Lupuz.de: Artikel-Portal / Magazin

Zurück   Postpla.net - die Forum Community > Postplanet Talk > Drogen

Rausch - als Gesellschaftsphänomen

Anzeigen:

Thema geschlossen
 
Themen-Optionen
DerAssie
Alt 26.11.2005, 21:14   #1
Standard Rausch - als Gesellschaftsphänomen

Rausch - als Gesellschaftsphänomen

Es scheint auf diesem Planeten keine drogenfreie Gesellschaft zu geben. Die von uns so genannte Zivilisation scheint geradezu mit dem Phänomen der Rauschgifte zusammenzuhängen. Auffällig ist auch, dass sich gerade hochbegabte Menschen zum Rausch hingezogen fühlen (gemeint sei, dass der Anteil hochbegabter statistisch gesehen unter Menschen mit Affinitäten zum exzessiven Rausch und Menschen mit diversen Persönlichkeitsstörungen stark erhöht ist).

E.T.A. Hoffmann saß über punschbeklecksten Blättern, Gottfried Benn wollte den „denaturierten europäischen Gehirnen“ eine Amphetaminkur verpassen um sie an das mystisch Primitive ihrer Seele zu erinnern, Freud zog es zum Kokain, der heroinsüchtige Surrealist Antonin Artaud, Begründer der Perfomancekunst, beklagt sich sogar beim Gesetzgeber, er nennt ihn liebevoll „A****loch, über das französische BtMG, van Gogh war wie viele andere seiner Zeit dem Absinth verfallen, Baudelaire klagte über den brutalen Büttel der Alltagsrealität, der ihn aus seinen Opiumträumen riss, Thomas De Quincey war Opiumesser, Jean Cocteau war die Realität nach seinem Opiumentzug zu fad und Picasso betrachtetet Opium als am wenigsten dummen Geruch von allen.

Der Rausch ist natürlich keine Spielwiese nur für Künstler… vielmehr ein Spiegel unser aller Sehnsüchte. Goldrausch, Rausch der Sinne, Kaufrausch, Glücks-, Höhen-, Tiefen- und Geschwindigkeitsrausch … Rausch ist so vielfältig wie Sucht. Die WHO schätzt, dass etwa 90% der Menschheit nach etwas süchtig ist: spielsüchtig, arbeitssüchtig, sexsüchtig, magersüchtig, süchtig nach Erfolg, Anerkennung, Besitz, Konsum – Internetsucht. Jede Leidenschaft bietet uns einen Kern der Sucht, selbst die glorifizierende Suche des Romantikers nach seiner blauen Blume hinter dem nächsten Horizont.

Im Reich von Rausch und Sucht nehmen Drogen, also Rauschgifte, nur den kleinsten Platz ein. sie sind eher manifestierter beweise einer Unverzichtbarkeit des Entfliehens aus der monotonen Realität, den zwängen unserer Menschlichkeit.

Die gesamte Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Drogen. Drogenprobleme entstehen, wenn die Droge vom Mittel zum Zweck zum Selbstzweck avanciert, wenn sie als Mittel zur Konfliktlösung gesehen wird.

Würde man heute einen Artikel über Jugendliche lesen, welche von Rezession geplagt, aber nach wie vor im Bewusstsein des Zeitgeistes, die sich in abgedunkelten Räumen treffen um zu ekstatischen Rhythmen zu tanzen und ohne sich von der bekannten Gesundheitsgefährdung abhalten zulassen, eine Droge konsumieren, die den Körper erhitzt, wird man wohl allgemein an das berüchtigte Amphetaminderivat Ecstasy, bzw. MDMA denken. Solches trug sich aber bereits 200 n.Ch. zu. Das XTC jener Tage hieß Han-Shi und war ein Gemisch, das u.a. aus zerstoßenen Austernschalen bestand.

Haschisch im arabischen und indischen Raum, Blaumohn in China, das Branntweinproblem im England des 18. Jahrhunderts, Arsen und Strychnin im 19. Jahrhundert in Mitteleuropa, die gewaltige zahl opiumsüchtiger Chinesen, die sich während der Opiumkriege in nur dreißig Jahren auf zwanzig Millionen verzehnfachten oder der Absinthismus in Frankreich zum „fin de siècle“ – Drogenprobleme sind alt.

