wurde.

Der Verfall begann schleichend.
Für Nikita vielleicht mit dem Tag, an dem es so aufdringlich an der Tür klingelte, als ob es um Leben und Tod ginge.
Nikita öffnete und erblickte einen älteren, bebrillten Mann, der einen schwarzen Aktenordner unterm Arm trug und alles andere als ihr Überleben im Sinn hatte.
„Tach Kleener... Is dein Vati da?“, hatte er den damals vierzehnjährigen Jungen mit deutlich hörbarem Berliner Akzent gefragt. Nikita schüttelte nur stumm den Kopf, denn sein Vater hatte Schichtdienst und kam für gewöhnlich nie vor Mitternacht nach Hause.
„Dein alter Herr hat noch ne janze Menge Schulden offen.“, meinte der Fremde an der Tür routiniert. „Ick bin bevollmächtigt, eure Bude zu durchsuchen. Na, dann woll’n wer mal.“
Noch bevor Nikita dem Mann die Tür vor der Nase zuschlagen konnte, hatte ihn dieser achtlos zur Seite gedrückt und sich daran gemacht, die gesamte Wohnung auf den Kopf zu stellen.
Er nahm nicht nur den neuen Videorecorder mit, auf den Nikita so stolz war... sondern auch die Schmuckschatulle, die Nikita von seiner Großmutter geerbt hatte, und den nagelneuen CD-Spieler aus dem dicken westdeutschen Versandhauskatalog, der pünktlich alle drei Monate beim gesamten Block in den Briefkästen steckte.
„Wenn dein Vati wiederkommt, sagste ihm, dass er jetzt noch knapp 400 D-Mark zu blechen hat, wa? Und er soll sich beim nächsten Mal jefällichst vorher überlegen, was er sich anschafft. Sonst sitzt ihr beiden schneller auf der Straße, als ihm lieb ist. Sowas geht in unserem neuen Deutschland nämlich janz fix!“
Nikita antwortete nicht.
Stattdessen wartete er geduldig, bis der unverschämte Eindringling wieder verschwunden war, und verbrachte den Rest des Abends damit, nachdenklich aus dem Fenster zu starren und sich zu fragen, wieso der fremde Mann so dreckige Lügen über seinen Vater verbreitete.

Wie viele Jungs hatte der kleine Nikita seinen Vater immer abgöttisch bewundert.
Papa - das war für ihn ein allwissender Superheld. Ein Riese von einem Mann, der der Welt befehlen konnte, stillzustehen oder sich schneller zu drehen, allein durch die unermessliche Kraft seines Willens.
Doch dieser unbesiegbare Riese schrumpfte mit jedem unbedacht im Zorn ausgesprochenen Wort, mit jedem neuen Mahnbescheid, mit jedem erneuten Zeichen seiner Unvollkommenheit.
Als er wenig später dann auch noch seinen Job verlor und eines Tages mit einem dicken Veilchen und einer blutig geschlagenen Lippe aus der Kneipe nach Hause kam, ahnte Nikita, dass sie sich längst auf Augenhöhe gegenüberstanden.
Nicht mehr lange, und er würde auf seinen Vater herabblicken... ihn verbittert als „Versager“ und „Alki“ bezeichnen. So, wie es die Nachbarn im Block schon seit geraumer Zeit taten.

Nikita ging damals auf die Rosa Luxemburg-Gesamtschule Bitterwalde.
Seine Klasse - vor allem ein Auffangbecken für den ganzen gesellschaftlichen Abschaum, der es sich nicht hatte leisten können, das sinkende Schiff „Ostdeutschland“ rechtzeitig zu verlassen.
Kahlgeschorene Babyskinheads, asoziale Schlägertypen und jede Menge anderer psychisch auffälliger Jugendlicher. Verlorengegangenes Strandgut eines Zeitalters, in dem man auf einmal nichts mehr zugeteilt bekam, sondern um jede noch so kleine Zuwendung erbarmungslos kämpfen musste.
Und mittendrin Nikita, der seit der Scheidung seiner Eltern nur noch ein Schatten des fröhlichen Kindes war, das ihm beim Betrachten von alten Fotografien aus glücklicheren Tagen entgegenlachte.
Nikitas ehemalige Freunde trafen sich nachmittags mit alten, pädophilen Nazis in stickigen Eckkneipen oder prügelten in den kalten Fluren der Schule auf schwächere Mitschüler ein. Und alle paar Monate wurde in seinem Block eine Wohnung frei, weil wieder jemand vom frei zugänglichen Dach des grauen Wohnkomplexes gesprungen war.
Es schien, als ginge alles den Bach runter. Die ganze beschissene Welt... all das, was Nikita in jüngeren Jahren noch so unbekümmert als seine Heimat bezeichnet hatte.
Kein Wunder also, dass er sich ebenso gehen ließ und in der Schule eher durch mehr oder weniger entschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht als durch gute Noten glänzte.

