Du meinst, ob ich finde, dass es zulässig ist, einem Vergewaltigungsopfer, das durch Verhalten/Kleidung/etc den Täter provoziert hat, mehr "Schuld" zu geben, als bei den Opfern die eben meinetwegen zurückhaltend, oder wenig aufreizend gekleidet waren?
Ich will es so sagen: Ich bestreite grundsätzlich nicht, dass Opfer einen Beitrag dazu leisten, dass Täter ihr Vergehen begehen. Sprich Fahrlässigkeit, allgemeine Unvorsichtigkeiten eben. Ich weigere mich aber vehement, es so zu sehen, dass dieser Beitrag, welchen die Opfer leisten, so transferiert wird, dass die eine Tat selbstverschuldeter ist, als die andere. Mir geht es einfach um ein absoluteres Verständnis des Schuldbegriffes. Dieses mag durchaus falsch sein - Täter als Opfer von punktuell zu aggressiver Leidenschaft etc. Das zeigt auch die deutsche Rechtssprechung, indem sie Dinge wie Unzurechnungsfähigkeit oder Affekthandlungen berücksichtigt. Ich weiß, ich widerlege mich hier fast selbst, es ist nur, dass Taten groben Unrechts nicht zu schnell "Verständnis" (i.S. von "Das Opfer war selbst Schuld"/"Täter wurde gerade zu animiert, ...") entgegen gebracht werden sollte.
Der Einfluss, den ein Opfer irgendeiner Tat hat, sagen wir mal die Senkung der Hemmschwelle oder die Erleichterung durch fehlende Sicherung eines Fahrzeuges, ist schließlich nicht insofern intendiert, als dass Opfer XYZ sich dabei denkt: "Ich schließe nicht ab, damit ich beklaut werde".
Ebensowenig flirtet ein attraktives junges Mädchen viel zu locker mit einem Unbekannten und denkt "Auf dass er mich deswegen missbraucht!".
Es ist ja schon so, dass der Alltag zeigt, dass Vertrauen fast schon immer grob fahrlässig ist (Unterschriftserschleichungen, Der Enkel-Trick, Diebstahl, die zahlreiche Abzocke des Internets und und und). Das bedeutet in einem sehr vereinfachtem Umkehrschluss doch fast: Vertraut man, wird man früher oder später zwangsläufig Schuld daran, Opfer zu sein. Der Übergang von gesundem Vertrauen in blinde Naivität und absolutes Gutmenschentum ist fließend. Nähme man einen blind vertrauenden Menschen, der sein Rad nicht abstellt, Fremden zig Euro leiht und unterschreibt, was ihm gesagt wird, nicht was er nachher durchliest. Natürlich darf man hier sagen "dumm!". Aber was macht dieser Mensch denn? Offenheit, Helfen, vertrauen. Dass das gute Dinge sind wird wohl kaum jemand bestreiten.
Nun gut, long story short: Ich verfechte nicht, die Realität zu verkennen, sondern sich gegen den Verlust von Vertrauen ohne Kontrolle und der "Das hat doch einen Haken, jeder will mir irgendwo irgendwas böses"-Attitüde, sprich Werteverlust und gesamtgesellschaftlich wachsendem Mißtrauen, zu wehren.