Neu in unserer Zeit ist aber, dass jeder, wirklich jeder sich verpflichtet fühlt dazu Stellung zu nehmen, meist Mittels von Sachkenntnis verschonter Emotionen. Noch im 19. Jh. waren Rausch und Drogen lediglich ein Thema für Fachleute oder kleine Konsumgemeinschaften.

Dieser veränderte Stellenwert als gesellschaftliches Thema geht auf einen Umschwung im Erleben von Rausch an sich zurück und damit einem Wandel in unserer kulturellen Identität. Einstmals erlebte der Berauschte den Rausch als etwas Göttliches, meist sogar in einem Ritual. Man denke nur an die elysischen Feste. Rausch war sozusagen staatlich eingebunden, aber eben auch vorgegeben, kontrolliert in gewissem Maße. Der Berauschte erlebte sich selbst auch als Teil eines großen Göttlichen. die Idee einer privaten Bühne für den Rausch und das psychische Erleben entstand erst vermehrt in der Romantik, die den Grundstein unseres heutigen Weltbildes legte. Erstmals wurde das Individuum an sich wahrgenommen, als Schöpfer der Welt durch seine subjektive Wahrnehmung, andererseits aber auch als Verlorener, Winziger der kosmischen Maschinerie.

Davon ausgehend, dass sich der Makrokosmos im Mikrokosmos abbildet, dass wir alle Reflexionen, Abbilder des gesamten Universums sind, reicht es, sich selbst zu erforschen um das Universum zu ergründen. Statt mit Teleskopen die weiten des Alls zu betrachten, betrachteten die einsamen Raucher und Trinker der Romantik sich selbst. Und so taucht der Solipsismus zur gleichen Zeit mit den allein Berauschten auf.

Das Problem dieser trunkenen Forscher ist aber nun, dass sich mit diesen nicht arbeiten lässt, sie gründen keinen Staat und was auch immer sie berichten, von den Dingen, die sie wahrgenommen haben, in Bildern, Schrift, Musik… immer wird sie das Misstrauen der anderen verfolgen, der Skeptischen, der Nüchternen.

Wieso macht einer so was? Wieso kann er nicht mit dem zufrieden sein, was sein Geist im nüchtern enthüllt? Was machen diese „Denker“, wenn sie sich in ihr Kämmerchen einsperren und dann meinen sie auch noch, uns etwas über die Welt erzählen zu können. Sie pflegen eine eigenmächtige Einsamkeit und Entfremdung von der Gesellschaft, entfernen sich vom Ordnungsruf. Andersrum reichte es während der Prohibitionszeit in den USA schon aus sich gleichgültig gegen das Alkoholverbot zu stellen und zu trinken, um eine intellektuelle Handlung zu vollführen, natürlich in den entsprechenden Kreisen. Für die Hippies, die 68er war auch jeder Joint eine Auflehnung gegen das Establishment?

Baudelaire gesteht nach jahrzehntelangem Drogengebrauch dem Haschisch einen zutiefst "asozialen" Charakter zu, und Ernst Jünger formulierte 1970, den Rausch als "einen Raub an der Gesellschaft", der "verübt und verübelt" werde.

„Keine Macht den Drogen“ … aber Opium für das Volk.
Ungewollt deutet der Slogan der BZgA schon an, dass es hier um mehr geht, als die geistige und körperliche Unversehrtheit des Einzelnen. geschützt werden soll auch die Rationalität unserer Zivilisation, eine Rationalität, auf die sich unsere Welt trotz allen Künstlertums eben gründet.

Einem Untergrundkämpfer gleich rief Artaud daher sein „no pasaran!“ gegen die Drogenprohibition.

"Manche Seelen sind unheilbar erkrankt und für den Rest der Gesellschaft verloren. Verbietet ihr ihnen ein Mittel des Wahns, so werden sie sich zehntausend andere erfinden."

Als Ausnahme wurde man mit solchen Individuen leicht fertig. Man konnte sie als Ketzer und Häretiker exkommunizieren, als Hexen verbrennen, als Abtrünnige verbannen, als Kranke in Anstalten einweisen um sie zu heilen… Immer mehr aber wurde das Individuum zum Regelfall und man kann schwerlich ein ganzes Volk „heilen“, internieren oder ins Exil schicken, nun, doch… aber eben nur jene 4 Wochen im Jahr, die wir Urlaub nennen. prinzipiell entfliehen wir unserem Alltagstrott, wenn auch mit Lufthansa statt Amanita Muscaria oder Thujon.

