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Die blinde Fledermaus (Kurzgeschichte)


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Reh
Alt 01.09.2007, 22:42   #1
Standard Die blinde Fledermaus (Kurzgeschichte)

Vorbemerkung: Die Geschichte spielt auf der Alten Welt, einer mittelalterlichen Fantasywelt des Ultima-Online-Shards theow. Die Welt ist nach dem Zerfall des großen Königreichs geteilt in mehrere konkurrierende Herzogtümer. Ein riesiger Landstrich jedoch, der sogenannte Bund der Freien Lande, untersteht den Mächten des Bösen und des Chaos. Hier herrschen die Orks, Dunkelelfen, Ausgestoßene und die Kulte der bösen Götter. Mit dem Bund verbündet ist die Pirateninsel Buccaner's Den. Die Insel ist die Hochburg der Seeräuber und besitzt eine große unterirdische Stadt voller Geheimgänge, -türen und -räume. In dieser unterirdischen Stadt spielt die Geschichte. Ihr Hauptdarsteller ist ein exzellenter und namhafter Krieger aus dem Herzogtum Stolzenforst, ein Abenteurer, der sein Leben dem Kampf und den lichten Göttern verschrieben hat.
Und nun genug der Vorrede, hier ist die Geschichte.


Ohne Eile spazierte der Mann durch die Unterstadt von Buccaner’s Den. Sein Blick schweifte dabei ruhig hin und her, ganz so als würde er sich aus purer Langeweile dies und jenes anschauen. Kurz blieb er stehen, um einer Schlägerei mehr als nur einen Augenblick Aufmerksamkeit zu zollen. Dann setzte er den Weg in Richtung des Marktes fort.
Viele Augenpaare verfolgten jede Bewegung des Eindringlings. Und die erfahrenen Beobachter wussten, dass dieser Mann ebenso beobachtete. Im gelangweilten Blick erkannten sie höchste Aufmerksamkeit, in den lässig wirkenden Bewegungen die Bereitschaft und die Fähigkeit sich sofort und effektiv wehren zu können, falls die Situation es erforderte. Landratten waren in Begleitung von Seemännern keine Besonderheit, aber dieser war allein und das machte misstrauisch. Die Anspannung in der Nähe des Fremden war deutlich spürbar. Er war hier unerwünscht allein wegen der Tatsache, dass er für diese zusätzliche Anspannung sorgte. Aber das reichte noch nicht, um ihn offen zu vertreiben. Es war klüger zu warten, bis er selber ging. Ihn zu verjagen würde schlimmstenfalls Tote bedeuten. Und dieser Mann konnte mit Sicherheit für einige Tote sorgen. Die Kettenrüstung aus Bluterz entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als eine aus viel besserem Metall und der Schild auf dem Rücken und das Schwert in der Scheide gehörten beileibe auch nicht zum Alltäglichen. Krieger, die es so weit gebracht hatten, waren nicht dumm. Und darum würde er bald von sich aus gehen.

*****

Escander spürte die Blicke auf sich. Er war in die Wolfshöhle eingedrungen und er würde sich hüten, die Wölfe zu lange mit seiner Anwesenheit zu reizen. Ein Raubtier greift schwächere an um sich zu ernähren und in Not auch stärkere um sich zu verteidigen. Escander kannte die einfachen und ungeschriebenen Gesetze der Natur. Er war gewiss keine Beute und er war klug genug sich so zu verhalten, dass man ihn nicht als unmittelbare Bedrohung ansah, gegen die man sofort vorgehen musste.

Er wollte nur beobachten.

Sein Leben spielte sich zwischen zwei riesigen Ländern ab und auch wenn er viel unterwegs war, so konnte er unmöglich alle Ecken dieser Länder im Auge behalten. Und er behielt gern möglichst viel im Auge, um vor unliebsamen Überraschungen geschützt zu sein. So unternahm er in regelmäßigen – und hoffentlich nicht zu langen – Abständen Ausflüge zu Orten, wo er sich gemeinhin niemals aufhielt. Die entlegensten Winkel des Bundes, der nahezu undurchdringliche Wald in den Elfenlanden, Buccaner’s Den. Die Gefahren lauerten überall, aber jede Gefahr wurde kleiner, wenn man um sie wusste. Darum suchte er. Auf jeder Reise fand er Veränderungen, gute und schlechte. Die meisten klein und scheinbar unwichtig, aber wer wusste schon, ob einem selbst das Wissen um einen entlegenen Hof nicht einmal nutzen kann?

Hier im Untergrund konnte er äußerlich keine beunruhigenden Veränderungen entdecken. Er prägte sich die verschlungenen Wege und Geheimtüren ein, die er bereits hinter sich gelassen hatte. Vieles kannte er noch aus seinen früheren Tagen bei „Reichtum und Stärke“, aber vieles war bereits in Vergessenheit geraten und das missfiel ihm.