War es nicht auch völlig absurd?
Politiker logen das Blaue vom Himmel herunter, Polizisten ließen Neonazis ungehindert Häuser anzünden, Erich Honecker genoss seinen Lebensabend in Chile... während Frau Stuhlner, der einzigen Lehrerin, zu der Nikita ein gutes Verhältnis gehabt hatte, drei Jahre nach der Wende wegen angeblicher Stasikontakte fristlos gekündigt worden war.
Jeder, aber auch wirklich jeder Erwachsener in seiner Umgebung schien entweder ein fieser Spitzel, ein feiger Mitläufer oder ein charakterloser Wendehals zu sein... und da erwarteten sie von einem entwurzelten Jugendlichen wie Nikita ernsthaft, dass er in der Schule Leistung erbrachte, um später auch mal genauso verkommen und verlogen zu werden wie sie?
Nikita widersetzte sich. Nicht, wie manche seiner Altersgenossen, in dem er zornige Parolen an die Wände schmierte oder mit dem Baseballschläger in der Hand loszog, um vor dem winzigen örtlichen Asylantenheim eine „National Befreite Zone“ auszurufen.
Nein... Nikitas Widerstand war der Widerstand eines verzweifelten Jungen, der niemandem wehtun wollte außer sich selber.
Schon in der siebten Klasse ritzte er sich mit seinem kleinen Taschenmesser tiefe Linien in den Unterarm... später, mit fünfzehn, drückte er die erste Zigarette an seinem Handgelenk aus.
Zunächst half ihm der Schmerz halbwegs, die weitaus größere, seelische Pein zu überspielen. Doch auf Dauer wurde dadurch alles nur noch schlimmer.
Immer bohrender wurden die Blicke seiner Lehrer und Mitschüler, wenn Nikita mal wieder trotz hochsommerlicher Temperaturen mit langärmligen Winterklamotten herumlief, um seine zerschnittene Haut zu verbergen... immer häufiger die Auszeiten, die sich der Junge nahm, bis er schließlich sogar die achte Klasse wiederholen musste, weil er in Englisch und Mathe selbst für Asozialen-Verhältnisse hoffnungslos hinterherhinkte.

Nikita erinnerte sich noch gut daran, wie er seinem Vater einst das Zeugnis mit der niederschmetternden Nachricht überbracht hatte.
Da war kein Zorn in den Augen seines Vaters... keinerlei Vorwürfe an seinen Sohn, die Schule oder den Staat, der seine Bürger schon lange, bevor deren individueller Reifungsprozess abgeschlossen war, in „wertvoll“ und „wertlos“ selektierte.
Alles, was Nikita in dem zerfurchten Gesicht erkennen konnte, war tiefe Trauer. So, als ob gerade ein guter Freund gestorben wäre.
Tatsächlich war es die Hoffnung, die an jenem Abend starb. Der letzte Funke Hoffnung seines Vaters, dass es irgendwann wieder aufwärts gehen würde und Nikita eines Tages ein besseres Leben führen konnte als er, der arbeitslose, alkoholkranke Maschinenschlosser und einstmals so überzeugte Sozialist.
„Tut mir leid.“, murmelte Nikita nur. „Aber ich kann das einfach nicht...“
„Es braucht dir nicht leid zu tun.“, antwortete sein Vater kalt. „Es ist meine Schuld. Ich hab mein Ding damals nicht rechtzeitig aus Renate rausgezogen.“
Nikita nickte und nahm seinem Vater gleichgültig das Zeugnis aus der Hand.
Der Alte hatte schon wieder gesoffen. Doch was hätte Nikita schon großartig dagegen unternehmen können?
Jeder hatte eben seine eigenen Methoden, mit dieser beschissenen Welt ins Reine zu kommen...