In Disputen um Drogen und ihre Tabuisierung wird immer wieder angeführt, dass Drogen durch Langzeitwirkung und akut toxische Wirkungen gesundheitsschädlich sind. Drogen können töten. Jeder Autofahrer, Pilot oder Jäger kann dies mit den für ihn legalen Mitteln auch, nur befinden sich Piloten, Autofahrer und Jäger im Allgemeinen im Besitz eines Scheines, der sie als hinlänglich erfahren im Umgang mit ihren Werkzeugen ausweist. Nicht so der sich Berauschende – doch Rausch will gelernt sein, wie nicht nur der halluzinogenerfahrene französische dichter Henri Michaux bemerkte, wenn man ihn nutzen und ihm nicht erliegen möchte.

"Sola dosis facit venum“ – nur die Dosis macht das Gift, wusste schon Paracelsus, der Erfinder der Opiumtinktur Laudanum, die fast ein halbes Jahrtausend lang als Universalheilmittel in aller Munde war. Es ist eben nicht die Droge selbst, sondern nur ihre unsachgemäße Anwendung, die zu Problemen führt.

Deshalb fordern Idealisten (die im Großen und Ganzen immer Recht haben), dass man statt rigoroser Drogenverbote, die doch nur zur Entstehung eines Schwarzmarktes führen, vielmehr die Grundlagen für eine verantwortungsvolle Drogennutzung schaffen sollte. worauf Realisten (die im Detail immer Recht haben) entgegnen mögen, das sei, als würde man Kleinkinder zu einem sorgsamen Umgang mit Rasiermessern erziehen wollen.

Dass dieser Streit jemals entschieden wird, erscheint heute sehr unwahrscheinlich, denn er ist - jenseits aller medizinischen Erfordernisse - eine Äußerung unserer Gegenwartskultur, ein Ausdruck der unumgänglichen Opposition des Einzelnen und der Gesellschaft, aus dem ein Gefühl einer ständigen Krise erwächst, das für uns doch Antriebskraft für unsere nimmermüde moderne zeit geworden ist.

Unsere Gesellschaft leidet quasi an sich selbst, essentiell für eine individualistische Gesellschaft. Und sie kann keines ihrer Rauschmittel entbehren, Musik, Kunst, Literatur, Reisen so wenig wie Drogen.

Mag sein, dass diese moderne Gesellschaft, deren rücksichtsloses Konsumverhalten eine ausgeprägte sucht nach unablässiger Berauschung offenbart, unter ethischen, moralischen Gesichtspunkten beklagenswert oder wenigstens recht fragwürdig erscheinen muss - so fragwürdig wie das vermeintliche Paradies aus der Flasche oder der Kanüle oder dem Tablettenröhrchen. Mag sein, dass es ihr gut anstünde, auf künstliche Reizungen zu verzichten und sich beispielsweise gänzlich dem Ideal einer einfachen agrarischen Existenz mit viel frischer Luft und Kartoffelsuppe zu verschreiben.
So wie sie nun aber ist und sicher noch eine ganze Weile sein wird, kann man nur eines feststellen, nämlich dass Drogen und ihr ganzes Gefolge von Elend und Verheißung ihr durchaus angemessen sind.

"Berauscht Euch!" - "Vorwärts ins Unbekannte, um Neues zu finden!", - Baudelaire in der Blütezeit seiner eigenen Rauscherfahrung.

Pyriel


Aus der Reihe: Vorgedacht - quergedacht - nachgedacht über Sucht, Substanzen und Rausch.

Michael Klein im Gespräch mit Dr. Sebastian Scheerer, Professor für Kriminologie (erschienen in FAKTUM, das Gesundheitsmagazin der AHG, 1/1995)

Zur Person:
Dr. Sebastian Scheerer, Jahrgg. 1950, Professor für Kriminologie am Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie der Universität Hamburg; Studienabschlüsse in Rechtswissenschaft und Erziehungswissenschaften; rechtswissenschaftliche Promotion, Habilitation für Allgemeine Soziologie; mehrjährige Erfahrung in der Arbeit mit Heroinisten; Gastprofessor an der Universität Sao Paulo; Mitherausgeber des Bandes "Drogen und Drogenpolitik. Ein Handbuch"; Autor des Buches "Sucht"

Klein: Herr Professor Scheerer, wie sind Sie als Kriminologe zur Beschäftigung mit Fragen der Drogenprobleme und Sucht gekommen?