In einiger Entfernung zum unterirdischen Markt blieb er stehen und betrachtete das Treiben. Er studierte die Gesten und Bewegungen einzelner Personen und merkte sich die Gesichter der Verkäufer. Er achtete auf Kleinigkeiten, die ein normaler Mensch übersah. Der alte Mann auf der Bank war gar nicht so wehrlos wie er aussah – die längliche Beule an seinem rechten Stiefel bezeugte es und seine grauen Augen waren hellwach. Escander würde diesem Kerl nicht den Rücken kehren.

Er schritt zwischen den Ständen und schaute sich die Waren an. Stoffballen, alle ungleich und mit Sicherheit von Handelsschiffen aus aller Länder geraubt. Früchte, die er nie im Leben gesehen hatte, mal mehr, mal weniger verfault. Gemälde von herzoglichen Adeligen – Escander fragte sich, ob Menschen wirklich so aussehen konnten. Magische Kugeln, in denen man angeblich die Zukunft sehen konnte. Blauschwarz schimmernde Schuppen von Meeresungeheuern. Unzählige Amulette und Ringe, die sonderbares vollbringen sollten. Schmuck aus geschliffenem Elfenbein, die Fingerknochen waren gut zu erkennen. Und Alkohol. Immer wieder Alkohol. In großen und kleinen Flaschen, in Krügen und in Fässern, vom billigsten Fussel bis hin zu teuren Weinen aus Eichenstein. In der Unterstadt gab es viele sonderbare Dinge, die man nirgendwo sonst bekam. Ob selten oder nicht, das meiste war für ihn nutzlos. Trotzdem war der Goldbeutel des seltenen Gastes gut gefüllt.

Escander betrachtete ein breites Angebot an Pfeifen und Tabak an einem Stand am Rande des Marktes. Der alte Mann hinter der Theke – natürlich mit einer rauchenden Pfeife zwischen den dünnen Lippen – schnitzte gemächlich vor sich hin.
„Was für eine suchst du, hm? Bessere als hier wirst du nirgendwo auf der Welt finden. Ich habe sogar eine aus den Knochen eines Jungdrachen. Das war vielleicht eine mühselige Arbeit...“
„Den Drachen zu erlegen?“
Der Alte kicherte heiser. „Das auch.“
Als vom Krieger keine Antwort kam, versuchte es der Alte erneut. „Den passenden Tabak habe ich auch für dich. Zu jeder Gelegenheit einen richtigen. Morgens zum wach werden, Mutmacher für die Pfeife vor dem Kampf, einen zum Entspannen, wenn du im Bett mit deinem Weib fertig bist.“
Escander waren unterdessen die Blicke zu seinem prallen Goldbeutel nicht entgangen.
„Und wenn ich noch mehr Gold bei mir hätte, woraus wären deine Pfeifen dann geschnitzt?“ Er konnte sich ein vergnügtes Schmunzeln nicht verkneifen, während der alte Mann kurz in Lachen ausbrach.
„Dann hätte ich vielleicht eine aus den Eckzähnen eines alten Drachen.“
„Halt sie morgen bereit, ich werde noch einmal kommen.“
Erneut kicherte der Alte, die Situation schien ihm genauso zu gefallen, wie seinem Gegenüber. „Pass auf,“ er zog kurz an der Pfeife, während sich die Blicke der beiden kreuzten, „vergiss die Drachenknochen. Ich biete dir etwas viel besseres an. Etwas besonderes, das ich nicht jedem anbiete.“ Er bückte sich unter den Tisch und holte eine durchlöcherte Schachtel hervor, deren Deckel er nach einer Kunstpause herunternahm. Eine dunkelgraue Fledermaus kam zum Vorschein.
„Das ist Lauscher“ verkündete der Alte mit stolzer Stimme.
„Eine Fledermaus ist genau das, was mir bis jetzt gefehlt hat im Leben.“
Kichern. „Sei nicht so voreilig junger Mann! Lauscher ist ein Bote, der beste den es gibt!“ Mit einem verschmitzten Grinsen fügte er hinzu: „Ausnahmsweise lüge ich auch nicht.“
Das kleine Tier bewegte sich träge in der Schachtel und reckte die Nase in die Höhe. Escander bewegte die Hand über dem Tier hinweg. Die großen Ohren der Fledermaus drehten sich ein wenig, aber sonst kam keinerlei Reaktion.
„Dein Lauscher ist blind.“
„Du hast ein gutes Auge. Er dagegen braucht gar keine. Er sieht mit seinen Ohren. Alle Fledermäuse machen das, aber Lauscher kann es besonders gut. Frag mich nicht wie die Viecher das machen, aber ihr Geheimnis sind wirklich die Ohren.“ Der Alte beugte sich vor und senkte die Stimme, „Lauscher ist aber gar keine Fledermaus! Er ist das Werk von Mearit, dem Magier. Ich werde dir die Geschichte erzählen und glaub mir, sie ist wahr!
Mearit ist ein mächtiger Zauberer, ein respektierter und gefürchteter Mann. Er betreibt Forschungen auf Gebieten, vor denen sich die meisten fürchten und die Finger von lassen. Sein Wissen ist groß, sein Rat begehrt und seine Hilfe fast unbezahlbar. Und doch gibt es genug Leute, die sich an ihn wenden und so ist er ein viel beschäftigter Mann. Einmal hat er einen Aufruf gemacht auf der Suche nach den besten Botengängern und viele sind bei ihm erschienen. Mearit fragte jeden einzelnen nach der geforderten Besoldung und er teilte jedem schwierige Botengänge zu um die Leute zu prüfen. Fünf der schnellsten Boten stellte er am Ende ein. Aeron, denjenigen von ihnen, der am wenigsten Sold verlangt hat, machte er zum obersten Boten, teilte ihm die größte Besoldung zu und stellte die drei anderen unter seinen Befehl. Und den fünften, das war Falodin und er hatte den größten Sold verlangt, verwandelte Mearit in eine Fledermaus. Und er machte Falodin blind, damit er nie wieder vom Glänzen des Goldes verleitet wurde und er legte viele Zauber auf Falodin. ‚So lange wirst du Botschaften überbringen‚ bis du den Sold abgearbeitet hast, den du so unverschämt gefordert.’ So sagte es Mearit und er ließ Falodin über die gesamte Welt fliegen, damit er jeden Winkel kannte. Mehr als vier Jahre soll das gedauert haben!
Sag ihm, wohin er fliegen soll und er wird den Weg wissen. Und wenn du nicht weißt, wo sich derjenige befindet, dem du die Nachricht senden willst, so wird Lauscher ihn suchen und finden. Jede Nachricht hat er bis jetzt an sein Ziel gebracht!“ Erschöpft von der Erzählung lehnte sich der Alte zurück und zündete die verloschene Pfeife neu an.
„Wie kommt es, dass gerade du nun diese Fledermaus hast?“ Die Geschichte war gut, aber wenig glaubwürdig, wie das meiste hier unten, „Ist dieser Mearit vielleicht ein Freund von dir oder bist du sogar so mächtig, dass du ihm Falodin - warum heißt er eigentlich Lauscher? – entrissen hast?“
„Ihr jungen Leute seid so misstrauisch...“ ein tiefer Zug aus der Pfeife unterbrach die Worte kurz, „Während einiger mühsamer Verhandlungen verschenkte Mearit Lauscher als wohlwollendes Zeichen. Der neue Besitzer war zwar sehr reich, verfügte aber über keine so Furcht einflößende Magie wie Mearit. Wie genau Lauscher mir in die Hände kam, kann ich dir jedoch nicht erzählen.“
Das schmierige Grinsen des Alten sprach für sich und Escander brauchte keine weiteren Erläuterungen.
„Und nun willst du das Vieh loswerden, weil es mit tausend Flüchen belegt ist und Mearit danach suchen könnte und den Besitzer dann in ein Kaninchen verwandelt?“
Der Alte lachte. „Wenn er es gewollt hätte, wäre das längst passiert. Lauscher ist schon seit vielen Jahren bei mir. Mearit hat keine Macht mehr über meinen kleinen Freund, weil er ihn damals weggegeben hat. Aber die Verzauberungen sind geblieben. Falodin muss wahrlich einen sehr hohen Preis gefordert haben. Ich bin alt geworden und habe keine Nachrichten mehr zu verschicken. Und morgen schon werde ich vielleicht tot sein und Lauscher wird dann nie erlöst werden.“

