Angst habe ich eigentlich nicht. Nur davor, etwas zu tun, das ich dann später bereue. Ich denke halt immer, wenn zwischen uns alles geklärt ist und ich wirklich das Gefühl habe, dass unsere Beziehung stabil ist und ich mich auch sicher fühle, dann wird das irgendwann von ganz alleine kommen.
Aber ich bin wie gesagt dennoch davon überzeugt, dass man nicht unbedingt sexuelles Interesse am eigenen Körper haben muss, um grundsätzlich Sex haben zu können. Meine beste Freundin zum Beispiel hat selbst auch nie verstehen können, was Selbstbefriedigung bringen soll. Sie hat das erst mit 18 Jahren gemacht. Ihr erstes Mal hatte sie mit 17, nach nur sechs Wochen Beziehung. Sie hat sich also "sexuell" völlig normal entwickelt - auch ohne Selbstbefriedigung!
Eine andere Freundin von mir meinte, ich würde sie total daran erinnern, wie sie in meinem Alter war.
Ich denke, es ist nicht unnormal, mit 16 Jahren noch kein so ausgeprägtes Interesse an Sex zu haben. Es ist nur ungewöhnlich, nach 18 Monaten Beziehung noch immer keinen Sex zu wollen. Mit dem Alter hat das weniger zu tun.
Was genau da bei uns vorgefallen ist... na ja, das war so: Wir fingen halt irgendwann (so nach drei Monaten) langsam mit Petting an. Das war ja noch in Ordnung. Das Problem war nur, dass ich mir damals nicht sicher war, ob ich das wirklich wollte. Da ich es aber nicht schlimm fand, habe ich auch nicht Nein gesagt. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es mir doch zu viel wurde. Ich war einfach noch nicht bereit, so weit zu gehen. Mein Freund wollte das eigentlich akzeptieren - das hat nur leider nicht funktioniert. Wenn er einmal angefangen hatte, dann konnten wir nicht aufhören. Wir bekamen es einfach nicht hin, nur bis zu einem bestimmten Punkt zu gehen. Danach habe ich mich dann immer total schlecht gefühlt, weil ich einfach noch nicht bereit war.
Jetzt kommt das wirkliche Problem: Wenn wir abends im Bett lagen und mein Freund nicht schlafen konnte, dann fing er an, mich zu streicheln. Ganz normal, am Bauch oder an den Beinen. Ich bin sehr sensibel und habe das immer sofort gemerkt. Er ist dann immer langsam weitergegangen (als ich also schon mehr oder weniger wach war). Aber dadurch, dass ich noch benommen vom Schlaf war, habe ich das nicht wirklich realisiert und deshalb auch nicht Nein gesagt. Irgendwann war ich dann ganz wach, und dann merkte ich, dass ich das gar nicht wollte. Da hat mein Freund dann auch immer sofort aufgehört.
Grundsätzlich wäre daran nichts Schlimmes. Aber dadurch, dass ich grundsätzlich solche Zweifel hatte, und dann, weil ich mich noch im Halbschlaf befand, nicht wirklich in der Lage war, klar zu denken und zu entscheiden, war das natürlich schlimm für mich.
Wenn es einmal passiert wäre: okay. Wenn es ein zweites Mal passiert wäre: da kann man mit klar kommen. Aber es ist nicht nur ein- oder zweimal passiert. Es ist immer wieder passiert. Über mehrere Wochen hinweg.
Es war nicht ganz gegen meinen Willen, das nicht. Nur konnte ich (wenn ich wach war) das nur bis zu einem bestimmten Punkt genießen, bis mir dann Zweifel kamen. Und die waren natürlich noch immer da. Nur durch die Situation (Halbschlaf) war mein Verstand natürlich mehr oder weniger ausgeschaltet. Im Wachzustand hätte ich gedacht: "Okay, das fühlt sich jetzt zwar nicht schlecht an, aber du weißt genau, danach wirst du dich schlecht fühlen. Sag ich ihm lieber, dass wir es in ein paar Wochen nochmal probieren."
Aber im Halbschlaf funktioniert das natürlich nicht.
Mein Freund ist daran so ziemlich kaputt gegangen. Er hat da so sehr drunter gelitten, konnte aber dennoch nicht aufhören. Wenn ich ihm sagte, er solle aufhören, schien er aus einer Art Trance zu erwachen. Er fing an zu weinen, konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Ich musste ihn festhalten, um ihn davon abzuhalten, gegen die Wände oder sich selbst ins Gesicht zu schlagen.
Das war wohl der Auslöser dafür, dass er erneut so depressiv wurde. Wir gingen zu einer Beratungsstelle, um das Problem in den Griff zu bekommen. Doch er konnte nicht darüber sprechen. Als unsere Beziehung fast daran zerbrach, schaffte er es, aufzuhören. Das war Anfang 2007. Es ist danach nur noch ein einziges Mal passiert, in den Sommerferien.