Scheerer: Auf der einen Seite führte mich die Beschäftigung im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts zur Drogenpolitik in verschiedenen europäischen Ländern, auf der anderen Seite die persönliche Arbeit mit Betroffenen, z.B. im Rahmen des Junkie-Bundes, zu meiner heutigen Ausrichtung auf Fragen der Drogengesetzgebung und -sucht.

Klein: Was ist für die Kriminologie interessant an Drogenproblemen?

Scheerer: Schon die klassische Kriminologie interessierte sich für die Wechselwirkungsprozesse zwischen abweichendem Verhalten einzelner und den Reaktionen der Instanzen der sozialen Kontrolle wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte. Auf der Basis eines interdisziplinären Verständnisses ist davon auszugehen, dass diese Instanzen - entgegen ihrem Auftrag und ihrer Intention - abweichendes Verhalten verstärken statt reduzieren. Dies geschieht auf verschiedenen Wegen, z.B. durch Aufschaukelungsprozesse von Abweichungen und Gegenreaktionen, durch die konsequente Einschränkung der Freiheitsressourcen einzelner, durch frühzeitige Stigmatisierung von Drogengebrauchern, die eher aus Lust und Neugierde denn aus Last und Leiden konsumieren, und schließlich auch durch das konsequente Erlernen von sozialer und psychischer Hilflosigkeit.

Klein: Was macht den Konsum illegalisierter Drogen gerade für Jugendliche so attraktiv?

Scheerer: Durch die Einschränkung und Reglementierung der Freiheit des einzelnen, das zu genießen und erfahren, auf was er oder sie Lust hat und was das Glücksempfinden steigert, werden viele Personen - insbesondere oft Jugendliche - abhängig von speziellen Cliquen und Subkulturen, in denen andere Regeln und "Gesetze" herrschen. Es kann geradezu attraktiv sein, dass für bestimmte Drogen ein extrem hoher Preis verlangt wird. Gleiches gilt für die Illegalität zahlreicher Drogen. Um einen Status in bestimmten Randgruppen zu erreichen, müssen manche Menschen bestimmte Drogen in einer bestimmten Art und Weise konsumieren.

Klein: Wie kommt es aber, dass so viele psychisch auffällige und leidende Menschen drogensüchtig werden, wenn Lust- und Glücksempfinden als Konsummotive so wichtig sind?

Scheerer: Wer eine psychische Auffälligkeit aufweist, steht unter einem viel stärkeren inneren Druck als andere Menschen und zeigt dementsprechend auch mehr Suchverhalten, um diese Spannungen zu reduzieren und mehr Glücksempfinden zu erlangen. Der psychisch unauffällige Mensch ist auch neugierig, aber er wird eher eine Balance in seinem Glücksstreben erreichen und leidet nicht unter seiner mangelnden Balancefähigkeit.

Klein: Welchen Zusammenhang zwischen Glücksstreben und Drogenverhalten gibt es?

Scheerer: Die neuropsychologische Forschung der letzten Jahre lehrt uns, dass der Mensch über eine Vielzahl körpereigener Stoffe verfügt, die über hormonelle und biochemische Regulationswege das menschliche Gefühlsleben, Lust und Unlust, Glück und Unglück, beeinflussen und steuern. Ohne diese Botenstoffe, die alle menschlichen Grundfunktionen beeinflussen, wären wir nicht überlebensfähig. Selbst komplexe und ausgefallenste menschliche Verhaltensweisen - wie z.B. Eremit oder Gourmet sein - reizen dieses Belohnungssystem und verschaffen zumindest zeitweise Gefühle von Glück und Sinnhaftigkeit.

Klein: Ist das aus Ihrer Sicht die neuropsychologische Begründung des Rechtes auf Rausch?

