Der 1. Weltkrieg
1. Vorraussetzungen und Intensität
n Vorraussetzungen
· Industriealisierung
· verbesserte Nachrichtenübermittlung
· schnellere und bessere Verkehrsverbindungen
· System des Imperialismus
n Intensität
· Einbeziehung der Zivilbevölkerung in ungekanntem Ausmaß
Ø Rationierung
Ø Frauenarbeit
Ø Propaganda
Ø intensive psychologische Kriegführung
Ø Bombardierung offener Städte
2. Ausarbeitung des Schlieffenplans
n 1905 als Folge der Marokkokrise ausgearbeitet
n Verfasser: Alfred Graf von Schlieffen, preußischer Generalfeldmarschall und zeitweise Chef des Armeegeneralstabs
n Inhalt: nach einem strategischen Durchbruch in Belgien und Lothringen eine rasche Vernichtung der frz. Armee erzielen, um sich dann gegen Rußland wenden zu können.
n Aber: Der Schlieffenplan wurde unter der Annahme der fortdauernden strateg. Schwäche Rußlands festgelegt, und wurde durchgeführt, als sich R schon längst wieder erholt hatte und als Großmacht präsent war.
3. Kriegserklärungen und Mächtekonstellationen
n Zeitliche Abfolge der Ereignisse zum Kriegsausbruch und Kriegserklärungen:
· Ultimatum Ö/U an Serbien mit bedingungsloser Rückendeckung D’s (23. 7.)
· Kriegserklärung Ö/U an Serbien (28. 7.)
· Teil- und Generalmobilmachung in Rußland (29/30. 7.)
· Dt. Ultimatum zu Zurücknahme der Mobilmachung in R (31. 7.)
· Kriegserklärung D an R (1. 8.)
· Kriegserklärung D an F (3. 8.) und Einmarsch in Belgien
· Kriegserklärung E an D (4. 8.)
· Kriegserklärung I, an Ö/U (Mai 1915), an D (Aug. 1916)
n Mächtekonstellationen:
· Die Mittelmächte Ö/U und D, erweitert durch das Osman. Reich (Nov. 1914) und Bulgarien (Okt. 1915)
· Die Tripelentente E, F und R, dazu Serbien, Belgien (nach dem dt. Einmarsch) und Japan (23. 8. 1914), später I (ab August 1916 Rumänien als Verbündeter)
· Neutral blieben bis zuletzt im wesentlichen: Schweiz, Niederlande, Dänemark, Schweden, Norwegen und Spanien.
4. Der Kriegsverlauf
4.1. Der Kolonialkrieg
· von untergeordneter und symbol. Bedeutung
· Der gesamte deutsche Kolonialbesitz wurde im Laufe des Krieges besetzt
· 1914: Besetzung von Togo, Neuguinea, Pazif. Inseln, Tsingtau
· 1915: Eroberung Dt. Südwestafrikas
· 1916: Einnahme Kameruns
· 1918: Besetzung Dt. Ostafrikas nach erbittertem Widerstand bis zum Waffenstillstand
4.2. Der Seekrieg
· klare Dominanz E’s
· Dt. Flotte auf den Meeren verteilt, was entweder zur Flucht oder zu Niederlage führte.
· Okt. 1914: Mittelmeergeschwader flüchtet vor den Briten nach Konstantinopel, wo es mit der osman. Flotte die Überlegenheit über die russ. Schwarzmeerflotte gewinnt.
· Nov. 1914: Dt. Ostasiengeschwader schlägt zunächst unterlegene brit. Flotte, wird aber dann von überlegener brit. Flotte versenkt.
· 1914/15: E entscheidet gegen die Hoffnung D’s einer „engen Blockade“ zu einer weitläufigen Sperrung des Kanals und der Nordsee zw. Norwegen und Schottland
è Noch in den Häfen liegende Hochseeflotte bleibt zu Untätigkeit verdammt
è Dt. Flotte verschwindet in den Anfangsmonaten von den Weltmeeren
· Isolierte kleine Kreuzer und Hilfskreuzer fügen der allierten Handelsschiffahrt noch den größten Schaden zu, allerdings wird diesen Verlusten keine strateg. Wirkung zugemessen.