In den folgenden Monaten verschlechterte sich der Zustand seines Vaters zusehends.
Egal, wann Nikita ihre kleine Drei-Zimmer-Wohnung im achten Stock betrat... sein alter Herr war meist schon sturzbetrunken. So betrunken, dass er dann sogar hin und wieder die Internationale sang oder stundenlang lallend mit dem kleinen Bild von Walter Ulbricht sprach, das schon seit vielen Jahren in der Wohnstube über dem Fernseher hing.
„Walter, wenn de des noch erleben müsstest...“, hatte ihn Nikita erst vor ein paar Stunden wieder klagen hören. „Alles ist dreckig auf den Straßen, die Menschen grüßen einen nicht mehr, und die jungen Leute aus der Nachbarschaft scheren sich die Haare kurz und kritzeln Naziparolen an das alte Lenindenkmal in der Allee.“
„Das Denkmal ist schon lange abgerissen, Paps.“, murmelte Nikita kraftlos, der gerade mit geschultertem Rucksack von der Schule heimgekommen war. „Aber falls es dich beruhigt... nicht jeder von uns Jugendlichen ist ein Nazi.“
„Was biste denn dann, hä?“, spottete der Vater benebelt. „Wie ein junger Pionier siehste jedenfalls auch nicht gerade aus, mit deinen schwarzen Klamotten und diesen... diesen schweren Stiefeln da.“
Nikita drückte sich an seinem Vater vorbei und schleuderte genervt seine Schulsachen in die Ecke.
„Mir ist die ganze Politik sowas von egal, verstehste das nicht? Siehst ja, zu was das alles geführt hat. Ich will einfach nur meine Ruhe haben!“
Ohne länger auf die Antwort seines betrunkenen Erzeugers zu warten, schlappte Nikita in sein Zimmer und knallte erschöpft die Tür zu. Dann griff er zu seinem tschechischen Kassettendeck, legte eine seiner alten Kassetten ein und drückte die Playtaste.

Front 242. Die Krupps, And One, Depeche Mode...
Kalte, monotone Computerklänge, die auf mal wütenden, mal wehmütigen Gesang trafen. Der perfekte Soundtrack für eine Welt, in der sich die Menschen immer mehr von den Errungenschaften ihrer eigenen Zivilisation zu Grunde richten ließen.
Zum stampfenden Rhythmus von „Life isn’t easy in Germany“ ließ sich Nikita auf sein Bett fallen und starrte frustriert auf die zahlreichen Tour-Plakate an seiner Wand. Poster von Bands, die er wohl niemals live sehen würde, weil die Preise für deren Konzerte mindestens ebenso rasant anstiegen, wie Nikita und sein Vater der Gosse entgegenschlidderten.

„SUCH BORING DAYS FOR KIDS IN THE EAST. WHERE SHOULD THEY STAY, HOW TO BE PLEASED? THE FREEDOM OF SPEECH, PLAYING DEMOCRACY, BO EY, LIFE ISN’T EASY IN GERMANY...“

„And I wonder“ von Marian Gold brachte ihn immerhin für knappe vier Minuten dazu, die Gedanken an sein vermurkstes Dasein zu verdrängen und sich ganz der magischen Stimme des Alphaville-Sängers hinzugeben.

„...DID NOT EXPECT TO MEET YOU HERE, IN THE MIDDLE OF THE FIGHTS. I SHOULD HAVE KNOWN YOU GOT IT ALL, YOU WANNA BURN TONIGHT. OUT IN THE RIOTS, YOU LOOK SOMEHOW DIVINE, YOU GOTTA KILL A COP SOMETIME. A RANDOM MOTION, THAT’S WHAT YOU ARE. THESE DAYS ARE QUITE BIZARRE.
AND I WONDER, TO SEE YOUR FACE ON A PLACE LIKE THIS, REFLECTING THE FLAMES...“