Ich lasse mir gerade eine blinde Fledermaus andrehen, dachte Escander nicht ohne Vergnügen, aber die Geschichte ist es einfach wert.
Gold spielte keine Rolle für ihn, schon lange nicht mehr. Dennoch feilschte er, vielleicht nur um dem alten Mann ein Vergnügen zu bereiten. Es blieb nicht viel zurück.
„Ach weißt du“, schmunzelte der Alte heiter, als eine große Summe den Besitzer wechselte, „weil ich dich so mag, verkaufe ich dir für den Rest deines Goldes die Pfeife aus dem Knochen des Jungdrachen und ein Säckchen Tabak.“ Und so wanderte auch das letzte Gold zu ihm rüber.
„Jetzt wo du mir kein Gold mehr abluchsen kannst, sag mir die Wahrheit alter Mann. Woraus ist diese Pfeife wirklich gemacht?“
„Aus dem Knochen eines Rehs. Aber es war trotzdem harte Arbeit und so ein Stück wirst du kein zweites mal finden.“
Bereits als er im Begriff war wegzugehen, hielt Escander noch einmal an und drehte den Kopf. „Du hast vergessen zu sagen, warum er Lauscher heißt.“
„Falodin war einmal. Ich weiß genau, er bereut seinen damaligen Geiz. Ich habe ihm verziehen und einen neuen Namen gegeben, damit er das weiß. Für mich ist er nur noch Lauscher, die blinde Botenfledermaus.“

Und als sich Escander erneut zum gehen wandte, erhob sich hinter ihm eine veränderte, ernste Stimme des alten Mannes: „Die Geschichte über Lauscher ist echt. Pass auf ihn auf und gib ihn wie ich weiter, wenn der Zauber auch zu deiner Lebzeit nicht brechen sollte...“
 
 
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