· Als Folge der Nutzlosigkeit der Flotte und der anfänglichen und überraschenden Erfolge der U-Boote (z.B. 22. 9. 1914: Versenkung von 3 engl. Kreuzern vor Holland) wurde der uneingeschränkte U-Bootkrieg begonnen (Febr. 1915).
· Nach der Torpedierung des Passagierschiffs „Lusitania“ brachte die Kriegsdrohung der USA die dt. Führung zum einlenken. Der eingeschränkte U-Bootkrieg wurde wieder eingeführt.
· Nach zwei für die dt. Flotte unzufriedenstellenden Seeschlachten im Bereich der Nordsee (Seeschlachten auf der Doggerbank und vor dem Skagerrak), kehrte die Reichsregierung wieder zum uneingeschränkten Einsatz der U-Bootwaffe zurück (1. 7. 1917)
è Dies führte am 6. 7. 1917 postwendend zum Kriegseintritt der USA auf Seiten der Entente
4.3. Die Westfront
· Der Schlieffenplan wurde von Anfang des Krieges an konsequent umgesetzt.
· So in den ersten Kriegswochen der Krieg mit der Einnahme der belg. Festung Lüttich eröffnet, womit der Weg durch das neutrale Belgien geebnet war.
· Darauf folgte ein rascher Vorstoß gen Paris, auf dem der schwache frz. Widerstand rasch zunichte gemacht wurde. Kurz vor Paris wurde das deutsche Heer jedoch in der Marneschlacht (6.-9. 9. 1914), die Dtld. verlor, zum Stillstand gebracht.
· Daraufhin versuchte D noch die frz. Front im Norden zu überflügeln, was sich im „Wettlauf zum Meer“ bemerkbar machte. Aber auch dieses Vorhaben scheiterte aus dt. Sicht.
è Die Krieg an der Westfront wurde von einem Bewegungs- zu einem Stellungskrieg.
è Grabenkrieg, Einsatz neuer Waffensysteme, Materialschlachten
· In diesem Stellungskrieg wurden die Mittelmächte durch den Krieg im Osten in die Defensive getrieben und gaben die Initiative an die Alliierten ab.
· Es folgten mehrere katastrophale Schlachten und Durchbruchsversuche, die bis 1918 allesamt erfolglos verliefen.
· Die Schwerpunkte der hauptsächlich frz. und brit. Angriffe lagen in den Jahren 1915 in Artois und Champagne, 1916 in der Sommeschlacht und in der Schlacht um Verdun. 1917 verlegte D nach beginnendem Einsatz von Tanks die Front in die „Siegfriedstellung“ zurück, woraufhin heftige Angriffe der Alliierten in Flandern, Artois und Champagne folgten.
· Anfang 1918: D beginnt, durch die im Osten teilweise bereits freigewordenen Truppen gestärkt, die sogenannten Frühjahrsoffensiven, die fast zum Durchbruch und zum Aufrollen der Westfront führte, aber auch den Einsatz der letzten Reserven notwendig machte.
· Auf diese letzte dt. Offensive folgten am 18. 7. der frz., am 8. 8. die brit. und am 12. 9. die amer. Gegenoffensive.
· Dieser all. Gegenoffensive konnten die dt. Truppen nur mit Mühe auf einer stark zurückgedrängten Linie standhalten.
4.4. Die Ostfront
· Die kriegerischen Handlungen an der Ostfront begannen mit dem Einmarsch zweier russ. Armeen in Ostpreußen. Diese beiden Armeen wurden aber von der eigentlich unterlegenen 8. dt. Armee unter Hindenburg und Ludendorff in den Schlachten bei Tannenberg (26. 8. 1914) und an den Masurischen Seen (5.-15. 9. 1914) geschlagen
· Auch Ö/U erzielte zunächst im August Anfangserfolge, mußte dann aber auf die Karpaten zurückweichen.