Ein Hauch von Hoffnung schien bei diesen Worten durch Nikitas Zimmer zu wehen. Als ob sich auch in seinem Leben einmal irgendetwas Überraschendes ereignen könnte, das es wert wäre, in einem Lied wie diesem besungen zu werden...
Doch dieser kurze Hoffnungsschimmer wurde mit den letzten Klängen des Songs sofort wieder abgewürgt.
Und dann, beim Hören von „Blasphemous Rumours“ von Depeche Mode, fiel es Nikita auf einmal wie Schuppen von den Augen:
Sein Leben, seine Hoffnung, genau wie seine Ängste und sein Leid... all das diente womöglich einzig und alleine dazu, den kranken Humor eines sadistischen Gottes zu befriedigen, der irgendwo hoch oben auf einer Wolke saß und Freude daran empfand, mit den Menschen zu spielen und dabei zuzusehen, wie sie sich abstrampelten, hofften und bangten... nur, um all ihre schönen Pläne und Träume dann wieder genüsslich zerplatzen zu lassen.
Nikita fragte sich, wieso die Kirchen dennoch immer von Nächstenliebe und Erbarmen predigten, und woher sie ihre Gewissheit nahmen, dass dieses christliche Geschwätz überhaupt Gottes wahrer Natur entsprach.
Wäre Gott wirklich ein Großmeister in Sachen Güte und Mitgefühl, er hätte wohl längst eigenhändig alle Plattenbauten abgerissen und an deren Stelle hübsche Einfamilienhäuser mit großen Gärten und Swimming-Pools errichtet, in denen sich die Kinder gesund entwickeln konnten. Er würde im Bruchteil einer Sekunde alle Ungerechtigkeit abschaffen... genau so selbstverständlich und mühelos, wie er einst aus Adams Rippe eine Frau zusammengeschraubt haben soll.
Doch Gott tat nichts dergleichen.
Wer weiß, vielleicht gab es ihn ja tatsächlich, und er war wirklich so allmächtig und weise, wie die Pfaffen immer behaupteten. Aber gütig war er ganz sicher nicht.

„...I DON’T WANT TO START ANY BLASPHEMOUS RUMOURS, BUT I THINK THAT GOD’S GOT A SICK SENSE OF HUMOUR. AND WHEN I DIE, I EXPECT TO FIND HIM LAUGHING...“

Nikita sprang auf und zog entschlossen den Stecker des Rekorders aus der Dose.
Die Musik verstummte.
Es war doch so einfach. Die Lösung all seiner Probleme. Zieh den Stecker raus, und alles ist vorbei...
Warum nicht endlich konsequent sein und Lebewohl sagen?
Außerdem, wer würde ihn schon vermissen?
Allerhöchstens sein Vater. Doch der würde über kurz oder lang schon auch noch darauf kommen, dass es so am Besten war.
Nikita überlegte, ob er vielleicht einen Abschiedsbrief schreiben sollte. Irgendetwas, was er dem verschwindend geringen Teil der Nachwelt, der sich überhaupt für seinen Tod interessieren würde, hinterlassen konnte.
Nachdenklich nahm er ein weißes Blatt Papier zur Hand und setzte sich wieder auf sein Bett, um ein paar Entwürfe anzufertigen.

„Ich, Nikita Lorenz, habe mich entschieden, mein Leben zu beenden. Ich sehe keinen Sinn mehr, in einer Welt zu leben, die...“

„Lieber Vati. Lieber Polizist, dem mein Vati das hier zu lesen gibt. Sonst noch jemand, den ich vergessen habe? Ihr habt keine Ahnung, wie sehr mir in den letzten Jahren...“

„Ich hab mich umgebracht und ihr seid schuld!!!“

„Liebe Nachwelt. Ich kann nicht mehr und ziehe die Notbremse. Ich weiß, dass das niemand verstehen wird. Irgendwie klammert ihr euch ja alle an dieses beschissene Leben. Aber für mich...“