Prof. Scheerer: Zumindest widerspricht diese neuropsychologische Sichtweise der heute noch gängigen Vorstellung, dass ein gesunder Mensch ein drogenfreier Mensch ist. In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht die Meinung vor, dass Glück und Zufriedenheit nun gar nichts mit Opiaten, Amphetaminen und verwandten Stoffen zu tun haben oder gar zu tun haben dürfen. Dies wiederum ist als überholt anzusehen. Im Grunde müsste jetzt eine Diskussion darüber einsetzen, ob es in jedem Fall verboten sein muss, sich diese Stoffe selbst zuzuführen, etwa wenn körpereigene Defizite bezüglich der Glücksfähigkeit bestehen.

Klein: Was ist Ihr Ideal eines gesunden Menschen?

Scheerer: Ein gesunder Mensch ist ein Mensch, der seine Glücksbestrebungen ohne Schädigung anderer in Balance bringt und hält. Das permanente Streben nach Drogen ist aber kein gutes Leben, weil darunter jeder Mensch letzten Endes sehr leiden wird. Auf der anderen Seite ist die Einnahme einer riskanten Droge, wie z.B. Heroin, aber auch Nikotin, kein Ausschlussgrund aus der Gesellschaft. Wir haben kein Recht dazu, Menschen dafür zu verurteilen oder zu verfolgen, dass sie versuchen, Lust zu empfinden, ihren Genuss zu steigern und Glück zu erlangen. Die Schädigung anderer mag in diesem Zusammenhang entweder ein moralisches oder ein strafrechtlich relevantes Problem sein. Dass jedoch eine eigene Drogengesetzgebung zur vermeintlichen Eindämmung des Konsums bestimmter Stoffe geschaffen worden ist, entspringt einer heute nicht mehr aufrechtzuerhaltenden Dämonisierung und Tabuisierung dieser Stoffe.

Klein: Hat der Gesetzgeber das Recht, das Glücksstreben seiner Bürger einzuschränken und zu regulieren?

Scheerer: Er hat nicht das Recht, in den Kernbereich der Selbstverwirklichung von Menschen einzugreifen. Wenn man die Auswahl der Genussmittel zu diesem Kernbereich zählt, gilt dieser Rechtsgrundsatz auch hierfür. Im Übrigen ist der Wandel der Ernährungs- und Genussgewohnheiten ein Teil des allgemeinen sozialen Wandels, der bislang in jedem Konflikt mit dem Recht noch die Oberhand behalten hat.

Klein: Welche rechtlichen und sozialen Trends erwarten Sie in der näheren Zukunft?

Scheerer: Auf der einen Seite gibt es ein immens gestiegenes Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung, das die Menschen kritischer gemacht hat. Auf der anderen Seite konstatieren wir so etwas wie einen neuen Hedonismus: Um des Genusses willen werden viele riskante Verhaltensweisen, auch bezogen auf Genussmittel, ausgeführt. Das heißt in der Summe, dass die Konsumenten selbst ein Interesse daran haben, dass für die Substanzen, die sie sich zuführen, ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleistet werden kann. Auch für Drogenkonsumenten sind Verbraucherschutz und –aufklärung wichtig. Dies sind viel bessere Kontrollen und Regulationen als die immer noch vorherrschenden völligen Verbote und falschen Tabuisierungen.

Klein: Wie finden Menschen nun in Bezug auf Drogen ihre Grenzen? Muss der Gesetzgeber hier die Menschen nicht besser schützen?

Scheerer: Grenzen werden durch die sachliche Autorität richtiger Informationen, durch eigene Erfahrungen und Beratung gesetzt und gefunden. Vor allem muss man das Strafrecht vor einer Überfrachtung mit Aufgaben bewahren, die es nicht erfüllen kann. Zu diesen illusionären Aufgaben gehört der Schutz eines Menschen vor sich selbst. Denn selbst dann, wenn es gelänge, durch Strafandrohungen Menschen vom Drogenkonsum abzuhalten, würde man auf diese Weise doch immer die Ungerechtigkeit begehen, diejenigen, die man nicht abhalten kann, für Handlungen zu bestrafen, die im Rahmen ihrer persönlichen Freiheit liegen. Der Schutzauftrag des Gesetzgebers bezieht sich nicht auf den Einsatz von Strafmitteln für den Substanzkonsum, sondern auf Maßnahmen, wie z.B. den Jugendschutz sowie die Steuer- und Verkehrsgesetzgebung.