· Die österr.-ungar. Schwäche zeigte sich in zwei vorentscheidenten Sachverhalten:
1. Gegenüber den russ. Offensiven brachen die kriegsunwilligen slawischen Regimenter immer wieder zusammen
2. Die russ. Brussilow-Offensiven (v.a. die 1.) brachten Ö/U fast an den Rand des militär. Zusammenbruchs. Als das gegen die Mittelmächte in den Krieg eingetretene Rumänien in Siebenbürgen einmarschierte, schien das Ö/U schon den letzten Stoß zu versetzen.
Aus diesen beiden Gründen mußten dt. Truppen mehr und mehr aushelfen. Diese Tatsache brachte Ö/U fast den Rang eines dt. Vasallen ein.
· Für Rußland als verhängnisvoll erwies sich allerdings die Teilnahme des Osman. Reiches auf Seiten der Mittelmächte, da diese Tatsache das industriell unterlegene R vom Nachschub der Westmächte abschnitt.
Dies verschärfte die Versorgungskrise in R, was zu einer revolutionären Gärung führte, die 1917 zu seinem Zusammenbruch führte.
· Die dt. Gegenangriffe (ab Juli 1917) in Ostgalizien und dem Baltikum, sowie die Einschleusung Lenins (was zur Oktoberrevolution führte) brachten die Entscheidung im Osten.
4.5. Friedensschlüsse und Bilanz
n Friedensschlüsse
· Sowjetrußland schloß am 3. 3. 1918 einen Sonderfriedensschluß mit den Mittelmächten, im Mai darauf tat Rumänien es ihm gleich.
· Das eigentliche Ende des Krieges kam dort, wo er auch angefangen hatte, nämlich im Südosten.
· Die alliierte Saloniki-Armee erzielte am 15. Sept. den entscheidenden Durchbruch durch die bulgarische Front in Makedonien, kurz darauf (19. 9.) brach die dt.-türk. Front in Palästina zusammen.
· Aufgrund dieser Wendung kapitulierte Bulgarien am 29. 9., das Osman. Reich handelte am 30. 10. einen Waffenstillstand aus, darauf folgte das sich bereits in der Auflösung befindliche Ö/U am 3. 11. 1918.
· Das Dt. Reich bot den Alliierten auf Anraten der OHL bereits am 3. Oktober, nach Bulgariens Kapitulation, einen Waffenstillstand an.
· Spätestens nach Ö/U’s Aufgabe hatte Deutschland strateg. keine Chance mehr, da jetzt nicht einmal mehr die Rede von einem Zwei-Fronten-Krieg sein konnte. Als logische Folge dessen kapitulierte Dtld. am 11. November 1918 als letzter Kriegsteilnehmer. (Hieran kann man auch sehen, daß die Dolchstoßlegende jeglicher Grundlage entbehrt!)
· Völkerrechtlich fand der 1. Weltkrieg seinen Abschluß erst in den Pariser Vorortverträgen, die teilweise erst Mitte 1920 abgeschlossen wurden.
· Der wichtigste und bekannteste dieser Verträge ist wohl der Versailler Vertrag als Friedensschluß zwischen den Alliierten und Dtld., der am 28. Juni 1919 abgeschlossen wurde.
n Bilanz
· Die Bilanz des 1. Weltkrieges erreichte in allen Belangen bis dahin nie dagewesene Ausmaße.
· Auf beiden Seiten wurden über die Dauer des Krieges insgesamt 65 Mill. Soldaten mobilisiert.
· Von diesen 65 Mill. mußten 8,5 Mill. Soldaten ihr Leben lassen, über 21 Mill. wurden verletzt und rund 7,8 Mill. wurden vermißt oder gingen in die Kriegsgefangenschaft.
· Die Kosten des Krieges belaufen auf 956 Mrd. Goldmark, wobei hier die indirekten Kosten durch Produktionsausfall und Inflation nicht mit eingerechnet sind.
· Man muß allerdings dazusagen, daß die buchstäblich unermeßlichen Leiden der Zivilbevölkerung durch Flucht, Hunger und Entbehrungen in eine solche Bilanz nicht miteingerechnet werden können.
5. Die politische Dimension des Krieges
5.1 Allgemein
· In allen beteiligten Ländern hingen der militärische Kriegsverlauf und die politischen Krisen zusammen.