„Fuck you all! Fuck you all! Fuck you all...“

Nikita wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und legte frustriert den Stift beiseite.
Was für ein beschissener Versager er doch war. Nicht einmal einen vernünftigen Abschiedsbrief bekam er mehr auf die Reihe.
Er dachte daran, dass das Verfassen eines solchen Briefes doch eigentlich eine sinnvolle, praxisnahe Übung für den Deutschunterricht gewesen wäre.
Jetzt saß er hier, vollgestopft mit tausend guten Ratschlägen, wie man eine erfolgsversprechende Bewerbung für eine Ausbildungsstelle gestalten musste... aber ohne einen blassen Schimmer, wie man am Besten zum Ausdruck brachte, was man tief in seinem Innersten fühlte.
„Danke, Schule. Danke für alles.“
Verzweifelt griff Nikita nach der Wodkaflasche, die er unter seinem Bett versteckt hielt, seit er sie vor einigen Wochen aus der innigen Umarmung seines eingeschlafenen Vaters befreit hatte.
Er genehmigte sich einen kräftigen Schluck und überlegte dann, was er für sein großes Vorhaben noch benötigen würde.
Den Alk auf jeden Fall. Und eine Taschenlampe, da er sich irgendwo weiter draußen vor den Zug werfen wollte... nicht unmittelbar am Bahnhof, wo die Züge langsam fuhren und man ihn möglicherweise in letzter Sekunde noch „retten“ würde.
Natürlich hätte er auch einfach vom Dach springen können, wie die anderen. Aber Nikita litt unter ziemlicher Höhenangst, und er fürchtete, dass er es nicht packen würde, da oben dann den entscheidenden Schritt in die Leere zu gehen... selbst, wenn er noch so betrunken war.

Und sonst?
Nikitas Blick schweifte suchend durch das kleine, unaufgeräumte Zimmer.
Vor ein paar Monaten hatte er einmal in einer Fernseh-Doku gesehen, dass die alten Ägypter ihren Toten Dinge mit ins Grab legten, die den Verstorbenen zu Lebzeiten Freude bereitet hatten.
Er nahm die Kassette mit seinen Lieblingsliedern aus dem Rekorder. Sie sollten ihn auf seiner letzten Reise begleiten... zusammen mit dem alten Walkman, der schon etliche Schrammen abbekommen hatte und mittlerweile weder vor- noch zurückspulen konnte. Doch das war ok. Ein Zurückspulen würde sich in dieser Nacht ohnehin erübrigen.

Nikita steckte alles ein, und prüfte zweimal, ob er auch nichts vergessen hatte. Als er sich schon auf dem Weg zur Tür befand, fiel sein Blick noch auf die Schublade an seinem Nachttisch, in der er einige persönliche Dinge deponiert hatte.
Den Personalausweis, auf dem er aussah wie ein Mitglied des Dresdner Knabenchors nach einem üblen Saufgelage, ließ er unbeachtet liegen.
Es soll ja Leute geben, die selbst im Tod noch so korrekt waren, dass sie darauf achteten, sich ausweisen zu können und damit ihre letzte Bürgerpflicht zu erfüllen.
Nikita gehörte nicht zu dieser Sorte Selbstmörder. Er schiss auf seine Bürgerpflichten und hätte es am liebsten gesehen, wenn sich nach seinem Tod die halbe Stadt durch seine Gedärme wühlen musste, um seine Identität herauszufinden.
Wozu es ihnen unnötig leicht machen? Lokführer, Anwohner, Nachbarn... sie alle sollten es mitbekommen, einen Schock erleiden, sich ihr Leben lang Vorwürfe machen!
Das war das mindeste, was sie seiner Meinung nach tun konnten.

Nikita nahm traurig ein gerahmtes Foto in die Hand, das ihn und seine Eltern beim Klettern in der sächsischen Schweiz zeigte.
Damals schien die Welt tatsächlich noch in Ordnung zu sein. Mutter, Vater, und er in der Mitte. Alle grinsten, als strahle die goldene Sonne über den schroffen Felsen extra nur für sie.
Doch dann, kurz nach der Wende, hatte seine Mutter den Vater und ihn sitzen lassen... für irgend so einen dahergelaufenen Wessi, den sie bei einer beruflichen Fortbildungsmaßnahme kennengelernt hatte.
Einfach so, von heute auf morgen. Aber sicher nicht aus heiterem Himmel.
Also wieviel Prozent des Lächelns in ihrem Gesicht war überhaupt echt?
Lächelte sie vielleicht nur, weil sie an jenem Tag kein Geschirr spülen musste, oder erfreute sie sich wirklich am Zusammensein mit den Menschen, die sie schon wenige Monate später scheinbar völlig gleichgültig im Stich lassen würde?
Und Nikitas Vater - war er in jenem Moment tatsächlich glücklich, obwohl es in der Ehe schon lange kriselte? Oder versuchte er mit seinem breiten Grinsen nur, mit aller Gewalt zusammenzuhalten, was im Grunde schon längst dem Verfall preisgegeben war?