Klein: Wie sähe für Sie die ideale Drogenpolitik aus?

Scheerer: Wenn es der Regierung gelänge, vom "Kreuzzug" zur Rationalität zu gelangen, wenn also eine stärkere Entspanntheit auf der Seite der Regierenden eintreten würde, wäre schon viel erreicht. Solange jedoch bestimmte Stoffe völlig einseitig und irrational verteufelt werden, und sich damit in der Bevölkerung eine "Schützt-uns-Mentalität" breit macht, ist davon auszugehen, dass sich ein Teufelskreis nach dem nächsten herausbildet. Das bisherige Szenario läuft so ab: Man malt den Teufel an die Wand, kreiert Horrorszenarien, bis aus der Bevölkerung der Wunsch nach einem strengeren Durchgreifen kommt. Vielleicht haben wir mehr ein Drogenpolitikproblem als ein Drogenproblem. Sehr wohl gibt es aber ein Suchtproblem, was sich z.T. aus den Opfern des Drogenpolitikproblems speist. Einer "Drogenpolitik" bedarf es also gar nicht. Eine Gesundheitspolitik, die das Suchtproblem ernst nimmt und verstärkt Suchtvorbeugung leistet, andererseits aber den Menschen Genusserfahrungen nicht kategorisch abspricht, wäre durchaus ausreichend.

Klein: Wie ist der Zusammenhang zwischen Drogenpolitik und organisiertem Verbrechen?

Scheerer: Überall dort, wo in der Vergangenheit Drogen staatlicherseits verboten wurden, haben die enormen Gewinnspannen, die mit dem illegalen Vertrieb zu erzielen waren, das organisierte Verbrechen angelockt. Wenn jedoch derartige mafiose Strukturen erst einmal entstanden sind, ist es äußerst schwierig, sie wieder zu beseitigen, wie uns das Beispiel der USA lehrt.

Klein: Welche Rolle kann ein Bundesdrogenbeauftragter spielen?

Scheerer: Wenn man sich in Horrorszenarien verliebt hat, wie dies beim derzeitigen Bundesdrogenbeauftragten der Fall ist, fällt es ungeheuer schwer, die Spirale aus Bekämpfung und Verschärfung des Problems zu unterbrechen. Das entspricht einer Problemlösungsmentalität wie im Kalten Krieg: immer mehr desselben. Unsere staatliche Drogenpolitik ist vor allem freiheitsfeindlich, aber auch enorm teuer und weitgehend ineffektiv. Ein Bundesdrogenbeauftragter dürfte keine Angst vor den Tatsachen haben, auch wenn sie unangenehm sind. solchen Tatsachen müsste er ins Auge sehen, aber auch Konsequenzen daraus ableiten können. Dazu gehört in erster Linie, dass eine Abkehr vom Schwarz-Weiß-Denken stattfindet und dass der Ausgrenzung und Abwertung von Menschen entgegengewirkt wird, die sich vielleicht ein wenig anders verhalten als die Mehrheit der Bevölkerung und der Politiker.

Klein: Was müsste in der Wissenschaft geschehen, um zu einer rationalen Drogenpolitik Beiträge zu leisten?

Scheerer: Gute Wissenschaft ist erstens nie fachidiotisch. Sie wird die Befunde anderer Fächer nicht diskriminieren, sondern vielmehr möglichst viele Ansätze und Ergebnisse zu integrieren versuchen. Zweitens wird sie keine "Hierarchie der Glaubwürdigkeit" anerkennen, d.h. sie wird nichts für wahr halten, bloß weil es zufällig mit herkömmlichen Überzeugungen oder Regierungs- bzw. Parteimeinungen übereinstimmt.

Klein: Warum zögert die Gesellschaft so, von ihren alten Drogenbildern und Bekämpfungsidealen Abschied zu nehmen?

Scheerer: Weil sie unter vielen meist unbegriffenen Ängsten leidet und weil die "Rauschgiftgefahr" eine nahe liegende, der Gesellschaft aber auch von der Obrigkeit nahe gelegte, Chance der Rationalisierung dieser Ängste bietet. So wird die Drogenbekämpfung allmählich zu einer fixen Idee.