· Der 1. Weltkrieg hatte als imperialistischer Machtkrieg begonnen, gewann aber mit der zunehmenden Forderung nach nationaler Selbstbestimmung und der sozialen Revolution als Antwort „von unten“ eine neue polit. Dimension.
· Während des Krieges gewann die Parole „Demokratie gegen Autokratie“ zunehmend an Bedeutung und wirkte sich innenpolitisch nachteilig auf die Mittelmächte aus.
· Der 1. Weltkrieg schwächte das imperialistische System und bereitete seinen Untergang nach 1945 vor.
· Durch die Erweiterung des innenpolit. Spektrums nach links und rechts (Kommunismus und Faschismus) entstand eine Polarisierung in zahlreichen Ländern (z.B. Italien, Deutschland) und in den internationalen Beziehungen (z.B. Sowjetrußland - Hitlerdtld. od. USA), die das System des Versailler Vertrags und die polit. Ordnung vieler Staaten zerrieb. (1.W. als „Wegbereiter“ des 2.W.)
5.2 Die Mittelmächte
n Deutschland
· Die Kombination von traditionellen Annexionen und modernen Formen der Herrschaftsausübung spiegelten die innere Struktur D.’s mit der Kombination von modernen (ökonom., techn.) und traditionellen (polit., ideolog.) wider.
· Innere Spannungen wurden zunächst durch die allgemeine Kriegsbegeisterung überdeckt, schlugen aber mit der Dauer des Kriegs und dem Schwinden der Erfolgssaussichten v.a. in der SPD durch.
· Gleichzeitig sammelten und organisierten sich in der Dt. Vaterlandspartei Kräfte, denen die Kriegsführung nicht energisch genug war.
· Die militär. Niederlage setzte die angestauten Spannungen in der Novemberrevolution frei, die sich auch durch Parlamentarisierung und Waffenstillstandsersuchen D.’s nicht mehr verhindern hatte lassen.
è Der Sturz der Monarchie ist eine Folge der militär. Niederlage und der Aufschiebung grundlegender Strukturreformen im preußischen D.
· Die Entbehrungen und Strafen des Versailler Vertrags begünstigten den Aufstieg des Nat.soz. Die Sieger (Frkr.) begingen denselben Fehler wie D. 1871: der Gegner wurde gedemütigt.
n Ö/U und Osman. Reich
· Die beiden traditionellen Vielvölkerstaaten waren innenpolit. noch wesentlich schwächer; die Kriegsanstrengungen wurden hier hauptsächlich von den führenden Reichsvölkern (Deutsche, Ungarn, Türken) getragen
· Die Unruhen der Minderheiten und div. Aufstände nahmen die Auflösung dieser beider Staaten nach der Niederlage bereits vorweg, so daß sie in Österreich, Ungarn und Türkei getrennt wurden
· im ehemals osman. Palästina entwickelte sich im Schutz des Völkerbunds eine jüdische Siedlung, im Konflikt zur arab. Umwelt. Dies stellt eine elementare Vorraussetzung des späteren Nahost-Konflikts dar.
5.3. Die Alliierten
n Am deutlichsten zeigte sich die im Krieg entstandene rev. Gärung in Rußland, dessen zwei Revolutionen nicht nur den Fortgang des 1.W., sondern auch die gesamte Welthistorik bedeutend veränderte.
n In England zerfiel die Liberal Party, der irische Osteraufstand 1916, die Teilung Irlands und somit die Entstehung eines unabhängigen ir. Staates leiteteten die Auflösung des brit. Empires ein.
n In Frankreich behauptete sich zwar die 3. Republik, sie war jedoch innerlich durch die menschlichen und materiellen Verluste, sowie durch zahlreiche Kabinettskrisen stark erschüttert und geschwächt.
n In Italien verstärkten die sozialen Spannungen und die Unzufriedenheit über die Ergebnisse des Sieges die polit. Polarisierung, was den Aufstieg des Faschismus begünstigte.
n USA und Japan, die einzigen ökonomischen „Gewinner“ des Krieges, wurden auch durch innere Konflikte während und nach dem Krieg erschüttert (Reisunruhen in J., Rassenunruhen in den USA (Chicago 1919))