„Das ist keine Familie.“, dachte sich Nikita enttäuscht. „Das ist nie eine Familie gewesen!“
Die Mutter energisch und attraktiv, der Vater eher tapsig und gemütlich, der kleine Nikita ein verwöhnter Bengel, für den harmonische Familienausflüge etwas ganz Selbstverständliches waren...
Im Grunde lächelten ihm von dem Foto doch nur drei Egoisten entgegen, die statt echter, aufrichtiger Liebe bloß ein Geflecht aus Abhängigkeiten, Hoffnungen und Verpflichtungen miteinander verband.
Wütend schleuderte er das Bild in die Schublade zurück.
Doch er empfand weniger Wut auf seine Eltern... eher Wut auf sich selbst, dass er früher tatsächlich so naiv gewesen war, nicht zu bemerken, wie sich alle nur gegenseitig eine heile Welt vorspielten.
Heute sah Nikita klarer... daher ließ er sich schließlich doch noch einmal auf sein Bett fallen, um sich erneut am Formulieren eines Abschiedsbriefs zu versuchen. Diesmal mit deutlich mehr Erfolg. Denn kaum, dass er den Stift wieder zur Hand genommen hatte, sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. Seine ganze Verachtung, sein ganzer Frust über diese Welt und all die verlogenen Kreaturen, die immer krankhaft einen auf Gemeinschaft machen mussten, obwohl es doch letztlich jedem nur um seinen eigenen Arsch ging... alles verdichtete sich wie von unsichtbarer Hand geführt zu Nikitas ganz persönlichem Vermächtnis, das das blinde Selbstverständnis der Menschen in seiner Umgebung noch einmal gründlich erschüttern sollte.

„Hallo Vater, Hallo Mutter, und alle, die das sonst noch lesen werden.
Ich weiß nicht, ob das jetzt noch eine Rolle spielt, angesichts der Tatsache, dass ich längst tot sein werde, wenn ihr das hier gefunden habt...
Aber gestern, in Wirtschaftskunde, da hat einer meiner Mitschüler angeeckt und die Frau Gmeling gefragt, warum der Sozialismus denn so schlecht gewesen sein soll... schließlich gab es damals keine Arbeitslosen, und auch deutlich weniger Kriminalität als heute.
„Es gab jedoch keine Meinungsfreiheit!“, belehrte ihn die Lehrerin. „Du durftest nicht sagen, was du denkst... bist gleich zur Rechenschaft gezogen worden, wenn du mal unbequeme Meinungen geäußert hast. Das war eine schlimme Zeit. Also seid nicht immer so undankbar, sondern freut euch doch wenigstens ein bisschen, dass ihr jetzt in einer freiheitlichen Demokratie aufwachsen dürft und sorglos alles aussprechen könnt, was ihr gerade denkt!“
Naja, was soll ich sagen... er hat ihr daraufhin geantwortet, dass sie ne dumme West-Fotze sei und keine Ahnung hätte, was sie da eigentlich von sich gibt. Und Zack, hatte er einen Eintrag im Klassenbuch, wurde des Raumes verwiesen und bekam obendrein noch einen bösen Brief für seine Eltern mit auf den Nachhauseweg.
Das war jedenfalls mal wieder so bezeichnend für eure Welt!

Vielleicht bin ich auch nur übersensibel, aber 98 Prozent der Leute in der Schule sind Lügner. Lehrer wie Schüler. Das macht kaum einen Unterschied.
Wenn sie sich mit ihren Kumpels unterhalten... so laut und überschäumend, wie es gesunde Teenager nunmal tun... dann huschen ihnen häufig so vielversprechende Worte wie „Liebe“ und „Freundschaft“ über die Lippen. Sie quasseln sich den Mund fusslig über ihre tollen Freizeiterlebnisse und irgendwelche Anekdoten vom letzten Wochenende. Doch alles, was ich aus ihrem Redewulst heraushöre, lässt sich letztlich auf drei kurze Aussagen reduzieren:
„Ich will der Coolste sein! Ich will Spaß haben! Und ich will ficken!“
Oder die Lehrer. Tun so, als würden sie es nur gut mit uns meinen... als wären sie unsere Verbündeten im Kampf mit der Welt.
Dass ich nicht lache! Ich kann es doch tagtäglich in ihren müden Gesichtern lesen:
„Scheiß Job! Scheiß Kinder! Ihr kotzt mich alle an! Würde ich doch nur endlich im Lotto gewinnen... ich wäre hier weg und ihr könntet mich alle mal am Arsch lecken!“
Was ich meine, ist:
Letztlich denkt doch jeder nur an sich selbst.
Und, versteht mich jetzt bitte nicht falsch, das ist im Grunde auch völlig ok. Ich bin auch Einzelgänger. Ich finde es komplett in Ordnung, nen Scheiß auf die anderen zu geben und sich alleine durchs Leben zu schlagen.
Aber ich ertrage es nicht länger, dass sie sich trotzdem alle ständig darum bemühen, sich selbst und allen anderen ein soziales, gut-funktionierendes Gemeinwesen vorzugaukeln. Ganz egal, ob sie es dann „Familie“, „Klassengemeinschaft“ oder „Staat“ nennen.
Selbst die Politiker, völlig gleich, ob Erich Honecker oder Helmut Kohl... die wollen doch alle nur Karriere machen und sich einen schönen Lebensabend ermöglichen. Dennoch tun sie ständig so, als täten sie das, was sie tun, für uns. Für die Gesellschaft, die es nicht gibt, weil sie nichts als eine Ansammlung von Egoisten ist, die meistens nicht mal ihre Nachbarn persönlich kennen... geschweige denn die Führer, denen sie ihre Zukunft anvertrauen.