Klein: Was wäre die beste Aufklärung und Information für Jugendliche in Bezug auf Drogen?

Scheerer: Drogenerfahrungen nicht tabuisieren, damit sie in Subkulturen weniger idealisiert werden können, und über Drogenwirkungen verbraucherorientiert aufklären, damit eine vernünftige, verantwortungsvolle Entscheidung möglich ist. Die Stiftung Warentest wäre geeigneter, Drogenkontrolle im Sinne der Kontrolle der Qualität und der Konsequenzen des Konsums zu betreiben, als die Instanzen, die dies derzeit tun. Wenn Jugendliche heutzutage nämlich Drogenerfahrungen machen, sind sie meist so unaufgeklärt und uninformiert wie viele Menschen früher in Bezug auf Sexualität. Eltern sollten dabei ihre eigenen Mythen über Drogen rekonstruieren oder häufig auch dekonstruieren. Letzten Endes kann das erzieherische Ziel nur die Fähigkeit zur selbstverantwortlichen Haltung und Handlung sein. In einer Gesellschaft, die Feindbilder noch so stark pflegt wie die unsere, ist Drogenerziehung auch ein entsprechend schwieriges Geschäft.

Klein: Wie beurteilen Sie die Entwicklung immer neuer und wirkungsvollerer Drogen?

Scheerer: Unter den Bedingungen der Prohibition ist es nötig, dass immer stärkere Wirkstoffkonzentrationen erreicht werden, damit z.B. der Schmuggel einfacher durchzuführen ist. Auch entstehen auf diese Weise unkultivierte und unkontrollierbare Einnahmeformen. Eine verbraucherorientierte Drogenpolitik würde diesen negativen Begleiterscheinungen der Prohibitionspolitik entgegenwirken.

Klein: Welches Vorgehen ist zu wählen, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Liberalisierung der Drogenpolitik eingestellt ist?

Scheerer: Es ist ein unveräußerliches Grundrecht eines jeden erwachsenen Staatsbürgers, sich seine Genussmittel selbst auszusuchen. Deshalb ist ein prohibitiver Staat immer auch ein sektoriell totalitärer Staat ist. Ich sehe den Staat aber eher in der Verpflichtung, seinen Bürgern bei der Selbstverwirklichung und dem Erreichen von Glück behilflich zu sein. Wenn man das Freiheitsprinzip nicht aufgeben will, dann gilt, dass eine Mehrheit einer Minderheit nicht ihr Recht auf eine Drogenpräferenz einschränken darf. Früher glaubte die heterosexuelle Mehrheit zwar, dass sie der homosexuellen Minderheit mit Verboten kommen dürfe. Das ist glücklicherweise inzwischen vorbei und ich setze mich für eine tolerante Gesellschaft ein in der Hoffnung, dass bald auch die unwürdige Tyrannei der Alkohol- über die CannabiskonsumentInnen der Vergangenheit angehören wird. Dies übrigens, obwohl mir Haschisch persönlich überhaupt nicht liegt.

Klein: Wir danken Ihnen für das Gespräch.
(Das Gespräch führte Dr. Michael Klein, Professor für Psychologie an der Kath. Fachhochschule Köln)

Ich finds Top und kann dem ganzen nur so Zustimmmen
 
 
Nach oben
méphïstø
Alt 28.11.2005, 11:59   #2
Standard

Super .. dann rennen wir doch alle mit ner einkaufstasche voll koks, gras und XTC durch die gegend!

Ich finds zwar schon in Ordnung, dass der Professor was-weiß-ich prädigt, dasss Staat Deutschland seinen Bürgern den Drogenkonsum in die eigene Hand geben soll um die Selbstbestimmung auf ein hohes Maß zu setzen... aber man stelle sich dann die nächsten 20 Jahre vor.... kaum noch jemand, der nich (heroin-?)süchtig nach irgendwas ist und komplett ohne Drogen auskommt, weils einfach -erlaubt- ist!

da find ichs so, wies momentan abläuft, eigentlich schon in ordnung! ich komm auch so an meine drogen und damit isses auch gut!

außerdem finde ich die vergleiche, die da mit dem Mittelalter (und früher) angestellt werden ein wenig deplatziert! Sowas gehört mehr in die Geschichtsbücher, als in so einen Vergleich... denn die Zeiten an sich haben sich gewandelt! Die menschen / Bürger haben mehr Verantwortung in ihrem gesamten leben ... mehr geld bezahlen, abreiten gehn, sich um andere kümmern, steuern bezahlen, auto fahren, ANDERE DURCH DIE GEGEND FAHREN, leute heilen usw .. und das alles in einem größeren und komplizierteren maße als die oben genannten Künstler und / oder psychologen! Da hätte man das ganze schon mehr in die Neuzeit verfrachten und wirklich in die Gesellschaft führen sollen, wie wie wirklich ist!