Mit meinem Freund wurde es dennoch immer schlimmer, auch nachdem es aufgehört hatte. Seine Depressionen wurden immer schlimmer. Extreme Minderwertigkeitskomplexe, autoaggressives Verhalten, Suizidgedanken. Ich habe ihm nie einen Vorwurf gemacht. Aber er selbst konnte sich nie verzeihen, was passiert war. Diese Zeit war sehr schwer. Das war Anfang 2007, wo es langsam aber stetig immer schlimmer wurde. In diesen Monaten hörte ich von meinem Freund hauptsächlich die Sätze: "Ich will nicht mehr", "Ich kann nicht mehr", "Es ist alles meine Schuld" und "Mein Leben hat doch überhaupt keinen Sinn mehr".
Ich habe ihm keine Vorwürfe gemacht. Das hätte ja nichts besser gemacht. Ich war für ihn da, wenn er wieder einmal stundenlang in Tränen aufgelöst in meinen Armen lag. Ich habe ihm Verständnis entgegengebracht ... so viel Verständnis. Aber das hat leider nicht bewirkt, dass er sich selbst verzeihen konnte.
Irgendwann konnte ich das einfach nicht mehr mit ansehen. Er war wirklich so kaputt. Ich konnte ihn zu einer Therapie überreden. Bei seinem Aufnahmegespräch sprach er auch über das, was zwischen uns vorgefallen war. Der Psychologe, mit dem er sprach, versuchte meinem Freund zu erklären, dass sein Verhalten nicht so krank und unnormal war, wie er selbst dachte. Er erklärte ihm, dass dieser Druck (das sexuelle Verlangen), welcher sich über Monate hinweg aufstaute, irgendwann einfach zum Vorschein kam, und diesen Kontrollverlust bewirkte. Mein Freund machte sich dennoch weiterhin Vorwürfe.
Wie es es der Zufall wollte, ist es so, dass genau in der Nacht vor diesem Aufnahmegespräch dieser "Rückfall" war. Das das wieder geschehen war, war so schlimm für meinen Freund, dass seine Selbstmordgedanken wiederkehrten und noch schlimmer wurden. In der Klinik musste er mehrere Fragebögen ausfüllen. Bei einem musste er den Satz "Am liebsten würde ich..." ergänzen. Mein Freund beendete den Satz mit "tot sein".
Von diesem Tag an verletzte er sich täglich selbst. Das hat er zum Glück nach einiger Zeit wieder in den Griff bekommen. Er fing an, Antidepressiva zu nehmen, und machte eine Therapie. Im Moment wartet er darauf, dass ein ambulanter Therapieplatz frei wird.
Meinem Freund geht es inzwischen besser. Sein Zustand ist weitesgehend stabil, und er lernt, mehr auf sich selbst zu achten. Zwischen uns gibt es leider einige Probleme, da er nach der Therapie kaum noch in der Lage war, mit mir über unsere Probleme zu sprechen. Inzwischen weiß ich, dass mein Freund kaum Erinnerungen an die letzten Monate hat. Deshalb fällt es ihm so schwer, zu sprechen. Er hat so viel vergessen, und er vergisst auch jetzt noch Dinge. Da er das aber zuerst selbst nicht realisiert hat, hat das bei uns zu ziemlich großen Problem geführt. Wir hatten Probleme, ich wollte eine Lösung finden, was aber nicht ging, da ich ja nicht wusste, was er darüber dachte. Was immer ich auch sagte, die Antwort war stets: "Ich weiß es nicht." Erst mit der Zeit realisierte mein Freund, dass er ständig alles vergaß, und dass er auch deshalb oftmals nicht wusste, wovon ich sprach. Er vergaß sogar, dass er Dinge vergessen hat. Deshalb konnte er mir das erst vor zwei Tagen erklären.
Er hat mir jetzt den Vorschlag gemacht, dass wir uns demnächst mal zusammen hinsetzen und unsere Beziehung rekonstruieren. So möchte er auch herausfinden, was er alles vergessen hat.
Ich hoffe, das bringt uns irgendwie weiter.
Es tut mir leid, dass mein Beitrag nun so lang geworden ist. Aber ich musste so viel schreiben, um die Situation zu erklären.
Wie ihr seht, ist zwischen uns einiges vorgefallen. Nach so einer Zeit ist es schwer, wieder zur Ruhe zu kommen. Aber genau das müssen wir. Ruhe, Sicherheit und Stabilität. Das brauchen wir.
Doch wir wir das erreichen - das müssen wir erst einmal herausfinden.