Ich weiß, dass ihr das wahrscheinlich nicht verstehen könnt. Nicht verstehen, wie man aufgrund einiger schlechter Erfahrungen die ganze Menschheit verdammen kann... nicht verstehen, wieso die Angst vor dem bisschen Leben stärker sein kann als die Angst vor dem Tod.
Ein paar von euch werden vielleicht sogar um mich trauern und bedauern, dass dieses eiernde Zahnrad nie den Weg in eine eurer Maschinen gefunden hat.
Doch wozu traurig sein?
Ich bin nur eine weitere Zahl in der Selbstmordstatistik. Und wenn ihr glaubt, mich gekannt oder gar geliebt zu haben, dann ist das nichts weiter als ein tragischer Irrtum.
Niemand kennt mich. Niemand liebt mich. Ich weiß das... weil keiner von euch oberflächlichen Egoisten jemals so viel Zeit in mich investiert hat, wie man bräuchte, um in das Herz eines verängstigten jungen Menschens vordringen zu können.
Keiner hat auch nur versucht, mir nahe genug zu kommen, um hinter meine Fassade blicken zu können. Denn in eurer Welt tut man das nicht... hinter Fassaden blicken...
Fassaden sind in eurer Welt etwas Heiliges, nicht wahr? Etwas, vor dem ihr deutlich mehr Respekt zu haben scheint als vor dem, was sich dahinter befindet.

Egal. Es ist, wie es ist. Ihr könnt nicht richtig mit mir, und ich kann nicht so recht mit euch. Belassen wir’s dabei.
Es ist jetzt kurz nach neun.
Draußen wird es langsam dunkel. Irgendwie liebe ich die Nacht. Sie ist vielleicht der einzige Verbündete, den ich habe, denn in der Finsternis muss niemand lächeln, wenn ihm eigentlich viel eher nach Weinen zu Mute ist.
Ich denke, ich werde mir jetzt noch ein paar schöne Stunden machen, zusammen mit dem Genossen Gorbatschow... und dann, wenn morgen früh die ersten Sonnenstrahlen über das Land hereinbrechen und die Nacht ihren schützenden Schleier von der Erde hebt, werdet ihr erkennen, dass sie mich mitgenommen hat.

Vielleicht sollte ich jetzt an dieser Stelle noch anfügen, dass es mir leid tut, wenn ich euch durch meine Entscheidung Schmerzen zufüge. Aber nein, ich glaube, das wäre auch nur wieder so eine verlogene Höflichkeitsfloskel. Es tut mir nämlich irgendwie kein bisschen leid.
Wenn ihr wegen meinem Tod so starke Schmerzen habt, dass ihr am liebsten auch sterben wollt... naja, dann habt ihr wenigstens mal so eine kleine Ahnung davon, wie es mir die ganze Zeit über in eurer Gesellschaft ergangen ist. Denn nur eure Kälte hat mich so kalt gemacht.
Aber dass ihr so stark trauern werdet, halte ich ohnehin für eher unwahrscheinlich.
Also lebt euer Leben weiter... oder auch nicht. Ich gehe jetzt.

Euer Nikita.“
 
 
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