Man hat Rechte, man hat verpflichtungen! Wenn wir nun alle das RECHT eingeräumt bekommen, drogen zu nehmen, wie wir spaß dran haben, dann kannst du dir sicher vorstellen, dass eine große anzahl der menschen - mehr als heute schon - es quasi als freikarte dazu nehmen würde, viele ihrer verantwortungen und pflichten einfach auf eis zu legen und andere leute im stich zu lassen! Seis durch arbeit, soziale aspekte ("ey sorry, konnt net mehr kommen... war noch auf xyz!") oder einfach _für_ den staat .... solche leute würden ebenfalls den staat mehr in die enge treiben, als er es jetzt schon ist....

kann natürlich sein, dass ich übertreibe, aber an und für sich find ichs nicht wirklich prickelnd, wenn ich mir vorstelle in einer gesellschaft zu leben, in der drogen per gesetz erlaubt sind!

Geändert von méphïstø (28.11.2005 um 12:05 Uhr).
 
 
Nach oben
smith
Alt 28.11.2005, 12:54   #3
Standard

sehr interessanter Text...
falls noch nicht kennst, les mal von Leary "Das Generationenspiel & und wie die Heimmedien die kulturelle Evolution designen"...

Erinnert mich ein klein wenig daran
 
 
Nach oben
Cerberus
Alt 28.11.2005, 19:21   #4
Standard

dazu empfehlel ich das buch "no drugs, no future" von gunter amendt

der titel sagt eigentlich schon alles dazu aus
 
 
Nach oben
ANSI Lady
Alt 30.11.2005, 10:55   #5
Standard

Ist die Zahlungsmoral der deutschen nicht auch schon ein Gesellschaftsphänomen geworden ?
"Legal" ist nichtbezahlen trotzdem nicht

Steuerlich könnte der Staat einen feinen Brunnen anzapfen, aber bei unserem Altersdurchschnitt in Deutschland wird eine Diskussion der Legalisierung "weicher" Drogen wohl trotzdem noch ein paar Generationen benötigen.
Und inzwischen wird der Konsum der Einstiegsdroge Nikotin auch weltweit geächtet und erschwert.

Glaube kaum das in absehbarer Zeit das Volk seinen "Willen" bekommt, vielmehr wird es darauf rausgehen zu erfahren wie lang der Hebel der Regierung wirklich ist. Keiner sollte denken das die Demokratie die Erfüllung eigener Sehnsuchten beherbergt (Das Volk ist der Staat?) , vielmehr ist es wohl nur eine Regierungsform wo am Ende der Satz steht : "Ihr habt uns zwar "demokratisch" gewählt, aber wir wollen nur das beste für euch und eure zickenhaften Wünsche...." ...aber das isn anderes Thema....

Gruß &&
ANSI
 
 
Nach oben
d0ubl3pl4y3r
Alt 02.12.2005, 15:18   #6
Standard

ist dsa zufall, dass ich gerade den text lese und gleuichzeitig ein bier trinke?
 
 
Nach oben
Ähnliche Themen, die dich vielleicht interessieren
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Kiffen macht spießig daRaider Drogen 16 05.01.2003 15:32
Liebeskummerlieder Felicitas Liebe, Sex und Zärtlichkeit 62 25.11.2002 12:41
recht auf rausch outfreyn Drogen 11 29.05.2002 04:17
Anzeigen:
Thema geschlossen

Themen-Optionen



Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 12:47 Uhr.


Lupuz.de - wir können auch anders!
©1998 - 2008, Lupuz:Information-Network
Powered by vBulletin Version 3.7.1 (Deutsch), Jelsoft Enterprises Ltd.

SEO by vBSEO 3.1.0 ©2007, Crawlability, Inc.